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Jimmy Scott & The Jazz Expressions
Fr. 5.10.2007, Berlin, Haus der Kulturen der Welt

Jimmy Scotts verfilmenswerte, um Höhen und Tiefen nicht verlegene, Vita mag andernorts nachgelesen werden. Scott singt Jazz mit einer Stimme, die mit "Sopran" nicht annähernd beschrieben werden kann...

(leider nur ein Pressefoto von) Jimmy Scott

Am 17 Juli 1925 in Cleveland geboren ist Scott dem Cineasten vielleicht durch seinen Auftritt bei David Lynchs "Twin Peaks" bekannt, Jazzhörern gegebenenfalls durch seine CDs "If You Only Knew" (1955), "Falling in Love Is Wonderful" (1963), "But Beautiful" (2002) oder "All of Me: Live in Tokyo" (2004). Kurz: der 82jährige Jimmy Scott ist eine "Lebende Legende".

"Lebende Legenden" müssen mit ihren Ressourcen haushalten: Im Vorprogramm spielen Roswell Rudd (tb) & Duck Baker (g) einen unnachahmlichen Potpourri des "Great American Songbook". Nach fünf Minuten hat Rudd seine Posaune warm gespielt und präsentiert sich als "StandUpPosaunist" erster Güte, der insbesondere dann das Berliner Publikum zu begeistern vermag, wenn er seinem Instrument, mittels verschiedenster Schalldämpfer, eine kaum für möglich gehaltene Bandbreite an Tönen entlockt.

Danach: 20 Minuten Pause wegen Umbaus. O.K. Aber warum wird am Bühnenrand eine Sichtblende aufgebaut? Dann erscheint der Cohnfronzier des HDKDW und überbringt eine schlechte Nachricht: "Bitte keine Fotos von Jimmy Scott!" (?) und eine gute: "Hier ist Jimmy Scott!"

Nicht er, sondern die ihn begleitende Band "The Jazz Expressions" (p, b, ts, dr) betreten die Bühne und intonieren den ersten Song. Jeder einzelne von ihnen hat es echt drauf – keiner auch nur annähernd ein Renommee wie J.S.. Die ersten Takte des nächsten Songs "Blueskies" sind schon verklungen, als Jimmy Scott (von einer Pflegerin?) in einem Rollstuhl (!) vor sein Mikrofon auf die Bühne geschoben wird und singt.

Die Überraschung ist gelungen. Ein Teil des Publikums hat sich zu "Stehenden Ovationen" entschlossen, bleibt bei den dann folgenden Liedern "Time After Time", "Embraceable You" und "If You Only Knew" aber doch lieber auf den Sesseln. Jimmy Scott sitzt mit weißen Lackschuhen im Rollstuhl, singt wenn sein Part dran ist und legt ansonsten schützend seine Hand über die Augen; um nicht zu sehen – oder nicht gesehen zu werden?

Dann ist er erschöpft, man rollt ihn hinter die Sichtblende. Die Band spielt ein weiteres Lied. Jimmy Scott wird erneut ans Mikrofon geschoben. "I Didn´t Know What Time It Was", "Sometimes I Feel Like A Motherless Child" und "I Cried for You" folgen. Abgang Jimmy Scott, "Stehende Ovationen" bei denen nun das gesamte Publikum mitmacht, Rosen, der Rollstuhl dreht auf der Bühne eine Ehrenrunde, anhaltender Applaus. Zugabe? Der Bassist beugt sich zu dem auf Rollstuhlhöhe justierten Mikrofon herab als würde er an einer Feldblume riechen, verkündet dass es keine Zugabe gibt, weil Herr Scott "tired" ist und schließt mit den Worten: "We look forward to see you next time." (Gelächter im Publikum)

Eine "Lebende Legende" wurde besichtigt.
Hier endet normalerweise eine Konzertreview. Mir seien jedoch noch ein paar Worte gestattet: Ich war, bin und werde es auch weiterhin sein: Ein erklärter Fan von Jimmy Scott. Es stellt sich jedoch die Frage, wo die Grenze der Seh~ bzw. Hörlust des Publikums und die Zeigelust der "Lebenden Legenden" anzusiedeln ist. Meine wurde ausgelotet.

Rainer Voss

Jimmy Scott im Internet: www.jimmyscottofficialwebsite.org

Fotos:Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 25.10.2007
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