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Ingolstädter Jazztage 2009
Ingolstadt, Do. 5.11. - So. 8.11.2009

Die Ingolstädter Jazztage erweisen sich immer als ein ganz besonderes Festival - auch insofern, dass hier alle beteiligten Personengruppen ganz direkt und ungezwungen miteinander in Kontakt kommen können: das Publikum, die Künstler und Musiker, die Journalisten. Mit anderen Worten, es herrscht eine entspannte familiäre und gleichzeitig intime Atmosphäre. Und dabei geben sich auch noch wirkliche Weltstars die Klinke in die Hand. Was will man mehr?

Late Night Band

Das sei ja der Hammer, begeisterte sich beispielsweise Deutschlands Vorzeigebassist Wolfgang Schmid im Laufe eines der "Jazzparty"-Abende, so viele berühmte Bassisten auf einem Haufen! Und in der Tat konnte man über diese bassistischen Highlights (als da wären Pino Palladino, Stanley Clarke, Francis Rocco Prestia und eben besagter Wolfgang Schmid selbst) ins Schwärmen kommen – Ähnliches galt jedoch für die meisten der in diesem Jahr in Ingolstadt angetretenen Musiker und Bands.

Bereits die Auftaktreihe "Jazz in den Kneipen" in der Innenstadt bot ein vielseitiges Programm: The Bahama Soul Club, Terrence Ngassa & Dominic Quaye, Steve Gibbons Band, M. Kälberer & M Tubino, Les Babacools, Kom Chong Ensemble und Karolina Glazer unterhielten an den bewährten Locations – in Hotels, Kneipen und Clubs der Stadt – ihr Publikum. Neu erschlossener Aufführungsort ist das Altstadttheater – hier traf Mari Boine, die bekannte samische Sängerin, mit ihrer ganz eigenen, sehr speziellen Musik auf ein zu Recht beeindrucktes Publikum.

Chick Corea

Das Topkonzert des ersten "Jazzparty"-Abends fand im Festsaal Ingolstadt statt – mitten im Zentrum der Stadt. Chick Corea, Stanley Clarke und Lenny White bewiesen, dass noch immer in der Lage wären, wie vor Jahrzehnten, Jazz- und Musikgeschichte zu schreiben: Wäre mit Al DiMeola ihr damaliger vierter Mann an der Gitarre dabei gewesen, hätte sich hier die Ur-Besetzung von Return To Forever auf der Bühne versammelt. Aber auch so zeigten Corea, Clarke und White in einem furiosen Konzert, dass sie noch immer unangefochten die Meister ihres Fachs sind. Und wer weiß, wäre nicht Chick Corea bereits im Vorjahr als Mitglied der 5 Peace Band auf der Bühne des Festsaals gestanden, so wären die Zuschauerzahlen für dieses Konzert wohl noch höher ausgefallen.

Dave Grusin

Bei der am späten Abend folgenden "Jazzparty I" sorgten Simon Phillips, Philippe Saisse und Pino Palladino – kurz PSP – für Aufsehen. Die drei Musiker, sonst eher in Pop-und Rockbands unterwegs – Phillips bei Toto, Palladino bei The Who und Saisse bei David Sanborn und Al Jarreau – rotierten wie ein Wirbelwind, und wären, hätte man sie gelassen, bestimmt die ganze Nacht auf der Bühne geblieben … Das war ein Fusion-Konzert, das nicht nur mit spannenden Soli glänzte, sondern vor allem mit einem großartigen, kompakten Bandsound. Speziell Pino Palladino leistete am Bass so glänzenden Support für Simon Phillips Schlagzeug, dass dieser sich, dank robustem Equipment und sagenhafter Kondition, sichtlich austoben konnte.

Susanna and the Magical Orchestra und danach die Nils Petter Molvaer Group bewiesen währenddessen im "kleinen Saal", dass die Jazzwellen aus den nordischen Landen noch immer hoch schlagen. Beide Bands zeigten sich temperamentvoll und experimentell und boten einen großartigen Sound. Molvaer ist ja ohnehin ein Garant für gute Konzerte, während Susanna and the Magical Orchestra mit diesem Konzert ihren Namen sicherlich weiter festigen konnten.

Nils Petter Molvaer

Der absolute Höhepunkt des Festival für Publikum und Fachpresse war allerdings mit Sicherheit die "Jazzparty II" am folgenden Abend des 7.11.09. Hier gaben auf der Hauptbühne zunächst The Hang Allstars, dann Tower of Power und schließlich das Larry Carlton Trio in mehrstündigen Konzerten ihr Bestes, während sich zeitgleich auf der "Nebenbühne" ebenfalls in beeindruckender Form Curtis Stigers, der Schmelzer der Frauenherzen, und Jazz X Change, die Band um den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse, Werner G. Seifert, präsentierten.

Bereits The Hang Allstars heizten das Publikum ordentlich vor - insbesondere Wolfgang Schmid gab am Bass den Zunder, dessen dieser funky Jazzrock bedarf und lieferte das Streichholz gleich mit. Drummer Will Kennedy legte groovend einen roten Teppich für die Keyboards der selten gemeinsam zu erlebenden Grusin-Bründer Don und Dave aus. Die beiden Starmusiker, zu Recht oft als "Tausendsassas" bezeichnet, hatten vor vollem Haus sichtlich ihren Spaß. Auch Gitarrist Lee Ritenour griff beherzt in die Saiten, während der zweite Deutsche des Sextetts, Trompeter Nils Wülker, auch in diesem Highclass-Kontext souverän seinen lyrischen Ton ausspielte.

Larry Carlton

Als anschließend Tower of Power den bereits brodelnden Saal zum Überkochen brachten, fragte man sich erneut, wie überhaupt möglich sein kann, solche Formationen im Ambassador Hotel, in einem im Grunde kleinen Raum, sozusagen zum Greifen nah zu präsentieren. Es ist schon ein Erlebnis, solch überragenden Musikern aus der ersten Reihe in die Augen zu sehen und auf die Finger schauen zu können. Dazu kommt, was Lee Ritenour folgendermaßen formulierte: "The Hang Allstars, Tower of Power und Larry Carlton an einem Abend? Das wäre in L.A. unmöglich!" – Ingolstadt macht es möglich. Und zu später Stunde überzeugte dann noch der Gitarrenaltmeister Larry Carlton mit seinem Trio den Großteil der Konzertgänger zum Bleiben und bot ihnen dafür Musik und Saitenspiel vom Feinsten. Zu später Stunde sorgte, wie bereits am Vortag, die Late Night Band für die Unterhaltung der Unentwegten, wobei sich an diesem Abend sogar Tower of Power-Sänger Larry Braggs mit einklinkte.

Fazit: Wieder ein gelungenes und hochprofessionell organisiertes Festival, das Spaß gemacht und die Erwartungen für das kommende Jahr geschürt hat. Fangen wir schon mal an, uns darauf zu freuen…

Carina Prange

Ingolstädter Jazztage im Internet: www.ingolstaedter-jazztage.de

Fotos: Dr. Christian Pacher

© jazzdimensions 2009
erschienen: 15.11.2009
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