Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2010
Bill Evans - "The Reward Is The Music!"

"The Other Side of Something" lautete der auf wunderbare Weise gleichzeitig nichts und alles aussagende Titel des letzten Studioabums von Bill Evans. Der Saxophonist, der inzwischen seit mehr als zwei Jahrzehnten als Solokünstler mit seiner sich ständig wandelnden Musik musikalische Spannungsfelder auskundschaftet, bezeichnete dies trocken als "im Grunde eine jazzige Version der ‚Americana' genannten Musik, gespielt von Jazzmusikern, die neue und frische Ideen entwickeln.

Bill Evans (Foto: Barbara Steingießer)

HIer blieb Evans jedoch nicht stehen und auch sein auf "The Other Side of Something" gefeiertes Debüt als Sänger genügte ihm auf Dauer nicht. Neue Herausforderungen suchte er sich im Bigband-Kontext. Nun erschien von ihm das in Deutschland mit der WDR-Bigband eingespielte Live-Album "Vans Joint", das während zweier ausverkaufter Konzerte in Düsseldorf und Köln entstand. Derzeit ist Evans mit seinen Soulgrass Renegades wieder auf Deutschlandtour.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Bill Evans

Carina: Bill, deine Bands und überhaupt die meisten deiner musikalischen Projekte basieren auf Freundschaften, die du und deine Musiker untereinander pflegen. Wird das gerade auf Tour ein wesentlicher Faktor, dass man gemeinsam auch Spaß haben kann?

Bill: Nein, für mich geht es in erster Linie um die Musik und von dort kommt auch meine Inspiration. Aber es ist schon richtig, dass man ebenso auf die Inspiration der Mitmusiker bauen können muss und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Der Spaß an der Sache ergibt sich meiner Meinung nach von selbst, wenn alle in der gleichen Richtung denken. Das gibt einem die Freiheit, etwas Neues zu machen, weil alle sich einig sind, was angesagt ist und wohin die Musik sich bewegen soll. Zuerst kommt also das Skizzieren der Musik und dann muss man sich die Musiker suchen, die das umzusetzen helfen.

Bill Evans (Foto: Barbara Steingießer)

Carina: Vertiefen sich solche Freundschaften im Verlauf einer Tour eher, oder geht man sich schließlich wegen des Stresses sogar aus dem Weg?

Bill: In der Hinsicht habe ich immer Glück gehabt. Es ist und bleibt eine große Familie, auch "on the road"! Immer. Es ist total wichtig, dass ich die richtigen Musiker für so etwas aussuche. Wir stehen ja zwei Stunden pro Tag gemeinsam auf der Bühne und müssen dann weitere zweiundzwanzig Stunden auch noch miteinander auskommen. (lacht) Ich habe eine junge Band – Ryan Cavanaugh, mein Banjospieler, ist noch keine Dreißig und ein phantastischer Musiker. Christian Howes, der Fiddlespieler ist in den frühen Dreißigern. All meine Jungs sind scharf aufs Reisen und darauf, auf der Bühne zu stehen. Und sie sind die Besten ihres Fachs.

Deshalb wachsen wir als Band, genau wie unsere Freundschaft durch die Tourarbeit gestärkt wird. Das Reisen ist mühselig und erfordert viel Zeit. Der größte Teil der Tour besteht eigentlich aus Fahrerei. Für uns ist es also immer ein Höhepunkt, auf der Bühne zu stehen, das ist es, worum es geht. Dafür allein nehmen wir das alles auf uns. "The Reward is the music", wie wir zu sagen pflegen.

Bill Evans

Carina: Nach "Soulbop" kam "Soulgrass", dann "The Other Side Of Something" und jetzt "Vans Joint". Man kann in der Entwicklung der Musik dieser Alben eine kontinuierliche Linie erkennen. Ergibt sich das nur durch die Außensicht, oder gibt es wirklich etwas wie einen langfristigen Masterplan von dir?

Bill: Nein, eigentlich denke ich nie weiter als bis zur Band mit der ich gerade arbeite, oder der gerade anstehenden Platte. Sobald es um die Musik geht, lebe ich ausschließlich in der Gegenwart.

"Soulgrass" war mein allererster Versuch bezüglich des Einbindens von Bluegrasswurzeln und der Integration des einschlägigen Instrumentariums in den Jazz. Für mich neu – sowas hatte ich nie zuvor gemacht. Als ich also anfing, die Musik dafür zu schreiben, war das total frisch und experimentell. Nun ist es nicht mehr ganz so neu und ich habe klare Vorstellungen davon, was geht. Ich könnte das noch jahrelang so weitermachen und Hunderte von Konzerten geben, so selbstverständlich entwickelt es sich.

Das Album "The Other Side Of Something" war also das Ergebnis einer Entwicklung. Ich ging mit Dennis Chambers, Victor Wooten und Bela Fleck ins Studio und hatte noch Leute meiner eigenen Band dabei, wie Joel Rosenblatt am Schlagzeug, Chris Howes, Ryan Cavanaugh und, nicht zu vergessen, Richard Bona. Ich konnte Stücke aufnehmen, die in sich eine Weiterentwicklung des "Soulgrass"-Konzepts auf höherem Niveau darstellten. So eine "Soulgrass meets Funk"-Sache mit der Art von Melodien wie ich sie eben schreibe. Ich bin selbst ja schließlich kein Bluegrasser und mir ging es auch gar nicht um Bluegrass als solches, als ich mich in dieses Projekt gestürzt habe.

Was mich interessiert hatte, waren diese speziellen Instrumente und ihr Klang. Und dazu hatte ich bestimmte Melodien und Rhythmen im Kopf. Der springende Punkt ist, dass es eben kein Crossover von Jazz zu Bluegrass war, was ich beabsichtigte. Ich wollte einfach nur mit diesen Instrumenten herumspielen. Und hören, wie sich die Melodien anhören, die mir vorschwebten.

Bill Evans - "The Other Side Of Something"

Carina: Anlässlich des Soulgrass-Albums sagtest du zu mir in einem Interview, dass die Leute "den Sound schon hören, bevor du einen Ton gespielt hast. Ohne einen guten Sound wird niemand hören wollen, was du zu sagen hast." Gilt das für den Einzelmusiker, oder auch für die Band als Gesamtheit? Wie arbeitest du an deinem Sound?

Bill: Worauf ich mit diesem Satz angespielt habe, war durchaus der Sound der gesamten Band. Alles, was wir gemeinsam erschaffen. Klar, ich bin in erster Linie Saxophonist, egal welche Musik ich gerade schreibe oder aufführe. Und da ist noch immer das gleiche Mundstück, das gleiche Saxophon, die gleiche Sorte Blätter … – alles noch genauso, wie es war, als ich auf dem Instrument anfing. Das ist die immergleiche Basis – das Instrument, in diesem Fall mein Saxophon.

Der Bandsound hingegen, der jetzt auch Gesangsstimmen umfasst … - etwas, was ich nie zuvor gemacht habe, auf einer Platte auch zu singen! - also das, was ich vorhin als das "höhere Niveau" der Musik bezeichnet habe, also ihre Weiterentwicklung, eben der aktuelle Sound der Band … dieser Sound ist veränderlich. Und er muss das auch sein, sonst hört er auf, interessant zu sein. Sowohl für uns als Band, als auch für das Publikum, wie ich meine. Des öfteren kommen Leute nach dem Konzert auf mich zu, um mir zu sagen, sie fänden es toll, wie ich meinen Sound und meine Band immer erneuere, um alles frisch und zeitgemäß zu halten. Und gerade zur aktuellen Band haben mir Leute die letzen zwei Jahre über immer wieder zu verstehen gegeben, dass sie so etwas noch nie gehört hätten. Und das betrachte ich als ein großes Kompliment!

Carina: Du warst auch immer ein Freizeitmensch, der Sport treibt oder zum Angeln geht. Wieviel Aktivität brauchst du neben der Musik, um genügend Inspiration zum Komponieren zu haben?

Bill: Hmm, das ist eine gute Frage… Ich habe keine Ahnung! Diese Jahr war ich die meiste Zeit auf Tour und so war es auch die vorangegangenen beiden Jahre. So extrem ist es bislang nie gewesen. Ich hatte also weniger Zeit für irgendwelche Sachen außerhalb der Musik, als ich gerne gehabt hätte. Das geht ja Hand in Hand – und auch wenn es ein Klischeesatz ist, dass "das Leben die Musik und die Musik das Leben" sei, halte ich ihn nichtsdestoweniger für wahr!

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Musik schreiben und spielen kann, die mir vorschwebt. Und sogar CDs verkaufe, auf denen Stücke sind, die mir selbst etwas bedeuten! Ich mache es ja nicht zum Geldverdienen, sondern mir geht es um die Entwicklung der Musik und meiner Karriere als Musiker. Das ist heutzutage ein echter Luxus, weil ja im Musikbusiness ansonsten alles so schwer geworden ist.

Bill Evans

Carina: Wie du eben erwähnt hast, singst du auf "The Other Side Of Something" zum allerersten Mal bei mehreren Stücken und vor allem auch eigene Texte. Wie fühlte sich das an?

Bill: Ein bisschen beängstigend war das schon, echt! Ich hatte ja gerade eben mit Singen begonnen, hatte nur während der vorhergehenden Tour im Frühjahr hier und da mal ein Stück gesungen. Aber das war vom Level nicht nennenswert – weit unter dem Niveau, wo ich das selbst als "Gesang" hätte bezeichnen wollen. (lacht) Also habe ich geübt und daran gearbeitet. Ich sehe mich immer noch als Anfänger.

Für die Band war es eine stilistische Erweiterung, eine neue Klangfarbe. Ich singe im Konzert bei vier Stücken. Es macht Spaß, weil ich immer besser werde. Auch für das Publikum war es etwas Neues. Gleichermaßen interessant war es für die Band, weil wir jetzt nicht mehr reine Instrumentalnummern machen, sondern eben auch solche mit Gesang. Ich spiele abwechselnd Saxophon oder singe, bei manchen Stücken auch beides. Meine Gesangsstimme ist im gleichen Tonbereich wie das Tenorsaxophon, was ich auch spannend finde. Ein wirklich guter Sänger bin ich noch nicht, das wird ein paar Jahre brauchen. Aber immerhin übe ich regelmäßig auf der Bühne! (lacht)

Carina: Wie groß war die Veränderung durch die Texte für das Gesamtbild der Musik?

Bill: Sobald man anfängt, zu singen, ist es keine Instrumentalmusik mehr. Das verändert schon eine ganze Menge. Wenn man eine Geschichte, statt mit dem Saxophon, mit Worten erzählen kann, dann nimmt das Publikum sie unmittelbar auf. Viel schneller, als wenn ich es allein mit Saxophontönen versuchen würde. Ob instrumental oder mit Stimme macht also einen Unterschied.

Ich weiß, dass die Leute Musik mit Gesang häufiger hören als reine Instrumentalmusik – aber dass ich singe, das kennen sie noch nicht. Jedenfalls, es macht Spaß. Und es ist etwas, an dem ich mit Freude arbeite und übe, wie ein neues Instrument.

Bill Evans (Foto: Barbara Steingießer)

Carina: Erzähl mal etwas zum Inhalt der Songs "Easy Way Out" und "Walk Into The Light". Wo nimmst du das her?

Bill: Das Stück "Easy Way Out" handelt davon, dass die Menschen im Grunde alle gleich sind. Egal, ob jemand obdachlos in einem Park einer beliebigen Großstadt dieser Welt lebt, oder ob es jemand ist der, im Sinne des Wortes, "alles" hat - also Geld, schicke Autos etcetera. Ich will eigentlich nur sagen, dass, so oder so, jeder nach wie vor die Antwort auf die gleiche Frage sucht. Unabhängig davon, was und wo man ist. Das ist die Botschaft des Songs.

Auch in "Walk Into The Light" geht es um Fragen, allerdings auf andere Weise. Ich stelle hier einfach eine Menge Fragen, aber ohne Antworten zu bieten. Das bringt die Leute zum Nachdenken. Jeder hat einen anderen Begriff darüber, wovon das Stück handelt. Egal, was sie ihm entnehmen, ich nicke nur und sage, stimmt, das ist es. (lacht) Der Song hat eine Vielzahl von Bedeutungen, da bin ich sicher. Ich selbst kenne sie nicht alle, weil jeder seine eigene findet. Aber das Stück läuft häufig im Radio, also scheint das ja irgendwie zu funktionieren, nicht wahr?

Carina: Fiel es dir leicht, deine Gedanken in singbare Worte zu fassen?

Bill: Die Texte entstammen gewissermaßen auch Improvisationen. Zuerst habe ich eine Vorstellung, wie der Klang des Gesangs sein soll, die Vokale – da geht es noch nicht um den Textinhalt. Danach fange ich einfach an zu singen und dabei fällt der eine oder andere Satz ab. Ich begann damit, das alles aufzuschreiben und noch weitere Worte, die zu passen schienen und insgesamt ein Thema ergaben. Und dann nahm ich mehr und mehr davon wieder weg, bis ich die Essenz der Aussage herausgearbeitet hatte. Von da ab arbeitete ich wieder in der anderen Richtung, um dieses Gerüst auszufüllen.

Das war eine interessante Lernerfahrung, ich bin ja schließlich auch beim Texten ein Neuling. Aber ich habe eine ganze Reihe von Experten ausgequetscht, wie die es machen – verschiedene Sänger wie Bruce Hornsby, Hiram Bullock und andere mit Rang und Namen, die ich so kenne. Die Tipps, die sie mir gaben, erwiesen sich als sehr nützlich.

Bill Evans - "Vans Joint"

Carina: Jetzt ist von dir das Album "Vans Joint" erschienen, das auf Auftritt mit der WDR Bigband Köln zurückgeht – gibt es eine Vorgeschichte?

Bill: Nun, Joachim Becker, mit dem ich inzwischen seit fünfzehn Jahren zusammenarbeite, macht ja sehr viel mit der WDR Bigband. Und die waren ja auch selbst auf mich zugekommen und hatten ihr Interesse an einem gemeinsamen Projekt mit mir und der Bigband und dem WDR bekundet. Und es sind großartige Musiker! Sie gehören, das behaupte ich jetzt mal, sogar zu den Besten der Welt.

Mit denen meine Songs spielen zu dürfen, das war eine wirkliche Ehre. Also machten wir Nägel mit Köpfen und stellten ein Programm zusammen, in dem einige der Soulgrass-Stücke, aber auch Titel aus den ganzen letzten fünfzehn Jahren enthalten sind. Aufgeführt und aufgenommen wurde es unter der Leitung von Michael Abene. Am Schlagzeug sitzt Dave Weckl und Mark Egan übernahm den Bass. Eine tolle Truppe!

Carina Prange

CD: Bill Evans - "Vans Joint" (BHM Records BHM 1038-2)

Bill Evans im Internet: www.billevanssax.com

BHM Productions im Internet: www.bhmproductions.com

Fotos: Barbara Steingießer u.a. (Vielen Dank an BHM Productions)

Mehr bei Jazzdimensions:
Bill Evans - "Big Serious Fun" - Interview (erschienen: 24.2.2003)
Bill Evans - "Der persönliche Touch" - Interview (erschienen: 10.10.1999)

© jazzdimensions 2010
erschienen: 15.4.2010
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: