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Nik Bärtsch- "Überliste dich selbst"

Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch hat mit seiner Band Ronin in Europa schon längst einen gewissen Ruhm erlangt. Seine Musik wie sein Denkansatz sind geprägt von hoher Intellektualität, seine Stücke auf dem neuen Album muten mathematisch an: als "Module" bezeichnet er die einzelnen Tracks auf seiner CD "Llyria".

Nik Bärtsch

Dieses intellektuelle Niveau wirkt sich auch auf den Klang seines neuen Albums aus, aber nicht nur: denn Bärtsch und seine Band lassen sich auf ein sich steigerndes, nahezu in Trance gespieltes System ein, dass dann letztendlich doch aus dem Bauch heraus zu kommen scheint. Voll Intuition und doch streng nach System spielt sich "Llyria" in die Herzen der Hörer, ist geprägt von einem hohen Grad an lyrischen Klängen, einem enormen Energiefluss.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Nik Bärtsch

Carina: Der Titel deiner ersten eigenen CD war "Rituals Groove Music" und repräsentiert, wie du erklärst, das "Programm deines musikalischen Denkens". Du sagst unter anderem ein Stück könne "wie ein Raum betreten, bewohnt werden…" Wächst Musik dergestalt über ein reines Ausdrucksmittel des Menschen hinaus, wird zu einer eigenen Kraft, unabhängig von Zeit und Raum?

Nik: Zu dem erwähnten Raum-Statement hat mich ein Satz von Strawinsky inspiriert. Er meinte, dass er einige moderne Kompositionen "nicht betreten" würde, wenn sie Gebäude wären. Das erschien mir als ironisches und gleichzeitig tiefsinniges Bild. Musik ist ja einfach mehr oder weniger geordnete Schwingung in der Luft. Raum und Zeit sind also Bedingungen der Möglichkeit von Musik.

Im Zusammenspiel mit dem menschlichen Empfinden kann aber Musik eine ungeheure räumliche Energetik entfachen. Peter Sloterdijk hat mal die kuriose Frage gestellt, wo wir seien, wenn wir Musik. Wir sind in der komfortablen Lage, uns in poetische und eigenständige innere Räume hinein zu bewegen, die architektonisch, emotional, spirituell, experimentell oder wie auch immer empfunden werden können: Wir können Musik mehrdimensional empfinden, als ein kohärentes System von Ereignissen mit Bezügen, obwohl sie "real" sehr linear in der Zeit aufgenommen wird.

Unsere Wahrnehmung und unser Empfinden kann also aus dem Nacheinander ein Nebeneinander, Übereinander und oft auch ein Durcheinander kreieren. Es ist in diesem Zusammenhang spannend zu fragen, wie orientiert und bewegt man sich in einer Komposition? Wie erinnert man sich an ein Stück und an seinen Ablauf? Wie wird diese Erinnerung vom Komponisten, vom Interpreten oder von einem Improvisator organisiert?

Das Bild vom musikalischen Raum und der Musik als Bewegung, als Tanz diente mir damals auch als Gegenbild zur Idee von Musik als narrativer Struktur. Ich wollte den Hörer nicht so sehr am Ohrläppchen der Zeit entlang ziehen, sondern ihm eher Räume eröffnen, in denen er sich umsehen und -hören, neu orientieren und so seine Wahrnehmung schärfen kann. In diesem Bild habe ich aber wohl das dramaturgische Verführungspotential unserer Musik etwas außer Acht gelassen. (lacht)

Unsere Musik lebt ja auch von einem starken rhythmischen Sog! Ich habe die "Geheimwaffe" Dramaturgie heruntergespielt, mit der wir unsere Musik befeuern… Heute würde ich etwas ehrlicher und pragmatischer sagen: Musik ist die Verbindung von Architektur und Dramaturgie! Einer meiner besten Freunde ist Architekt. Er hat mich auf die Idee der "sanften Besucherführung" gebracht – wie erfährt jemand, der das erste Mal ein Gebäude betritt, wohin er gehen soll oder kann? Unsere Stücke sollen verführerische Angebote enthalten, sich in andere Räume zu entwickeln. Im besten Falle Angebote, die man nicht abschlagen kann.

Nik Bärtsch

Carina: Noch ein Zitat von dir: "Man soll mit Ohren und Händen denken." Wird die Musik damit sozusagen ein Teil von uns selbst, sozusagen ein Nebenprodukt des erfolgreichen Körpereinsatzes in Form des "Bedienens der Instrumente"?

Nik: Wenn ich gewisse Stücke, Passagen und deren Motive sehr intensiv übe – also körperlich trainiere –, kommt es immer wieder vor, dass ich im Schlaf, im Traum, zu diesen Motiven "werde": Ich bewege mich plötzlich "als ein" musikalisches Motiv, ich bin das Motiv… Das klingt nun etwas abgedreht, erscheint mir aber als logische Folge intensiven körperlichen Trainings.

Außerdem – ich habe das Zitat abgewandelt. Das Original stammt aus der Kampfkunst. Ich selber betreibe Aikido und kenne es aus diesem Zusammenhang. In einem Text von Taisen Deshimaru-Roshi zur japanischen Kampfkunst heißt es: "Man soll mit dem Körper denken". Wenn ich nämlich in einem körperlichen Kampf anhand meines Verstandes vorgehe, bin ich immer zu spät in meiner Reaktion. Weil es Zeit braucht, bis meine Situationsanalyse in Bewegung umgesetzt werden kann.

Oft wird diese Analyse zudem noch von Erwartungen, Ängsten und Narzissmen beeinflusst. Um schnell – und gleichzeitig ruhig – zu agieren und zu reagieren, muss die ganze sinnliche Wahrnehmung des Körpers alles und gleichzeitig nichts erwarten. Kampfkunst und Musik sind beides Performance-Künste im Sinne des Anstrebens der absoluten Präsenz im Moment. Es ist immer "Jetzt".

Wenn ich das Schwert – oder den Flügel – "bediene", wird das jeweilige Werkzeug mich ans Gängelband nehmen. Und ich bin sein Sklave. Wenn es mir aber gelingt, mit ihm zu "tanzen" und eins zu werden, dann können überraschende Wendungen entstehen. Und Können, Inspiration und Kreativität können sich wie selbstverständlich paaren. Mit Ohren und Händen denken heisst "sinnlich" denken. Sich nicht auf sein "Wissen" zu verlassen, sondern mit offenen Ohren und sensiblen Händen beziehungsweise Bewegungen im Moment zu agieren.

Nik Bärtsch

Carina: Dient also die Musik auch als Mittel, um einen speziellen meditativen Zustand zu erreichen? Oder ist das Erzeugen der Musik das einzige Ziel?

Nik: Ich glaube, oft wird unterschätzt, dass Meditation eine sehr körperliche Aktivität ist. Oft spricht man sogar davon, dass jemand "vergeistigt" sei, wenn er sich seriös für spirituelle Techniken, Taktiken und Strategien interessiert. Es gibt auch das Klischee, zumindest in der klassischen Musik, das Musiker eher unsportlich seien. Dabei muss ständiges Üben sowohl bei spirituellen wie bei musikalischen Techniken sehr pragmatisch und alltagsbezogen sein, soll es mittel- und langfristig nachhaltig erfolgreich sein.

Ein Livemusiker ab einem bestimmten Niveau ist eher eine Verbindung aus Spitzensportler, Schachspieler und Schamane denn ein vergeistigter Spastiker. Er muss mit differenzierten und ökonomischen Bewegungen Präsenz und Resonanz hervorrufen. Musik lebt von Schwingung und Flow. Dabei können rituelle Techniken und Dramaturgien hilfreich sein. Sowohl für den Spieler wie für die Zuhörer. Auch hier ist mir das Bild des Kampfkünstlers nahe: Er versteht sein Kunst als eine spirituelle. In ihr verbinden sich Geist, Körper und Seele, genauer: sie werden gar nie getrennt wahrgenommen. Ihre Trennung führt zu falschen Übetaktiken für den Alltag.

Persönlich ist für mich meine Arbeit mit und an der Musik ein ständiges Gebet. Das Leben mit der Musik als Schwingungsphänomen ist ein spirituelles Leben. Musik ist für mich Gott. Ein mystischer, unendlicher, großartiger und kurioser Strom, von dem ich ein Teil sein darf. Ein unglaubliches Geschenk, das zu fröhlicher Bescheidenheit einlädt.

Nik Bärtsch's Ronin - "Llyrìa"

Carina: Beim Titel deines neuen Albums, "Llyrìa", handelt es sich ja um die Gattungsbezeichnung bestimmter Meerschnecken...

Nik: Hmm, meines Wissens ist "Llyrìa" der Name eines kürzlich entdeckten, eher quallenartigen Tiers aus der Tiefsee. Von dem man bis heute nicht weiß, was es eigentlich genau ist, wie es sich ernährt, wie alt es wird, wie es sich fortpflanzt... Es bewegt sich subtil und leuchtet enigmatisch in großer dunkler Tiefe, in der ein extrem hoher Druck herrscht... Zumindest hat mir das der Forscher so geschildert, der es entdeckt und benannt hat! Ich habe ihm geschrieben, nachdem ich das Tier und seinen Namen in einem Buch über die Tiefsee entdeckt habe, das meine Frau, die Biologin ist, mit nach Hause gebracht hat.

Die Llyrìa erschien mir als ein modernes Fabelwesen, das direkt vor unserer Nase lebt, ohne dass wir es kannten – bis vor kurzem! In der Tiefsee wurde in den letzten fünfundzwanzig Jahren im Schnitt alle zwei Wochen eine neue unbekannte Tiergattung, eine neue Spezies, entdeckt und man vermutet noch ein paar Millionen mehr. Zum Vergleich, bekannte Tiergattungen gibt es bis jetzt ca. 1.4 Millionen. Der Forscher meinte, dass der Name "literarischer Natur" sei und vermutlich wieder verschwinde, sobald das Tier "klassifiziert" ist, weil er wissenschaftlich nicht präzise sei. Das alles hat mich sehr beeindruckt und der Name hat mich sofort angefallen, wegen dem Schriftbild, der Eigenheit und dem Klang.

Unsere Musik ist oft wie ein Ozean in dem noch Millionen von unentdeckten kuriosen Ideen und Phrasierungen herumschwimmen. Llyrìa ist symptomatisch eine "Spezies" davon. In dem Namen klingt natürlich auch "lyrisch" an. Die neue Platte lebt neben den Rhythmen auch von Themengeflechten und kurzen Melodien. Und dieser Bezug schien mir mit diesem Namen verantwortbar.

Carina: War er auch ein Anlass, sich auf perlende, sozusagen "maritime" Klangwelten einzulassen oder gar, sich im übertragenen Sinne in ein musikalisches, fremdartiges Schneckenhaus zurückzuziehen?

Nik: Llyrìa ist ein Wassertier und Wasser ist das Medium, das mir immer wieder im Zusammenhang mit unserer Musik in den Sinn kommt: Meer, Flussläufe, Strömungen, Wirbel, Ruhe, Überlagerung... Unser neues Video zu "Modul 47" hat ebenfalls diesen "Fluss der Dinge" zum Thema. Peter Rüedi hat mich mal als "Fließkünstler" bezeichnet. Diese Bezeichnung fand ich im Zusammenhang seines Artikels sehr geglückt, nicht zuletzt eben weil ich eine Affinität zum Maritimen und zu Wasser generell verspüre.

Aber: Der Name ist letztlich ein Phantasiename, der zu vielem einlädt. Llyrìa könnte ein Land sein, in dem Musik das höchste Gut ist und die Menschen durch Musik kommunizieren.

Carina: Den Begleittext des Booklets zu "Llyrìa" hast du selbst geschrieben. Dabei stellst du ein Zitat von Wittgenstein voran. Hast du das Zitat ausgesucht oder den Autor?

Nik: Ich habe das Zitat sehr bewusst im Zusammenhang mit dem Text ausgewählt. Wenn unsere Musik gelingt, geht es darin um eine positive und überraschende Veränderung und Erweiterung der Wahrnehmung. Die soll aber nicht nur intellektuell sondern sinnlich stattfinden bzw. in einer Synthese der beiden Aspekte – ich hatte immer schon Mühe, diese zu trennen!

Im Booklettext versuche ich zu hinterfragen, wie normal uns gewisse Aspekte gemeinsamen Musikhörens und -machens erscheinen. Viele musikalische Stile und Kommunikationsformen sind selbstverständlich geworden und werden nicht, oder nicht mehr, bewusst hinterfragt. Mich und meine musikalischen Partner interessiert, wie sich solche Stile und Formen aus- und einprägen. Nicht zuletzt, um selber Taktiken und Strategien der Eigenständigkeit zu entwickeln und zu kultivieren. Unsere regelmäßigen Montagskonzerte, die wir schon seit über sechs Jahren spielen, ist nur eine davon.

Carina: Ist Wittgenstein ein philosophisches Vorbild für dich?

Nik: Das Zitat stammt aus den "Philosophischen Untersuchungen", einem Buch, das mich immer wieder erfrischt und unter Hochspannung setzt. Auch weil es scheinbar alltägliche und normale Sprach- und Kommunikationsphänomene befragt und deren sonderbare und zugleich praktische Fähigkeiten aufzeigt.

Übrigens, das Zitat steht auch vor einer Geschichte des Buches "Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte" des Neurologen Oliver Sacks. In dieser Geschichte bespricht Sacks einen Fall, in dem ein Mensch seine Fähigkeit verloren hat, seinen eigenen Körper wahrzunehmen. Er weiß und fühlt zwar, dass er "ist", aber nicht, dass er in seinem Körper ist. Dank diesem "siebten" Sinn der Eigenwahrnehmung können wir unseren Körper überhaupt wahrnehmen, obwohl wir uns dessen gar nie bewusst sind – und deshalb also zum Beispiel zu Musik in der Küche herumtanzen. Diese selbstverständliche Tatsache ermöglicht uns überhaupt erst, "normal" zu leben.

Ganz ähnlich geht es uns oft mit anderen Phänomenen im Alltag, zum Beispiel in den gewohnten Stil- und Hörfeldern in denen wir uns täglich bewegen. Praktischer gefragt: Warum beispielsweise wird bei Groove-Musik meist die Eins betont? Oder, warum werden Pickups und Breaks meist bei formstarken Übergängen gespielt? Warum werden meist Crashs zur Steigerung und zur Betonung eines Übergangs eingesetzt? Mich interessieren diese scheinbar selbstverständlichen Grundaxiome eines Stils, die Phraseologie, die eine Gruppe oder Szene entwickelt und festigt.

Im Moment beschäftigen mich Phraseologien der Wahrnehmung des Selbstverständlichen. Ich suche Bezüge und Verbindungen aus Musik, Philosophie, Kunst und Leben, die scheinbar sanft und höflich gewählt sind, aber in Wirklichkeit wie Zündschnüre funktionieren, wenn man sich darauf einlässt.

Nik Bärtsch

Carina: Stichwort "Improvisation und Freiheit": Kann man sagen, dass klare Regeln ein Höchstmaß an Freiheit ermöglichen und somit auch gute Improvisation ermöglichen?

Nik: Ich würde sagen, dass durch selbstgewählte Einschränkung große Freiheit entstehen kann. Letztlich will man als Komponist, Interpret oder Improvisator ja "etwas" machen statt "irgendetwas". Man will eine schlüssige, überraschende und kohärente Dramaturgie kreieren.

Dafür gibt es verschiedene Taktiken, die sehr viel verschiedene Resultate zeitigen können. Ich bin sehr an reduktiven Strategien interessiert, weil ich es schwieriger und damit herausfordernder finde, mit wenig Material ein Stück zu komponieren oder eine Improvisation zu kreieren, die Sinn macht.

Mich interessiert der Wille des Musikalischen Materials, der Motive und Patterns und nicht so sehr mein eigener. Wenn Stringenz, Form und Dramaturgie sinnlich überzeugend aus dem Material heraus organisiert werden kann, bin ich glücklich.

Carina: Kann dieser Grundsatz der klaren Regeln, der beispielsweise in den Kampfkünsten gilt, auf Musik eins zu eins übertragen werden – oder gar auf alles im Leben?

Nik: Grundsätze versuche ich immer mit der Praxis kurzzuschließen und pragmatisch zu handhaben. Man muss sich immer wieder selber überlisten! In der Kampfkunst gilt ja auch, dass man die Regeln benutzt und trainiert, so dass man sie letztlich nicht mehr braucht und frei und kreativ werden kann. Regeln sind zudem nicht nur von individuellem Interesse, sondern auch stark von einem sozialen. Sie dienen dazu, sinnvoll und verständlich kommunizieren und zusammen agieren zu können.

In der Kunst opfere ich die Regel im Zweifelsfall aber immer zu Gunsten einer schlüssigen Dramaturgie, wenn es nicht anders geht. Das Eigenständige ziehe ich der Schönheit meist vor.

Carina: Steve Coleman sagte in einem Interview mit mir zur M-Base Bewegung, diese sei "eher Philosophie als eine Organisation und natürlich veränderlich." Kommt bei deiner Idee der "Ritual Groove Music"ebenfalls erst die Philosophie und dann die Musik? Wo siehst du Überschneidungen und Differenzen zu Coleman?

Nik: Diese Aussage kann ich teilen. Im Bezug auf unsere Art, das Phänomen zu beschreiben, wie aus dem Leben und Zusammenleben Musik und stilistische Codes entstehen, möchte ich gerne auf den Booklettext von Llyrìa verweisen. Darin gehe ich den Fragen nach, wie charakteristische Phrasierungen, Verzierungen und rhythmische Legierungen entstehen, die von einer ganzen Gruppe von Menschen geteilt werden. Und wie sich dann stilistische Verbindlichkeit festigt.

Wie bei Körper und Geist oder Denken, würde ich philosophische Überlegungen und die Praxis des Musikmachens nicht trennen oder zeitlich nacheinander ansiedeln. Das eine befruchtet und beeinflusst das andere. Ich finde aber in diesem Zusammenhang den Begriff der "Erfahrung" sehr wertvoll. Erfahrung scheint mir "im Körper kondensiertes Wissen". Wer eine echte Erfahrung mit einer Sache gemacht hat, spricht und agiert anders als jemand, der "nur" darüber gelesen hat.

Ich habe immer versucht "meine" Philosophie praktisch zu formen und zu prüfen. Ich hatte vor ein paar Jahren zusammen mit einem Freund die Chance, für die Musikhochschule Zürich einen Kurs zu entwickeln, der mehr Philosophie in den sehr praxisgeprägten Unterricht der Musikstudenten bringen sollte. Wir nannten ihn "Praktische Ästhetik", weil in ihm ästhetisch-philosophische Überlegungen immer anhand von aktuellen praktischen Projekten der Studenten entwickelt und geprüft werden sollten.

Allerdings – was nützt einem die beste künstlerische Idee, wenn man für deren Umsetzung kein Geld findet, beziehungsweise nicht weiß, wie man es finden kann? Auch bei meiner Band Ronin sind uns die praktischen Details der Organisation, der Kommunikation, der Tourplanung und Logistik und so weiter genauso wichtig, wie die künstlerischen und kreativen Fragen. Auch die großen Ideen werden lächerlich, wenn das Handwerk dazu nicht stimmt.

Nik Bärtsch

Carina: Jetzt mal zu deiner Kleidung -du gehst wie aus einem Kung Fu Film oder einem japanischen Mönchskloster entsprungen gekleidet auf die Bühne. Soll das die Übereinstimmung von Innerlichkeit und Äußerlichkeit verdeutlichen? Bist du in Japan oder China bei einem Meister in die Lehre gegangen und hast daher einen Bezug zu dieser Kleidung? Konkreter gefragt, handelt es sich um ein "Image-Ding"?

Nik: (lacht) Da gehen viele Beobachter ihren eigenen Klischees auf den Leim oder beobachten einfach sehr unpräzis. Normalerweise trage ich Hosen von Christa De Carouge, einer Designerin aus der Schweiz, der ich mich sehr verbunden fühle. Sie verbindet ausgezeichnete Qualität mit einem praktischen Design, das mir zudem ästhetisch noch sehr zusagt.

Interessante Schuhe habe ich nun in England gefunden. Sie sind "vegetarisch", das heißt, ohne tierische Stoffe erzeugt. Die teste ich im Moment, weil ich schon sehr lange Vegetarier bin, aber nie vernünftige Schuhe ohne Leder und tierische Zusatzstoffe gefunden habe.

Meine T-Shirts sind meist von Switcher, einer Marke aus der Schweiz, die vorgibt, nachhaltig und ökologisch zu produzieren – ich hoffe, es stimmt! Gute Hemden mit Stehkragen sind auch nicht einfach zu kriegen. Zum Teil trage ich welche, die eine chinesische Designerin für mich gemacht hat, die ihren Shop in der Straße hat, wo ich aufgewachsen bin. Ich mag diese Hemden, weil sie hohe Kragen haben, die meinen empfindlichen Hals schützen und ich habe nie verstanden, was an den normalen europäischen Hemdkragen heutzutage noch funktional sein soll! Sie sind eher Verzierung.

Ein sehr schönes tailliertes Hemd mit Stehkragen fand ich kürzlich bei Zara in Griechenland, als wir da auf Tour waren. Meist trage ich aber feine Pullover – entweder auch von Switcher oder von Armani, weil die welche haben, die keinen Saum am Ärmel und unten haben und meiner Meinung nach so besser mit den Hosen harmonieren.

Jacken habe ich verschiedene, meist aus dem Militärshop, weil die am strapazierfähigsten sind. Mützen auch, oder dann von meinem Fußballclub FC Zürich. Meine Lieblingshosen waren übrigens die Militärhosen der italienischen Marine. Leider sind sie vergriffen! Einen klasse Wintermantel, den man auch auf dem aktuellen Ronin-Poster sieht, habe ich ebenfalls von Christa.

Ein sehr gutes modernes Tour-Gilet, das warm hält, in dem man aber nicht schwitzt, habe ich in Italien gekauft. Die experimentieren da mit neuen Materialien. Leichte Schals lasse ich mir selber herstellen. Meine aktuellen Taschen sind von Urban Tool, sehr praktische Guerilla-Beauty-Cases für den Städter.

Bezüglich meiner Unterhosen verrate ich aus Diskretionsgründen nichts! Socken sind nicht der Rede wert, um so mehr, als ich oft nur zwei verschiedene finde. Immerhin beide schwarz. Außer ein paar T-Shirts vom Tokyo Airport, die in Japan hergestellt wurde, trage ich nichts Traditionelles aus Japan.

Kung Fu und Zen Kleidung haben ja ihren Schnitt und ihr Material aus bestimmten praktischen Gründen. Diese zu beschreiben, wäre wieder ein anderes spannendes Thema. Ich wollte damals meine Abschlussarbeit an der Musikhochschule zu "Kleidung bei Strawinsky und Schönberg – ein Vergleich und seine ästhetisch-musikalischen Schlüsse" machen. Das wurde dann aber als Thema nicht angenommen. So habe ich dann eine Arbeit zu Heiner Goebbels Stück "La Jalousie" geschrieben. Das war auch sehr ergiebig. (lacht)

In Japan habe ich ein halbes Jahr in einem Aikido-Dojo in Kobe trainiert, mein Haupt-Sensei ist aber in Holland und ich habe lange vorher in der Schweiz angefangen zu trainieren. Mein Rang ist Shodan, also Schwarzgurt. In Japan nichts besonderes, ich gelte jetzt als ein "seriöser Anfänger". In Kyoto war ich zweimal an Sesshins im Rinzai Haupttempel, aber eigentlich hat mich meine Mutter so um die zwanzig in der Toskana in die Zen-Meditation eingeführt. Die wichtigste Meisterin war und ist für mich meine Klavierlehrerin Erna Ronca, zudem ist mein langjähriger Feldenkrais-Lehrer sehr wichtig für mich. Sie alle haben mir vor allem geholfen, meinen Körper ganzheitlich zu verstehen und ihn für die Musik fruchtbar zu machen.

Aber zurück zur Kleidung: Meine Kleidung muss funktional sein. Ich pflege auch hier ein Modulsystem, weil ich nicht immer überlegen will, was ich anziehen soll und ich oft auf Reisen bin. Da ist es mal warm, mal kalt und das Klima verändert sich ständig. Man muss auch mit den gleichen Klamotten zu einem Empfang des Botschafters gehen oder in einen Underground Club, weil ich ja nicht sieben Koffer mit Mode mitschleppen kann und will. Ich habe zudem drei kleine Kinder, also kann ich nicht in Weiß rumrennen.

Hmm, was noch? Mit einer Glatze hat man weniger Aufwand, verliert weniger Zeit und kann somit mehr arbeiten! (lacht) Ist das jetzt alles Image? So oder so, jeder hat ein Image. Ob er es aktiv mitgestaltet oder nicht, ob er will oder nicht.

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Nik: Überliste Dich selbst. Bleib immer am Lernen interessiert.

Carina Prange

CD: Nik Bärtsch's Ronin- "Llyrìa" (ECM ENJ-9437 2)

Nik Bärtsch im Internet: www.nikbaertsch.com

ECM Records im Internet: www.ecmrecords.com

Fotos: Pressefotos (Marc Wetli, Martin Möll)

© jazzdimensions 2010
erschienen: 29.11.2010
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