Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / reviews / others / 2008
Giant Sand - "proVISIONS"

Mittlerweile hat Howie Gelb – der seit 25 Jahren unter dem Bandnamen "Giant Sand" aktiv ist – seine vielleicht dreißigste Platte veröffentlicht. Genau gezählt hat niemand. Vermutlich weiß er selbst nicht einmal so genau, wie viele Veröffentlichungen auf sein Konto gehen. Obwohl deren Qualität gleichbleibend hoch ist, haben seine ehemaligen Mitmusiker Convertino und Burns mit "Calexico" wesentlich mehr Erfolg.

Giant Sand - "proVISIONS"

Das ist schade, wo doch die Musik von Gelb wesentlich spannender und abwechslungsreicher ist. Sein Sound wird häufig als "Desert-Rock" beschrieben. Aber auf "proVISIONS", seinem neuen Album, spielt Rockmusik kaum noch eine Rolle. Jazz ist diesmal in seine sehr entspannte Musik eingedrungen und erweitert seine Songs um eine eigenartige Nuance.

Der begnadete Gitarrist Gelb schreibt wohl nicht Songs im herkömmlichen Sinn, sondern er arbeitet eher an atmosphärischen Sound-pieces, zu denen er singt. Häufig schälen sich diese Stücke während eines längeren Improvisationsprozess heraus. Manchmal klingen seine Platten dadurch sehr skizzenhaft und unvorhersehbar, sind dabei aber vor allem komplex und vielschichtig. Obwohl man den Eindruck hat, jede Melodie auf Anhieb mitsummen zu können, gibt es hier doch kein Fitzelchen Musik, das nicht durch und durch eigenbrödlerisch wirkt. Wobei auf "proVISIONS" illustre Gäste wie Neko Case, Isobell Campbell, M. Ward oder der Praise Choir mitwirken und für einen Abwechslungsreichtum sorgen, den ich mir von den letzten Einspielungen von Calexico wünschen würde.

Auf "proVISIONS" spielt Howie Gelb vor allem Klavier, das Instrument seiner Kindheit und Jugend. Erst nachdem ein gewaltiges Hochwasser Anfang der siebziger Jahre sein Elternhaus verwüstete und das Familienklavier unrettbar zerstörte, sattelte der Musiker einfach auf die Gitarre um. Seit 25 Jahren ist er diesem Instrument – und gitarrenorientierter Musik – treu ergeben gewesen. Nun aber gibt es eine Wendung hin zum Bar-Jazz, die vielleicht überraschend, aber nicht unvorbereitet kommt.

Für Überraschungen waren Giant-Sand-Platten immer gut, vor allem für positive. Seit jeher hat diese Musik etwas verschrobenes, schräges, das vor allem durch den Gesang von Gelb verbunden bleibt. Mit seiner warmen, fast murmelnden Stimme trägt er Geschichten, die zwischen Wachen und Träumen angesiedelt sind, vor. Sicher sieht sich Gelb in der Songschreibertradition eines Bob Dylan oder Leonard Cohen stehen, trotzdem beschreibt "Provisions" eine vollkommen eigenartige, eklektizistische Klangwelt.

Auf Seite vier der Vinyl-Ausgabe lässt Gelb übrigens seiner Jazzbegeisterung freien Lauf. Dort spielt er, als hätte er nie etwas anderes gemacht, frei vor sich hin, und klingt dabei eher wie Irving Berlin oder ein George Gershwin. Faszinierend, wie Gelb dies so einfach aus dem Ärmel schüttelt und trotzdem unverfälscht er selbst bleibt. "proVISIONS" ist ein Album voller traumwandlerischer Songs, die – weiche! – Ecken und Kanten haben.

Michael Freerix

CD: Giant Sand - "proVISIONS" (Yep Roc Records YEP 2188)

Giant Sand im Internet: www.giantsand.com

Yep Roc Records im Internet: www.yeproc.com

Cover: n.n.

© jazzdimensions 2008
erschienen: 12.12.2008
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: