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Frederick J. Spencer - "Jazz and Death"
Buchbesprechung

Charlie Parkers Version von Dizzy Gillespies "Night in Tunesia" oder Billy Holidays Gesang bei "Strange Fruit" sind unsterblich, die beiden großen Interpreten des Jazz aber waren es nicht. Charles Mingus, Scott Joplin, Bud Powell, Chet Baker, Bill Evans oder John Coltrane, sie alle leben heute nur noch durch ihre Musik weiter. Warum und wann sie ihre letzten Stunden erlebten, damit beschäftigt sich jetzt der emeritierte Medizin-Professor der Virginia Commonwealth University, Frederick J. Spencer, in seinem neuen Buch.

Frederick J. Spencer - "Jazz and Death"

Fast dreißig Jahre lang stöberte der Jazz-Liebhaber in seiner freien Zeit durch Obduktionsberichte, Zeitungsartikel und Biografien. Ziel seiner Neugier: herauszufinden, woran sie tatsächlich gestorben sind. Das Ergebnis: eine detailfreudige, zum Glück nicht zu medizin-theoretische Abhandlung mit dem vielsagenden Titel "Jazz and Death". - Nicht alles von dem, was Dr. Spencer ans Licht der Öffentlichkeit bringt, ist wirklich geschmackvoll.

Anders als die Werke, die die großen des Jazz hinterlassen haben, sind die Umstände ihres Todes oft reichlich profan und zum Teil makaber. Viele starben, direkt oder indirekt, an den Folgen ihres übermäßigen Alkohol- und Drogengenusses, der im Laufe der Zeit entweder zu Leberzirrhosen, Herzinfarkten oder, sehr oft, zu Krebs führte.

So ist "Krebs" auch das längste Kapitel in dem Buch und zusammen mit Drogenmissbrauch, die häufigste Todesursache von Jazzern wie Dexter Gordon, John Coltrane oder Stan Getz. Einige Gerüchte werden widerlegt: so stimmt es zwar, dass Scott Joplin 1917 an Syphilis gestorben ist, die ihn auch in den Wahnsinn getrieben hatte, Lester Young aber nicht.

Für den medizinischen Laien besonders interessant sind solche Kapitel wie das über die seltene neurologische Erkrankung an der Charles Mingus lange litt und letztendlich starb: Das ALS-Syndrom, genauer die amyotrophische laterale Sklerose wird prägnant und anschaulich erklärt, genauso wie die Blindheit von Art Tatum und Lennie Tristano. Auch die Ursachen von Bud Powells und Thelonious Monks psychischem Verfall werden von Dr. Spencer respektvoll aus dem Reich der Mythen auf den Boden der Tatsachen geholt.

Spannend für den Laienkriminalisten ist auch das Kapitel "Ungeklärte Fälle", in dem Dr. Spencer unter anderem über den Fenstersturz Chet Bakers aus einem Hotelzimmer in Amsterdam am 13. Mai 1988 spekuliert: war es nun ein Unfall oder wurde er doch umgebracht? Neueste Untersuchungen scheinen die Theorie des Mordes wieder zu favorisieren, doch Klarheit bringt auch dieses Buch leider nicht. Im Schlusskapitel widmet sich der emeritierte Medizin-Professor noch einmal seinem Lieblingsthema: dem extremen Drogenmissbrauch vieler Jazz-Musiker und der Frage, ob die Drogen ihre Kreativität gefördert und unterstützt haben oder nicht.

Lässt man die unsägliche "political correctness" außer acht, die ein wenig in seiner Argumentation mitschwingt, ist seine Antwort eindeutig nein. Als Beleg führt er unter anderem zwei musikalische Beispiele von Charlie Parker an: Am 29. Juli 1946 nahm der in Los Angeles eine legendäre Version von "Lover man" auf, vollgepumpt mit Alkohol und Barbituraten. Für die einen ist es eine der ergreifendsten Aufnahmen dieser großartigen Ballade, für die anderen ein trauriges Beispiel für seinen Verfall.

Für Dr. Spencer ist klar, dass lang andauernder Drogenmissbrauch die Kreativität früher oder später erstickt und abtötet. Gute Beispiele dafür sind die späten Werke von Billy Holiday oder Chet Baker. Der Nutzen einer kurzfristigen Enthemmung wird von ihm nicht in Frage gestellt, doch, der Preis dafür scheint zu hoch. Eines ist auch nach der Lektüre dieses Buches klar: die Liste der Musiker, die clean durchs Leben gegangen sind und Großes vollbracht haben, ist mindestens genauso lang, wie die, die es nicht geschafft haben. "To be jazzed" ist also keine Bedingung für guten Jazz. Aber ein großer Teil von "Jazz and Death".

Katja Duregger

Buch: Frederick J. Spencer, M.D - "Jazz and Death"
(University Press of Mississippi, 2002 - 311 S., Hardcover)

Autor: Frederick J. Spencer, M.D., emeritiert von dem Medical College of Virginia der Virginia Commonwealth University

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© jazzdimensions2002
erschienen: 21.11.2002
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