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ISWhat?!
Schorndorf, Club Manufaktur - Fr. 10.11.06

Während der gängige HipHop längst im Mainstream angekommen ist, in Plattitüden und Stereotypen erstarrt, sich selbst reproduzierend, sollte nicht vergessen werden, wo dessen eigentliche Wurzeln liegen. Und sind zweifelsohne nicht zuletzt bei Blues-Shoutern á la Joe Williams, den zornigen Sprechgesängen einer Abbey Lincoln oder eines Charles Mingus und Archie Shepp oder den Soul-Funk Protagonisten wie James Brown, Aretha Franklin oder Sly Stone zu finden. Fast übersieht man beim ewig gleich drögen Getto-Gansta-Gerape, dass es heutzutage hoch kreative HipHop Vertreter wie DJ Spooky oder Napoleon Maddox gibt. Deren künstlerischer Gestus bedient keine trivialen Klischees im Platinkettchenoutfit.

ISWhat?!

Napoleon Maddox, neben Tenorsaxofonist Jack Walker, einer der beiden Gründerväter des 1997 in Cincinnati/Ohio entstandenen Projekts IsWhat?!, ist einer der interessantesten Vertreter einer geschichtsbewussten und politisch wachen afroamerikanischen Szene, die sich durchaus in der Tradition der Great Black Music sieht.

Für ihre Europatournee, die sie auch in den Schorndorfer Club Manufaktur führte, haben Maddox/Walker eine hochkarätige Band zusammengestellt. Dabei bilden der New Yorker Bassist Joe Fonda und Schlagzeuger Hamid Drake ein so dichtes und präzises Rhythmusteam, dass einem regelrecht die Spucke wegbleibt. Ihr oft funkiger Rhythmusteppich setzt punktgenaue Akzente und bleibt dennoch elastisch und offen für feine dynamische Veränderungen. Genau diese sich laufend ändernden dynamischen Gewichtungen tragen ganz organisch das musikalische Bandgeschehen. Damit knüpfen IsWhat?! unmissverständlich an den Bassisten/Komponisten/Bandleader Charles Mingus an. Mingus war es, der mit "Scenes in the city" oder "Freedom" Jazzlyrics politisiert und konsequent seine Musikkonzeption radikalisiert hat. Wie Mingus bedienen sich auch IsWhat?! gleichsam eklektisch aus dem großen Fundes des Jazz.

Nach einer langen freien Kollektivimprovisation nimmt sich Maddox gleich im ersten Song der aktuellen Meldung von der Entlassung Donald Rumsfelds an und zerpflückt deren semantischen Gehalt. Maddox ist nicht nur ein vorzüglicher Raper, der originell die Beatbox einzusetzen weiß. Er ist auch ein variantenreicher Stimmartist, der wie ein Instrumentalist zu improvisieren versteht und dabei gänzlich auf Elektronik und Samples verzichtet. Eine feurige Stimme steuert die Baritonsaxofonistin Clare Daly bei. Zusammen mit Tenorist Jack Walker bildet sie den Saxofonsatz des Quintetts. Walkers eher sanfter, hymnischer Ton steht im Gegensatz zur scharfen, schneidenden Phrasierung Dalys.

Zum Kanon afroamerikanischen Kulturbewusstseins gehört auch Spiritualität. Eine Spiritualität, die von so manchem Protagonisten durchaus auch als politisches Statement verstanden wird. Im Programm von IsWhat?! finden sich Kompositionen wie der Leon Thomas/Pharaoh Sanders Klassiker "The creater has a masterplan" oder "Pilgrimage". Genau da spürt man eine Haltung der Verbundenheit mit der eigenen Identität und eine Vision von einer besseren Welt. Dass es sich bei spiritueller Haltung und politischem Denken um keinen Gegensatz handeln muss, machen IsWhat?! mehr als deutlich.

Herbert Federsel

© jazzdimensions2006
erschienen: 8.12.2006
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