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Miles Davis - "Bitches Brew"

Es gibt epochale und epochemachende Werke in der Musikgeschichte – und "Bitches Brew" von Miles Davies gehört zweifellos in beide Kategorien. Kaum eine Jazzveröffentlichung erregte unmittelbar vergleichbares Aufsehen, kaum eine Jazzveröffentlichung zog eine derartige Spur an Epigonen nach sich und diente ähnlich stilprägend als Kompassnordung von Generationen von Musikern, wie seinerzeit diese Doppel-LP.

Miles Davis - "Bitches Brew"

Miles, auch an der Schwelle der 70er wie stets zuvor am Puls der Zeit, hatte zwar schon auf dem vorangegangenen "In A Silent Way" erste Schritte in dieser Richtung unternommen, aber "Bitches Brew" war das erste Werk, das eindeutig unter der Flagge "Fusion" fuhr. Mit der kongenialen (hier passt das Wort) Covergrafik von Mati Klarwein (der auch das Cover von Santanas "Abraxas" entwarf) gelang ihm der große Wurf, der zum einen seine meistverkaufte Platte werden sollte und ihm zum anderen einen Grammy einbrachte.

Wobei "Bitches Brew" zwar unter Miles Dirigat und auf Grundlage seiner Ideen aufbaute, aber letztlich Produkt einer einzigen großartigen, ausufernden Session war, die sich über drei Tage hinzog. Immerhin, die Besetzung war erstklassig – jeder einzelne der beteiligten Musiker kam aus der ersten Liga oder (sollte dies für den damaligen Zeitpunkt noch nicht gegolten haben) wurde durch die Teilnahme an dem Projekt soweit geadelt, dass es für eine langfristige Karriere reichte.

Ohne den technischen Produzenten der Aufnahme, Ted Macero, wäre "Bitches Brew" allerdings sicher nicht in der bekannten Form entstanden. Er war es schließlich, der die Aufnahmen der Session sichtete, schnitt, sortierte und – damals geschah dies noch mit Rasierklinge und Klebeband – zu schlüssigen Stücken montierte. Wie weit er dabei durch Miles tatsächlich angeleitet wurde, ist strittig. Die 1970 erschienene Fassung der Musik dürfte auf alle Fälle als "amtlich" gelten und wurde auch anschließend nie wirklich angezweifelt.

Womit wir endlich zum Anlass dieser Rezension kommen... Ziemlich exakt vier Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung erscheint (man muss sagen, erneut) eine "Legacy"-Edition von "Bitches Brew", die zwei CDs und eine DVD umfasst. Letztere beinhaltet einen Mitschnitt aus dem Jahr 1969 (!), auf dem Miles bereits vor seinen "Filmore"-Livealbum (1970) Stücke aus dem "Bitches Brew"-Repertoire spielt – genauer gesagt fand das Konzert kurz nach den Aufnahmen zur Platte im August 1969 (in Kopenhagen) statt.

Wegen dieses Mitschnitts allein lohnt sich die Zusammenstellung bereits. Zu erleben ist Miles damaliges Quintett mit Wayne Shorter, Chick Corea, Dave Holland und Jack DeJohnette (die von Zawinul und McLaughlin geprägten Stücke fehlen daher). Neben dem Titelstück ist von "Bitches Brew" noch "Sanctuary" und "Miles Runs The Voodoo Down" Teil des beinahe 70-minütigen Konzerts. Bild und Tonqualität sind gut und es ist faszinierend, den Protagonisten aus dieser Perspektive auf die Finger sehen zu können. (Wer hätte damals nicht gerne in der ersten Reihe gesessen?)

Auf den beiden CDs ist zunächst die gesamte, bisher veröffentlichte Musik von "Bitches Brew" enthalten – dankenswerterweise in gleicher Reihenfolge und ohne weitere "Verbesserungen" (lediglich die Höhen wirken dezent frischer als beim Original). Man hat davon Abstand genommen, Stücke hinzuzufügen, die nicht auf der LP enthalten waren – es "fehlt" also das Stück "Feio", das auf einer älteren Legacy-Edition beigegeben worden war. (Selbstverständlich wollte man seinerzeit keine 4-LP-Box herausbringen, die Stückauswahl folgte aber künstlerischen Erwägungen und sollte im Rahmen der Werktreue beachtet werden. Wer einen kompletteren Blick auf die Session werfen will, dem sei "The Complete Bitches Brew Sessions" auf 4 CDs empfohlen.)

Die "Dreingaben" bestehen in diesem Fall also aus Variationen ("alternative takes") von "Spanish Key" und "John McLaughlin" – beide so bislang unveröffentlich und interessant im Vergleich mit dem am Ende gewählten Take. Als weiteres Zusatzmaterial sind vier Kurzversionen enthalten, die für Singleveröffentlichungen (gab's da mal was?) bearbeitet wurden – die Stücke "Great Expectations" und "Little Blue Frog" offenbar als B-Seiten, da sie auf der LP nicht vorkommen.

Auch optisch überzeugt die CD-Box und zeichnet sich durch die (endlich mal wieder) farbgetreu reproduzierte Grafik aus. Auch das ausführliche, mit zahlreichen Fotos und Informationen gefüllte Booklet ist höchst nützlich. Daher erfolgt hier eine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Wer noch ein Scheinchen (vielleicht auch zwei?) drauflegen möchte, kann zur "Deluxe Edition" greifen, die zusätzlich zu allem hier Beschriebenen neben einer 180g-Vinylversion (als Doppel LP) einen weiteren, bislang unbekannten Livemitschnitt auf einer dritten CD enthält. Mehr "Bitches Brew" gab es noch nie.

Frank Bongers

2CD+DVD: Miles Davis - "Bitches Brew"
(Columbia/Legacy 88697 7150 2)

Miles Davis im Internet: www.milesdavis.com

Legacy Recordings im Internet: www.legacyrecordings.com

Cover: Mati Klarwein

© jazzdimensions 2010
erschienen: 20.9.2010
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