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Helge Lien - "Der dreidimensionale Sound"

Für sein von der Kritik gefeiertes Album "Hello Troll" heimste der Pianist Helge Lien seinerzeit so hohes Lob ein, dass man sich fragen musste, ob die Band in der Lage sein würde, dem daraus folgenden Druck der Erwartung standzuhalten. Mit dem ebenso eigenwillig betitelten, wieder bei Ozella Music erschienenen, Nachfolger "Natsukashii" straft sein Trio alle Befürchtungen Lügen.

Helge Lien

Lien, für den die langjährige Zusammenarbeit mit Frode Berg am Bass und Knut Aalefjær am Schlagzeug erneut die musikalische Basis darstellt, versammelt auf dieser CD ausschließlich Stücke aus eigener Feder. Vielseitigkeit und Originalität sind dabei seine Markenzeichen – bezogen auf Komposition, musikalischen Ausdruck und, last not least, die kreative Wahl seiner Titel…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Helge Lien

Carina: Das Album "Hello Troll" wurde beschrieben als "getragen von einer wechselseitigen Betonung von Melodie, Groove und Sound". Wenn du den Nachfolger "Natsukashii" betrachtest, ist es hierbei geblieben?

Helge: Mit Sicherheit ließe sich über "Natsukashii" dasselbe sagen. Das liegt einfach daran, dass dieses Zitat recht genau als grundsätzliche Beschreibung meiner Musik taugen würde. Musik stellt für mich immer eine Bewegung dar, eine Reise quer durch Stimmungen und Gefühlslagen. Ein wichtiger Aspekt dieser durchlaufenen Welten besteht in einem Wechsel der Betonung der genannten musikalischen Elemente.

Carina: Damit verbunden ist eine ganz eigene Art des Umgangs mit Spannung und Dynamik. Hast du hierfür ein bewusstes Rezept?

Helge: Dass jetzt der Begriff "Dynamik" fällt, freut mich außerordentlich! Dynamik steht, unabhängig welche Musik ich spiele oder höre, immer im Zentrum meiner Aufmerksamkeit! Sie ist der Schlüssel zum Aufbau und Halten einer musikalischen Spannung. Dynamik bedeutet, Dinge in kontrastierende Relation zu setzen. Nicht im Sinne von "Hart gegen Weich", sondern im Sinne von "härter gegen weicher", was nicht dasselbe ist!

Auf analoge Weise kann ich beliebige Kontraste erzeugen – schneller gegen langsamer, höher gegen tiefer, heller gegen dunkler, längere Töne gegen kürzere, größere Intervalle gegen kleinere… Und so weiter. Es gibt eine Menge musikalischer Elemente, die man in dieser Hinsicht einsetzen kann. Unterm Strich ergibt sich auf den verschiedensten Wegen eine dynamische Spannung. Müsste ich mir ein Mantra wählen, wäre es "Dynamik".

Helge Lien

Carina: "Hello Troll" bekam seinerzeit den "Spellemansprisen", den man als den "norwegischen Grammy" betrachten kann. Hältst du etwas Derartiges mit "Natsukashii" wieder für möglich?

Helge: (lacht) Mal sehen! Meiner Meinung nach ist "Natsukashii", verglichen mit "Hello Troll", sogar das stärkere Album. So gesehen fände ich es denkbar, dass wir mit dieser Platte erneut den Spellemansprisen erhalten. Natürlich sind da noch viele weitere Faktoren im Spiel. Ich würde mir nie anmaßen, mit etwas zu rechnen, es gar für ausgemacht zu halten. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir wieder nominiert werden.

Carina: Im Booklet steht über den japanischen Begriff "Natsukashii" etwas wie "gute Erinnerungen zurückbringen". Worauf bezieht sich der Titel?

Helge: Mit dem Wort "Natsukashii" bezeichnen die Japaner den Umstand der Vertrautheit. Wenn man etwas sieht, hört oder riecht, das angenehme Erinnerungen wachruft. Es gibt vermutlich kein Wort im europäischem Sprachraum, dass auf Bedeutungsebene wirklich gleichkommt.

Helge Lien Trio - "Natsukashii"

Carina: Warum jetzt aber die Wahl als Albumtitel? Ist "Natsukashii" in deinen Augen repräsentativ für die Musik des gesamten Albums?

Helge: Es gibt da einen Bezug zu Dingen, die ich im vergangenen Jahr erlebt habe, die mir sehr wichtig sind. Darum wählte ich es in erster Linie als Titel. Als Einzelkomposition sehe ich das gleichnamige Stück nicht als stellvertretend für das Ganze, obwohl es einen wichtigen Teil darstellt.

Carina: Außer dem Titelstück klingen auch die Titel "Afrikapolka" und "Umbigada" entschieden "ausländisch". Hat das mit deinen internationalen Tourneen zu tun?

Helge: Naja, wo welche Stücke genau herkommen, ist immer schwer zu sagen. Sie spiegeln so unterschiedliche Phasen in meinem Leben wider. Ich glaube, es ist gar nicht wichtig, immer Hintergründe und Bedeutungen aufzuzeigen – die Musik gewinnt ohnehin für jeden Zuhörer eine individuelle Bedeutung.

In Südamerika, wo der Titel "Umbigada" herrührt, bin ich jedenfalls nie gewesen. Auch nicht in Afrika – allerdings habe ich im Verlauf des vergangenen Jahres, während einer Tour durch Tadschikistan, mit einem afrikanischen Gitarristen zusammengearbeitet. Leider nur kurz, aber höchst inspirierend! Vielleicht hat "Afrikapolka" da seinen Ursprung, das ist schwer festzumachen.

Den Titel jedenfalls hat eine Freundin beigesteuert, die in Kenia einen zweiwöchigen Polkakurs durchführte. All ihre Kursteilnehmer waren ausgezeichnete Tänzer, soviel ist klar… nur von Polka hatten sie noch nie etwas gehört! Ich fand diesen Umstand ziemlich drollig. Für mich wieder mal ein Beweis dafür, dass wir auf diesem Globus alle einander genauso viel lehren, wie wir voneinander lernen können.

Helge Lien

Carina: Dein Trio spielt rein akustisch. Haben dich die Möglichkeiten der Elektronik und der Studiotechnik denn nie in Versuchung geführt?

Helge: Also, ganz ehrlich, ich mache mir nicht viel aus elektronischen Spielereien! Zumindest nicht, was dieses Trio angeht. Es gibt auf rein akustischem Gebiet genügend Wege zu erforschen. Dass mir etwas fehlt, das ich mir von außen dazuholen müsste, das Gefühl kam mir nie. Ich liebe das Spiel mit der Illusion – mit Klängen, die man nicht wirklich hört, die aber direkt ins Unterbewusstsein gehen. Einen dreidimensionalen Sound!

Elektronik bewirkt oft, dass der Klang flach wird, oberflächlich. Damit es funktioniert, muss man mit diesem Werkzeug sehr versiert umgehen. Sehr wenig Leute sind in der Lage, die Elektronik dynamisch und mit einem Selbstverständnis einzusetzen. Ausnahmen gibt's natürlich. Und denen höre ich auch ausgesprochen gern zu.

Carina: Sind deine Fähigkeiten als Bandleader während der letzten Jahre ebenfalls gewachsen? Oder braucht deine Band keine Führung, weil sich alle einig sind?

Helge: (lacht) Ich hoffe wohl, dass ich als Leader besser geworden bin! Aber ich bin vielleicht der Falsche, das zu fragen. Gegenüber früher weiß ich etwas präziser zu sagen, was ich will und was nicht, und wie ich es ausgedrückt haben möchte. Ich habe aber auch das Glück, mit Musikern zu arbeiten, die einen wirklich eigenen Kopf haben und gebe ihnen gerne den Raum, sich auszutoben. Und wenn sich das Trio weiterentwickelt hat, dann gebührt den anderen zwei ein Großteil der Anerkennung.

Helge Lien

Carina: Wenn drei Leute so lange und intensiv zusammenarbeiten, verdichtet sich auch die Musik? Oder macht, im Gegenteil, blindes Verständnis die Musik vorhersehbar und – am Ende – langweilig?

Helge: Nun, bislang habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Die Qualität des Zusammenspiels, wenn man länger mit den gleichen Musikern arbeitet, die Einigkeit über die Zielrichtung, das ist einzigartig und auf keinem anderen Wege zu erreichen. Ich sehe aber den Punkt, auf den deine Frage hinzielt. Ich versuche stets entgegen einer möglichen Langeweile und Vorhersagbarkeit im Ausdruck zu arbeiten. Ich möchte praktisch jeden Augenblick, bei jedem unserer Konzerte, aufs Neue überrascht werden. Und ich tue mein Bestes, dass wir eine entsprechende Stimmung in der Band behalten, die uns ermöglicht, jederzeit frei unseren Weg zu gehen.

Man muss sich natürlich fragen, was es ist, das Musik lebendig und unvorhersehbar macht. Wenn man sich klassische Musik anhört, meinetwegen Bach oder Mozart, wird denn die Musik vorhersehbar, weil man weiß, was kommen wird? Natürlich nicht! Es ist die Fähigkeit des Musikers, in der Musik präsent zu sein, ihr Leben einzuhauchen, was sie überraschend macht. Und nicht, dass man ständig absolut Neuartiges präsentiert.

Helge Lien

Carina: Das neue Album wurde, genau wie "Hello Troll", im Osloer "Rainbow Studio" aufgenommen und von Jan Erik Køngshaug gemischt und gemastert. Worin besteht eigentlich diese besondere Qualität von Rainbow und Køngshaug?

Helge: Es ist ein bestimmter Detailreichtum im Klang, eine Komplexität bei gleichzeitiger Durchsichtigkeit. Ein phantastischer Klaviersound! Schon wenn ich Frodes Bass-Sound über Jan Eriks Mikrophone höre, denke ich, dass sich die Sache bereits lohnt! Jan Erik ist jemand, mit dem es Spaß macht, zu arbeiten. Er hat ein tiefes Verständnis für unsere Musik und weiß immer was zu tun ist. Für jedes etwa auftauchende Problem hat er sofort eine Lösung parat. Und in einem Studio zu arbeiten, in dem die Technik einfach funktioniert, ist für sich gesehen bereits ein Privileg! Wo man nach einer Viertelstunde Soundcheck mit den Aufnahmen beginnt…

Carina Prange

CD: Helge Lien Trio - "Natsukashii" (Ozella Music OZ 036 CD)

Helge Lien im Internet: www.helgelien.com

Ozella Music im Internet: www.ozellamusic.com

Fotos: Pressefotos (Christian Moerdre)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 4.11.2011
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