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Raphael Gualazzi - "Der aufgeweckte Italiener"

Von der Klassik kommend, hat sich der italienische Pianist und Sänger Raphael Gualazzi den Soul, den Jazz, den Blues erschlossen, die Stride-Piano-Klänge eines Fats Waller und eines Duke Ellington. Mit dem Jazz als neuem Ausgangspunkt entwickelt der heute 30-jährige einen eigenen Stil, verzweigt diesen in Richtung Pop, Rock und seelenvollen Lyrizismen.

Raphael Gualazzi

"Mein Weg," erklärt Gualazzi, "ist, einfach zu spielen!", und nennt Leidenschaft und Sehnsucht als Motor für seine energiegeladenen Konzerte und seine Musik: Die ganz großen Gefühle halt, typisch italienisch. Fast folgerichtig startete Raphael Gualazzi mit "Madness of Love" dieses Jahr für Italien beim "Eurovision Song Contest" – und landete mit seinem temperamentvollen, ungestümen und zugleich schüchternen Auftreten glatt auf dem zweiten Platz. Irgendwann könnte er sogar den Thron eines Jamie Cullum ins Wanken bringen...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Raphael Gualazzi

Carina: Raphael, was ist deine spezielle Herangehensweise ans Musikmachen und -schreiben?

Raphael: Ich sage mir: Das Leben kann schön sein, wenn man's zulässt. Das wär's soweit! Meine Stücke erzählen einfach von den Dingen, die mir im Leben wichtig sind.

Raphael Gualazzi

Carina: Auf deiner Website lesen wir, du spieltest "hauptsächlich Jazz", aber auch andere Musik – jedoch: "stets betrachtet durch die Brille des Jazz und des Stride-Pianos". Wie nun sieht die Musik der Welt in all ihren Facetten durch diese Brille aus?

Raphael: Das ist deshalb, weil ich mich nicht als Jazzmusiker im eigentlichen Sinne betrachte. Ich bin ein Musiker, der gerne Jazz spielt. Ich höre verschiedene Richtungen von Musik und mische sie auch gern. Dabei versuche ich, die Traditionen nicht zu missachten. Der Jazz bildet aber nun mal die Matrix, in der sich sämtliche moderne Musik abbilden lässt…

Carina: Mit dem Song "Follia d'amore" hast du den Wettbewerb "Sanremo Giovani" gewonnen. Dieser Song sollte sich auf deinem neuen Album "Reality and Fantasy" auch finden. Ist er drauf, oder nicht?

Raphael: Ja, er ist drauf. Allerdings in der englischsprachigen Version, die deshalb den Titel "Madness of Love" trägt. Es gibt von ihm noch eine weitere Version, die halb englisch, halb italienisch aufgenommen wurde.

Raphael Gualazzi - "Reality and Fantasy"

Carina: Erkläre mal, was die Geschichte hinter dem Song ist!

Raphael: Den Song "Madness of Love" schrieb ich auf der Rückreise von einem Blues-Festival in Umbrien. Ich war in einer sehr exaltierten Stimmung und das soll der Song ausdrücken. Die Liebe ist ja durchaus eine Verrücktheit, wenn man sie frei auslebt.

Carina: Deine Laufbahn hast du als klassischer Pianist begonnen. Was hat dein Interesse an Jazz und Blues entfacht?

Raphael: Es war das ungeheuer Persönliche im Gesangsausdruck der frühen Bluessachen. Und meine Liebe dafür erstreckte sich recht bald auch auf den Jazz, von seinen frühen Formen bis zum aktuellen Stand. Ich habe die Geschichte beider Stile sehr genau studiert.

Carina: Wann hast du zu singen angefangen und wie hast du deine Stimme entwickelt? Oder bist du ein Naturtalent?

Raphael: Mit neun Jahren habe ich im Kirchenchor meiner Heimatstadt angefangen. Später ging ich dann auf Konservatorium und studierte Musik und Klavier. Jahre um Jahre… Eigentlich habe ich erst wieder mit Singen angefangen, als ich begann, eigene Songs zu schreiben. Also mit knapp Zwanzig.

Carina: Wen würdest du als deine musikalischen Vorbilder nennen? Hast du auch Vorbilder neben der Musik?

Raphael: Ohne dass ich mit der Reihenfolge eine Wertung verbinden möchte, fallen mir da Beethoven und Errol Garner ein, außerdem Art Tatum, Fats Waller, Chopin… Dann noch Bill Withers, Ray Charles. Und natürlich Stevie Wonder!

Carina: Wie wichtig ist deiner Meinung nach eine gute Performance im Verhältnis zum Gehalt der Musik?

Raphael: Die Verpackung, wenn wir das mal so nennen wollen, ist fundamental wichtig. Die Performance ist ja der physische Zugang zur Musik. Damit muss man sorgsam umgehen, worauf ich auch viel Wert lege. Immer. Die Performance ist mir sehr wichtig.

Raphael Gualazzi

Carina: Wie schaffst du es, einen musikalischen Auftritt hinzulegen, der auch größere Menschenmengen in Begeisterung versetzt?

Raphael: Ich will gute Stimmung machen, gute Laune verbreiten. Eigentlich mache ich keinen Unterschied, ob ich für eine Einzelperson oder für Hunderttausend spiele. Ich gehe immer mit der gleichen Leidenschaft heran, mit demselben Gefühl.

Carina: Wie pflegst du den Kontakt zum Publikum? Wie eng bist du mit deinen Fans?

Raphael: Also… ganz ehrlich, sehe ich mich noch am Anfang eines sehr langen Weges. Anstelle von dem, was man als "Fans" bezeichnet, hätte ich lieber einfach "Zuhörer", die meine Musik lieben.

Carina: Wenn man auf die Bühne geht, stellt man sich als Musiker da seinen Dämonen, überwindet seine persönlichen Ängste und Schwächen?

Raphael: Aber nein! (lacht) Also, was mich angeht, bedeutet der Schritt auf die Bühne immer den schönsten Moment von allen. Das sollte für jeden Künstler gelten – immerhin ist das der Augenblick, auf den man hinarbeitet, indem man lernt, probt, lernt und wieder und wieder probt…

Carina: Jazz ist ja eine Nischen-Musik. Sollte der Jazz da deiner Meinung nach mal raus, aus der Nische?

Raphael: Musik soll Spaß machen. Ich glaube, an Klischees hat niemand so recht Freude. Wir sollten keine Grenzen ziehen, die uns hindern, dass zu spielen, worauf wir Lust haben.

Carina: Wenn man eine grenz- und genreüberschreitende Musik spielt, wie du es tust, wie grenzt man sich da von anderen ab, wie schafft man sich Alleinstellungsmerkmale?

Raphael: Wofür abgrenzen? Man hat doch schon die Musik – und in der steckt soviel von der Persönlichkeit des Komponisten drin, dass sie ihn automatisch repräsentiert!

Carina: Paolo Conte etwa singt italienische Songs, wird als Jazzmusiker und Singer-Songwriter gehandelt. Hat die italienische Sprache deiner Meinung nach einen besonderen Charme? Wenn ja, welchen?

Raphael: Unsere Sprache ist wunderschön, gleichzeitig charmant und nuancenreich im Ausdruck. Allerdings habe ich auf Englisch mit Singen angefangen und erst später meine Neigung zum Italienischen entdeckt. Über alles setze ich aber noch die Musik selbst als universale Sprache. Ich hätte gerne noch viel mehr Möglichkeiten, mich gesanglich auszudrücken!

Carina: Wenn du in Italien auftrittst, singst du dann mehr Lieder in italienischer Sprache?

Raphael: (lacht) Eigentlich nicht! Meine Programm stellt immer einen Spagat dar, ist zum Teil auf Englisch, zum Teil in italienischer Sprache gehalten. Der Ansatz ist stets derselbe, egal wo ich auftrete.

Raphael Gualazzi

Carina: Wie beschreibst du die italienische Jazzszene derzeit? Wer bewegt da etwas?

Raphael: Nun, so gefragt fallen mir da Leute ein, wie Stefano Bollani, Stefano di Battista, Fabrizio Bossi, Francesco Cafiso und weitere. Es gibt eine ganze Reihe beeindruckender italienischer Jazzer, die man auch im Ausland kennt. Aber die Szene lebt natürlich auch durch die internationalen Jazzgrößen, die nach Italien kommen, um hier auf den verschiedenen Festivals zu spielen.

Ich stelle zwar immer ganz allgemein die Musik ins Zentrum, aber es ist richtig, dass insbesondere der Jazz als Genre die Zusammenarbeit zwischen den Musikern fördert. Dieser Austausch bildet die Wurzel der Entstehung von Kunst und Schönheit.

Carina: Fühlst du dich dieser Szene zugehörig oder siehst du dich als europäischen Musiker mit italienischen Wurzeln?

Raphael: Noch eher würde ich mich als einfachen Handwerker betrachten. Immerhin aber als einen, der auf Jazz und allgemein auf gute Musik steht.

Carina: Und gäbe es etwas "typisch Italienisches" in deiner Musik, was wäre es dann wohl?

Raphael: Der Stil meiner Melodien. Beispielsweise der Refrain in "Madness of Love", das ist typisch italienisch.

Carina: Haben "die Liebe" und "die Leidenschaft" eine zentrale Rolle in deiner musikalischen Welt?

Raphael: Liebe ist natürlich das Wichtigste von allem. Egal, in welcher Beziehung. Wichtig sind mir außerdem noch das Leben selbst, der Frieden und – selbstverständlich – die Musik. Die Leidenschaft ist das Gefühl, das uns täglich daran erinnern soll, dass wir in einer Welt leben, die sich stets verändert.

Carina: Wie wird man als Musiker richtig gut, durch üben, üben, üben – und wodurch noch?

Raphael: Hmm… Talent? Außerdem, wie du sagst: üben, üben und nochmals üben. Und: auf das stehen, was man macht!

Raphael Gualazzi

Carina: Dein neues Album heißt "Reality and Fantasy". Soll der Titel auch die Kluft zwischen diesen beiden Welten ausdrücken?

Raphael: Es geht um alle Arten von Gefühlen, die Teil des Lebens sind – und der Freunde daran. Realität, Phantasie, Wahnsinn, Liebe… Musik ist das Mittel, alle diese Gegensätze zu überbrücken und zu verbinden. Und man braucht nicht mehr als ein paar Töne dazu!

Carina: Wie sehr fließt in unsere Realität, auch in unseren Alltag, die eigene Vorstellungskraft mit ein, inwiefern verändert sie die Realität, was denkst du?

Raphael: Mein Weg ist, einfach zu spielen. Gefühle sollten sich unabhängig davon frei entwickeln.

Carina: Abschlussfrage – hast du etwas wie eine Lebensphilosophie?

Raphael: Freude am Leben haben – und dabei zu lernen, Freude auch an den kleinen Dingen des Lebens zu empfinden. Und zwar tagtäglich.

Carina Prange

CD: Raphael Gualazzi - "Reality and Fantasy" (Sugar Music/Universal)

Raphael Gualazzi im Internet: www.raphaelgualazzi.com

Sugar Music im Internet: www.sugarmusic.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2011
erschienen: 28.9.2011
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