Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / reviews / jazz / 2008
Motian/Frisell/Lovano
- "Time and time again"

Man kann die Einspielungen des ECM-Labels als Gegenentwürfe zu Ethnographien verstehen: Hier die wortlosen, oder doch wortkargen, aber von atmosphärischen Bildern ins sinnliche Irgendwo entrückten Aufnahmen musikalischer Treffen, dort die ausführlichen Dokumentationen von Kontexten, Herkünften, und Standorten; hier ist die Welt Klang, dort Kultur; hier ist Musik Anfang, dort hat sie bereits begonnen.

Motian/Frisell/Lovano - "Time and time again"

Wer also ein beliebiges Booklet des Münchner Klangkonzerns aufschlägt, wird post-romantisch auf Ungegenständlichkeit eingestimmt, gelegentlich geleitet von poetischen Fragmenten, erhält aber bestenfalls spärliche Auskunft über die Hintergründe des musikalischen Ereignisses. Bei "Time and time again" (2007), dem nach "It should've happened a long time ago" (1984) und "I have the room above her" (2005) dritten Album des Trios Motian/Frisell/Lovano ist das nicht anders, denn anstelle statuarischer Konterfeis der Musiker hätte man gern mehr über die erneute, anscheinend im Titel programmatisch angelegte Zusammenarbeit der drei Künstler erfahren.

"Time and time again" spielt Paul Motian (dr) auf "unglaublich sophistizierte Art 'primitiv'" (J.-E. Behrend), und Bill Frisell (g) und Joe Lovano (ts) – rhythmisch raffinierter Tonmaler der eine, wendiger Enzyklopädist improvisierter Musik der andere – stehen ihm nicht nach, versehen Stücke mit hauchdünnen orientalischen Schleiern ("Cambodia", "Whirlpool", "In remembrance of things past"), oder, wie Lovano in seiner Komposition "Partyline", mit kantigen Farbflächen, die einen an die abstrakt-expressionistischen Gemälde eines Mark Rothko erinnern mögen.

"This nearly was mine" von Rodgers/Hammerstein und Monks "Light blue" sind die anderen Fremdkompositionen des Albums, alle anderen hat Motian geschrieben. Die Liedform von "This nearly was mine" löst das Trio auf in Girlanden, die verspielt um die Melodie flattern, den verqueren Blues von "Light blue" interpretiert das Trio in höherem Tempo als die persiflierende Zeitlupenversion von Monks Quartett aus dem Jahr 1958, nimmt damit dem Stück etwas harmonische Sperrigkeit, gibt ihm dafür aber ein ungeahntes Kolorit, und fügt es so zwanglos ein in das Ganze dieses wundersam nachhallenden, irisierenden Werks. "Time and time again" ist gewiß ein Anwärter auf Zeitlosigkeit.

Thomas Götzelt

CD: Motian/Frisell/Lovano - "Time and time again"
(ECM Records ECM 1992)

ECM Records im Internet: www.ecmrecords.com

Cover: n.n.

© jazzdimensions 2008
erschienen: 28.10.2008
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: