Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / reviews / concerts / 2004

Wynton Marsalis & Lincoln Center Jazz Orchestra

Musikhalle, Hamburg, So. 18.7. 04

"Ein akademischer Pyrrhus-Sieg" - Bei einem seiner zwei Deutschlandkonzerte 2004 betrachtete Wynton Marsalis in der Hamburger Musikhalle mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra die Geschichte des Jazz durch die rosarote Swing-Brille. Selbst Ornette Coleman zählt er jetzt zum Kanon der "Great American Black Music" auf – und verpasste ihm swingende Big Band Arrangements.

Wynton Marsalis

Als Wynton Marsalis nach langen Minuten zur dritten Zugabe auf die Bühne kam, strömten die Zuschauer nochmals zurück ins Parkett der Musikhalle und wurden mit der Ballade "Embraceable You" ausführlich belohnt. Der – nach Miles Davis – wohl bekannteste Trompeter der Welt zeigte, nur begleitet von Bass, Klavier und Schlagzeug, dass er immer noch ein unangefochtener Meister seines Instruments ist. Von sonoren Tiefen bis zu feinen Tupfern ganz ganz oben sang seine matt schimmernde Trompete mit warmem, zentrierten Ton. Der Musiker Marsalis beherrscht sein Instrument umfassend.

Doch die hohe Qualität der musikalischen Darbietung ließ zuvor die beiden Sets mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra zum Pflichtprogramm für kulturbeflissene Hörer werden. Denn das renommierte Jazzensemble ist der klingende Botschafter des Kultur- und Bildungs-Programms Jazz At The Lincoln Center und offenbar versteht Marsalis die Tourneen und Konzerte als Lehrveranstaltungen in Sachen Jazz-Geschichte.

"Out Here To Swing" heißt das aktuelle Programm und erweist dem Sound der 30er und 40 Jahre alle Ehre. Doch was damals Tanzsäle in Bewegung setzte, blieb in Hamburg nur respektvoll arrangiertes Museumsstück. Im glanzvollen Kammerton (das Konzert blieb nahezu unverstärkt, so konnte man erfreulich transparent den kontrapunktisch verwobenen Stimmen folgen) präsentierten Marsalis und seine Mitstreiter neue, höchst kunstvolle Arrangements von Klassikern wie Ellington und Lionel Hampton bis hin zu Monk, Coltrane und sogar Ornette Coleman. Dessen frühe Titel wie "Ramblin´" oder "Kaleidoskope" wurden umstandslos in etwas komplexere Bigband-Sätze gefasst.

Über die lebendige Gegenwart des Jazz erfuhr man dagegen nichts. In den 90er Jahren kursierte das Gerücht, der Pulitzer-Preis-gekrönte Komponist Marsalis notiere seinen Musikern selbst die kurzen Soli. Im Hamburger Konzert kam nur selten der Eindruck auf, das sei haltlos übertrieben. Selbst die beeindruckende 18-jährige Sängerin Jennifer Sanon blieb ganz klar ausführende Interpretin, entwickelte keine eigene Bühnenpersönlichkeit. So erkämpft Marsalis dem Jazz einen Pyrrhus-Sieg: Er verschafft Ellington, Coltrane und Coleman endlich die verdiente Anerkennung als wichtige Beiträge zur Kunst des 20. Jahrhunderts – doch in der Ahnengalerie verschwindet jedes Leben aus der Musik, die immer neu und unmittelbar für den Augenblick gedacht war.

Tobias Richtsteig

© jazzdimensions2004
erschienen: 25.07.2004
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: