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Magnus Öström - "DNA und Stringtheorie"

Langsam und zeitversetzt kommen sie mit ihren Alben aus der kalten Küche, die beiden verbleibenden Mitglieder des Esbjörn Svensson Trios, kurz E.S.T. Nicht leicht war es, dessen tragischen Tod zu überwinden. Und nach Dan Berglunds "Tonbruket" kommt nun Magnus Öström als Bandleader mit seinem Album "Thread of Life" in unsere Wohnzimmer.

Magnus Öström

Hierbei konnte Öström gar nicht anders, als sich mit den ganz großen Themen auseinanderzusetzen – mit Leben und Tod, mit dem, was unsere menschliche Existenz ausmacht. Ein Pessimist ist Öström dabei nicht. Er hält nur nicht viel davon, das auszublenden, was jenseits der "Sunny Side of Life" liegt…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Magnus Öström

Carina: Magnus, in irgendeinem Interview ist nachzulesen, du seist bei E.S.T. derjenige gewesen, der für die Songtitel verantwortlich war? Stimmt das soweit?

Magnus: Ja.

Carina: Wie wichtig sind Titel denn eigentlich? Braucht man sie, um den Hörer in eine bestimmte Richtung zu lenken? Kann er ein Stück auf gleiche Weise erleben, wenn er keinen Namen dafür hat?

Magnus: Musik steht für sich selbst. Deshalb kann man sie selbstverständlich erfahren, ohne Wissen einer Betitelung. Bei rein instrumentalen Arrangements sollte ein Titel so offen gewählt sein, dass er den Hörer in seiner Interpretation der Musik nicht beengt. Ich würde mir nicht anmaßen, dem Hörer vorzuschreiben, was er da zu empfinden hat. Ein gut gewählter Titel kann aber die Imagination befeuern.

Magnus Öström

Carina: Auf dem neuen Album findet sich die "Ballad for E", deine Hommage an Esbjörn. Nach Esbjörns Tod hast du eine längere Zeit gebraucht bis du dich mit deiner eigenen Musik nach E.S.T. beschäftigt hast…

Magnus: Ich habe mein Schlagzeug fast ein halbes Jahr nicht einmal angerührt. Es ging einfach nicht. Dann kämpfte ich mich ganz langsam in die Welt der Musik zurück, machte ein paar Gigs mit Lars Danielssons Projekt "Tarantella". Das brachte mich zurück auf die Bühne. Ich war dann auch noch Co-Produzent eines Albums der schwedischen Künstlerin Jeanette Lindström und spielte auch bei den Aufnahmen.

Der Weg zurück in die Musik war steinig und schwer. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich diese Platte hier unbedingt machen muss. Es war eine Katharsis, dies zu tun, und ein Abschluss. Und ich musste einen Weg finden, auf dem ich weitergehen kann.

Magnus Öström - "Thread of Life"

Carina: Dein neues Album ist eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Hat dich der Tod von Esbjörn mitten hineingeworfen in eine andere Art der Wahrnehmung?

Magnus: Nun, dass das Leben etwas Zerbrechliches ist, war mir schon vorher klar gewesen! Aber natürlich fängt man erst nach so einem Ereignis wirklich an, über die Dinge nachzudenken. Wie darüber, was wirklich wichtig ist und was nicht.

Carina: Da folgen einander Titel wie "Thread Of Life" und "Weight Of Death". Sind Leben und Tod Gegenparts, die im Widerspruch stehen?

Magnus: Eher sind sie zwei Seiten derselben Medaille! Ohne den Tod, was wäre denn das Leben? Wie würden wir es nennen? Der "Thread Of Life" wie ich das verstehe, ist die Energie in jedem Lebewesen. Und da schwingt ja auch der DNA-String in dieser Vorstellung mit, oder, noch abgehobener, die Stringtheorie in der Physik…

Zum Tod: Jemand hat mir von dem Kinofilm "21 Gramm" erzählt, wobei es sich um das Gewicht der Seele handelt. Gesehen habe ich den Film leider nicht. Die Frage aber ist, wie schwer ist der Tod? Er kann einen niederdrücken oder aber federleicht sein.

Carina: Einen roten Faden gibt es aber jedenfalls in der CD, mit einem Auftakt und dem hymnischen Ende. Ein beinahe klassischer Aufbau. Bei einer CD ist sowas einfach, aber wie bekommt man den roten Faden ins eigene Leben? Glaubst du an Eigeninitiative oder an Vorbestimmung?

Magnus: Du hast ja eine Neigung zu komplexen Fragen! Klar, manchmal kommt einem das Leben vor wie eine abgekartete Sache. Ich muss aber zumindest daran glauben können, dass meine Entscheidungen einen Unterschied machen. Sonst wäre das Leben ja irgendwie sinnlos, nicht?

Nimm als Beispiel mal die Diskussion über den Klimawandel. Ich bin der Meinung, dass es tatsächlich sehr wohl auf unsere kommenden Handlungen ankommt, ob die Menschheit überlegt oder ausgelöscht wird.

Carina: Das Coverfoto zeigt dich halbnackt mit einem Schlagzeugbecken. Was sagt uns das?

Magnus: Ich habe mehr oder weniger alles auf und in Zusammenhang mit dieser Platte selbst gemacht. Arrangiert, produziert und gespielt. Das was man hört, stellt in höchstem Grade mich und meine Gefühle dar. Es erschien mir folgerichtig, mich auch auf dem Cover ein wenig zu entblößen, wie ich es mit meiner Seele in der Musik bereits getan hatte. Außerdem entstamme ich der Arbeiterklasse und wollte, dass man das sieht.

Magnus Öström

Carina: Wie kam es, dass Pat Metheny als Gast bei "Ballad for E" mit dabei ist?

Magnus: Als ich dieses Stück schrieb war mir sofort klar, dass ich Dan Berglund mit dabeihaben will – und auch Åke Linton, unseren Tontechniker. Und dass eine Gitarre dabei sein sollte! Die Musik von Pat hat uns allen immer viel bedeutet und wir kennen ihn seit vielen Jahren. Wir hatten so häufig zusammen gespielt, dass ich sofort an ihn dachte. Es brauchte dann aber einige Anläufe, bis ich wagte, ihn daraufhin anzusprechen. Als ich es dann tat, sagte er auf der Stelle zu. Ich bin sicher, dass es ihm darum ging, Esbjörn und dem Trio die Ehre zu erweisen.

Carina: Du bist jetzt der Bandleader. Wie fühlt sich diese Rolle für dich an?

Magnus: Schon ganz gut. Aber man hat über vieles nachzudenken, wenn man das alleine machen muss. Mit den Jungs in der Band zu arbeiten, ist toll. Das ist locker und von der Seite her ist der Job nicht weiter schwer. Was wiegt, ist die Verantwortung, die man gleichzeitig trägt.

Carina: War es ein langwieriger und komplizierter Prozess, das Line-Up zusammenzubekommen?

Magnus: (lacht) Nein, überhaupt nicht! Andreas Hourdakis und Thobias Gabrielson waren bei den Aufnahmen für das Album von Jeanettte Lindström dabei, das ich vorhin erwähnt hatte. Ich fand sie so gut, dass ich sie einfach gefragt habe. Ich glaube, es war Thobias, der mir von Gustaf Karlöf erzählt hat…

Ich googelte nach ihm und sah, dass er bei den unterschiedlichsten Projekten mitgemacht hatte, alles völlig verschieden. Das ist der Richtige, dachte ich, der ist offen und steckt voller positiver Energie. Und so war es auch. Ich bin so glücklich, dass alle mitmachen wollte. Phantastische Musiker, allesamt. Und inzwischen auch gute Freunde.

Magnus Öström

Carina: Schon als kleiner Junge warst du berüchtigt dafür, auf allem herumzutrommeln. Die Passion für sein Instrument bereits so früh zu finden, erwies sich das als Geschenk?

Magnus: Schwer zu sagen. Es zahlt sich natürlich immer aus, so früh wie möglich mit etwas anzufangen. Was auch immer es sein mag. Insofern ist es ein Geschenk für einen Jugendlichen, wenn er ein starkes Interesse für ein Hobby oder eine Sportart ausprägt. Das Leben macht auch mehr Sinn, wenn man etwas zu tun hat! (lacht)

Carina: Hindert so eine Leidenschaft auch die Mitmenschen, einem mental zu folgen, weil ihnen die Wichtigkeit einer Sache für dich gar nicht bewusst sein kann? Verschlimmert sich das womöglich mit den Jahren?

Magnus: Es ist ja eh nicht leicht, eine andere Person vollkommen zu verstehen, Leidenschaft hin oder her. Was ich über mich weiß, ist, dass ich von Zeit zu Zeit ziemlich geistesabwesend wirke, weil ich unterbewusst an irgendwelchen Dingen arbeite.

Carina: Hast du sowas wie eine Lebensphilosophie?

Magnus: Da ist ein Spruch, den ich als Kind immer gebracht habe: "Lass' uns auf's Fahrrad steigen und schauen, wo wir anlangen!" – Ich war ziemlich neugierig, geradezu hungrig auf Erfahrungen und neue Sachen und Orte… Esbjörn pflegte mich bei Gelegenheit immer daran zu erinnern, dass ich das gesagt habe…

Carina Prange

CD: Magnus Öström - "Thread of Life" (Act Music ACT 9025-2)

Magnus Öström im Internet: www.magnusostrom.com

Act Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Pressefotos (Per Kristiansen)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 5.6.2011
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