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Bruno Böhmer Camacho - "Sei transparent!"

Im Zentrum steht für ihn die "musikalische Ehrlichkeit". Diesen persönlichen moralischen Schwerpunkt verdankt der in Kolumbien geborene Pianist Bruno Böhmer Camacho seinem Vater, der ihm anhand des Beispiels eines Glases mit klarem Wasser als Lebensmotto mit auf den Weg gab: "Sei transparent!". Seine Mutter, die Konzertpianistin Lyra Mercedes Camacho wiederum, brachte ihn frühzeitig zum Klavier und auf den Weg einer musikalischen Karriere...

Bruno Böhmer Camacho

Seine erste Band, Latin Sampling, gründete Bruno Böhmer Camacho bereits mit neun Jahren. Mit Juan Camillo Villa am Bass und und Rodrigo Villalón am Schlagzeug bildete er später das Bruno Böhmer Camacho Trio und veröffentlichte 2008 sein Debütalbum „Herencias“. Auf Sony Music folgt nun sein aktuelles Werk "Nostalgic Vision".

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Bruno Böhmer Camacho

Carina: Bruno, erzähl bitte etwas über die Entstehungsgeschichte deines neuen Albums "Nostalgic Vision"!

Bruno: Ende 2009 wohnte ich in Boston und erlebte neben unzählbaren interessanten Dingen auch leider den Tod meines Vaters. Meine Kompositionen enthalten generell einen nostalgischen Touch, aber ab diesem Moment war es verstärkt und vor allem spürte ich ein Bedürfnis all diese Gefühle auf ein Album zu packen.

Danach folgte die Situation mit der Aschewolke, von der ich über Wochen selbst betroffen war. Mit dem selben Namen entstand ein sehr repräsentatives Stück, sogar das erste Stück des Albums. So kamen ziemlich schnell alle Stücke des Albums zustande.

Bruno Böhmer Camacho

Carina: Wann war klar, dass der Titel "Nostalgic Vision" der passende ist?

Bruno: Der Titel ist während der Kompositionsphase entstanden. "Nostalgic Vision" musste auch der Titel sein, denn wir wollten in ein, zwei Worten eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft herstellen. "Nostalgic" steht für die Vergangenheit und "Vision" für die klare Vorstellung von dem, was noch kommt.

Carina: Und wo findest du dich in dem Titel als doch sehr junger Musiker wieder?

Bruno: Als junger Mensch lebt man oft von Vorstellungen und Projektionen in die Zukunft. "Vision" spricht dafür. Trotz der getragenen Nostalgie, die nicht unbedingt traurig erscheinen soll, ist meiner Meinung nach "die Frische" eines 25jährigen zu hören.

Bruno Böhmer Camacho - "Nostalgic Vision"

Carina: Du singst ja auch einige Songs auf dem neuen Album selbst. Wie bist du zum Gesang gekommen – hattest du Unterricht oder hat sich das irgendwann spontan ergeben?

Bruno: Ich habe ein bisschen Unterricht bekommen, aber hauptsächlich ist es mein Hobby – und hat sich immer sehr spontan ergeben! Ich bin neben dem Pianisten ein intensiver Songwriter und hatte immer das Bedürfnis meine Songs selbst zu interpretieren. Dass ich irgendwann mal singe, war sozusagen nicht zu vermeiden...

Carina: Wie verändert das gesungene Wort deiner Meinung nach ein Musikstück?

Bruno: Für mich wird dadurch die Absicht und der Charakter des Songs von der Seite des Komponisten vertieft. Außerdem finde ich generell, dass bei der Begegnung dieser zwei Sprachen, Musik und Wort, etwas Magisches entsteht.

Carina: Deinen ersten Klavierunterricht hattest du bei deiner Mutter, Lyra Mercedes Camacho. Was hat sie dir Essentielles beigebracht, das heute noch für dich wichtig ist?

Bruno: Von meiner Muter habe ich vor allem die Hingabe und Respekt für das Instrument gelernt. Was das Üben anging, ist sie sehr streng gewesen. Damals wäre es unvorstellbar gewesen, dass ich heute dafür dankbar bin.

Bruno Böhmer Camacho

Carina: Du hast bereits als neunjähriger Junge das Jazzensemble Latin Sampling gegründet. Von der klassischen Musik zum Jazz, wie kann man sich das vorstellen, wie lief das ab?

Bruno: Neben den ernsten Unterrichtstunden in der Klassik hatte ich immer Lust auf unsere Volksmusik. Im Versuch nicht nur die vorgelegten Noten zu spielen, kam ich dazu, sehr viel zu experimentieren und zu improvisieren. Mit sehr wenigen Infos über die Jazzsprache endeten wir zwangsläufig an vom Jazz beeinflussten Stilen. Latin Jazz zum Beispiel.

Langsam bekamen wir immer mehr Platten und aus Aufnahmen; von Großen des Latin Jazz, wie Paquito d'Rivera oder Michel Camilo wurde sehr viel gelernt. Die zwei Prozesse, Klassik und Jazz, haben sich sehr abgetrennt entwickelt. Man hat nur die selben Hände gebraucht...

Carina: Wann hast du angefangen, deinen eigenen musikalischen Stil zu entwickeln, wie alt warst du da?

Bruno: Ich denke, es hat mit 13 angefangen, als ich die ersten Stücke geschrieben habe. Mein Stil ist meiner Meinung nach vom Charakter meiner Stücke sehr geprägt und beeinflusst, nicht andersrum, wie es oft der Fall ist.

Carina: Hast du, von der Musik abgesehen, eine sogenannte "normale" Kindheit gehabt?

Bruno: (lacht) Die war ziemlich normal! Abgesehen von Fußball und Schwimmen war es ein Hobby, mit meinem Vater ein Holzboot zu bauen und einzurichten. Das Meer ist neben der Musik meine Leidenschaft gewesen. Es hat nicht ausgereicht, um Schiffsingenieur wie mein Vater zu werden, aber doch um sehr präsent zu sein.

Bruno Böhmer Camacho

Carina: Das Album "Nostalgic Vision" ist nach "Herencias" die zweite CD, die du mit deinem Trio eingespielt hast. Dazwischen lagen drei Jahre. Was hat sich deiner Meinung nach in diesen drei Jahren in der Zusammenarbeit mit dem Trio verändert? Und wo siehst du Veränderungen in deinem eigenen Spiel und in deiner Herangehensweise ans Komponieren?

Bruno: Im Trio hat in diesen drei Jahren jeder für sich sehr viel gelernt und viel Erfahrung gesammelt. Das Spiel und die Betrachtung der Musik hat sich stark verändert.

Dadurch dass ich in den letzen zwei Jahren in Boston noch weiter studieren durfte, habe ich selbst extrem viel gelernt. Die musikalische Sprache konnte sich erweitern und vor allem habe ich an meinem Sound und Klang sehr viel gearbeitet. Ich fühlte vorher eine Trennung zwischen den Stücken und meinem Spiel, und gerade jetzt empfinde ich eine starke Einheit. Ich finde mich im Moment durch meine Kompositionen als Künstler und bin mit diesem Prozess sehr glücklich.

Carina: Du bist inzwischen auch ein festes Mitglied der Formation "Klazz Brothers & Cuba Percussion". Was bedeutet das für dich?

Bruno: Es ist seit einem Jahr eine sehr intensive und erfreuliche Zusammenarbeit. Dadurch verstärke ich die klassischen Einflüsse und habe zum ersten Mal die Gelegenheit bei einem renommierten Crossover Projekt mitzumachen.

Carina: Auf "Nostalgic Vision" sind als Gastmusiker u.a. Christian Mejia, Julian Wasserfuhr und Martin Gjakonovski mit von der Partie. Wie verändert sich durch ihr Spiel der Sound des Albums?

Bruno: Julian und Martin sind gute Freunde, mit denen ich schon seit langer Zeit was zusammen machen wollte. Ich wusste, dass Julian das Gefühlvolle bei den Stücken verstärken würde. Trotzdem, dass ich sein Spiel gut kenne, hat er mich überrascht. Er hat einen persönlichen Touch hinterlassen. Sehr schön!

Martin ist ohne Zweifel einer der besten Bassisten in Europa und hat mit seiner langen Erfahrung, die zwei Titel, bei denen er mitspielt, bereichert. Christian, am Akkordeon, ist ein sehr guter Freund von unserem Toningenieur und wurde so gut empfohlen, dass ich ihn einladen wollte. Auch er hat seine Art hinterlassen. Er kommt ja aus Ecuador, wir sind sozusagen Nachbarn. (lacht) Ich denke, der Sound des Albums verändert sich dabei nicht so sehr, es sind mehr kleine Details, die einfach ein bisschen Farbe ins Album bringen.

Bruno Böhmer Camacho

Carina: Was würdest du als wichtigste Emotionen, Eigenarten, Eigenschaften bezeichnen, die du als Kolumbien mit nach Deutschland gebracht hast?

Bruno: Aus Kolumbien habe ich Spontanität, unkonditionale Liebe für Musik, keine grossen Vorurteile und etwas Sonne mit gebracht. (lacht) Auf jeden Fall bin ich auch bewusst, was in anderen Ländern alles fehlt! Ober vielmehr, was man hier in Deutschland alles hat. Ich habe noch einiges eingepackt, das in den nächsten Alben rauskommen wird. Möchte es jetzt noch nicht verraten!

Carina Prange

CD: Bruno Böhmer Camacho - "Nostalgic Vision" (Sony Music)

Bruno Böhmer Camacho im Internet: www.brunoboehmercamacho.de

Sony Music im Internet: www.sonymusic.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2011
erschienen: 26.8.2011
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