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Jazztage Leipzig 2009
Leipzig, Fr. 21.8. - So. 30.8.2009

Die 33. Jazztage Leipzig sind vorbei und sie hinterlassen einen enthusiastischen Eindruck des Aufbruchs. Wie passend für die Wendestadt Leipzig in einem Jahr, in dem sich die Friedliche Revolution zum 20. Mal jährt. Schon der erste Blick vorab ins Programm ließ vermuten, dass die Organisatoren einiges anders machen wollen.

Avishai Cohen (Foto: Steffen Pohle)

Zuerst einmal dauerte das Festival in diesem Jahr doppelt so lang. Denn mit drei vorgelagerten Acts fütterte man die Leipziger für den klassischen Konzert-Block zwischen Mittwoch und Sonntag gewissermaßen an. Das Konzept scheint aufgegangen zu sein, denn alle Konzerte waren hervorragend besucht. Mehr Konzerte brauchen auch mehr Raum. Diesen fand der Jazzclub in den subkulturellen Locations "UT-Connewitz", "Werk II" und "Horns Erben" im Leipziger Süden. Der Schritt über die Grenzen der Innenstadt hinaus hat sich gelohnt – die Jazztage Leipzig sind endlich wieder in Leipzig angekommen.

Eine gelungene Symbiose aus Raum und Ton war das Konzert von Eivind Aarset mit seiner Band "Sonic Codex" im UT-Connewitz. Das UT ist ein alter Lichtspielpalast aus den Zeiten als der Film gehen lernte: Putz bröckelt aller Orten und verleiht dem Kino einen angenehm maroden Charme. Auch Aarset gibt mit "Sonic Codex" Hinweise zurück in die Vergangenheit, zurück auf seine musikalischen Wurzeln. Kommt doch der norwegische Gitarrist – lange bevor er der legendären Band des Trompeters Nils Petter Molvaer angehörte – aus dem Heavy Metal- und Hardrockbereich. Langangelegte Soundkompositionen schaffen den nahe liegenden Brückenschlag vom Krautrock der Siebziger zur grooveorientierten Ästhetik der Nullerjahre. Die Stücke blubbern und gären manchmal minutenlang vor sich hin, bis Aarset und seine Jungs die Klangsuppe mit ein paar konkreten Gitarrenriffs abschmecken. Man kann froh sein, dass das alte Kino nach dem Konzert noch stand.

Eivind Aarset (Foto: Steffen Pohle)

Etwas enttäuschend ist der Beitrag von Deutschlands "Vorzeigedrummer Nummer 1" Wolfgang Haffner. Er war mit seinem Projekt "Acoustic Shapes" zusammen mit dem Pianisten Hubert Nuss und dem Bassisten Christian Diener zum klassischen Eröffnungskonzert in der Moritzbastei angetreten. Natürlich sind alle drei Musiker ersten Ranges, doch bieten die meist banalen Kompositionen wenig Angriffsfläche, um sich mal so richtig festzuhören. Die Melange aus Post-Bob und Nu-Jazz erweist sich leider als ziemlich kalter Kaffee.

Der erste Abend der traditionellen Opernkonzerte ist ein konzeptioneller Glücksgriff. Drei Acts, die unterschiedlicher nicht sein könnten, lassen vier voll gepackte Stunden Musikgenuss wie in Fluge vergehen. Den Anfang macht Nik Bärtsch und Ronin aus der Schweiz. Spätestens seitdem der Pianist 2005 sein ECM-Debüt "Stoa" veröffentlicht hat, ist Bärtsch mit seiner Musik zwischen Minimal Music und Improvisierter Musik auf den großen Bühnen des Jazz angekommen. Allein sein Name im Line-Up schmückt das Programm ungemein. Auch die Performance des Quintetts lässt keine Wünsche offen. Ronin versetzt das Leipziger Publikum für eine gute Stunde in einen trance-ähnlichen Zustand, aus dem es sich durch frenetischen Applaus selbst erweckt. Diese Musik ist so dicht und voll an Überlagerungen und Details, dass man eigentlich nicht mehr von Minimal Music sprechen kann. Bärtsch sagt dazu treffend im Interview: "Wir sind Minimalisten im Viel-Spielen".

Danach präsentiert die schwedische Vokalistin Rigmor Gustafsson ihr neues Projekt mit dem radio.string.quartet.vienna. Die Songs sind allesamt für diese spezielle Besetzung aus Stimme und 16 Saiten arrangiert worden. Auch ohne Rhythm-Section grooven die vier Streicher ordentlich los und geben der sympathischen Sängerin ein stabiles Netz, auf dem sie nonchalant balanciert und niemals abstürzt. Den Abschluss an diesem Abend macht die All-Star-Band bestehend aus Saxofonist Marty Ehrlich, Posaunist Ray Anderson, Bassist Brad Jones und Drummer Matt Wilson. Vorwitzige Improvisationen voller sprühender Virtuosität machen vergessen, dass zwischen Dixieland, Freejazz und Modern Jazz irgendwelche Grenzen liegen könnten.

Marty Ehrlich (Foto: Steffen Pohle)

Zu Beginn des zweiten Operntages steht ein Auftragswerk des Leipziger Jazzclubs. Es soll damit den Jazztagen vor 20 Jahren Tribut gezollt werden. Der DDR-Jazzer Ernst-Ludwig Petrowsky hatte beim Festival im heißen Herbst 89 eine spontane Rede gegen die Abhörmethoden der Stasi gehalten. Diese Worte laufen vor dem Konzert des "Transatlantic Freedom Jazz Tentets" vom Band. Sie stimmen ein auf die zehnköpfige Formation, die vom Leipziger Pianisten Oliver Schwerdt speziell für diese Abend zusammengestellt wurde. Schlagzeug-Guru Günther Sommer dirigiert die Gruppe bestehend aus ehrwürdigen Veteranen der amerikanischen Freeszene (Wadada Leo Smith & Barre Phillips) und Young Cats (Christian Lillinger, Michael Haves). Außerdem mit dabei sind Axel Dörner, Urs Leimgruber und natürlich Luten Petrowsky selbst. Spannend ist, was während der einstündigen Improvisation langsam aus den verschiedenen Mikroorganismen des Ensembles für Blüten getrieben werden. Einzelne Solisten geben die Stange spontan an Kollegen ab, die sich in diesem Moment entschieden haben ein Trio im Tentett zu gründen. Einmütig treffen sich plötzlich alle für wenige gemeinsame Töne unter den ausladenden Dirigatsgebärden Baby Sommers. Das "Transatlantic Freedom Jazz Tentets" funktioniert hervorragend – so richtig frei spielt es sich dennoch nicht.

Bereits nach dem ersten Song von Avishai Cohens "Aurora" ist eine Stimmung im Saal, wie man sie bei den Leipziger Jazztagen lange nicht erlebt hat. Es wird gegrölt, als wäre man auf einer ausgelassenen Hochzeitsparty irgendwo im Mittelmeerraum. Von dort weht auch der frische Wind, den die fünf Musiker um den israelischen Bassisten mitbringen. Die Band trieft aus allen Poren vor Musikalität und reißt das Publikum in ein Wechselbad aus süßer Melancholie und ungezwungener Tanzstimmung. Die Krone dieser Musik, die spielend Orient, Okzident und Jazz auf einen Nenner bringt, wird schließlich von Cohens Gesang aufgesetzt. Der Weltklassebassist erweist sich als Vokalist von erschütternder emotionaler Tiefe.

Tom Waits Hausgitarrist Marc Ribot beschließt den Abend mit seiner Avantgarde-Rock-Kapelle Ceramic Dog. Bei solch einem Namen sind die Erwartungen hoch. Die Band dekonstruiert eine Stunde lang Songformen zwischen Chanson, Country und Post-Rock. Doch irgendwie wirken Ribot und seine Kollegen während des Sets eigenartig affektiert und in sich gekehrt. Der Funken will nicht so recht überspringen und ein Großteil des Publikums verabschiedet sich frühzeitig.

Die 33. Leipziger Jazztage haben vor allem eines geschafft: sie haben vieles unter einen Hut gebracht. Mit der Festivalreihe "Junge Strecke" (u.a. Micatone, Eivind Aarset) wurde endlich ein ernsthafter Anreiz für ein junges Publikum geschaffen. Freunde radikaler Improvisation kamen genau so auf ihre kosten, wie Liebhaber des Nu und Worldjazz. Und schließlich wurden selbst die kleinsten mit zwei Kinderjazzkonzerten bedacht.

Denny Niesar

Leipziger Jazztage im Internet: www.leipziger-jazztage.de

Fotos: Steffen Pohle

© jazzdimensions 2009
erschienen: 11.9.2009
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