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Odean Pope - "Ideen, die einen Unterschied machen"

In Philadelphia, in einer musikalischen Umgebung aufgewachsen zu sein, in der sich Künstler wie John Coltrane, Clifford Brown, Benny Golson, Dizzy Gillespie und viele andere die Türklinke der Clubs in die Hand gaben, ist an sich schon eine Bereicherung. Tenorsaxophonist Odean Pope war schon früh auf der Suche nach dem eigenen Sound, ging in die "Tourschmiede" Max Roachs und lernte dort viel über die Kommunikation zwischen Musikern – auf und hinter der Bühne.

Odean Pope

Die Idee, mitgetragen und -initiiert von seiner Frau Cis, seinen Saxophone Choir mit neun Saxophonen zu gründen, brachte Pope große Erfolge in Europa ein. Pope, Jahrgang 1938, band auf seinem Album "Odean's List" eine jüngere Generation von Jazzmusikern mit ein, wie den Schlagzeuger Jeff "Tain" Watts und den Saxophonisten James Carter. Pate des Projekts, Inspirator und Autor der Linernotes ist kein anderer als Archie Shepp. "Odean's List" ist ein Werk, das an Energie und kreativer Macht vieles weit übertrifft, was landläufig derzeit als "neu" im Jazzgenre auf den Markt kommt – erstklassig.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Odean Pope

Carina: Odean, du hättest, so schreibt man über dich, über deine gesamte musikalische Laufbahn an deinem Ton gearbeitet, der deshalb seit je innovativ und großartig gewesen sei. Ist es eine Grundvoraussetzung für einen Musiker, sich nicht abzufinden, nach dem Unerreichten zu streben, dem Innovativen?

Odean: Ja, man muss versuchen, etwas Neues zu erschaffen. Man braucht hierfür auch Talent. Daneben muss man natürlich zur Schule gehen, die Kunst studieren. Die schöpferische Fähigkeit mag einem zwar in die Wiege gelegt sein. Aber erst aus der Kombination aus Talent und entsprechender Ausbildung ergibt sich die Fähigkeit, etwas zu schaffen, was anderen Leuten Freude macht.

Mein Saxophone Choir und auch der Einfall zu "Odean's List" ist von vielen Seiten her inspiriert worden – so viel musste hierfür geschehen, in Sachen Musik, in Sachen persönliche Beziehungen von Mensch zu Mensch. Und aus dieser Kombination speist sich die Kraft, schöpferisch tätig zu werden. Die Kraft, etwas auch abzuschließen.

Odean Pope

Carina: Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen "erfinderisch" und "schöpferisch"?

Odean: Ja… Nein… – Ich glaube, beides tritt in Kombination auf! Der Erfinder und der Schöpfer… Etwas zu erfinden, bedeutet, einen Einfall gehabt zu haben, anhand dessen man weiterarbeitet. Manchmal muss man eine ganze Weile daran arbeiten, bis etwas herauskommt, das dem Einfall gerecht wird.

Der "Schöpfer" hingegen, wie ich das nennen möchte, hat ein größeres Bild vor Augen. Und er verliert es nicht aus dem Blick, wenn er daran arbeitet, seinem Ideal nahe zu kommen. Für "Odean's List" habe ich mir erstmal vier Monate frei genommen.

Während dieser Zeit habe ich an nichts anderem gearbeitet, als an der Musik und deren Konzeption. Ich begann von Null. Jeden Morgen stand ich auf, so als ob ich zur Arbeit gehen würde. Und richtete meinen Blick auf das Ziel und wie ich dorthin kommen könnte. Ich glaube, ich bin dort gut angekommen! (lacht)

Odean Pope

Carina: Du hast mit Miles Davis gespielt, mit Archie Shepp, Clark Terry oder Lee Morgan. Ein früher Wendepunkt mag aber Ende der 60er Jahre das Engagement bei Max Roach gewesen sein…

Odean: Oh, ich fand es immer toll, in den verschiedensten Konstellationen zu spielen. Aber richtig, mit Max Roach auf Tour zu gehen, war damals ein ungeheurer Schritt voran. Man traf so viele Musiker und konnte Ideen austauschen. Ich profitiere noch immer davon – für den Saxophone Choir und meine anderen Projekte…

Meine Devise ist, je mehr man arbeitet, je mehr Leute man trifft, je mehr Wissen man ansammelt, desto größer die Möglichkeiten der Entwicklung, die sich ergeben.

Odean Pope - "Odean's List"

Carina: Wenn du auf diese Zeit zurückblickst, was war am Wichtigsten?

Odean: Das Wichtigste war, in einer derart musikbesessenen Stadt aufzuwachsen, wie es Philadelphia damals war. Es gab großartige Musiker in Philadelphia, wahrhaft großartige! Du brauchtest dich nur umzusehen – da war Bennie Golson, die Heath Brothers, John Coltrane. Haufenweise musikalische Giganten, die sich in jener Zeit in Philadelphia entwickelt haben. Jimmy Smith, Lee Morgan… mir würden noch mehr Namen einfallen. Und es ist nicht so, dass da nichts mehr wäre – auch jetzt gibt es zahllose vielversprechende, junge Musiker in Philadelphia.

Und auch wir hatten unser Umfeld, damals. Es gab einen Club namens "Doghouse", da spielten wir zwei-, dreimal pro Woche. Es geht ja nichts drüber, auf der Bühne zu stehen! Du kannst jahrelang zur Schule gehen, aber es ist beim Spielen, wo die Ideen kommen. Die besten und die kreativsten Ideen kommen immer dann, wenn du dich mit anderen zusammentust. Dann sprudelt die Quelle!

Carina: Fiel es dir leicht, dich aus dem Sog der übermächtigen Meister wie John Coltrane zu befreien, um deinen eigenen Sound zu finden?

Odean: Naja, ich hab' ja all die Jahre nichts anderes getan, als an meinem Sound zu feilen! Eigentlich, seit ich das Instrument das erste Mal in die Hand nahm.

John Coltrane, übrigens, bekam in einem Interview einmal gesagt, er würde sich "ja anhören wie John Gilmore bei 'Pacing A Train'…" – Und weißt du, was er antwortete? "Stellen Sie sich das wie einen großen Whirlpool vor," sagte er. "Und wir alle sitzen da drin und werden umhergewirbelt. Und die Kunst besteht darin, sich aus dem Strudel heraus mit einer eigenen Stimme bemerkbar zu machen!"

Und das, sage ich, ist nicht leicht! Man muss konzentriert da rangehen. Man muss sehr bei sich sein, um sich selbst zu finden. Wenn man anderer Leute Musik zu viel zuhört, dann sickert das in den eigenen Stil ein. Was ich also zu tun pflege? Üben. Auf meinem Instrument. Und dann am Klavier. Üben. Auf eine Weise kommt man durch stetiges Üben seinem Ziel immer näher. Und jeden Tag, wenn ich das Saxophon zur Hand nehme, freue ich mich darauf, an meinem Sound zu arbeiten.

Carina: Zu "Odean's List" – wo liegt die Hauptquelle für die Musik dieses Albums? Wie wichtig war diese spezielle Konstellation der Musiker für das Projekt?

Odean: Weißt du, es war so, dass ich viele Jahre lang mit großen Gospelchören zu tun hatte – und mit allen möglichen anderen Formationen, von Streichquartetten bis zu Big-Bands. Und dass ich jemand bin, der immer etwas probieren möchte, das anders klingt, das irgendwie neu ist.

Es ergab sich, dass wir im Jahr 2008 eine Tribute-Tour zu Ehren von Max Roach machten. Über vier Tage, aber jeden Abend mit einer anderen Besetzung. Ich hatte eine Liste der Leute, mit denen Max während seiner Karriere so gespielt hatte und es war mein Job, die Besetzungen jeden Abend zusammenzustellen. Dabei dachte ich, okay, das ist "die Liste für Max".

Aber wie sähe meine eigene Liste aus – "Odean's List"? Ich überlegte, welche Musiker meinen Weg gekreuzt hatten. Wen würde ich anrufen, wenn es darum ginge, meine Musik aufzuführen? Wer wäre interessiert? Wer würde die Disziplin, würde den Mumm dazu aufbringen? Mit James Carter hatte ich zwei Jahre zusammengespielt und ich wusste, dass er willens sein würde, mich zu unterstützen. Und Jeff "Tain" Watts fiel mir ein, weil ich immer schon etwas mit ihm machen wollte.

Um auf die Frage zurückzukommen – das hat wirklich lange gedauert, bis ich mir über die Besetzung klar war. Es kamen einfach so viele Musiker in Betracht. Und es erwies sich als Problem, sie alle gleichzeitig zur Stelle zu haben. Versuch es mal! Versuche mal, acht Musiker dieses Kalibers am gleichen Tag am selben Ort zusammenzubringen!

James Carter, Walter Blanding, Jeff "Tain" Watts… Keine leichte Aufgabe. Das dauerte, bis ich das so ausgetüftelt hatte, dass es allen in den Kram passte. Es war dann schon noch etwas Glück dabei, dass wir es durchziehen konnten.

Odean Pope

Carina: Es scheint, dass Gospel und Soul eine wichtige Funktion in deiner Musik haben. Kann man das so festhalten, dass hier deine Wurzeln liegen, und dass das mit Spiritualität zu tun hat?

Odean: Da hast du was Wahres gesagt. Und mehr als das - wenn ich meine Musik betrachte, oder meine Sicht auf sie: es ist zeitgenössische Musik – "contemporary music". Mit "contemporary" meine ich, dass es Musik ist, die immer auf der Suche ist und stets mit etwas Neuem, Frischen aufwarten möchte. Man könnte meine Musik natürlich auch "Jazz" nennen. Ebenfalls eine schöne Bezeichnung…

Aber mir ist "contemporary" lieber, weil da das Wachsen mitschwingt, und das Sich-Entwickeln – hin zu etwas, das sich jedesmal aufs Neue übertrifft. Und ich versuche, jedes Mal, wenn ich eine meiner Kompositionen auf die Bühne bringe, sie anders zu interpretieren. Das ist aber auch fast ein Automatismus, weil sich ja das Konzept hinter den Soli, den Improvisationen, mit der Zeit immer wieder verlagert.

Carina: Eines deiner Hauptprojekte ist die Band Saxophone Choir. Eine derart stark durch immerhin neun Saxophone geprägte Besetzung, was wird da entfesselt?

Odean: Zunächst sollte ich vielleicht erklären, dass ich quasi im Hinterhof einer Kirche großgezogen wurde und mit den Klängen eines großen Gospel-Chors aufwuchs. Aber vor allem Tribut zollen muss ich an dieser Stelle meiner Frau, die zum einen Schriftstellerin ist und zum anderen immer eine große Rolle in allem spielt, was ich so mache. Und der Saxophone Choir war ihre Idee.

Sie drängte mich immer, doch etwas wie einen Chor mit Saxophonisten auf die Beine zu stellen. "Stell dir so eine Formation zusammen," riet sie mir, "und dann bring sie auf die Bühne, mach sie stark!" Anschließend könne ich mich wieder um Sachen mit kleinerer Besetzung kümmern, meinte sie. Aber das sei etwas, was ich jetzt tun müsste.

Die Band besteht zur Zeit, wie du gesagt hast, aus neun Saxophonisten. Dazu kommen noch Klavier, Bass und Schlagzeug. Dabei hatte ich anfangs gar keine Rhythmusgruppe gewollt. Ich habe sie also weggelassen und erst später versuchsweise hinzugenommen. Das hat mir dann aber doch so gut gefallen, dass es dabei geblieben ist! (lacht)

Carina: Würdest du den Saxophone Choir mit einem menschlichen Chor vergleichen, so wie es vom Saxophon immer heißt, es ähnle der menschlichen Stimme?

Odean: Viele Leute behaupten das mit dem Saxophon und der Stimme. Ich glaube auch daran. Das Saxophon ist deshalb auch ein Instrument, dem man zuhört. Jeder hört einem Saxophon zu. Das Klavier hat es schwer dagegen, auch die Trompete! Immer, so lang ich denken kann, war es das Saxophon, das gewissermaßen den Ton angibt. Deshalb kam, meine ich, diese Idee der Vergleichbarkeit mit der Stimme auf.

Und das Saxophon hat ja eine ungeheure Kraft in seinem Sound. Und es ist ein Instrument, dem man sich als Musiker voll und ganz verschreibt. So sehr verschreibt, dass man alles daran setzt, mit einer eigenen Stimme hervorzustechen – eben wie es Kenny Garrett oder John Coltrane gelungen ist. Während wir dieses Gespräch führen, wird irgendwo dort draußen ein weiterer junger Saxophonist sein, dem es gelingt, diese Schwelle zu überschreiten.

Odean Pope

Carina: Obwohl es ja weder Text noch gesungene Worte gibt, ist dein Saxophone Choir dennoch in der Lage, eine Botschaft zu vermitteln - vielleicht eine jenseits der menschlichen Sprache?

Odean: Es scheint so – egal, wo ich mit dem Saxophone Choir unterwegs bin, immer bekommen wir stehende Ovationen. In den frühen 80er Jahren war ich in Europa. Überall wurden wir gefeiert. Wir waren an Orten, wo keiner unsere Sprache verstand. Doch die Musik selbst erwies sich als die "universelle Sprache", als die man sie immer bezeichnet. An jedem Ort der Welt. Es ist ein Glück, dass es so ist. Ich bin dafür immer wieder dankbar.

Bislang hatten wir immer gute Reaktionen mit dem Saxophone Choir. In erster Linie, denke ich, liegt das daran, das diese Formation ein wirklich eigenständige Stimme besitzt. Und klar, wenn man erstmal neun Saxophone zusammenbringt und dieses mächtige Kollektiv auf das Publikum loslässt… das macht einen überwältigenden Eindruck!

Carina Prange

CD: Odean Pope - "Odean's List" (In-and-Out Records IOR CD 77102-2)

Odean Pope im Internet: www.odeanpope.com

In-and-Out Records im Internet: www.inandout-records.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2012
erschienen: 25.2.2012
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