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Esperanza Spalding - "Glaub an das, was du tust!"

Eine attraktive, von der Körpergröße eher kleine Frau, überragt von ihrem Dreiviertelbass, kommt als Instrumentalistin und Sängerin ganz groß raus – das ist Esperanza Spalding. Die Bassistin, die den Begriff "Wunderkind" für sich nicht gelten lässt und als ihren Mentor in erster Linie den Saxophonisten Joe Lovano nennt, fühlt sich in den unterschiedlichsten musikalischen Genres zuhause: Ob Blues, Funk, Hip-Hop oder Latin, sie spielt und singt alles, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Esperanza Spalding

Mit "Esperanza" legte die knapp über Zwanzigjährige, die schon in jungen Jahren am Berklee College unterrichtet, 2008 bereits ihr zweites Soloalbum vor. Mit dem Repertoire ihrer aktuellen CD "Chamber Music Society" mit Terri Lyne Carrington (dr) und Leo Genovese (p) kommt sie diesen Sommer auch nach Europa. Mit ihrem, soeben verliehenen, Grammy als "Best New Artist" dürfte sie dem äußerst entspannt entgegensehen...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Esperanza Spalding

Carina: "Esperanza Spalding", so schreibt man über dich, "singt und spielt gleichzeitig Bass und interpretiert all dies gleichzeitig noch in Tanzschritten." Dass Bassisten die Melodie mitsummen, die sie spielen, ist ja noch recht landläufig…

Esperanza: (wirft ein) Stimmt!

Esperanza Spalding

Carina: … aber eine völlig unabhängige Gesangslinie ist schon etwas anderes. Wie hast du es dir erarbeitet, dass du gleichzeitig singst und spielst?

Esperanza: Ich habe einfach damit angefangen! Es war ein Nebenprodukt des Lernens von Stücken. Auch Standards lerne ich auf diese Weise. Ich beginne damit, dass ich mir das Harmonieschema einpräge, das Gerüst aus den Grundtönen gewissermaßen. Dann kommt die Melodie dran und damit natürlich der Text. Das übe ich dann alles zusammen.

Als Gesamtbild habe ich dann den ganzen harmonischen Ablauf des Stückes vor Augen, wobei ich im Grunde in Kontrapunkt denke. Kontrapunkt ist etwas Zentrales, finde ich. Nicht dass ich über die Terminologie nachgedacht hätte, als ich so anfing! (lacht) Aber ich bildete Beziehungen zwischen Text, Melodie und der Bassstimme und behielt dabei immer die Harmonien im Blick.

Das war rein funktional, einfach nur mein Weg, um mir Songs einzuprägen. Aber als ich bei einer Popband einsteigen wollte, sagten die mir, dass ich auch Background singen müsste. Also schaffte ich's mir drauf, beides gleichzeitig zu tun.

Esperanza Spalding

Carina: Wenn du dabei aber auch noch tanzt, gerät da nicht manchmal was durcheinander?

Esperanza: (lacht) Also, das mit dem Tanzen! Die Leute, die das geschrieben haben, übertreiben. Ich groove lediglich mit der Musik, das ist eigentlich alles. Tanzen nenne ich das nicht, ich "bewege mich". Ansonsten hast du recht, ich muss acht geben. Allein den Bass zu spielen, ist schon anstrengend.

Wenn man gleichzeitig singt, geht einem im wörtlichen Sinne schnell die Luft aus. Ich muss also auf meinen Atem achten, aufpassen, dass ich mich nicht verspanne – den Kehlkopf, wegen der Anstrengung, richtig zu singen und meinen ganzen Körper, wegen der Konzentration, um die Noten sauber zu treffen.

Esperanza Spalding - "Chamber Music Society"

Carina: Welchen Kontrabass spielst du "on the road" und im Studio?

Esperanza: Wenn ich unterwegs bin, spiele ich einen Eminence Portable, das ist praktisch eine verkleinerte Version eines normalen Kontrabasses. Er wird zwar elektrisch verstärkt, hat aber einen Resonanzkörper und verhält sich wie ein rein akustischer Bass. Weil er so klein ist, passt er auch ins Flugzeug. Im Studio spiele ich einen Bass, über den eigentlich niemand etwas Genaues sagen kann – außer, dass er in der Mitte des 19. Jhdts. gebaut worden sein muss.

Es ist ein ¾-Kontrabass, obwohl die Mensur ein klein wenig länger ist… die Korpusrückseite ist flach. Eigenartig, dass niemand etwas über die Herkunft weiß. Jedenfalls klingt er großartig. Ich komme leider nur selten dazu, ihn zu spielen, weil ich soviel unterwegs bin. So, das wäre meine gesamte Ausrüstung!

Carina: Hast du aus Transportgründen schon mal in Betracht gezogen, zum E-Bass zu wechseln?

Esperanza: Richtiggehend zu wechseln, nein. Aber ich spiele inzwischen auch E-Bass, um mein Soundspektrum zu erweitern. Aber wechseln werde ich nicht. Der E-Bass hat mich nie in dem Sinne gereizt, als dass ich von seinem Sound so fasziniert gewesen wäre, dass ich unbedingt sowas hätte machen müssen. Jetzt habe ich ihn aber in meiner Soundpalette – und mal sehen, was man damit so anfangen kann!

Carina: Du hast ja, als du klein warst, selbständig Geige spielen gelernt. Ist das Erlernen eines Instruments, wenn man keinen Unterricht hat, eine rein intuitive Angelegenheit?

Esperanza: Selbstverständlich hat es eine Menge mit Intuition zu tun. Weil Intuition auch ein Werkzeug ist, wenn es darum geht, kreativ Lösungen für Probleme zu finden. Beispielsweise, wie man einen Ton erzeugt.

Jemand hat mir vielleicht vorgeführt, wie man ungefähr mit dem Instrument umgeht, zeigt mir vielleicht alle paar Wochen wieder etwas. Und in der Zwischenzeit sitze ich da und versuche herauszubekommen, wie ich das selbst umsetzen könnte. Wenn ich in einem Song soundsoviele Töne in einem Takt unterbringen muss: Wie schaffe ich das, sie entsprechend schnell zu greifen? Oder entsprechend langsam und sauber? Das ist der ganze Ansatz – die Suche nach dem Weg zu den Dingen, die ich spielen können will.

Auch beim Improvisieren ist das hilfreich, weil man das Gehirn ganz anders einsetzt. Man befindet sich ja in einem fortwährenden Zustand des Nichtwissens. Was kommt als nächstes? Wie reagiere ich? Was kommt auf mich zu? Und dann der Griff nach einer vagen musikalischen Idee, die man im Kopf hat – und das einfach spielen! Man lernt, vom Klangkonzept den Schritt zur Umsetzung auf dem Instrument zu machen.

Carina: Der Schritt von der Geige zum Bass bedeutete ja auch den Schritt von der Klassik zu Jazz, Blues und Funk. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Musikstilen und Lebensphasen?

Esperanza: Gute Frage eigentlich! Nein, ich habe einen solchen Zusammenhang zumindest noch nicht bewusst wahrgenommen. Der Auslöser, sich mit einem neuen Stil zu beschäftigen, kann ja alles sein. Mein Interesse am Bass brachte mich zu Jazz und Hiphop und vergleichbaren Stilen.

Das war die geeignete Musik für dieses Instrument. Ich hatte angefangen, Bass zu spielen und da waren diese Richtungen eben das, was gefragt war. Und ich fand heraus, dass das ziemlich cool ist und war ziemlich schnell begeistert vom Jazz, vom Blues und so… Na klar, Soul und R'n'B kannte und mochte ich aus dem Radio! Aber meine Neigung zu Jazz und Blues kam allein über den Bass.

Esperanza Spalding

Carina: Als du dein Berklee-Studium abgeschlossen hattest, hat man dich dort gleich als Dozentin verpflichtet. Da warst du gerade 20. Wenn man so jung in die Lehre einsteigt, verändert das den Blick auf das eigene Instrument und auf die Musik im allgemeinen?

Esperanza: Ja, auf jeden Fall! Man bewertet die Dinge die man tut plötzlich völlig anders. Ich ticke ja so, dass ich, wenn ich etwas nicht kann, versuche rauszufinden, wie es funktionieren könnte. Aber der Ansatz taugt nicht als Unterrichtskonzept! (lacht) Da muss man die eigenen Methoden analysieren, herausfinden, was sich im eigenen Kopf abspielt und welcher Weg effektiv ist.

Praktisch eine pädagogischen Umsetzung der eigenen Herangehensweise entwickeln. Das heißt, man zergliedert alles, was man macht, in Einzelschritte und bringt diese in eine Reihenfolge. Dann überlegt man sich, was davon man seinen Schülern eigentlich mitgeben will. Schon ein interessanter Prozess! Es ist das fortwährende Umbrechen der eigenen musikalischen Philosophie in selbsterklärende Bausteine. Solche, mit denen ein anderer etwas anfangen kann, die derjenige in sein eigenes musikalisches Gebäude einsetzen kann.

Carina: Du willst, so steht es auf deiner Myspace-Seite, einerseits gute Musik machen, andererseits deinem Publikum positive Energie übermitteln, genauer "ihnen Hoffnung geben, die ihnen im Leben sonst vielleicht fehlt". Sollte sich jeder Musiker etwas in der Art aufs Panier schreiben?

Esperanza: Weiß ich nicht. Ja und nein. Eine Verantwortung besteht meiner Meinung nach darin, dass man dem Publikum etwas vermittelt, was es als positiv betrachtet. "Positiv" sein kann in diesem Sinne aber auch Melancholie oder das Gefühl von Trauer. Oder auch einfach Partystimmung – das braucht man ja auch manchmal! (lacht) Jedenfalls kann man Umrisse dessen übermitteln, was sich beim Hörer in Gefühlen manifestiert, eine Rohversion der Gefühle sozusagen. In meinem Fall… als ich das sagte, worauf du dich beziehst, da ging es mir speziell um die Hoffnung als Gefühl.

Aber die mögliche Palette der Bedürfnisse ist ja sehr weit. Aus dem Grund sehen Leute sich ja auch griechische Tragödien an. Sie suchen die Essenz aus Tragik und Drama und wollen nachfühlen, was sich durch die Geschehnisse auf der Bühne ergibt. Mitleiden – aber auch sich mitfreuen, wenn den Charakteren etwas gelingt, wenn ihnen etwas Positives zustößt. Und für solche Gemeinschaftserlebnisse gehen Leute eben auch ins Konzert

. All diese emotionalen Zustände, die man während der Show als Gruppe durchlebt, das schweißt zusammen und ist gleichzeitig reinigend für die Seele. Aber die Leute mögen das verschieden sehen. Für mich als Musikerin ist dieser Aspekt jedenfalls sehr wichtig.

Carina: Dein wichtigster Mentor war Michel Camilo

Esperanza: (unterbricht) Nein, nein! Ich habe Camilo vielleicht zwei, dreimal zitiert, das stimmt. Aber der wirklich wichtige Einfluss war Joe Lovano. Das heißt, nach meiner Zeit in Portland, Oregon. Auch in Portland gab es viele Musiker, die mir sehr geholfen haben und die genauso wichtig waren – nur kennt die anderswo niemand. Der wichtigste während meiner Zeit an der Ostküste ist Joe Lovano.

Esperanza Spalding

Carina: Was war das Hilfreichste, was du von Lovano gelernt hast?

Esperanza: Woran ich mich genau erinnere, war, was Joe mir sagte, als ich Manschetten bekam, weil ich meinte, ich sei nicht gut genug für seine Band. Ich sei das schwächste Glied der Kette dachte ich – und überhaupt würde nichts passen, was ich spiele.

Eines Tages sagte ich's ihm: Sorry, sagte ich, aber ich spiele nie so, wie es sein sollte! Joe entgegnete: "Schau her, du musst wissen, dass, wenn dich schon jemand anheuert, um in seiner Band zu sein, dieser jemand dir auf der Bühne vollständig vertraut. Allein die Tatsache, dass du dabei bist, ist ein Vertrauensbeweis in deine Musikalität. Man vertraut auf dein musikalisches Urteilsvermögen. Das Wichtigste ist loszulassen, und nicht darüber nachzudenken, was irgendwer von dir hören wollen könnte. Spiel was du fühlst, sei du selbst. Weil das nämlich der Grund ist, warum man dich überhaupt in die Band geholt hat!" Das war geradezu bewusstseinserweiternd!

Dieser Ansatz trat an die Stelle des Versuchs, jemand anders nachzuahmen oder nachzuvollziehen, was jemand anders früher gemacht hat. Es lief darauf hinaus, zu lernen, aus sich selbst heraus zu spielen und das auf jede Situation anzuwenden. Das Vertrauen in sich selbst zu entwickeln, dass man damit immer bestehen kann. Daran auch zu glauben! So kommt man automatisch dazu, sich mit bestimmten Leuten zu umgeben – nämlich denjenigen, die am besten mit deinem persönlichen Spiel zurechtkommen. Diejenigen, die das beste daraus ziehen können.

Carina Prange

CD: Esperanza Spalding Unit - "Chamber Music Society"
(Heads Up International/In-Akustik)

Esperanza Spalding im Internet: www.esperanzaspalding.com

Heads Up im Internet: www.headsup.com

Fotos: Pressefotos (Johann Sauty)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 9.2.2011
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