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Ulrich Drechsler - "Ehrlichkeit kommt vor Authentizität"

Der Wiener Bassklarinettist Ulrich Drechsler ist ein Mensch, der sozusagen ständig und ununterbrochen an der Weiter- entwicklung seiner musikalischen und persönlichen Identität arbeitet. Viele kennen den freischaffenden Musiker und Komponisten vom Trio "Café Drechsler" her, oder vom "Ulrich Drechsler Quartet".

Ulrich Drechsler

Über die letzten Jahre haben sich als seine Hauptprojekte das Ulrich Drechsler Trio und die Nu Jazz Band Drechsler herauskristallisiert. Doch auch die klassische Musik als Drechslers ursprüngliches Betätigungsfeld ließ den Musiker nie ganz los. Sein jüngstes Projekt, das Ulrich Drechsler Cello Quartet, bewegt sich mit Bassklarinette und zwei Cellisten demnach zwar auf durchaus kammermusikalischem Terrain, es handelt sich aber – ebenfalls typisch für Drechsler – definitiv um Jazzmusik.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Ulrich Drechsler

Carina: Dein Weg von der Klarinette zum Tenorsaxophon, von der Klassik zum Jazz: kamen diese Übergänge letztlich einem Wechsel der Lebenseinstellung gleich? Bedeutet die Wahl deines jetzigen Instruments, der Bassklarinette, quasi die Synthese, die Versöhnung beider Welten?

Ulrich: Ich bin am Land aufgewachsen. Irgendwann wollte ich mit neun Jahren aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, in der örtlichen Blaskapelle Klarinette spielen. Daraus entstand dann automatisch die Auseinandersetzung mit der Klassik.

Anscheinend wies ich eine gewisse Begabung auf und wurde dahingehend gefördert, mich der klassischen Musik zu widmen. Mit sechzehn Jahren lernte ich dann Saxophon, weil ich es cool fand und mir erhoffte, bei den Mädchen mehr Chancen zu haben.

Dadurch kam ich wiederum zum ersten Mal in Kontakt mit improvisierter Musik und stellte bald darauf fest, dass die klassische Musik für mich zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten bot. So kam dann der Entschluss Saxophon und Jazz zu studieren. Die Klarinette legte ich komplett nieder.

Während meines Studiums in Graz musste ich ein Pflichtjahr Klarinette absolvieren – mein erster Kontakt mit der Bassklarinette – und stellte fest, wie verbunden ich diesem Instrument bin. Es ist einfach mein Instrument, meine Stimme… Ich! Mit dem Saxophon dagegen wollte ich jemand sein, der ich nicht bin – oder zumindest nicht mehr bin.

Ulrich Drechsler

Carina: Du bist dennoch immer wieder mal zur klassischen Musik zurückgekehrt, beispielsweise mit dem Album "Nebensonnen", auf dem du eine komplette Neuadaption von Schuberts "Winterreise" für Jazzquartett gewagt hast.

Ulrich: Zum Projekt "Nebensonnen" wurde ich damals von dem Bassisten Oliver Steger und der Pianistin Monika Dörfler eingeladen, die die Musik arrangierten. Es war mein erstes größeres Projekt mit der Bassklarinette, und ich war damals, ehrlich gesagt, komplett überfordert! (lacht) Ich übe aber täglich klassische Musik und höre sehr viel Johann Sebastian Bach.

Carina: Was gibt dir die Klassik, was dir der Jazz nicht geben kann?

Ulrich: Es gibt klassische Musiker, Kompositionen und Aufnahmen – wenn auch eher wenige – bei denen jeder auch noch so kleine Ton einem musikalischen "Feuerwerk" gleichkommt. Jeder Ton ist wichtig und die Dramaturgie der Werke steht im absolutem Mittelpunkt.

Die große Herausforderung in der klassischen Musik besteht meiner Meinung darin, den äußeren Vorgaben wie "Perfektion" – wie unsinnig! Perfektion gibt es nicht! – zu genügen und gleichzeitig noch die eigene Persönlichkeit in die Musik zu integrieren. Nur sehr wenigen Musikern gelingt das. Aber wenn es gelingt, dann ist es wirklich etwas Unglaubliches.

Ulrich Drechsler

Carina: Auch die neue CD "Concinnity" verbindet ja letztlich Kammermusik mit Jazz und Volksmusik…

Ulrich: Ein klassischer Ansatz ist bei "Concinnity" von meiner Seite her eigentlich nicht beabsichtigt. Nach außen macht es den Eindruck, weil man die Besetzung mit zwei Celli und Bassklarinette natürlich eher der klassischen Musik zuordnet. Beeinflusst hat mich hier sehr stark skandinavische, insbesondere norwegische Musik.

Ich bin ein Riesenfan dieser Musik, die sich im Großen und Ganzen sehr auf das Wesentliche reduziert. Parallel dazu begann ich – allerdings absolut laienhaft, denn ich habe nur wenig Ahnung von diesen Musikkulturen –, persische, arabische und indische Musik zu hören. Da fasziniert mich die Intensität und Aufrichtigkeit der Musik.

Ulrich Drechsler Cello Quartet - "Concinnity"

Carina: Du hast zwei Celli mit dabei auf dem neuen Album: inwiefern hat für dich der Klang des Cellos etwas ganz Besonderes?

Ulrich: Seit ich das erste Mal eine Aufnahme von Jaqueline du Prè gehört habe, bin ich diesem Instrument verfallen. Sie spielte auf dem Cello jeden Ton so, als ob es ihr letzter wäre. Es hat eine so unglaubliche Tiefe, Intensität – und für mich auch Erotik.

Carina: Wie kamst du darauf, Musik für eine solche Besetzung zu schreiben?

Ulrich: Bassklarinette und Cello sind sich in vielen Belangen sehr ähnlich. Beides sind Baritoninstrumente, beide haben einen nahezu identischen Tonumfang, der um die fünf Oktaven beträgt, was wirklich viel ist. Und sie mischen sich klanglich phantastisch, worin gleichzeitig die große Gefahr liegt. Um derart hoch emotionale Instrumente, die sich so ähneln, in einem Projekt zu vereinen, muss man darauf achten, dass sie sich nicht gegenseitig behindern.

Setzt man gleich drei davon ein, Bassklarinette und zwei Celli, besteht die Gefahr, dass eine grosse Klangwolke entsteht, in der sich die Stimmen gegenseitig neutralisieren und die Musik ein einziger Sumpf wird. Daran musste ich ziemlich herumtüfteln. Andererseits gibt diese Besetzung die Möglichkeit, dass jedes Instrument jede Rolle übernehmen kann: melodisch, harmonisch und rhythmisch.

Ein weiterer, ganz profaner, Grund ist, dass ich mir natürlich überlege, welches musikalische Konzept sich aus der unüberschaubaren Masse herausheben und erfolgreich sein könnte. Das ist etwas, das ich mit meinem früheren New Jazz Projekt Café Drechsler gelernt habe. Ich möchte natürlich Musik machen, die auch ein Publikum findet. Mit dem zigtausendsten Klaviertrio oder Saxophonquartett würde ich mich da schwerer tun!

Ulrich Drechsler

Carina: Du hast – vielleicht ja deshalb – Monks Klaviermusik in einer Besetzung ohne Klavier eingespielt. Besteht der Ansatz darin, mit anderen Instrumenten letztendlich den Klang des Klaviers nachzuempfinden oder ist die Idee, ohne Klavier die Musik von Monk völlig neu und anders hörbar zu machen? Sie sozusagen vom Klavier zu lösen?

Ulrich: An Monk hat mich auch die Authentizität seiner Musik gereizt. Seine Musik ist so stark, dass, egal wie man sie interpretiert, immer nach Monk klingt. Ich glaube, mehr geht nicht. Die Musik eigenet sich hervorragend für die Bassklarinette. Sie ist auf dem Instrument wirklich schwer zu spielen, entspricht aber gleichzeitig dem Charakter der Bassklarinette.

Ich wollte mich sicherlich damals von Monk's Klavierspiel lösen indem ich eine klavierlose Besetzung gewählt habe. Ich glaube, es ist mir gründlich misslungen! Auch wenn das Album ganz gut sein mag, so ist es in Wirklichkeit doch ein schlechter Abklatsch von Monk's Genie.

Carina: Bleiben wir bei der Authentizität. Deine Biographie enthält das schöne Zitat von dir: "Musik … kann das ganze Wesen, das Herz, die Seele und den Geist des Menschen widerspiegeln. Um so ehrlicher sollte sie sein." – Ist der Mensch in seiner Subjektivität in der Lage, gegenüber sich selbst und anderen stets ehrlich zu sein?

Ulrich: Für den Musiker ist die Ehrlichkeit auf der Bühne eine große Herausforderung. Man will natürlich den Zuhörern zeigen, wie toll man spielen kann. Das führt dann oft dazu, dass man sich darin verliert, das Publikum mit zum Beispiel technischen Kabinettstückchen zu "blenden" oder viel zu viel mit sich selber auf der Bühne beschäftigt ist, wodurch man den Kontakt zum Publikum gänzlich verliert.

Ich habe oft Konzerte von großartigen Musikern und Bands gehört und hatte das Gefühl, als Zuhörer komplett alleingelassen zu werden. Ein gutes Konzert ist wie eine gute Unterhaltung. Es sollte immer auf Augenhöhe zwischen Musiker und Zuhörer geschehen, was wiederum viel mit gegenseitiger Achtung zu tun hat.

Nelson Mandela sagte einmal, dass die Menschen nicht Angst vor dem Versagen, aber Angst vor dem "Scheinen" haben. Die Musiker, denen es gelingt, auf der Bühne ehrlich zu sein, die sind authentisch, die scheinen und die können dann spielen, was sie wollen, weil es das Publikum immer spüren und unterbewusst verstehen wird.

Ulrich Drechsler

Carina: Sind "Ehrlichkeit" und "Authentizität" also dasselbe, wenn es um den Musiker und seine Musik im Allgemeinen geht?

Ulrich: Die Ehrlichkeit kommt vor der Authentizität! Das beginnt bei der Frage, dass jeder Mensch für sich entscheidet, was er im Leben wirklich will und was er nicht will. In unserer immer schnellebigeren Welt scheitern viele bereits an genau dieser Aufgabe, die aber essenziellen Einfluss auf unser Leben und Wirken hat und darüber entscheidet, ob wir so leben, wie wir es uns wünschen.

Wir Musiker haben es oft schwer, uns die Frage nach dem Wollen und Nicht-Wollen zu beantworten. Wir eifern Idolen nach, wollen noch dies und das üben, lernen und perfektionieren. Und vergessen darüber oft, wer wir denn eigentlich sind, was wir für ein Mensch sind. Als Resultat machen viele Musiker Musik, die gar nicht ihrem Wesen entspricht. Und dann verkommt die Musik zum bloßen "Sport": schneller, lauter, höher! Was, sein wir mal ehrlich, kaum jemanden interessiert.

Die Musiker, die mit sich "im Reinen" sind, sind diejenigen, die auch wirklich etwas auszudrücken haben. Zusammengefasst bedeutet das nicht anderes, als dass die Ehrlichkeit eine Frage ist, der sich jeder von uns stellen sollte! Die Authentizität kommt dann ganz von alleine.

Carina Prange

CD: Ulrich Drechsler Cello Quartet - "Concinnity" (Enja enja 9704-2)

Ulrich Drechsler im Internet: www.ulrichdrechsler.com

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos (Wolf-Dieter Grabner)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 6.12.2011
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