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Ingolstädter Jazztage 2007
Konzerthighlights vom 8.11.-10.11.07

Irgendwo zwischen Nürnberg und München liegt … – nein, nicht ein letztes, gallisches Dorf, welches allein Widerstand leistet! Wohl aber eine Bastion des Jazz: in Ingolstadt tobt sich seit nunmehr 24 Jahren einmal jährlich während rund zwei Wochen die Jazzszene aus. In dieser Zeit wird die Stadt zum Magneten für ein Publikum, das in sich die Fraktionen der Jazzpuristen aber auch derjenigen vereinigt, die einfach nur mal gute Musik erleben wollen...

Avishai Cohen

Ein viertägiger Clubabend bildet gleichzeitig den gefeierten Abschluss wie den Höhepunkt des Festivals. Auf die ganze Innenstadt verteilt kann der Festivalbesucher nach Gusto und Geschmack von Konzert zu Konzert flanieren. Einziges Manko hierbei ist, das der parallele Beginn aller Konzerte das Wechseln zwischen den Locations zu einer doch eher schwierigen Sache macht – schließlich möchte man ja ein Konzert ganz und gar genießen, oder zumindest halb!? An dieser Stelle könnte für weitere Jahre nachgebessert werden.

Am Programm hingegen gab es nichts auszusetzen: Texmex-Blues mit Rad Gumbo, Modern Jazz mit dem Avishai Cohen Trio, Gipsy-Swing mit dem Dotschy Reinhardt Quintet, Vocaljazz mit Milla Kay, Weltmusik mit Chris Karrer & John Weinzierl, mit Ben's Belinga oder Ras Dashan – breit war das musikalische Angebot, aus dem man eine Auswahl treffen konnte und musste.

Die Rezensentin verschrieb sich an diesem Abend ganz dem Instrumentaljazz des Avishai Cohen Trios. Cohen, der sich seine Sporen in der Band von Chick Corea verdient hatte, gilt inzwischen anerkanntermaßen nicht nur als begnadeter Kontrabassist und Komponist, sondern erweist sich auch als ausgezeichneter Bandleader. Sein Konzert erwies sich dann auch als ein früher Höhepunkt des Festivals: alle drei Musiker, Mark Guilana am Schlagzeug, Avishai Maestro am Klavier und insbesondere Cohen selbst spielen mit hohem körperlichen Einsatz, ihre musikalischen Dialoge sind spannungsreich und zahlreiche herausragende Soli erhöhen die Intensität der Musik. Leider fand einer der anwesenden Fotografen während der gesamten Darbietung wohl nicht den Ausschalter für sein Blitzlicht – der durch das fortwährende Blitzgewitter zunehmend irritierte Avishai Cohen brach das Konzert zwar nicht ab, aber an ausgiebige Zugaben war nicht zu denken. Von daher blieb ein Teil des Könnens der Musiker noch im Verborgenen – wie muss erst ein Konzert unter optimalen Bedingungen wirken?!

Ola Onabule

Die Abende des 9.11. und 10.11. boten dem Publikum die sogenannten "Jazzparties", bei denen sämtliche Konzerte im Triviasaal und im zum Club umgebauten Restaurant des Hotels NH Ambassador stattfinden. Die dortige Atmosphäre ist schon von vornherein entspannt, da der Umschluss zwischen Musikern, Journalisten, Veranstalter und Publikum eng ist, manche Begegnung ermöglicht und der Stress des Hin- und Herfahrens wegfällt. Partystimmung kam an beiden Abenden im wahrsten Sinne des Wortes auf: Am 9.11. gaben sich die Funk- und Soulmeister Ola Onabule und Maceo Parker die Klinke in die Hand und brachten die begeisterungsfreudige Menge zum Kochen. Im Triviasaal ging es zurückhaltender aber nicht weniger gediegen zur Sache – hier fanden mit dem Susan Weinert Duo expressiver Instrumentaljazz und den Bands von Curtis Stigers sowie Frederika Stahl samtener Vocaljazz ihren Raum.

K. Asbjörnsen (B. Håvard Solem)

War das Lineup des Freitags schon hochklassig, so erwies sich der Abend dennoch als zu toppen: am folgenden Samstag, den 10.11. sorgte im Triviasaal Kristin Asbjörnsen dafür, dass die Zuhörer eine individuelle Reinkarnation amerikanischer Gospelstücke im norwegischen Gewand erleben durften. Auch anschließend ging es dort, was sehr gut passte, nordisch weiter: das Quartet der Sängerin Caecilie Norby verbreitete durch ihren Jazz mit Popappeal eine angenehm entspannte Atmosphäre. Alle diejenigen, die sich eher dem Funk und Groove verschrieben hatten, die Bill Evans Group, das Nils Landgren Funk Unit und die Band Incognito mit einem fetzigen Programm lockten ins Restaurant.

Wobei hier betont werden soll, dass für die Autorin die Gruppe von Bill Evans der Höhepunkt des Abends darstellte: Musikalisch ist der Saxophonist, wie es für ihn typisch ist, nicht stehengeblieben – immer neue und andere Musikrichtungen fließen in seine ganz eigene, anspruchsvolle Art des Funkjazz ein. So auch dieses Mal – derzeit sind es Banjo (Ryan Cavanaugh) und Fiddle (Christian Howes), die seinen Stücken einen Hauch von Americana und einen enormen Roots-Kick verpassen. Außerdem neu ist, dass Evans zu einigen Songs auch Texte geschrieben hat, die er obendrein selbst singt. Erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit er die neue Rolle neben dem Saxophon einnimmt und wie gut er sich auch als Sänger macht. Anders als im Programmheft zu lesen war, spielte nicht Roc Fierabracci den Bass, sondern seine Rolle wurde kongenial vom höchst virtuosen Dave Anderson übernommen. Die Bill Evans Group also mit anspruchsvollem Funk – jeder einzelne Musiker dieser Gruppe an sich ist hervorragend – alle zusammen sind kaum zu übertreffen.

Bill Evans

Ähnliches gilt auch für die nachfolgende Nils Landgren Funk Unit, die mit Ray Parker an der Gitarre, Magnum Coltrane Price am Bass und dem Weltklasseschlagzeuger Wolfgang Haffner aufwarten kann. Als sicherer, partytauglicher Publikumsmagnet fand die Band großen Zuspruch – für den Geschmack der Autorin ging die Musik ein wenig zu sehr auf Nummer Sicher in Richtung "Mainstream Funk". Mit Incognito, der zehnköpfigen Band um Jean-Paul Maunick, klang der Abend würdig aus – ein grandioses Festival, das muss gesagt werden!

Carina Prange

Ingolstädter Jazztage im Internet: www.ingolstaedter-jazztage.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 27.11.2007
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