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Ketil Bjørnstad - "Die Unsterblichen"
Buchrezension

Der norwegische Autor Ketil Bjørnstad ist bekannt dafür, dass er es seinen Lesern nicht gerade leicht macht. In seiner Trilogie um den Pianisten Aksel Vinding ("Vindings Spiel", "Der Fluß", "Die Frau im Tal"), etwa ging es neben den Erfahrungen, Erlebnissen und Verstrickungen der Hauptperson auch immer um das Ganze, um familiäre und gesellschaftliche Verflechtungen.

Ketil Bjørnstad - "Die Unsterblichen"

Mit "Die Unsterblichen" kommt nun ein Buch, dass den Leser in seinen eigenen vier Wänden, in seinem eigenen Umfeld ganz direkt erreicht. Denn es geht um die Generation "40plus", die sicherlich einen großen Teil von Bjørnstads Leserschaft hierzulande ausmacht: um die Problematiken einer Generation, die damit beschäftigt ist, ihren Kindern, die schon flügge sein sollten, noch beim Erwachsenwerden zu helfen, während in der Nähe die eigenen alten Eltern gepflegt und umsorgt werden wollen. Dabei müsste man sich eigentlich mit dem eigenen Älterwerden und Rentenalter auseinandersetzen...

Und dies alles in einer Gesellschaft, in der Raffgier, Status, mehr Schein als Sein, auch im "alten Europa" längst den Ton angeben. In einer Zeit, in der die Vielfalt der Möglichkeiten oft auch eine Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit hervorrufen. In der Wohlstands-gesellschaft Norwegens wird auf hohem Niveau gejammert – selbstverständlich eins zu eins auf Deutschland übertragbar.

Hauptperson dieses neuen Romans ist Thomas Brenner; ein wichtiges Kernthema: die heute 70-90-Jährigen, die dank moderner Apparate- und Tabletten-Medizin immer älter werden und deren Ableben im eigenen Familienkreis man sich über die Jahre kaum noch vorstellen kann. Vieles ist möglich in diesem Zusammenhang mit desem Themenkomplex – vielleicht zu viel?

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und der seiner Angehörigen ist ein wichtiges Thema für die Hauptperson des Romans. Leben, Sterben, Abhängigkeitsverhältnisse, der Inhalt des Daseins, es sind schwere, große Thematiken, mit denen Bjørnstad sich in "Die Unsterblichen" auseinandersetzt. Und wie so manches Mal in seinen Büchern kommt es ganz anders, als man denkt, hat die Geschichte Ecken und Kanten, Winkel und Sackgassen, fühlt sich der Leser ein bißchen so, als stände er beim Lesen unter Hochspannung wie bei einem guten Krimi.

Trotz des schwierigen Materials ist "Die Unsterblichen" ein spannendes, manchmal gar amüsantes Buch. In weiten Strecken ist es aber vor allem auch eine Kritik – eine Kritik an der Gesellschaft, in der wir leben, eine Kritik an der Oberflächlichkeit, mit der viele von uns sich und ihre Mitmenschen behandeln, eine Kritik daran, dass die eigentlich wichtigen Dinge so oft vernachlässigt werden.

Dazu gehören wirklich miteinander zu reden, aktives Zuhören, Verständnis, der Einsatz für andere, kurz: den Tunnelblick und die Selbstbeweihräucherung aufzugeben und eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod, mit einer überalternden Gesellschaft und materiellem und gesellschaftlichem Gefälle bei uns und im Rest der Welt zu wagen.

So verstanden ist Bjørnstads Buch eine Anregung, ein Ansporn zum Weiterdenken und Handeln, sich auf "wahre Werte" zu besinnen und auch mal zu kämpfen. Für eine bessere Welt – wie auch immer die aussehen könnte.

Carina Prange

Buch: Ketil Bjørnstad - "Die Unsterblichen" (Insel Verlag Berlin, ISBN 978-3-458-17511-7, gebundene Ausgabe, 2011)

Ketil Bjørnstad im Internet: www.ketilbjornstad.com

Insel Verlag/Suhrkamp im Internet: www.suhrkamp.de

Cover: n.n.

© jazzdimensions 2012
erschienen: 29.5.2012
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