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Wolfgang Muthspiel - "Musik als Spiegel der inneren Freiheit"

Wer den Lebensweg des österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel aufmerksam verfolgt hat, dem ist es nicht entgangen: der nach 16 Jahren USA-Aufenthalt nun seit einiger Zeit in Wien beheimatete Musiker gibt sein Herzblut immer wieder in die unterschiedlichsten Projekte. Der neueste Geniestreich Muthspiels ist das Trio "MGT" – ein Akronym aus den Nachnamen der drei beteiligten Gitarristen Wolfgang Muthspiel, Slava Grigoryan und Ralph Towner.

Wolfgang Muthspiel

Was sich dahinter verbirgt, erklärt Muthspiel selbst im Interview. Wie auch immer das gegenwärtige Projekt des Künstlers heißen mag, eines ist und bleibt klar: Wolfgang Muthspiel, auch Labelchef und Produzent von Material Records, ist immer gerade verwickelt in das eine oder andere musikalische Abenteuer. Da wundert es wenig, dass er sich im Grunde nichts sehnlicher wünscht, als mal ein halbes Jahr Zeit zu haben, vor sich hin träumen zu können und zu schauen, was dann da kommt…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Wolfgang Muthspiel

Carina: In Kürze beginnt die Österreich-Deutschlandtour von MGT. Wie geht es dir, jetzt so kurz davor?

Wolfgang: Du – gut, danke!

Carina: Vielleicht doch ein bisschen aufgeregt?

Wolfgang: Ja, ich freue mich sehr darauf! Das erste Konzert in Wien ist in einem sehr großen Saal, da haben wir noch nie gespielt – im großen Saal des Konzerthauses. Da gehen fast zweitausend Leute rein. Das ist schon spannend.

Carina: Der erste Tourtag, der zweite März, ist dein Geburtstag. Ist so ein Tourneeauftakt ein schönes Geburtstagsgeschenk oder wärst du zu dem Termin doch lieber ganz wo anders?

Wolfgang: Eigentlich ist das schön. Ich muss sagen, ich habe schon viele Geburtstage so verbracht, während einer Tour. Das ist eigentlich keine schlechte Sache. Ich mache nie große Geburtstagsfeste oder sowas. Das ist eine ganz gute Lösung.

Carina: Ein Gitarrentrio, da erinnert man sich natürlich an die berühmte Formation mit Al DiMeola, Paco de Lucia und John McLaughlin. Hast du besonders hohe Ansprüche - insbesondere an die Live-Konzerte, weil solche Vergleiche ganz unwillkürlich auftauchen?

Wolfgang: Nein. Wir haben hohe Ansprüche an die Musik, und versuchen da, unseren ganz eigenen Ausdruck zu finden, zu 100 Prozent unserem eigenen Ideal nachzugehen. Und das ist von der musikalischen Welt geprägt, die wir eben jetzt gemeinsam gefunden haben. Und dieser Vergleich mit einem anderen Gitarrentrio ist eher was, das von außen kommt. So richtig gut finden wir das allerdings nicht. Ich habe das als Teenager sehr gern gehört; es hat mich beispielsweise total beeindruckt wie schnell die sind, und so weiter. Aber mir gefallen diese Musiker einzeln wesentlich besser.

Zusätzlich ist, glaube ich, die Herangehensweise an die Musik ziemlich anders. Bei uns herrscht ein angenehmes kollegiales Verhältnis und ich glaube, es geht bei uns wirklich nie darum, wer schneller spielt - und das interessiert mich auch nicht! Obwohl, ich glaub', ich spiel' schon ziemlich schnell - aber alles zu seiner Zeit, weißt? Das ist nur ein nebensächlicher Parameter. Manchmal will man aus musikalischen Gründen eine schnelle Phrase spielen, und dann ist es gut, wenn man es kann. Aber da wird zu viel – besonders in der Gitarrenwelt - viel zu viel der Fokus draufgelegt. Das ist eigentlich recht unmusikalisch. Aber natürlich, McLaughlin ist ein toller Gitarrist und Paco hat mir immer schon sehr gefallen. Aber dieses Trio ist für uns in keinster Weise Vorbild oder prägend.

S. Grigoryan, R. Towner, W.M.

Carina: Wie kam eigentlich eure Zusammenarbeit zustande?

Wolfgang: Also, der Slava hat uns zwei anderen gehört. Wir waren in Australien auf Tour. Der Ralph und ich - allerdings getrennt voneinander. Wir beide waren auf Solotour in Australien. Und liefen dabei, wie gesagt, dem Slava über den Weg. Und er hatte die Idee, dass wir zusammen Musik machen. Er hat das letztendlich auch eingefädelt, das ist eigentlich seine Idee!

Und dann hat sein Agent eine Tournee organisiert. Anfangs lag der Schwerpunkt noch darauf, dass jeder von uns zunächst als Solist vorgestellt wird und wir danach erst im Duo und Trio spielen. Nach ein paar Konzerten hat sich das so entwickelt, dass wir überraschenderweise ziemlich bald als Band gefühlt haben. Und dann beschlossen wir, dass wir weitermachen.

Aber am Anfang war es eher so: Schau'n wir mal, was passiert! Und jeder bringt ein paar Stücke mit… Natürlich kannte ich die Musik von Towner und ich wusste auch, wie der Slava spielt. Es war klar, dass das spannend wird. Aber wie die Chemie dreier Menschen musikalisch läuft, das kann man nicht vorhersagen. Das muss man ausprobieren.

MGT - "From A Dream"

Carina: Dir wird eine außerordentliche stilistische Vielfalt als Musiker und Gitarrist nachgesagt. Heißt das in erster Linie, dass du nicht Gefahr läufst, zum "Fachidioten" zu werden oder möchtest du dich schlicht nicht für eine musikalische Richtung entscheiden?

Wolfgang: Mittlerweile läuft das eigentlich nach dem Prinzip: "Auf was habe ich Lust?" Und wenn ich zu etwas Lust habe, musikalisch oder sonst, dann gehe ich dorthin, wenn es sich denn anbietet. Es ist nicht so, dass ich mir überlege, welche stilistische Richtung ich vertrete. Das tue ich nie. Ich freue mich immer, wenn es Umgebungen gibt, oder ich sie mir schaffe, in denen ich einfach gerne spiele. Wo es vielleicht auch was Neues zu entdecken gibt oder wo ich Spannendes erleben kann.

Das ginge natürlich auch innerhalb einer einzigen Band oder einer einzigen Stilrichtung. Aber in meinem Fall ist es immer schon so gewesen, dass sich diese verschiedenen Interessen und Einflüsse bei mir immer vermengt haben. Von ganz früh an, von der klassischen Musik und Geige. Alles, was man aufmerksam hört, fließt irgendwie ein. Mir ist Bach wirklich genauso nahe wie Keith Jarrett. Das ist halt so bei mir...

Wolfgang Muthspiel

Carina: Als Jugendlicher hast du zunächst als Autodidakt angefangen, das Gitarrespielen zu erlernen. Hat das deiner Meinung nach bis heute Einfluss auf deinen Stil?

Wolfgang: Ich habe zuerst acht Jahre Geige gelernt. Und da hat man schon erwartet, auch seitens meiner Eltern, dass ich Geiger werde. Ich habe als Kind auch schon konzertiert und Wettbewerbe gespielt. Und daraus habe ich, das fühlte ich, irgendwie ausbrechen müssen - und habe dann sozusagen selbständig die ersten Schritte auf der Gitarre gemacht.

Ich bin dann aber nach einem Jahr, mit 15, auf die Hochschule gekommen. Ich bin also eigentlich extrem ausgebildet, im Grunde das Gegenteil von einem Autodidakten. Wobei das keine Wertung darstellt, ich finde das auch in keiner Weise notwendig! Aber ich bin im Grunde schon ein sehr typischer Musiker meiner Generation, der halt viele Schulen besucht hat und viele Lehrer gehabt hat.

Mittlerweile habe ich selbst eine kleine Professur in der Schweiz, wo ich ein paar Tage im Monat unterrichte. Es ist eine relativ interessante Frage, was man wirklich auf diesem Weg über Musik lernen kann. Es gibt sehr viele Autodidakten, die nie auf einer Schule waren. Und die dennoch stark die Musik geprägt haben oder noch prägen. Also, das ist ein kleines Mysterium. Man kann viel, sehr viel vom Handwerk lernen. Aber das Wichtigste in der Musik muss man immer selbst erobern.

Carina: An der Musikhochschule in Basel, die du eben erwähnt hast, leitest du die Gitarrenklasse. Wie lautet dein Rezept dafür, junge Menschen für das Gitarrenspiel zu begeistern? Dass die auch dranbleiben?

Wolfgang: Ja, also bei mir ist das Gott sei Dank so, dass ich diese Schüler nicht für das Gitarrenspiel begeistern muss. Die sind schon total begeistert! Ich versuche einfach, ihnen irgendwie das Rüstzeug zu geben, dass sie sich ausdrücken lernen. Dass sie vielleicht gerade diese akademischen Fallen wahrnehmen und letztlich zu der Musik kommen, die sie machen wollen.

Ich versuche ihren Ausdruck zu unterstützen und ihnen zu helfen, vielleicht Irrwege abzukürzen. Das versuche ich auch zu provozieren. Ich unterrichte nicht mit einem System oder mit irgendeiner Vorstellung, wie jemand zu klingen habe. Aber so motiviert wie die sind, ist das echte künstlerische Arbeit. Da ist nie Thema, ob einer jetzt brav geübt hätte, oder nicht.

Carina: Klingt gut!

Wolfgang: Ja, das ist wirklich lässig, ja!

Wolfgang Muthspiel

Carina: Du bist nach 16 Jahren USA nach Österreich zurückgekehrt. Ist dir die Szene dort manchmal zu klein? Vermisst du die New Yorker Musikszene in puncto Inspiration und Drive?

Wolfgang: Also, ich habe wahnsinnig gerne in den USA gelebt. Es ist unbestritten, dass dort auf eine gewisse Art natürlich der höchste Level bezüglich Jazzmusik herrscht. Aber ich muss sagen, ich leb' auch nicht wirklich in der Wiener Musikszene! Ich wohne zwar in Wien und es ist eine tolle Stadt. Ich fühl' mich da wohl. Aber in der Wiener Szene bin ich nicht wahnsinnig präsent. Ich spiele dort zweimal im Jahr und die Entscheidung war eher diese: es ist ein Platz, an dem ich mich wohlfühle. Meine musikalischen Partner sind ja nach wie vor einfach die, mit denen ich spielen will. Und insofern lebe ich nicht wirklich von der Wiener Szene.

Und selbstverständlich, es gibt, besonders was Rhythmsections betrifft, schon eine sehr, sehr inspirierende Welt dort in New York. Unglaublich viele tolle Bassisten und Schlagzeuger, die wirklich Jazz spielen. Das ist etwas, was man natürlich hier nicht findet. In keiner Stadt in Europa – diese Dichte, weißt? Was dir in New York wirklich passieren kann, dass du da in eine Bar gehst und da spielt in irgend so einem Eck ein Trio. Und ist einfach phantastisch. Und du weißt überhaupt nicht, wer das ist! Diese Hingabe an den Jazz, das brennt dort schon sehr.

Meine Musik hat sich mit den Jahren sehr verändert, mit Projekten, wo der Jazz zwar präsent ist, aber nicht mehr unbedingt so eindeutig als Jazz zu bezeichnen ist. Eher so eine Zwischenwelt. Da ist auch viel Europa drin. Es hat natürlich Auswirkungen, dass ich jetzt in Wien wohne und beispielsweise Zugang zu den besten klassischen Konzerten habe. Und dass es eine sehr ruhige Stadt ist. Das strahlt natürlich alles auf die Musik aus.

Carina: Du leitest eine eigene Plattenfirma, Material Records, wo du auch jungen, unbekannten Musikern, eine Chance gibst, ihre Musik zu veröffentlichen. Nach welchen Kriterien wählst du diese Musiker oder Projekte aus – reine Geschmackssache?

Wolfgang: Eigentlich ist es reine Geschmackssache. Ich muss es total lieben. Aber es gibt natürlich noch eine weitere Überlegung – ich muss irgendeine Chance sehen, dass es auch wirtschaftlich funktioniert. Ich bekomme auch Dinge, die mir sehr gut gefallen, die ich aber nicht mache. Gut, wenn dafür total brenne, dann mache ich es trotzdem, auch wenn ich das Gefühl habe, das wird sich nicht viel verkaufen. (lacht)

Aber es ist natürlich schon ein Geschäft, dieses Label! Es muß sich rechnen. Ich habe auch einige Mitarbeiter. Dieses Stadium des total amateurmäßig betriebenen Idealisten-Label, das habe ich inzwischen verlassen und da muss ich auch manch unangenehme Entscheidungen treffen. Schließlich auch, weil ich das Label so lange Jahre querfinanziert habe, durch meine anderen Einkünfte.

Und das will ich jetzt abstellen. Das heißt, das Ganze wird irgendwie auf eine andere Ebene gesetzt. Aber prinzipiell ist es schon so, ich muss die Musik lieben, und ich muss das Gefühl haben, dass die Leute mit mir, mit dem Label was machen wollen. Dabei ist der Wunsch, Dinge langfristig wachsen zu lassen: Dass man mehrere Platten machen kann, dass da eine gewisse Dialogbereitschaft herrscht.

Wenn ich Musik höre, habe ich immer Ideen und immer das Gefühl, dass ich ganz gut höre, wo die Stärken von wem liegen. Und so bin ich immer froh, wenn es ein Prozess wird und ich darin involviert bin. Und wenn die Leute sich auch darauf einlassen. Eher selten gibt es Situationen, wo jemand eine fertige Produktion schickt und wir sagen, das machen wir einfach! Meistens ist es eine Begegnung, die dann auch die Musik beeinflusst. Ich bin ja meistens irgendwie dabei – als Produzent oder Unterstützer in irgendeiner Weise.

Carina: Pat Metheny war eines deiner Vorbilder. Wie sieht es aktuell aus - gibt es Musiker, die du derzeit als Vorbilder bezeichnen würdest - und wenn ja, welche?

Wolfgang: "Vorbilder" wäre vielleicht nicht das richtige Wort. Aber es gibt sehr viele, die mich inspirieren. Jemand, um nur ein Beispiel zu nennen, der mich seit Jahren ungebrochen fasziniert, ist Keith Jarrett - seit Jahrzehnten. Aber es gibt natürlich auch sehr viele Gitarristen, die mir sehr gefallen. Den Pat finde ich nach wie vor toll. Ein Vorbild betrachtet man in dem Fall nicht mehr wie einen Musiker, weil dann versucht man ja, ihm gerecht zu werden. Und das ist ja in einer gewissen Phase auch okay – während du Student bist. Dann willst du so jemand nacheifern, das kann ein guter Lernschritt sein.

Aber inzwischen habe ich den Anspruch, dass ich zu einem so großen Prozentsatz wie möglich die Musik mache, die in mir ist, mit der ich mich selbst ausdrücke. Wohin das geht, das kann oft gar nicht voraussagen…, das ist eine Reise, gewissermaßen auch ein Experiment. Je mehr man sich einlässt, desto mehr erfährt man dann auch. Und in dem Prozess sind dann Überlegungen wie, wer ist mein Vorbild, oder wie will ich klingen, eher hinderlich. Das muss man dann hinter sich lassen. Und muss auch manchmal dazu stehen, dass Musik rauskommt, die einen selbst überrascht.

Ich habe große Lust auf eine Phase, in der ich einfach nur so ein bisschen vor mich hinforsche. Das ist momentan nicht möglich. Solange soviele Projekte hintereinander laufen, da kann man das nicht wirklich machen. Aber ich hätte große Lust auf ein halbes Jahr oder so, wo man nur für sich Musik macht. Nur so vor sich hinträumen, weißt? Schauen, was da kommt. Vielleicht kommen dann auch Musiker des Wegs, die ich jetzt noch gar nicht kenn'. Und das finde ich spannend. Insofern sind meine Vorbilder, wenn man das so sagen kann, eher Menschen, die total frei sind, in jeder Beziehung. Das müssen nicht Musiker oder Künstler sein. Einfach Leute, die nur mehr ihrer eigenen Intuition folgen.

Wolfgang Muthspiel

Carina: Das passt zur letzten Frage: Du hast 2006 in einem Interview mit Marian Alfons gesagt: "Beim Improvisieren mit anderen Musikern gibt es eine erstrebenswerte Zone von Freiheit, in der man einfach die Augen schließt, und alles kommt von selbst." In diesem Zusammenhang: Wie lässt sich der Grad dieser Freiheit maximieren?

Wolfgang: Der Grad der Freiheit, den man in der Musik erreicht, das misst sich individuell für jeden Musiker am Feedback auf das eigene Bewusstsein. Was da möglich ist, so frei ist man. Das kann man natürlich nicht willentlich beeinflussen, aber man kann darin wachsen. Nur, es geht halt nicht von heut auf morgen! Da gibt es aber kein Geheimnis. Es ist ein "bei sich bleiben" und es gibt so eine gewisse innere Arbeit, die man eben machen muss. Und deren Ergebnis schlägt sich dann wieder in der Musik nieder. Insofern ist Musik sehr spannend, weil sie ein ständiger Spiegel ist – von der eigenen inneren Freiheit!

Carina Prange

CD: MGT - "From A Dream" (Meterial Records/Harmonia Mundi)

Wolfgang Muthspiel: www.myspace.com/wolfgangmuthspiel

Material Records im Internet: www.materialrecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 15.11.2009
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