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radio.string.quartet.vienna - "Radio träumt"

Fiktive, imaginäre Vorstellungsbilder, damit arbeitet die Musik des radio.string.quartet.vienna auch auf ihrer neuen CD "radiodream". Stellvertretend für das gesamte Quartett gibt Bandmitglied Bernie Mallinger darüber Auskunft, wobei es bei diesen Radioträumen geht und wo die Band gerade auf ihrem musikalischen Weg befindet.

Bernie Mallinger

Bernie Mallinger ist Violinist und Vocalist des Wiener Violinquartetts, das sich in den Grenzgebieten des Jazz bewegt und sich dort mittlerweile ganz bequem eingerichtet hat.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Bernie Mallinger

Carina: Wie sieht denn der "Radiotraum", den euer aktuelles Album akustisch illustriert, für dich aus? Kannst du das mit deinen Worten beschreiben?

Bernie: "radiodream" ist eine Reise durchs Unterbewusstsein, bei der man im Traum verschiedenste verborgene Hoffnungen, Ängste, Wünsche, Sorgen usw. wie in einem surrealen Film erlebt. Vielleicht ist es aufgrund der plötzlichen Wechsel der Welten mit einer Achterbahnfahrt vergleichbar, wo man auch nicht weiß was als nächstes kommt...

Das Spannende an Träumen ist ja, dass man – anders als in der Realität – seine Entscheidungen nicht bewusst steuern kann und man deshalb mit Situationen konfrontiert wird, die weit über unsere Vorstellungen bzw. Gewohnheiten hinausgehen. Wir haben diese surrealen Welten versucht in Musik umsetzen. Von der "Inception", dem Einschlafen, bis zur "Extraction" haben wir die einzelnen Träume in einer Art eigenem Drehbuch miteinander verbunden – eigentlich könnte man sagen: es ist die Filmmusik zum Film in unseren Köpfen.

radio.string.quartet.vienna

Carina: Der PR-Text sieht euch bei dieser CD eng verbunden mit dem Wiener Psychoanalytiker und Traumdeuter Sigmund Freud. Wie erklärst du euer Verhältnis zum "Vater der Psychoanalyse", zumal Freuds Lehren ja in der heutigen Zeit etwas umstritten sind?

Bernie: Unsere Verbindung mit Freud beschränkt sich, neben unserem gemeinsamen Beruf als Traumdeuter – okay, das ist ein Scherz! – eigentlich auf den Umstand, dass sowohl er als auch wir in Wien leben bzw. gelebt haben. Es ist ja doch so, dass einen das Umfeld in dem man sich tagtäglich bewegt mehr oder weniger prägt.

Unser "Song", dem wir den Untertitel "Ode an den Freud" gegeben haben, ist der musikalische Versuch eines Quartetttraumes: Wie würde es aussehen oder klingen, wenn vier Individuen einen Traum miteinander träumen?

Nachdem wir aus allen möglichen Ecken der Welt kommen, uns aber in Wien getroffen haben und jetzt dort leben, wäre die Stadt als verbindendes Glied in so einem Traum wohl ein sehr wichtiges Element.

Vielleicht hat auch Freud, der Traumdeuter, gerade Wien gebraucht um seine Theorien zu entwickeln. Und wie hätte er diesen, unseren Traum analysiert? Daher die Idee ihn bei diesem "Song" im Untertitel zu erwähnen ....

radio.string.quartet.vienna

Carina: Wie du sagst, seid ihr Wahlwiener. Inwieweit findet das typisch Wienerische seinen Ausdruck in eurer Musik? Und was wäre "typisch Wienerisch"?

Bernie: Wenn wir von Eigenheiten der Wiener Musik sprechen, gibt es einen sehr signifikanten Umstand: Ein Großteil des Repertoires besteht aus Tänzen und Märschen. Nur kann man zu den meisten Wiener Tänzen nicht tanzen und zu den Wiener Märschen nicht marschieren! Es ist eine Musik mit einem ganz eigenen Rhythmusgefühl, einer sehr speziellen Time.


"Ein Großteil der Wiener Musik besteht aus Tänzen und Märschen. Nur kann man zu den meisten Wiener Tänzen nicht tanzen und zu den Wiener Märschen nicht marschieren!"
 

Vom Text der Lieder her gesehen ist es so, dass es neben dem Thema Liebe (wie überall....) auch sehr viel um Wein, ums Trinken und ums Sterben geht. Eine weitere Eigenart ist auch das "nicht konkret sein": Man sagt in Wien zum Beispiel nicht, "wir sind jetzt hier", sondern "wir wären jetzt hier". Was in weiterer Folge bedeutet, dass es ja auch nicht so sein könnte...

Woher diese ganzen Eigenheiten kommen und warum der Wiener so ist wie er ist, mag vielleicht in der langen Geschichte der Stadt als Schmelztiegel der verschiedenen Kulturen und somit als Bindeglied von Nord, Süd, Ost und West liegen. Leicht melancholisch, aber doch eigentlich fröhlich und heiter. Scheinbar ewig rückblickend und doch auch nach vorne orientiert...

Wie sehr das in unsere Musik einfließt? Nun ja, ich denke da sind wir wieder bei dem Umstand, dass man im Endeffekt doch auch immer ein Produkt seiner Umgebung, seines Umfelds ist....

radio.string.quartet.viennat - "radiodream"

Carina: Wenn du die Entwicklung vom Vorgängeralbum zur Musik der neuen CD betrachtest: was hat sich an den Ideen, aber auch am musikalischen Anspruch verändert?

Bernie: Nach unserem letzten reinen Quartettalbum "Celebrating the Mahavishnu Orchestra" haben wir ja einige sehr interessante Kooperationen gemacht. Zunächst haben wir einige Stücke mit dem Gitarristen Ulf Wakenius für sein e.s.t.-Tribute Album aufgenommen und auch live gespielt. Danach kamen Projekte mit dem Akkordeonisten und Bandoneonisten Klaus Paier und zuletzt eine CD mit Rigmor Gustafsson.

Dabei haben wir eine ganze Reihe verschiedener Klangsprachen entdecken können, weil ja unsere Rolle ja immer eine andere war. Mit Klaus war es, anders als mit Ulf, weniger ein Quartett mit einem Solisten als vielmehr der Versuch ein Quintett aus Cello, Bratsche, Geigen und Akkordeon entstehen zu lassen.

Bei Rigmor war der Schwerpunkt natürlich am Song selber, dem zu dienen es die Aufgabe war. Das war wieder eine ganz neue Erfahrung. Was diese ganzen Projekte von Mahavishnu bis Rigmor miteinander verbindet ist, dass wir immer wir selbst geblieben sind, mit einem erkennbaren Bandsound, der sich einfach unterschiedlich positioniert.

Flexibilität ist eine wunderbare Sache, aber man darf den roten Faden des eigenen Sounds nicht aus den Augen verlieren! Sonst kann das schnell wirken wie eine Artistennummer im Zirkus. Dem haben wir versucht, so bewusst wie möglich entgegenzuwirken.

Bei "radiodream" ist es jetzt sicher so, dass alle diese Schritte, die wir gemeinsam gegangen sind, ihre Spuren hinterlassen haben und vieles, bewusst oder unbewusst, einfach hängen bleibt. Dazu kommen immer neue musikalische Entdeckungen, die einen faszinieren und die man auch irgendwie im Kopf hat. Und das alles ergibt dann die Entwicklung von einem zum nächsten und zum nächsten Album.

radio.string.quartet.vienna

Carina: Ein Zitat von dir zu Stücken von "Radiodream" lautet: "Vom unschuldigen Klang eines Kinderliedes in den schlimmsten Abgrund... solche schnellen Wechsel der verschiedenen Traumwelten musikalisch logisch zu gestalten war eine große Herausforderung...". Handelte es sich ausschließlich um eine musikalische Herausforderung?

Bernie: Eine Eigenart von Träumen ist, dass man das Erlebte, sozusagen das Ausgangsmaterial, ganz anders "zurückbekommt". Alles ist noch intensiver – das Schöne noch schöner, das Schlimme noch schlimmer. Alles irgendwie zum Quadrat. Und das umzusetzen war eine der maßgeblichen Aufgaben, die wir uns gesetzt haben.

Dabei sind wir bei der musikalischen Umsetzung insofern an eine Grenze gestoßen, als wir gemerkt haben, dass wir, bei dem ganzen Reichtum des Klangspektrums eines Streichquartetts, noch weiter und tiefer gehen wollen als uns das die Akustik der Instrumente erlaubt. Wir waren irgendwann an dem Punkt wo wir gemerkt haben, dass es nur mit spieltechnischen Mitteln nicht mehr weiter geht.

Da haben wir das große Glück gehabt mit dem Musiker und Sounddesigner Martin Koller einen Mann mit uns zu haben, der unsere Ideen nicht nur verstanden hat, sondern auch seine eigenen Vorstellungen und Visionen dazugab und so einen wesentlichen Anteil an der ganzen CD hat. Wir sind und bleiben immer ein Streichquartett, nur ist am Schluss des natürlichen Klangspektrums eben nicht Schluss!

Was die Fähigkeit betrifft, sich in andere Gedankenwelten hineinzuversetzen, ist es ja beim gemeinsamen Musizieren ohnehin immer so, dass man immer spürt oder zu spüren glaubt, wie die musikalischen Partner gewisse Passagen erleben. Die Interaktion, das gemeinsame Reisen durch einen Traum lässt einen gewisse Momente immer anders fühlen. Wenn auch alle wissen, was bei diesem oder jenem Traum die Idee ist, so ist die individuelle Wahrnehmung doch immer eine völlig eigene.

Ich weiß nicht, was Asja, Cynthia oder Igmar wirklich bei einem Stück denken, aber ich spüre, dass wir gemeinsam auf demselben Weg sind, um uns dem Kern, der Aussage des Stückes zu nähern. Und Zuhören bzw. Hineinversetzen ist ja bekannterweise beim Musizieren kein Nachteil.

Carina: Beschäftigen wir uns mal mit der Idee, der Vision des radio.string.quartet.vienna – wo steht ihr und wo wollt ihr hin?

Bernie: Wir experimentieren gerne. Wir akzeptieren keine vorgegebenen Grenzen, ohne dass wir es zum Credo erheben, immer anders sein zu müssen. Es ist eine wunderbare Spielwiese aus der klassischen Musik oder aus dem Jazz zu kommen aber in Richtung Rockmusik oder neue Musik zu denken.

"Crossover" wäre der naheliegenste Begriff für das was wir machen, aber "Crossover" ist heute ohnehin schon fast alles! Man mag mit AC/DC auf Geigen verkaufstechnisch gut bedient sein, aber die Musik geht bei den meisten Crossover-Projekten einfach total verloren. Deshalb wehren wir uns sehr gegen diesen Begriff.

Wir sind – mit großem Respekt! – auf der Suche unser eigenes klangliches Reich zu erkunden und wir lassen uns dabei nur dadurch beeinflussen, was wir in dem und dem Moment an dieser oder jener Stelle hören, um es dann auf eine für uns glaubwürdige Weise umzusetzen. Woher die Einflüsse auch immer kommen mögen.

radio.string.quartet.vienna

Carina: Euch wird eine "Leidenschaft für neue Sounds" nachgesagt. Gibt es denn noch vollkommen neue Sounds, wurde nicht alles schonmal gespielt? Worin liegt das "Neue" in den Sounds, für die ihr eine Leidenschaft hegt? Und wie findet ihr die?

Bernie: Ich glaube schon, dass es immer noch sehr viel Neues zu entdecken gibt. Wie neu unser Klang ist bzw. unsere Sounds sind mag ich nicht beurteilen. Vor kurzem ist es mir passiert, dass ich ein Streichquartett von György Ligeti angehört habe und an einer Stelle plötzlich stark an eine Passage aus einem Stück von mir erinnert wurde. Nur, ich habe das Stück da zum ersten Mal gehört!

Seit 250 Jahren denken Leute drüber nach, wie sie was neu machen können. Da sind wir wirklich nicht die Ersten. Ich glaube aber schon, dass es bei uns einiges gibt, dass man so noch nicht gehört hat, weil wir ohne Skrupel die klassischen Spiel- bzw. Aufnahmetechniken über Bord werfen, um unsere Ziele zu erreichen.

Wir wollen auch nicht zwanghaft immer neu sein, sondern einfach mit den uns gegebenen Mitteln Musik machen. Und beim Experimentieren kommen schon sehr interessante Varianten zu Tage, die wir uns dann auch nicht scheuen zu verwenden.

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie? Und, dazu passend: gibt es so etwas wie eine Bandphilosophie?

Bernie: Keine Lebensphilosophie, die man mit einem klug klingenden Spruch ausdrücken könnte. Und Bandphilosophie... Naja, vielleicht eher ein gemeinsames Ziel – einen unverwechselbaren Bandsound zu schaffen!

Carina Prange

CD: radio.string.quartet.vienna - "radiodream" (Act Music ACT 9512-2)

radio.string.quartet.vienna im Internet: www.radiostringquartet.com

Act Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Pressefotos (1: Thomas Radlwimmer; 2, 4, 5: Lukas Beck; 3: Nancy Horowitz)

© jazzdimensions 2012
erschienen: 9.5.2012
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