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Howard Levy-Anthony Molinaro Duo

Kulturforum, Schorndorf, 1. 5. 2005

Der in Chicago lebende Harmonikaspieler, Pianist und Komponist Howard Levy hat das Vokabular und die spieltechnischen Möglichkeiten der diatonischen Harmonika erweitert wie kein Zweiter. Er ist ein atemberaubender Virtuose und großer Musiker, der sich auf Einladung des Kulturforum Schorndorf im Duo mit dem Pianisten Anthony Molinaro in den Galerien für Kunst und Technik vorstellte.

Howard Levy

Das Konzert fand im Rahmen eines Musikfestivals statt, das aus Anlass der Harmonika-/Akkordeon-Ausstellung "In aller Munde" Aspekte zeitgenössischen Harmonika- und Akkordeonspiels präsentierte.


Jenseits festgefahrener Muster improvisieren, neue musikalische Kontexte entwickeln – so könnte man Levys Credo umschreiben. Sein musikalischen Partnerschaften reichen von Jean-Louis Matinier, Michael Riessler, Bela Fleck, Rabih Abou-Khalil, Michel Godard, Glenn Velez hin bis Steffen Schorn und Claudio Puntin (wie auf dem SWR New Jazz Meeting 2000). Aber auch Latin-Projekte und Klassik bestimmen Levys Kosmos. "Die Harmonika ist ein kleines Instrument, um die Welt zu erobern." Und er tut es: mal mit vibratoreicher, mal fast ansatzloser Phrasierung, sentimental zirpend und hochbrausend zupackend, polyphon und obertonreich.

Anthony Molinaro

Wenn man Howard Levy als den herausragenden Exponenten der diatonischen Harmonika bezeichnen muss, so ist seine Arbeit mit dem Pianisten Anthony Molinaro ein Muster für avanciertes, integriertes und hochkomplexes Duospiel. Fließend die Übergänge von der Führungsstimme zur Begleitung. Faszinierend die abenteuerlichen Sprünge von Bach zu Bop, von Stride zu Free, von Komponiertem zu Improvisiertem. Beide Musiker kommunizieren auf höchstem musikalischen Niveau, unterliegen weder technischen noch stilistischen Begrenzungen. Sie nutzen ihre Möglichkeiten klug, erliegen nie der Versuchung, sich in vordergründiger Virtuosität zu verlieren.

Immer wieder hat man die Musik von Miles Davis mit "Sophistication der Einfachheit" umschrieben. Genau diese Sophistication findet man auch im Duo Howard Levy-Anthony Molinaro. Und wie bei Miles, dessen "All Blues" am Konzertanfang stand, sind geschmeidige Eleganz, eine große Bandbreite dynamischer Gestaltungsmöglichkeiten, rhythmische Vielschichtigkeit und ein intensives Atemerleben Merkmale des Duos. Dazu kommt ein ausgeprägter Sinn für die Wurzeln, die Tradition. "Aufgewachsen in ein jüdischer Familie," erzählt Levy, "waren meine ersten musikalischen Erfahrungen die mit Gospel und Blues."

Und dieses Blues- und Gospelfeeling wird deutlich in den Bearbeitungen von "Georgia on my mind", "Amazing Grace" oder dem Lennon/McCartney Klassiker "Blackbird". Letzteres übrigens mit einer Tasse als Plunger gespielt, mit seinen Growl-Effekten an Posaunisten aus dem Duke-Ellington-Umkreis erinnernd. So sind natürlich in Ellingtons "Mood Indigo" mehr als nur Spurenelemente des Growling zu hören. Von Molinaro mit einer Stridepianoartigen Improvisation mit rasanten 16-tel Läufen mit der rechten Hand begleitet, während die linke im Ostinato mit einem scheinbaren anderen Zeitgefühl die Akkorde setzt. Diese polyrhythmischen Schichtungen, diese Spannung im Zeitgefühl, das Verdichten und Lösen, geben dem Duo eine Komplexität, die den Eindruck eines größeren Ensembles vermittelt.

Molinaros "19/8" ist so ein Stück: Eine im sanften Crescendo ansteigende Figur wird ständig variiert, erweitert, intensiviert durch Blockakkorde. Der Zuhörer gerät in einen energetischen Sog, bei dem es kein Entweichen gibt. Ganz logisch und wie selbstverständlich werden Bachsche Kontrapunktlinien verwendet, die von den Goldberg-Variationen über "How high the moon" geradewegs zu Charlie Parkers "Donna Lee" führen. Parker war ja auch ein Meister im Umschreiben von Hits. Standards wie "Body and Soul", "Summertime" oder "I' ve got rhythm" werden von Levy/Molinaro seziert, in ihre Bestandteile zerlegt, um sie mit neuem improvisatorischem Leben zu füllen: Die "Kunst der Fuge" trifft auf die "Kunst des Re-Workings". Einen besonderen Glanzpunkt setzt "Amazonas", eine Levy-Komposition, die sich viel mit Gespür für Brasilianisches in schwindelnde Höhen erhebt.

Die kleine Harmonika, passend in jede Hosentasche, hat einen langen Weg hinter sich. Vom "Taschenklavier" und "Goschenhobel" hin zu einem Instrument, das, in den Händen eines Meisters wie Levy, einem förmlich den Atem nimmt.

Herbert Federsel

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions2005
erschienen: 30.5.2005
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