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Jimi Hendrix - "West Coast Seattle Boy"

Gibt es zum Thema Jimi Hendrix, der nun seit immerhin vier Jahrzehnten nicht mehr unter uns weilt, eigentlich noch etwas Neues, bislang Ungesagtes, oder Ungehörtes hinzuzufügen? Oder gibt es zumindest eine frische Perspektive zu schaffen, die ein neues Licht auf diesen Jahrtausendgitarristen wirft? Die vorliegende 4-CD-Box, die obendrein ein DVD-Video enthält, versucht sich an Letzterem.

Jimi Hendrix - "West Coast Seattle Boy"

Vorauszuschicken ist, dass die Gestaltung der Box für sich eine würdige Reminiszenz darstellt – im Hochformat gehalten, gruppieren sich die Trays der vier CDs, montiert auf Vorder- und Rückseite um ein ca. 60-seitiges Booklet, das eine Vielzahl von Fotos enthält und genaue Erläuterung zu allen auf den CDs zu findende Tracks enthält. Die Chronologie der Tracks hält sich an den Ablauf der Karriere von Jimi Hendrix, beginnt also mit seiner Tätigkeit als Begleitmusiker Anfang der 60er in Bands wie den Isley Brothers oder bei Little Richard. Gerade auf dieser CD befindet sich einiges, auch für Hendrix-Kenner, noch unbekanntes oder schwer zusammenzutragendes Material, das Hendrix als Gitarrist noch im quasi "embrionalen" Zustand porträtiert, seine spätere Meisterschaft jedoch schon erahnen lässt. Und Songs wie "Testify" von den Isley Brothers sind auch so schon ein Erlebnis und klingen geradezu erfrischend. Auch das restliche Material hält das Niveau und macht CD1 auch zu einem wunderbaren Zeitportrait.

Die ersten zwei Drittel der zweiten CD zeigt Hendrix, der sich am Ende seiner Begleitmusikerzeit nach eigenem Bekunden "zu Tode gelangweilt hatte", bereits in London an der Seite von Noel Redding und Mitch Mitchell als Jimi Hendrix Experience. Die CD enthält bekannte Songs, dies aber in bislang unveröffentlichten Versionen, seien dies alternative Studiotakes, Livemitschnitte oder ansonsten unverwendete Aufnahmen. In dieser Hinsicht interessant ist der Instrumentaltake "Are You Experienced", der sich als die Backingspuren entpuppt, die als Grundlage der als Overdubs hinzugefügten Rückwärtsgitarren gedient haben und einzeln noch nie zu hören warenr. Natürlich war eine Veröffentlichung auch nie beabsichtigt gewesen, aber es ist hochinteressant, diesen Zwischenschritt einer Studioproduktion mal genauer hören zu können. Qualitativ ist der Klang der Aufnahmen hervorragend, oder zumindest gut restauriert. Ausschuss und Ausfälle gibt es hier ebenfalls nicht. Die Songs 11 bis 16 entstanden in einem amerikanischen Hotelzimmer und sind, sagen wir mal, rudimentär instrumentiert. Neben Hendrix an Gitarre und Gesang erleben wir noch Paul Caruso an Mundharmonika und Backingvocals.

Auf CD 3 ist noch größtenteils die bewährte "Experience"-Besetzung zu hören, teilweise aber mit zusätzlichen Musikern an Orgel und Percussion. Auf "Hear My Freedom" trommelt bereits Buddy Miles, der Mitchell später vorübergehend ersetzen sollte – letzterer hat hier die Percussion übernommen. Bemerkenswert auf dieser CD ist der Livemitschnitt von "Start Spangled Banner", der für eine nicht realisierte Live-LP gedacht war und aus der Zeit vor dem legendären Woodstockauftritt stammt, bei dem eben dieser Song Aufsehen erregte.

Die letzte CD enthält größtenteils Material mit der späteren Besetzung mit Billy Cox am Bass, aber auch Livemitschnitte und Demomaterial, das Hendrix allein aufgenommen hatte. Für Sammler interessant ist sicher der Song "Everlasting First", den Hendrix in London zusammen mit der Band Love aufnahm und der noch nie in Gänze zu hören war. Während die "Play That Riff" betitelte Aufnahme nur einen Studioschnipsel darstellt, sind die restlichen Tracks hochinteressante alternative Versionen und klanglich tauglich. Das letzte Stück "Suddenly November Morning" ist wieder ein (leider etwas verrauschtes) Demo, das kurz vor Hendrix Tod entstand und einen Eindruck von Hendrix gereiften Songwriterfähigkeiten und seiner erwachten Vorliebe für Balladen gibt. Leider wurde die Vision, die sich in diesem Song abzeichnet nie verwirklicht.

Ein wenig abseits von den beinahe vier Stunden Audiomaterial steht die auf DVD beigelegte biographische Filmdokumentation "Voodoo Child", die die Lebensstationen von Hendrix im Bild festhält, erzählt von niemand anderem als Bootsy Collins. Es lohnt sich, Hendrix auch einmal in Aktion zu sehen. Man begreift erst dann in Ansätzen, um was für einen außergewöhnlichen Künstler es sich bei ihm gehandelt hat. Diese Box ist damit sowohl als Einstieg in das Thema Hendrix geeignet, wie auch als Abrundung jeder Sammlung. Vielleicht auch noch als schnelles Weihnachtsgeschenk für Kurzentschlossene.

Frank Bongers

CD: Jimi Hendrix - "West Coast Seattle Boy" (Legacy/Sony)

Jimi Hendrix im Internet: www.jimihendrix.com

Legacy Records im Internet: www.legacyrecordings.com

Cover: Phil Yarnall

© jazzdimensions 2010
erschienen: 24.12.2010
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