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Vijay Iyer - "Eine gewisse mathematische Eleganz"

"Historicity" heißt das neue Album des Vijay Iyer Trios und seine Beschäftigung mit den Ursprüngen der Musik, mit ihrer in die Gegenwart reichenden Vergangenheit wird bereits durch den Titel des Albums offenbar. Vijay Iyer, amerikanischer Pianist mit indischen Wurzeln, hat das, was wir auf Neudeutsch "Migrationshintergrund" nennen.

Vijay Iyer (Jimmy Katz)

Sehr stark setzt sich Iyer inzwischen immer wieder mit der Musik und Kultur des Herkunftslandes seiner Eltern auseinander. Viel mehr noch als Indien spiegelt sich in seiner Musik der Ansatz seines ersten Studiums, das der Physik gewidmet war: so fließen physikalische, mathematische und neurowissenschaftliche Überlegungen stets mit ein, wenn Iyer sich mit Musik beschäftigt: allein, die Musik und ihre Ausdruckskraft will er nie wieder gegen etwas anderes tauschen müssen.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Vijay Iyer

Carina: Lass uns mit dem Albumtitel anfangen: Für den Begriff "Historicity" gibst du zwei Erklärungen an, von denen die zweite auf das Album zutrifft: "Der Zustand, in den Ablauf der Geschichte eingebettet zu sein; ebenfalls: das Ergebnis einer solchen Einbettung". Es gäbe keinen Zweifel, erläuterst du weiter, dass es "die Geschichte" sei, die unseren hauptsächlichen Ansporn darstelle. In diesem Zusammenhang: welche Bedeutung haben Geschichte, Gegenwart und Zukunft für dich und für die Musik im Allgemeinen?

Vijay: Ich will es mal so sagen: Wenn wir improvisieren… und das machen wir ja eigentlich immer, nicht nur als Musiker, sondern generell als Menschen. Die Fähigkeit zur Improvisation ist eine der Grundfertigkeiten des Lebens. Und indem wir dies tun, vereinen wir alle drei von dir genannten Aspekte.

Erstens bringt uns die Improvisation in direkten Kontakt mit dem Augenblick, mit der Gegegnwart. Aber unsere Handlungen sind bestimmt durch unsere Erinnerungen und Erfahrungen, also durch die Vergangenheit. Und so bewegen wir uns Richtung Zukunft, indem wir mit Hilfe der Vergangenheit improvisieren.

Besser kann ich's leider nicht ausdrücken. Der Begriff "Historicity", also "Historizität" ist einfach ein Wort für diesen Umstand. Das ist Teil unserer Existenz, eigentlich nichts Besonderes. Dass wir eingebettet in unsere Geschichte sind, in das, was uns als Individuen verbindet, ist es doch, was uns ausmacht.

Vijay Iyer (Jimmy Katz)

Carina: Und noch weiter verallgemeinert: inwieweit wird die Gegenwart tatsächlich von der Vergangenheit bestimmt? Muss jede Generation dieselben Erfahrungen machen wie die Generationen davor?

Vijay: Alles ist eine Sache wie man sich an Dinge erinnert. Die Erinnerung ist ausschlaggebend. Man sagt – zumindest im Englischen gibt es diesen Spruch – "wer die Geschichte kennt, braucht sie nicht zu wiederholen." Wir sind nur zu dem in der Lage, was uns im Rahmen unsere Auffassungsgabe zugänglich ist. Dass wir uns entwickeln, bedeutet nicht, dass wir uns dabei immer in dieselbe Richtung bewegen.

Carina: Du hast gemeinsam mit Rudresh Mahanthappa das Duo "Raw Materials". Ich zitiere von der MySpace-Seite: "Iyer und Mahanthappa repräsentieren eine neue Generation amerikanischer Jazzmusiker, die über ihre Musik die Kultur ihrer Vorfahren erkunden". Wie eng fühlst du dich Indien und der indischen Musik und Kultur verbunden?

Vijay: Das ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Ihn mir zu erschließen ist eigentlich ein Prozess, der bereits vor langer Zeit begonnen hat. Das war… ja ich glaube, bewusst begann es, als ich etwa zwanzig war. Inzwischen bin ich 37.

Ich beschäftige mich also schon eine ganze Weile damit. Davor war es natürlich auch schon da, aber auf einer unterbewussten Ebene. Ich bin ja umgeben von diesem Erbe aufgewachsen. Allerdings war das in Amerika und ich wuchs ausgesprochen amerikanisch auf.

Wenn ich an die indische Kultur denke, dann denke ich an meine Eltern, die in meinem Leben noch sehr gegenwärtig sind. Ich denke auch an mein gleichaltriges Umfeld, die Leute mit denen zusammen ich aufwuchs und die Indoamerikaner sind wie ich und jetzt Teil der amerikanischen Kultur sind und zu ihr beitragen. Beitragen zu dem Schmelztigel, den wir hier als unsere Kultur bezeichnen! Und das ist neu für Amerika, denn vor den 60ern gab es kaum Inder in den USA.

Gottseidank gab es irgendwann eine Änderung in den Einwanderungsbestimmungen. Ein großes Kontingent an Einwanderern wurde zugelassen, darunter auch meine Eltern. Von ihnen stammen Leute wie Rudresh und ich ab – ich könnte mehr Namen nennen, nicht nur Musiker, sondern viele andere, die nicht nur auf dem Gebiet der Kunst und Wissenschaften tätig sind!

Wir waren die ersten, wir waren eine neue Art von Amerikanern! Und herauszufinden, wie man als Individuum in dieser Kultur bestehen kann, als Person (lacht), das war der Hauptbeweggrund für uns alle, uns auch mit unserem Erbe anzufreunden. Und deshalb hat es einen so zentralen Platz in unserer Musik.

Vijay Iyer Trio - "Historicity"

Carina: Ist New York City deine gefühlte und tatsächliche Heimat? Was bedeutet für dich "Heimat"?

Vijay: Ja, ich nenne New York meine gefühlte Heimat. Ich lebe in New York seit… das müssen wohl an die elf Jahre sein! Ich fühle mich wohl in Städten. Ich bin ein Stadtmensch, ich stehe auf den Trubel und das Übermaß an Eindrücken die das Leben in der Stadt prägen.

Und sich an einem Ort zu Hause zu fühlen bedeutet, dass man nicht ständig in Verteidigungshaltung zu sein braucht, dass man nicht ständig erklären muss, wer und warum man ist. Das hat zu tun mit emotionalen Geborgensein und so. Wenn man sich immer für alles rechtfertigen muss, sei es als Künstler oder als Mensch, dann reibt das einen auf und raubt den Seelenfrieden.

Carina: Du hast sehr viele Preise und Auszeichnungen erhalten - wieviel haben diese mit deiner Lebenserfahrung und dem Leben außerhalb der Bühne zu tun?

Vijay: Nun, Preise bedeuten eigentlich gar nichts abseits der Bühne. Nur in der rein professionellen Sphäre, da haben sie überhaupt einen Stellenwert – für die Leute, die über sie Bescheid wissen. Sie sind für die Leute wichtig, denen Auszeichnungen wichtig sind! (lacht)

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass Preise eine Chimäre wären. Nennen wir sie einfach die "Währung", in der im Musikgeschäft die Professionalität aufgewogen wird. Wenn ich "Währung" sage, dann meine ich kleine Stückchen Papier, die stellvertretend für etwas ganz anderes verwendet werden.

So etwas ist in den USA übrigens eine rare Sache und es ist Glückssache, dass sich davon profitieren konnte! Hier in Europa ist die Vergabe von Preisen etwas viel Selbstverständlicheres und etwas, das man verteidigen und sich bewahren sollte. Die Vorstellung, dass die Künste öffentlich unterstützt gehören. In den USA muss man um so etwas kämpfen.

Vijay Iyer (Lynne Harty)

Carina: Du wirst in Saalfelden mit deinem Trio auftreten, danach folgt eine Tour. Inwieweit wird das Livekonzept von dem des Albums abweichen?

Vijay: Musik beim Entstehen zu erleben, verglichen damit, sie als Konserve zu konsumieren, ist natürlich eine ganz andere Art von Erfahrung. Man sieht, wo die Klänge herkommen. Was er daraus zieht, hängt davon ab, wieviel der jeweilige Zuhörer über die Prozesse weiß, die sich bei der Entstehung dieser bestimmten Musik abspielen.

Sieht man ein Ensemble wie unseres auf der Bühne, dann wird man mit dem Entscheidungsprozess konfrontiert, der sich zwischen uns in Echtzeit abspielt. Und mit der Tatsache, dass zwischen den Bandmitgliedern ein ständiger Informationsfluss stattfindet.

Ich würde ein gutes Konzert mit einem guten Basketballspiel vergleichen. In beiden Fällen ist man dabei, wie Leute in Echtzeit zusammenarbeiten. Und darin liegt auch der Reiz. Nicht nur die Musik, die entsteht, sondern die Aktion, die dazu führt, dass sie entsteht und die Reihenfolge, in der sich alles abspielt.

Der Prozess ist es, der das Ganze lebendig werden lässt. Wir machen auf der Bühne fast so etwas wie ein gemeinsames Ritual daraus. Wir lassen die Musik sich ausdehnen, bis sie quasi eine eigene Welt bildet, die die Welt dort draußen für eine Stunde oder zwei – je nachdem, wie lange wir spielen – vergessen macht. Zumindest hoffe ich, dass es für die Zuhörer so sein wird.

Vijay Iyer (Jimmy Katz)

Carina: Du bist ein Autodidakt am Klavier. Wir lernen aber alle auch von Vorbildern und anderen Dingen – welcher Einzelmusiker ist der wichtigste Einfluss für deine Musik und deinen musikalischen Werdegang?

Vijay: Oh, wenn ich mich auf einen einzelnen Namen beschränken müsste, dann würde ich ohne zu zögern Thelonious Monk nennen. Alles was ich mache, ob es mein Spiel angeht oder meine Art zu komponieren, wäre ohne Monk nicht denkbar.

Das sage ich jetzt ohne Übertreibung! Natürlich könnte ich noch andere Einflüsse nennen, auch sehr wichtige. Aber weil du mich nach dem Einfluss fragst, der im Zentrum steht, das ist Monk.

Carina: Du hast für die Musik die Physik fallengelassen. Nahmst du trotzdem etwas aus deinem "physikalischen" Lebensabschnitt in dein musikalisches Leben mit?

Vijay: Da gibt's schon so dies und das. Dass ich mir einen Klang als einen physikalischen Vorgang vorstelle, beispielsweise. Im Grunde habe ich dadurch einen entscheidenden Vorteil dabei, Harmonien zu verstehen und auch Orchestration – indem ich sie als Verteilung der Energie über ein Klangspektrum verstehe.

Und ich glaube, ich habe von den Wissenschaften her einen gewissen Biss, die auch in der Musik hilft. Komponieren wiederum hat etwas mit Abwägen und Ausbalancieren von quantitativen Verhältnissen zu tun…

Es gibt da eine gewisse mathematische Eleganz, nach der ich strebe. Dennoch, Musik ist etwas Emotionales. Die Physik gibt mir das nicht. Und das ist ein Grund, wenn nicht gar der Hauptgrund, warum ich mich für diesen Weg entschieden habe.

Vijay Iyer (Lynne Harty)

Carina: In einem Interview in Physicsworld.com erklärtest du, dein "wissenschaftliches Interesse hätte sich stark in Richtung Neurowissenschaften verlagert." Du würdest die Entwicklung dort genauer verfolgen, meintest du. Ist das reines Interesse, oder ziehst du aus den Neurowissenschaften unmittelbar Nutzen für dich? Gibt es eine Querverbindung zum Hören und Erleben von Musik?

Vijay: Ich habe sogar eigene Forschungen in Bereichen Auffassungs- und Erkenntnistheorie betrieben. Was ja quasi auch die Musik umgreift, soweit es um die Erfassung der Musik über die Sinne geht. Die Erkenntnistheorie ist ja eine Art Dachdisziplin, die unter anderem auch die Neurowissenschaft umfasst.

Ich interessierte mich vor allem für die Rolle des menschlichen Körpers beim Musizieren und für die Verbindung zwischen Rhythmus und Körper. Immer mehr Erkenntnisse der Neurowissenschaft deuten darauf hin, dass es sich um eine sehr grundlegende, tiefgehende Verbindung handeln muss.

Rhythmus und Bewegung sind auf eine sehr elementare Art ein und dasselbe – wenn man einen Rhythmus wahrnimmt, werden die gleichen Gehirnpartien angesprochen wie beim aktiven Bewegen des Körpers. Man könnte sagen, ein Rhythmus entspricht einer vorgestellten Bewegung.

Unter diesem Aspekt ist Rhythmus nichts anderes als eine Abbildung von Aktion. Sowas finde ich sowohl als Künstler wie auch als Intellektueller faszinierend. Als ich auf diesem Gebiet für meine Doktorarbeit forschte, bestand ich darauf, dass hier eine Verbindung zwischen meiner Tätigkeit als Forscher und der als Künstler bestehen bleiben sollte. Und diese Verbindung besteht noch immer.

Carina Prange

CD: Vijay Iyer Trio - "Historicity" (Act Music ACT 9489-2)

Vijay Iyer im Internet: www.vijay-iyer.com

Act Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Pressefotos (Jimmy Katz, Lynne Harty)

© jazzdimensions 2009
erschienen: 15.8.2009
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