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Jazzopen 2004, Skandinavischer Abend

Stuttgart, Fr. 16.7.2004 - mit Silje Nergaard, Nils Landgren, Viktoria Tolstoy

Wäre der European Song Contest im letzten Mai ein internationaler Jazz-Wettbewerb gewesen – Norwegen wäre nicht auf dem letzten Platz gelandet, sondern ganz weit vorne an der Spitze. Beim "Skandinavischen Abend" der Stuttgarter Jazz Open boten Silje Nergaard, Torun Eriksen und Bugge Wesseltoft tiefe Einblicke in die norwegische Jazz-Seele und stellten mit wunderschönen Melodien, viel Kreativität und einer ganzen Portion Natürlichkeit die Stars der schwedischen Nachbarn, Nils Landgren und Viktoria Tolstoy, in den Schatten.

Viktoria TolstoyViktoria Tolstoy

Seit Jahren schon versetzt das kreative Potential der nordischen Jazzszene Blue Note-Freunde aus ganz Europa in Verzücken. Längst sind Namen wie Esbjörn Svensson oder Ketil Bjornstad auch bei uns keine Geheimtipps mehr. Und wenn junge, blonde Schönheiten mit schwarzen Jazzstimmen Standards interpretieren, dann klingeln auch hierzulande die Kassen in den CD-Läden.

Eine dieser vielen Entdeckungen der letzten Zeit ist Viktoria Tolstoy, die im gut gefüllten Beethovensaal der Liederhalle den Auftakt zu diesem Abend gibt. Mit astreiner Artikulation singt die Schwedin ein Set aus Standards und meist balladesken Kompositionen ihres Förderers Esbjörn Svensson. So weit so langweilig. Denn eines macht der Auftritt von Viktoria Tolstoy deutlich: Perfektionismus ist nicht alles. Trotz technischer Brillanz schafft es weder die 30-Jährige, noch einer ihrer drei Mitmusiker, zu fesseln, jene magischen Momente entstehen zu lassen, die ein Jazzkonzert unvergesslich machen.

Silje NergaardSilje Nergaard

Ganz anders Silje Nergaard und ihr Quintett - der zweite Act des Abends. Warm und melodisch sind die Songs der Norwegerin. Poppig und in ihrer Harmonik doch dem Jazz verschrieben. Silje Nergaards Stimme ist ungekünstelt und in ihrer musikalischen Ausdruckskraft enorm. Mal ganz zart, mal leicht und unbeschwert, mal kraftvoll energisch singt sie sich durch ihr aktuelles und mittlerweile achtes Solo-Album "Nightwatch". Auch die Band der Mittdreißigerin ist erstklassig, was Pianist Tord Gustavsen mit einem atemberaubenden Fender-Rhodes-Solo in der Coverversion des Sting-Klassikers "If You Love Somebody Set Them Free" unterstreicht. In Norwegen ist Silje Nergaard längst ein Star – in Stuttgart hinterlässt sie ein begeistertes Publikum.

Man muss kein Jazz-Purist sein, um mit Nils Landgrens "Funky ABBA"-Projekt wenig anfangen zu können. ABBA-Songs als brachiale Funk-Kracher stehen auf dem Programm des letzten Konzertes im Beethovensaal. Und während ABBA-Fans verzweifelt versuchen, zu dem Soundbrei, den der schwedische Posaunist mit seiner 10-köpfigen Truppe auf der Bühne produziert, zu tanzen, wechseln andere den Saal und werden Zeuge der wohl größten Überraschung des Abends:

Torun EriksenTorun Eriksen

Torun Eriksen ist eine 26-Jährige Norwegerin mit einer schier unglaublichen Stimme. Eriksen kam als Sängerin im Gospelchor und durch verschiedene Soul-Bands zum Jazz. Im Mozartsaal präsentiert sie zusammen mit ihrer Band ihr Debut-Album "Glittercard". Selbstbewusst und ganz unprätentiös bewegt sich die Norwegerin auf der Bühne, lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die sanften Eigenkompositionen, die durch ihre schlichte Schönheit bestechen. Torun Eriksens warmes Timbre bezaubert – Begeisterung im Mozartsaal. Pianist in Eriksens Band ist an diesem Abend im übrigen der Soundtüftler Bugge Wesseltoft, der mit seiner eigenen Formation den Abschluss des Abends bildet:

Und was auf CD bisweilen nervtötend wirken kann, ist live einfach einmalig: Am Anfang steht eine einfache Piano-Melodie, eine Akkordfolge oder ganz einfach ein gesprochener Satz. Von Wesseltoft durch einen Synthie gejagt, geloopt und verfremdet, entstehen so ganz langsam hochenergetische Soundgerüste, auf denen sich der Tastenmeister dann austoben kann. Die Mischung aus Jazz-Improvisation und einem von Bassist Ole Morten Vaagan und Schlagzeuger Andreas Bye angeführten, eingängigen Dancefloor-Groove, animiert einige im Saal trotz der Bestuhlung zum Tanzen.

Es ist zwei Uhr nachts, als ein eindrucksvoller Abend zu Ende geht. Ein Abend, der im Zeichen guter Jazzmusik steht. Ein Abend im Zeichen Norwegens.

Johannes Kloth

© jazzdimensions2004
erschienen: 21.7.2004
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