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Gernot Ziegler - "Zeit, Farbe zu bekennen"

Der heute als freischaffender Pianist und Keyboarder tätige Gernot Ziegler ist nicht den gradlinigsten aller Musikerwege gegangen: Vielmehr begann er mit neun Jahren auf der Trompete und nahm mit 15 Jahren das Klavier hinzu, eigentlich als Nebeninstrument. Studien der Musikwissenschaften und der Kunstgeschichte erwiesen sich als Intermezzo, bevor er anschließend mit dem Studium der Jazztrompete und später dem des Jazzklaviers ernst machte.

Gernot Ziegler

Mit "Mobile Home" präsentiert Gernot Ziegler – als Pianist – nun sein erstes Album unter eigenem Namen. Im Trio mit Bassist Gernot Kögel und Drummer Andi Nolte sowie einigen Gästen konzentriert er sich ganz auf seine eigenen Kompositionen. Eine weitgereiste, lang gereifte, mobile wie mobilisierende Musik. Mal impulsiv, mal kontemplativ – je nachdem…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Gernot Ziegler

Carina: Gernot, dein Leben steht gleichermaßen im Zeichen von Trompete und Klavier. Genauer gesagt, du hast mit dem Trompetenspiel angefangen…

Gernot: Ja, ich begann mit neun Jahren, Trompete zu spielen. Meine Eltern waren große Klassikliebhaber, meine Mutter Sängerin, Geigerin und Musiklehrerin an einem Gymnasium, mein Vater spielte hobbymäßig Geige. Mit zwölf, dreizehn Jahren fand ich Platten von Louis Armstrong und Sydney Bechet im Plattenschrank meines Vaters und entdeckte meine Liebe zum Oldtime-Jazz, zu Dixieland und Swing.

Mit Trompete war man sonst immer etwas am Rande… In der klassischen Musik wird man nur gebraucht, wenn's laut wird, und in der Rockmusik hat man sowieso nichts verloren! Im Jazz jedoch war der Bläser der King! Leider gab es in ganz Freiburg damals keinen Lehrer für Jazztrompete.

Gernot Ziegler

Carina: Wie bist du darauf gekommen, dass Klavierspielen ebenfalls etwas für dich sein könnte?

Gernot: Mit fünfzehn habe ich gemerkt, dass es da so was gibt, wie "begleitende Harmonien". Es war wichtig, darüber Bescheid zu wissen, um eine Band von Mitschülern zu leiten. Ich fand damals in Ralf Wolter einen sehr guten Klavierlehrer, der Jazz spielte und Komposition studiert hatte. Er weckte in mir die Leidenschaft zum Komponieren. Um nicht die klassischen Übungen machen zu müssen, konfrontierte ich ihn fast jede Woche mit einem neuen, eigenen kleinen Stückchen.

Carina: Sind Trompete und Klavier nicht in vielerlei Hinsicht zwei sehr ungleiche Schwestern?

Gernot: Es gibt diese Kombination gar nicht so selten! Mir fallen da einige deutsche Kollegen ein – und die ganz Großen, wie Dizzy und Miles, sollen ja auch gute Pianisten gewesen sein. Umgekehrt waren Keith Jarrett und Marc Copeland früher Saxofonisten. Klavier ist ein sehr logisches Instrument.

Man sieht alles, was man tut, vor sich, Tonleitern und Akkorde. Aber es ist schon eine etwas "kalte" Maschine, es ist nicht so einfach, ihm Leben einzuhauchen. Wenn ich früher Trompete übte, schaute ich oft auf die Pianotasten, um diese Bilder zu verinnerlichen, da die Griffkombinationen der drei Ventile der Trompete so abstrakt sind. Andererseits ist die Trompete ein Instrument, das unmittelbar Rückmeldung auf körperliche und seelische Verfassung gibt.

Man hört sofort den eigenen Zustand heraus, wie beim Singen. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Ich habe lange mit Keyboards die Ausdrucksmöglichkeiten eines Blasinstruments in Sachen Klanggestaltung gesucht. Die verschiedenen Controller vom Pitchbender über Modulationwheel und Aftertouch, bis hin zum Blaswandler haben mich immer fasziniert. Momentan allerdings stehe ich mehr auf einen schönen Flügel oder ein gutes Rhodes unter meinen Fingern.

Gernot Ziegler- "Mobile Home"

Carina: Wann schlug das Pendel endgültig in Richtung Klavier aus?

Gernot: Das schlug immer wieder hin und her! Eigentlich erst nach dem Studium 2001 endgültig hin zum Piano. Ich habe im Grunde immer Trompete spielen wollen – doch nach dem Abitur war erst mal Schluss damit und ich konzentrierte mich sechs Jahre auf die Tasten.

Obwohl fast alle, mit denen ich damals in Bands spielte, Jazz studierten, hatte ich wahrscheinlich zuviel Angst vor der eigenen Courage. Vielleicht hatte ich auch den Fehler gemacht, auf die vielen gutmeinenden Menschen zu hören, die mir vom Musikmachen abrieten. Weil der Musikerberuf doch nichts mit Zukunft sei…

Nach einigen Jahren Wirrwarr in der Berufsfindung und einigen Studienversuchen – Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie – waren mir diese Fächer dann doch zu trocken und theoretisch!

Ich beschloss schließlich, recht spät mit 26, einen Neustart. Ich grub die Trompete wieder aus bereitete mich ein Jahr lang auf die Aufnahmeprüfung für Jazztrompete vor. In Mannheim hatte ich Glück und bekam einen Platz. Ich habe nie so viel gearbeitet wie in den Mannheimer Jahren!

Carina: Du hast sich ja dann doch anders entschieden…

Gernot: Nach einigen Jahren Wirrwarr in der Berufsfindung und einigen Studienversuchen – Musikwissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie – beschloss ich schließlich, recht spät mit 26, einen Neustart. Ich grub die Trompete wieder aus und bereitete mich ein Jahr lang auf die Aufnahmeprüfung für Jazztrompete vor.

In Mannheim hatte ich Glück und bekam einen Platz. Ich habe nie so viel gearbeitet wie in den Mannheimer Jahren! Im fünften Semester konnte ich doch nicht davon lassen, das Klavier zum zweiten Hauptfach zu machen. Trompete schloss ich 1999, Klavier 2001 ab. Nach dem Studium hatte ich aber praktisch nur mit dem Klavier zu tun.

Was irgendwie auch logisch ist, weil das einfach fast immer dabei ist, von Solo-Barpiano über das Duo mit Sängerin bis zu größeren Popbands. Durch Zeitmangel litt – und leidet – daher die Trompete. Ich liebe das Instrument aber immer noch sehr und spiele es gerne.

Gernot Ziegler

Carina: Haben die Jahre als Trompeter deinen Ansatz als Pianist verändert?

Gernot: Vielleicht. Als Trompeter denkt man recht melodisch und vermeidet große Intervallsprünge, weil sie schwer zu spielen sind. Es kann schon sein, dass das mein Klavierspiel beeinflusst hat.

Carina: Woher nimmst du deine Inspiration fürs Spielen und Komponieren?

Gernot: Am meisten inspirieren CDs und Konzerte der großen Meister. Hancock, Corea, Jarrett, E.S.T., Mehldau, Zawinul... Ich bin nicht so der klassische "Etüdolin". Ich bin leidenschaftlicher Windsurfer und gehe, wenn´s Wind hat, auch einmal vor einem Gig an unseren Karlsruher See, statt meine Finger zu schonen. Ich geniesse es mich in diesem Sport auszupowern. Das macht mir den Kopf frei und inspiriert mich immer wieder zu neuen Kompositionen. Nach der Rückkehr aus einem Surfurlaub ist jeder auf dem Klavier gelegter Akkord ein tolles Erlebnis. Und ich kann mich wieder freuen darüber und staunen wie ein Kind!

Carina: Du hast in Mannheim bei Hubert Nuss studiert. Wer war sonst wichtig während deiner Studienzeit?

Gernot: Bei Hubert Nuss lernte ich viel über Klänge und Harmonien – und vor allem den Spruch, was gut klingt, ist auch richtig. Karsten Gorzel, der Improvisationsunterricht gab, hat mich sehr geprägt mit seinem Ansatz, der die Prinzipien von Sprache und Musik hinsichtlich Rhythmik, Betonung, Aussage und Improvisation gleichsetzt. Aber am allermeisten habe ich während meines Studiums in Mannheim von meinen Kommilitonen gelernt! Dieser mitreißende Sog von einem Haufen Typen, die genauso für den Jazz brennen, war unglaublich.

Carina: Du bist Dozent an den Musikschulen Offenburg und Germersheim. Haben sich die Schüler in ihrer Art und ihrem Umgang mit der Musik seit 1994 sehr verändert?

Gernot: Die grundlegendste Veränderung ist die heutige Fülle von Lehrmaterial und Informationsmöglichkeiten – vor allem durch das Internet. Die Schüler von heute müssen das für sie Wichtige mit Hilfe des Lehrers aus der Fülle von Angeboten selektieren. Früher verwendete man erst einmal eine Menge Zeit darauf, überhaupt an Platten, Videos und Notenmaterial heranzukommen.

Jedes Video von John Coltrane, Charlie Parker oder Miles Davis, das heute bei Youtube steht, war damals ein Kleinod für Sammler und ein gehüteter Schatz! Real Books, die man sich über Umwege aus Amerika mitbringen lassen musste, gibt es mittlerweile in zig Ausführungen ebenfalls im Internet. Dementsprechend ist die "Konsumhaltung" der Schüler heute schon etwas größer. Es macht mir immer noch genauso Spaß, zu unterrichten und ich lerne immer wieder auch von meinen Schülern.

Mobile Home

Carina: "Mobile Home" ist deine erste CD unter eigenem Namen. Wie war der Entstehungsprozess?

Gernot: Nachdem ich viele Jahre Eindrücke und Erfahrungen in den vielfältigsten Projekten und Stilrichtungen gesammelt hatte, wollte ich mich mit meinem neuen Projekt und der CD auf meine ureigensten Dinge konzentrieren.

Mit Vierzig schaut man auch darauf, was man schon gemacht hat und was man gerne noch machen möchte. Es war für mich einfach Zeit, Farbe zu bekennen. Die Basis für "Mobile Home" war das Basistrio mit Gernot Kögel und Andi Nolte. Ich wollte aber nicht lediglich eine weitere Pianotrio-CD machen und mich in die endlose Kette dieses Formats einreihen, sondern mir den Luxus leisten, zusätzliche Klangfarben und Instrumente zu verwenden, Cello, Gesang, Gitarre, Flöte. Ich stehe sehr auf das Soundgemisch von Flöte und Fender Rhodes.

Leider ist Florian Wolpert, der live das Trio als Saxofonist enorm bereichert, nur bei einem Track auf der Flöte zu hören. Dass Florian auch ein hervorragender Flötist ist, entdeckte ich erst kurz vor der letzten Studiositzung!

Carina: "Mobile" und gleichzeitig "Home" zu sein ist ja im Grunde ein Pradoxon, wie du auch im Booklet schreibst. Ist das im Grunde der "Zustand", in dem sich jeder Musiker, der auch viel live spielt, ständig befindet?

Gernot: Ich denke ja. Vor allem beim Improvisieren in einer Band muss man immer beweglich sein und auf das Spiel der anderen reagieren. Und doch muss man in sich ruhen, um die eigenen Fäden nicht zu verlieren.

Der Bandname ist, wie vieles, eine Idee meiner Freundin, die mich immer mit ihren offenen Ohren, inspirierenden Gedanken und tollen Grafiken unterstützt. Wir mieten nämlich im Surfurlaub in Südfrankreich öfters ein "Mobile Home", so einen feststehenden Wohnwagen auf einem Campingplatz... Zunächst war's nur eine Alberei. "Nennt euch doch…" Dann fand ich aber, dass es einfach unglaublich gut zu mir passt und ein sehr vielschichtiger Begriff ist.

Man trägt die Musik mit sich, wo immer man ist und sie vermittelt immer ein Zuhause. Auch fühlt man sich an Plätzen, wo beseelte Musik gespielt wird, meist gleich zu Hause.

Carina: Was war dir für deine CD am wichtigsten: Hörbarkeit, Groove, Vielseitigkeit?

Gernot: Früher bevorzugte ich virtuose, "zerfetzte" Themenmelodien und komplexe Akkorde. Momentan interessieren mich Stücke mit Songcharakter mit sanglichen Themen. Ein paar Stücke wurden poppiger als ich es ursprünglich vorhatte, aber ich finde es gut so. Obwohl ich mich tief im traditionellen Jazz verwurzelt sehe, bin ich alles andere als ein Jazzpurist.

Ich bin schon auch ein Kind der 80er und die Grooves des Fusion-Jazz liegen mir sehr nahe. Ich liebe Strawinsky, Bartok, Debussy, Ravel und Messiaen, aber auch viele Pop und Rockmusiker wie Sting und Police, Jimi Hendrix, Bob Marley oder Jamie Cullum. Auch Drum´n Bass, Electro, Techno und Housemusic faszinieren mich immer wieder.

Gernot Ziegler

Carina: Wie wichtig ist dir die Improvisation im Gegensatz zur Komposition?

Gernot: Für mich ist eine gute Jazzkomposition eine, die einen bestimmten "Nährboden" und Mood abgibt, auf der die Musiker ihre Improvisationen entwickeln. Improvisation ist mir sehr wichtig. Musik ist wie Sprache. Im Jazz setzt die Komposition das Thema, über das man sich unterhält. Natürlich hat jeder seine Vokabeln, Redewendungen, Art der Betonung und folgt einer Grammatik. Diese entspräche in der Musik den Patterns und Licks sowie den harmonischen, melodischen und rhythmischen Zusammenhängen.

Außerdem ist es wie im ganzen Leben, das ja auch immer eine Improvisation ist. Es ist wichtig, immer neugierig darauf zu bleiben, was der nächste Tag bringt. Für mich gibt eine gute Jazzkomposition einen bestimmten Nährboden ab, auf der die Musiker ihre Improvisationen entwickeln können. Aber auch eine Improvisation ist eine Komposition des Augenblicks.

Carina: Technisches Können und die Umsetzung von Emotionen, Erfahrungen und Erlebnissen, die du gemacht hast, was ist in deiner Musik in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Gernot: Ich finde, Musik darf alles sein – nur nicht langweilig! Musik sollte immer eine Geschichte erzählen. Musik ist zu schade, um sie nicht stets mit vollem Einsatz der Seele zu machen. Die Instrumentaltechnik verhilft dem Musiker, das ausdrücken zu können, was er sagen möchte, eine Energie entstehen lassen zu können. Sie sollte aber im Dienste des musikalischen Gedankens stehen.

Manche können dasselbe mit zwei Tönen sagen, wofür andere zwanzig verwenden. Meister der komprimierten Energie sind für mich beispielsweise Miles Davis, Thelonius Monk und Wayne Shorter. Ich finde es beeindruckend, wie sie ewig warten können … um dann mit ein paar Tönen das Ganze zum Kochen zu bringen!

Carina Prange

CD: Gernot Ziegler - "Mobile Home" (Foxtones FM 1010)

Gernot Ziegler im Internet: www.gernot-ziegler.de

Foxtones Music im Internet: www.foxtonesmusic.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2011
erschienen: 16.3.2011
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