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Pat Metheny - "Eine gewisse Vertrautheit..."

Pat Metheny hat für sein neues Album "What's it all about" eine Reise in die Vergangenheit angetreten. Auf diesem Soloalbum, welches in erster Linie durch den speziellen Sound seiner Baritongitarre geprägt ist, begab er sich in die Zeit vor seiner beruflichen Karriere als Musiker...

Pat Metheny

Aus diesen frühen Jahren suchte er diejenigen Songs heraus die für ihn diese Zeit prägten – genreübergreifend und nach individuellem Raster sortiert. Und einmal mehr stellt Metheny seine Ausnahmestellung und die unvergleichliche Kunst seines Gitarrenspiels unter Beweis. Ein Mann und eine Gitarre – und zehn Songs, ganz intim, ganz vertraut.

Carina Prange sparch für Jazzdimensions mit Pat Metheny

Carina: Auf sich allein gestellt, vollkommen "solo" zu spielen und aufzunehmen, wenn man das mit der Bandarbeit vergleicht … kann man sagen, dass "ein jedes seine Zeit" hat? Warum musste es diesmal ein "richtiges" Soloalbum sein?

Pat: Was mich grundsätzlich reizt, ist, mich in einen Kontext zu begeben, der eine Herausforderung darstellt. Ich habe während der letzten vierzig Jahre ja so allerhand gemacht und darunter waren auch einige Soloprojekte. Eigentlich ist dies also eher "schon wieder" eines.

Carina: Was war anders?

Pat: Diesmal ging es darum, wirklich alles direkt und solo einzuspielen. Was, das muss ich zugeben, für mich irgendwie etwas Neues war. Zumindest habe ich das vor gut zehn Jahren überhaupt das erste Mal probiert! Dieses Eins-zu-Eins Verhältnis zwischen mir, dem Musiker, und dem Zuhörer, das hat schon etwas Spezielles.

Das habe ich als Musiker immer und immer wieder erlebt, diese Intimität, die sich ergibt, wenn man ein einem kleinen Raum für eine einzige Person spielt. Das mache das genauso gern, wie in einem Stadion vor einigen Tausend Leuten aufzutreten. Das ist sehr verschieden voneinander, aber beidesmal geht es darum, eine Verbindung aufzubauen. Und es ist die Verbindung, die für mich am Ende zählt.

Pat Metheny

Carina: Es gab ja sicher eine ganze Menge Songs und Interpreten, die du für diese Platte in Betracht gezogen hast. Warum lief es auf diese Auswahl hinaus? Was war das Besondere an diesen Songs?

Pat: Nun, zuallererst musste ich bei jedem Song das Gefühl haben, dass er mir musikalisch etwas zu bieten hat. Des kulturellen Wertes, des Zeithintergrunds, bin ich mir bei jedem dieser Stücke bewusst. Speziell für jemand meines Alters, der dort aufwuchs wo ich aufwuchs, stellt jedes von ihnen eine Art von Landmarke dar.

Jedes der Stücke, auf die es am Ende hinauslief, besitzt also etwas - entweder in den Harmonien, in der Phrasierung, oder im Songwriting - das mich magisch anzog. Und es musste als Song so stark sein, dass ich ihm unbeschadet meinen Stempel aufdrücken konnte. Eine Komposition muss vital sein, um eine Umdeutung auszuhalten. Sie muss quasi ein Eigengewicht haben, um Kurs zu halten, wenn jemand wie ich des Weges kommt, voll draufhüpft und anfängt, es in alle möglichen Richtungen zu zerren. Und diese Songs haben das alle.

Pat Metheny

Carina: Um an eine Retrospektive zu denken, eine Rückschau auf einen Zeitraum vor Beginn seiner Karriere, muss man dafür ein bestimmtes Alter, vielleicht eine bestimmte Reife erreicht haben?

Pat: (lacht) Das mag wohl so sein!

Carina: Dann frag ich mal weiter – inwieweit war diese musikalische Retrospektive auch eine auf dein Leben als solches?

Pat: Eine solche, wenn du so willst, autobiographische, Komponente gab es von Anfang an bei allem was ich machte. Wenn ich ein Resümee ziehe und all die Künstler betrachte, die ich immer als Vorbilder betrachtet habe – vor allem die im Jazz –, dann hat doch jeder von ihnen in seiner Musik immer auch viel über sich selbst ausgesagt.

Für mich ist das ein unverzichtbares Kernelement von Musik. Jeder meiner Lieblingsmusiker, jeder einzelne von ihnen, drückt in seiner Musik seinen Werdegang und sein innerstes Wesen aus.

Pat Metheny - "What's It All About"

Carina: Auf "What's it all about" spielst du eine Reihe handgemachter Instrumente deiner Gitarrenbauerin Linda Manzer. Beispielsweise deine 42-saitige "Picasso", aber auch ein paar etwas konventionellere Gitarren mit Stahl- oder Nylonbesaitung. Vor allem aber hört man deine Baritongitarre. Was findest du an deren Sound so aufregend?

Pat: Du wirst lachen, aber ich hatte immer schon das Gefühl, die Standardstimmung der Gitarre sei ein wenig zu hoch. Es gibt noch ein paar Instrumente, bei denen ich dieses Gefühl habe, das Altsaxophon beispielsweise. Ich liebe es, aber es kommt mir immer zu hoch, zu dünn, zu grell vor. Deshalb hat mich die Baritonstimmung immer angemacht.

Aber da gibt es ein paar technische Randbedingungen zu beachten. Wie du weißt, liegt die Baritonstimmung auf halben Wege zwischen der Stimmung der Gitarre und des Basses. Und wenn man ein Instrument konsequent so stimmt und dann eng gesetzte Akkorde spielt, klingt das mumpfig und verschwommen.

Pat Metheny

Aber als ich noch ganz klein war, da hatte mir ein Typ in Missouri mal einen Trick gezeigt – ich hatte das bereits vergessen, aber jetzt wieder vorgekramt – und zwar, dass man einfach die beiden mittleren Saiten eine Oktave höher stimmt. Damit bekommt man das beste aus zwei Welten – das Volumen der Baritonstimmung verbunden mit der Möglichkeit, Akkorde nach Belieben setzen zu können. Man hat sogar mehr Möglichkeiten – vor allem ganz andere, als bei konventioneller Stimmung auf einer normalen Gitarre.

Da öffnen sich zwei Wege, die auf einer regulären Gitarre gleichermaßen nicht gangbar sind. Ich fing durch das Bariton an, orchestraler zu denken. Hör dir die Platte an, da ist ein Fundament, wie du es mit einer normalen Gitarre nicht erreichst! Und es hört sich trotzdem organisch an – gönn' dir das Erlebnis mal über gute Boxen…

Bestimmte Akkordsetzungen bekommst du ansonsten nur auf dem Klavier hin. Das hat mir schon einen Heidenspaß gemacht, weil es ganz anders war, als auf einer gewöhnlichen Gitarre zu spielen!

Carina Prange

CD: Pat Metheny - "What's It All About" (Nonesuch/Warner)

Pat Metheny im Internet: www.PatMetheny.com

Nonesuch Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos (Jimmy Katz)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 30.10.2011
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