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Albert Ayler Quartet
- "The Hilversum Session"

Albert Aylers kreativer Stern leuchtete nur kurz. Nach nur wenigen Jahren war er ausgebrannt, erging sich in Klischees und fand bis zu seinem viel zu frühen Tod 1970 nie wieder jene Stimme, wie sie auf diesen Aufnahmen so unverbraucht zu hören ist.

Albert Ayler Quartet - "The Hilversum Session"

1964 befand sich der Tenorsaxophonist auf dem Höhepunkt seiner musikalischen Entwicklung und schuf mit "Spiritual Unity" einen Meilenstein des Free Jazz. Sein Trio mit Gary Peacock (Bass) und Sunny Murray (Schlagzeug) hatte eine hochsensible Balance zwischen frei pulsierender Interaktion und eruptivem Ausdrucksspiel gefunden. Ayler übersetzte den gesellschaftlichen Aufschrei, der seit Anfang der 60iger vor allem in der afro-amerikanischen Bevölkerung immer lauter wurde, in Musik.

Dabei war er alles andere als ein politisch motivierter Musiker. "Wir spielen Folklore," sagte Ayler, "uralte Melodien." Wie außer ihm vielleicht nur noch Charles Mingus griff er ganz unmittelbar in kurzen Melodiefragmenten alte Blues-, Gospel-, Marschmusik- oder Vaudevillemotive auf und stellte sie in einen neuen Ausdruckskontext. Während Mingus stets einem strengen Formbewusstsein verpflichtet blieb, brach Ayler radikal mit überkommenen Form- und Ausdrucksmustern. Komplexen Kompositionsstrukturen stellte er Einfachheit und eine Vielzahl an Texturen gegenüber. An Stelle eines festen Rhythmus trat das pulsierende Spiel, Themen existierten nur noch rudimentär. Seine Musik war geprägt von hymnischer Ekstase und kraftvollem Energiespiel, das nach immer größeren Steigerungsmöglichkeiten suchte. Gerade das Hymnische kam einer spirituellen Katharsis gleich.

Aylers Spiel war und ist nie etwas für zartbesaitete Gemüter gewesen. Deswegen stieß er auf so unverhohlene Ablehnung und – vielleicht noch gravierender – Ignoranz. Gleichwohl wurde er von der Free Jazz Avantgarde, etwa John Coltrane, Pharoah Sanders oder Cecil Taylor, hoch geschätzt. Sein Einfluss auf Jazz- wie Rockmusiker war enorm. Viele Entwicklungen im europäischen Free Jazz wären ohne Ayler undenkbar gewesen. Heute bezieht sich eine neue Generation freier Improvisatoren wie Ken Vandermark oder Mats Gustafsson auf den Tenoristen.

Auch mehr als vier Jahrzehnte danach haben die insgesamt sechs Titel der "Hilversum Session" vom 9.11.1964 nichts von ihrer Frische, eindringlichen Kraft und Hingabe verloren. Eine brillant aufspielende Rhythmusgruppe (Peacock und Murray) lieferte einen luftig freien Teppich für die Höhenflüge von Ayler. Im Rahmen einer Europatournee gesellte sich der Trompeter Don Cherry zum Trio. Mit seinem lyrischen Spiel war er die perfekte Ergänzung zu Ayler.

Das Zusammenspiel der vier Musiker hat etwas Magisches. Eine Magie, der man sich nur schwer entziehen kann. Nun wurde die Session endlich digital remastered wiederveröffentlicht.

Herbert Federsel

CD: Albert Ayler Quartet - "The Hilversum Session"
(ESP Records ESP 4035)

ESP Records im Internet: www.espdisk.com

Cover: n.n.

© jazzdimensions 2008
erschienen: 26.10.2008
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