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Barbara Bürkle - "Weniger ausgetretene Pfade"

Das Debütalbum der Sängerin Barbara Bürkle und ihrem Quintett präsentiert ein buntgemischtes Repertoire an Songs. Auf "Everything Allowed" zeigt Bürkle, dass sie sowohl als Arrangeurin sämtlicher Stücke als auch als Komponistin punktet. Und selbstverständlich als ausgezeichnete Stimme am deutschen Jazzhimmel...

Barbara Bürkle

A propos Stimme – auch in dieser Beziehung hat Barbara Bürkle offenbar ihre Mitte gefunden, wohnt ganz in sich und okkupiert souverän ihre inzwischen ganz eigene musikalische Welt. Und Souveränität erweist sich nicht nur als wichtig für eine Sängerin, sondern ist auch eine notwendige Voraussetzung, um eine erfolgreiche Bandleaderin zu sein…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Barbara Bürkle

Carina: Die Idee, ein Trio bzw. ein Quartett bzw. ein Quintett zu haben, das deine Musik spielt, entstand wahrscheinlich während des Studiums?

Barbara: Ja, das stimmt. Manche der Arrangements, die auf "Everything Allowed" zu hören sind, habe ich in ähnlicher Form bereits bei meinem Diplomkonzert 2003 gespielt. Damals auch im Quintett, allerdings in anderer Besetzung.

Carina: Wann hattest du das Gefühl, so, jetzt wird es Zeit – jetzt brauche ich eine eigene Band?

Barbara: Den Wunsch nach einer eigenen Band verspürte ich, während ich noch in Mannheim studierte, allerdings erforderte die Umsetzung dessen viel Mut, den ich zu dieser Zeit noch nicht hatte. Ich kam zum Musikstudium wie die Jungfrau zum Kinde, hatte also noch wenig Erfahrung gesammelt. Mit 23 hatte ich mein Diplom bereits in der Tasche und dachte: Und nun sollst Du selbständiger Musiker sein?!

Dieser Gedanke schreckte mich mehr, als dass er mich beflügelte. Ich ließ also meine Ideen – und meinen Charakter – noch ein Weilchen reifen, bildete mich in Workshops sowohl auf musikalischer als auch auf persönlicher Ebene weiter. So formierte ich 2006 das Barbara Bürkle Quartett, das ein Jahr später zum Quintett ausgebaut wurde.

Carina: Genau – seit 2007 ist der Saxophonist Andreas Francke bei deiner Band dabei. Wie veränderte das die Möglichkeiten des Gesangs und den Sound an sich?

Barbara: Zum einen liebe ich das Instrument Saxophon, vor allem, wenn es mit einer so hohen Tonkultur einher geht wie bei Andreas. Dieser Klang inspiriert mich also, auf eine bestimmte Art und Weise an ein Stück heran zu gehen. Zudem habe ich lange Jahre mit dem A-Cappella-Quartett "Klangbezirk" gesungen, was meine bereits vorhandene Liebe zur Mehrstimmigkeit nur noch verstärkt hat. Ich empfinde es als äußerst reizvoll, die Stimme auch als Instrument einzusetzen und dies ist im Dialog mit Saxophon sehr gut möglich.

Barbara Bürkle

Carina: Wann hattest du genug Repertoire für dein erstes Album zusammen? Wie würdest du diese Phase in deinem Leben beschreiben?

Barbara: Ich hätte wohl schon ein Jahr zuvor genügend Material beisammen gehabt. Aber es ist schon alles gut, so wie es ist, da einige Stücke einfach brauchen, bis ich das Gefühl habe, dass sie rund sind und wirklich fließen. Beispielsweise habe ich für das Arrangement von "My Favorite Things" zwei Jahre benötigt, vom ersten Gedanken bis zur endgültigen Fertigstellung. Kreative Prozesse lassen sich nicht erzwingen, zumindest ist das bei mir so. Dafür gibt es aber auch Stücke wie zum Beispiel "Baiao De B.", die sich schnell stimmig anfühlen.

Barbara Bürkle Quintett - "Everything Allowed"

Carina: Und der Titel "Everything Allowed" – beziehst du den ausschließlich auf die Musik oder meinst du das ganz allgemein?

Barbara: Ach, ob die Welt schon bereit sei für das Motto "Alles erlaubt"? Wohl kaum, obwohl mich dieser Gedanke schon irgendwie fasziniert. Da ich eine perfektionistische Ader habe, schränke ich meine Möglichkeiten – leider – des Öfteren selbst ein. Von daher gefällt mir der Gedanke, seinen Mitmenschen und eben auch sich selbst mit mehr Toleranz und Verständnis gegenüber zu treten.

Der Liedtext handelt übrigens davon, dass es sich wundervoll anfühlt, sich so geben zu dürfen, wie man ist! Dass auch die eigenen Macken und vermeintlichen Fehler in Ordnung sind und nun einmal zum Leben dazu gehören.

Carina: Bei drei Songs deines Albums sind Musik oder Texte von dir. Kommt nach "Everything Allowed" ein Album ausschließlich mit Liedern von dir? Oder etwas ganz anderes? Pläne?

Barbara: Ich liebe es, Standards durch meinen Gesang und eigene Arrangements meinen Stempel aufzudrücken. Daneben schreibe ich aber auch gerne eigene Songs, weshalb das nächste Album höchstwahrscheinlich eine Mischung sein wird. Ein Traum von mir ist, eines Tages eine Platte mit Streichorchester aufzunehmen – hach, das wäre fein… (lacht)

Carina: Paralell zum Barbara Bürkle Quintett existiert noch das "Bassface Swing Trio"-Projekt. Wie definierst du dessen Schwerpunkt im Gegensatz ?

Barbara: Wie der Name schon sagt, liegt beim "Bassface Swing Trio" der Fokus auf dem Swing. Ich kenne kaum eine Rhythmusgruppe, die diese Musik mit so viel Witz, Drive und Lebensfreude vermittelt und das steckt auch mich an! Dass der Piano-Part hierbei von meinem baldigen Ehemann Thilo Wagner übernommen wird, freut mich natürlich besonders. BBQ hingegen ist geprägt von der Vielseitigkeit. Wie schön, dass ich hier alle Stile, die sich in mir tummeln, heraus lassen darf und dabei von dieser wunderbaren Band getragen werde.

Carina: Auf deiner Myspace-Seite findet sich unter der Rubrik "Klingt wie..." folgendes: "Meinereiner!" Das hört sich sehr selbstbewusst an...

Barbara: Ich denke, dass die meisten Musiker anstreben, ihre eigene Klangsprache zu entwickeln und so ist das eben auch bei mir. Da man gerade als Sängerin häufig zugleich Frontfrau ist, gehört ein gewisses Selbstbewusstsein einfach dazu.

Das soll nicht etwa heißen, dass ich nie mit mir hadere. Schließlich habe ich ein bestimmtes Ideal in meinem Kopf, dem ich so nah wie möglich kommen möchte. Und da gibt es durchaus Tage, an denen dies schwer fällt…

Barbara Bürkle

Carina: Immerhin, du hast definitiv deine eigene Stimme gefunden?

Barbara: Nun, "definitiv" ist ein sehr starkes Wort! Sagen wir einmal so: Der Weg, den ich eingeschlagen habe, fühlt sich für mich stimmig an. Weshalb ich ihn weiterverfolgen werde.

Carina: Erklär mal, wie findet man seine individuelle Stimme, seinen individuellen Ausdruck im Gesang?

Barbara: Das ist wohl ein längerer Prozess. Es gibt viele Stilrichtungen, die ich gern höre oder singe: Swing, Rhythm & Blues, Latin, Rock ... und dementsprechend hat mich das auch geprägt! Wahrscheinlich findet man seinen Stil, indem man Verschiedenes ausprobiert und immer mehr filtert, selektiert.

Imitation kann ein wichtiger Lehrmeister sein. Nur wer wirklich seinen eigenen Klang finden will, muss bereit sein, weniger ausgetretene Pfade zu beschreiten. Aber einen Masterplan habe ich da natürlich nicht.

Carina: Es gibt ungeheuer viele Musiker, die du als deine Einflüsse nennst. Wenn du es auf die Anzahl fünf begrenzen müsstest, wer wäre am wichtigsten?

Barbara: Puh, das fällt mir aus oben genannten Gründen sehr schwer. Da wäre es wohl leichter, es auf fünf pro Musikrichtung zu beschränken! (lacht) Da würde ich spontan sagen: Gladys Knight, Kansas, Nancy Wilson, Earth, Wind & Fire, New York Voices... Das gelingt mir aber nur mit einigen Bauchschmerzen und vielleicht sähe diese Liste in ein paar Tagen schon anders aus.

Da fällt mir ein: Zwischen 10 und 15 war Whitney Houston ganz weit oben auf meiner Liste. Und ich war unendlich traurig als 1992 ihr Konzert, bei dem es sich um mein erstes Konzert überhaupt handelte, abgesagt wurde. Zu allem Überfluss hätte es genau an meinem 13. Geburtstag stattfinden sollen!

Barbara Bürkle

Carina: Bleiben wir mal bei Zahlenspielen. Wenn du lediglich fünf Alben mit in Urlaub nehmen darfst, welche wären das?

Barbara: Sicherlich "Nancy Wilson / Cannonball Adderley". Ansonsten könnten das sein: "Point Of Know Return" von Kansas, "Jarreau" von Al Jarreau, "Faces" von Earth, Wind & Fire und "New York Voices Sing The Songs of Paul Simon" ... was bin ich froh, dass es heutzutage MP3-Player gibt!

Carina: Du hast bereits die unterschiedlichste Musik gesungen, in den verschiedensten Projekten mitgewirkt. Ist es deiner Meinung nach heutzutage von größter Bedeutung, "alles" singen zu können?

Barbara: Nein, das glaube ich nicht. Es ist sicherlich besser, in einem bestimmten Bereich richtig gut zu sein, also sein Steckenpferd gefunden zu haben, als alles halbherzig zu betreiben. Ich singe daher nicht aus Kalkül heraus verschiedene Stilarten, sondern folge meinem Herzen und dem Lust-Prinzip. Sicher, Vielseitigkeit kann oftmals nicht schaden, aber ich bin genauso Menschen begegnet, die sich bezüglich der Stilrichtung einen klaren roten Faden wünschen.

Carina: Ist es nicht eigentlich eine Art Luxus, musikalisch nur auf einer Hochzeit tanzen zu können?

Barbara: Wenn man genau dies möchte wahrscheinlich schon. Ich empfinde es aber ebenso als Luxus, mich nicht auf eine Spielart beschränken zu müssen, weshalb mir "Everything Allowed" als Titel eben auch so passend erschien.

Carina: Seit gut zehn Jahren unterrichtest du. Wo setzt du Schwerpunkte, wie führst du die Menschen an den Gesang heran?

Barbara: Ich versuche meine Schüler dort abzuholen, wo sie stehen. Schließlich sind es alles Individuen, die es verdient haben, auch so behandelt zu werden. Häufig gehe ich praktisch an die Sache heran. Das heißt, ich lasse meine Schüler viel ausprobieren, versuche, so gut es geht auf Wünsche einzugehen. Wenn ich merke, dass ein Schüler viele Hintergrundinformationen benötigt und der Theorie zugeneigt ist, dann komme ich diesem Wunsch ebenso nach.

Die jüngsten meiner Schüler sind um die 15, die ältesten Mitte 60 und es handelt sich dabei überwiegend um Frauen. Meistens sind sie älter als ich, da viele Sänger zu mir kommen, die dem Jazz zugewandt sind. Und das ist bei Jugendlichen eher weniger der Fall. Die stärkste Berufsgruppe stellen bei mir wohl Lehrer an allgemeinbildenden Schulen dar. Gerade die suchen häufig einen Ausgleich zum Schulalltag!

Selbstverständlich habe ich auch Schüler, die in Bands singen oder von der Musik leben. Ich konnte auch schon häufig Sänger erfolgreich auf das Musikabitur und die Aufnahmeprüfung an Musikhochschulen vorbereiten und da ist die Freude natürlich auf beiden Seiten groß. Einen besonderen Reiz stellen zudem Workshops dar, bei denen sämtliche Altersgruppen aus den verschiedensten Bereichen aufeinander treffen und dadurch sowohl mich als auch sich gegenseitig bereichern!

Barbara Bürkle

Carina: Es heißt, dass du sowohl in der Musik als auch beim Kochen, deinem Lieblingshobby, gerne improvisierst...

Barbara: ...wer weiß, vielleicht ist das Kochen ja meine Art von Ausgleich zum stressigen Alltag! (lacht)

Carina: Ist vielleicht das Improvisieren einfach deine Grundhaltung, eine mögliche Herangehensweise an viele Dinge?

Barbara: Es gibt wahrscheinlich wenige Menschen, die mehr Kochbücher besitzen als ich! Wie in der Musik auch lasse ich mich davon inspirieren und versuche, etwas Eigenes daraus zu kreieren.

Die Improvisation ist ein willkommener Kontrast zum Perfektionismus, da es darin eigentlich kein Richtig oder Falsch gibt. Ich lerne immer mehr, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen oder Eingebungen zu folgen. Das hat mich schon viel entspannter und zufriedener gemacht!

 

Carina Prange

CD: Barbara Bürkle Quintett - "Everything Allowed" (Neuklang NCD4038)

Barbara Bürkle im Internet: www.barbarabuerkle.de

Neuklang Records im Internet: www.neuklangrecords.de

Fotos: Christine Fiedler und Caroline Pitzke

© jazzdimensions 2010
erschienen: 7.7.2010
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