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"Beethoven war schwarz!"
zu Christian Bröckings Buch "Respekt!"

Mit seinem neuen Interviewbuch greift Christian Bröcking einen alten Diskurs wieder auf – die Diskussion darüber, inwieweit sich die Situation der Schwarzen in der von Weißen dominierten Gesellschaft verändert bzw. verbessert hat. In "Respekt!" setzt Bröcking, selbst ja Jazzjournalist, gestützt auf Interviews mit Protagonisten aus dem Jazzbereich, die Chancen und Möglichkeiten der heute agierenden schwarzen Jazzmusiker zu denjenigen der Zeit der Segregation und der "Fire Music" der 60er und 70er Jahre in Beziehung.

Wie schon mit dem Vorgänger "Der Marsalis-Faktor" bewegt sich Bröcking innerhalb der vielfältigen, auch in sich widersprüchlichen afroamerikanischen Community. War das letztgenannte Buch eng an Wynton Marsalis und dessen neokonservative Sichtweise des Jazz geknüpft, so zieht "Respekt!" weitere Kreise. Dem Leser eröffnen sich in den intensiven Gesprächen unter anderem mit Altmeistern des Jazz wie Sonny Rollins, Wayne Shorter und Archie Shepp oder auch dem M-Base-Vertreter Steve Coleman, neue Blickwinkel auf alte Werte. Aufgegriffen werden Themen wie die 64er "Oktoberrevolution" im Jazz, Imagepflege bei Jazzmusikern, aber auch Globaleres, als da wäre der Respekt gegenüber Schwarzen als Menschen und Musikern. Hervorgehoben sei Ornette Colemans Statement zum Sinn und Unsinn einer ständigen Einteilung in Schwarz oder Weiß – auch als Kategorisierung für Musik und Musikverständnis: "Die meisten Probleme, mit denen Musiker konfrontiert sind," erklärt dieser, "haben nichts mit Rasse zu tun, sondern mit Geld- und Besitzverhältnissen!" Und in diesem Sinne wäre auch Beethoven schwarz gewesen.

Christian Bröcking steigt mit "Respekt!" tief in die Materie ein, gibt nach Meinung der Rezensentin hin und wieder zwar zu dominant die Leitlinie der Gespräche vor, navigiert aber dessen ungeachtet geschickt im Minenfeld des "Schwarz-Weiß-Konfliktes". Zwei Fragen mag allerdings der genauer hinschauende Leser aufwerfen: Zum Einen, ob nicht ein schwarzer Autor in diesen Gesprächen zu vollkommen anderen Ergebnissen gekommen wäre. Zum Anderen, warum wir Christian Bröcking innerhalb des gesamten Buches lediglich im Gespräch mit Männern finden … Sind ihm etwa keine schwarzen Musikerinnen begegnet, oder hebt er sich das nur auf – für das nächste Buch zu diesem Thema?

Carina Prange

Buch: Christian Bröcking - "Respekt!"
(Verbrecher Verlag, 2004; ISBN 3-935843-38-0)
CD: Various Artists: "Respekt!",
zusammengestellt und kommentiert von Christian Bröcking
(Impulse / Universal 06024 9817717)

Verbrecher Verlag im Internet: www.verbrecherei.de

© jazzdimensions2004
erschienen: 21.5.2004
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