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Roberto Fonseca - "Die gefundene Identität"

Der kubanische Pianist Roberto Fonseca posierte für sein Debütalbum "Zamazu" zunächst als distinguierter, befrackter Gentleman mit Hut - und unterstrich damit seine enge Verbindung zum Buena Vista Social Club. Für "Akokan", das Nachfolgealbum, lockert er sich merklich auf: Fonseca offenbart sich nun als sympathischer junger Mann in Jeans und Pullover - der kubanische Kumpel von nebenan, der er wohl auch ist...

Roberto Fonseca

Und "Akokan", Yoruba für "Herz", ist seine Hommage an Kuba und die kubanische Musik, die ihn prägte, gleichzeitig aber auch eine Hommage an den Kontinent, nach dem sein Herz schlägt, den er aber noch nicht besucht hat: Afrika.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Roberto Fonseca

Carina: Ein Blick zurück: Du warst Pianist und Arrangeur sowohl in der Band von Ibrahim Ferrer, als auch in jener der Sängerin Omara Portuondo. Was hast du von dort für deine aktuelle Karriere mitgenommen?

Roberto: Das Wichtigste, was ich von Ibrahim Ferrer und Omara Portuondo lernte, war, dass die Musik klar und deutlich auf die Herzen der Hörer zielen muss. Dass man sich darauf zu konzentrieren hat, den Leuten deutlich zu machen, was man ausdrücken möchte. Das steht für mich im Zentrum. Verstehen soll auch dann möglich sein, wenn man selbst und die Hörer aus weit voneinander entfernten Ländern kommen. Weil Musik eine universelle Sprache ist.

Omara Portuondo ist für mich eine der Größten. Es war für mich ein Prüfstein, mit ihr zu arbeiten, sie ist immer in Bewegung, man muss wissen, was man tut. Immer auf dem Sprung sein und bereit, ihrem nächsten Richtungswechsel zu folgen. Auch Ibrahim war mir ein wichtiges Vorbild, weil er mir zeigte, wie man bescheiden bleibt, vor und nach dem Konzert. Und was ich von beiden gelernt habe, ist, den Geist der kubanischen Musik zu leben.

Roberto Fonseca

Carina: Wie verwurzelt bist du denn in der kubanischen Musik?

Roberto: Alle meine Wurzeln, mein afro-kubanisches Erbe, sind präsent. Die ausdrucksstarken Rhythmen, die emotionale Kraft sind auch für meine Musik wichtig. Ich bin eine spirituelle Person. Mir geht es nicht darum, Kabinettstückchen auf dem Klavier vorzuführen. Ich will den Leuten zeigen, dass es mir Spaß macht, zu spielen und dass ich ihnen über die Musik meine Gefühle vermitteln möchte.

Carina: Wie gelingt es dir, einerseits in den Fußspuren der alten Recken der kubanischen Musik zu bleiben, andererseits aber auch eigene Spuren zu hinterlassen?

Roberto: Man kann von diesen großen Namen nur lernen. Was ich tue, ist lediglich, ihre Spuren zu verfolgen, ihren Weg weiter zu gehen. Musik ist etwas Allgemeingültiges, es kommt nicht darauf an, welchen Stil man spielt. Musik richtet sich an Leute und zwar unmittelbar. Egal ob man traditionelle kubanische Musik spielt, oder Jazz, die Musik muss klar sein.

Es gibt ja soviel Verwirrung in der Welt, Kriege, Probleme, wo man hinsieht. Wenn Leute kommen, um Musik zu erleben, dann möchten sie Abstand davon bekommen. Hört man Künstlern wie Ibrahim oder Künstlerinnen wie Omara zu, dann taucht man in eine gänzlich andere, eine spirituelle Welt ein. Genau so etwas will ich auch erreichen, aber auf meine Weise. Und deshalb habe ich nicht das Gefühl, aus ihren Spuren herauszutreten, ich folge ihnen.

Carina: Gibt es etwas wie den "kubanischen Ansatz" beim Klavier? Anders gesagt, könnte man daran festmachen, warum du dich anders anhörst als andere Pianisten?

Roberto: In Kuba gibt es ungeheuer viele Pianisten. Kuba ist so was wie eine Fabrik für Musiker. Wir haben großartige Perkussionisten, großartige Trompeter und großartige Pianisten. Ich höre mich vielleicht deshalb anders an, weil mein Vater mich, als ich klein war, mit so vielen verschiedenen Arten von Musik bekannt machte. Und immer waren es die Melodien, die mich faszinierten.

Melodie war mir immer wichtiger als alles andere. Vielleicht geht es anderen Pianisten darum, zu zeigen, wie rasant sie spielen können und wie frei. Sowas war mir schon immer gleichgültig. Ich will keine Show abziehen, mir geht es um melodisches Spiel und das kombiniere ich mit dem Rhythmus. Vielleicht liegt es daran…

Roberto Fonseca - "Akokan"

Carina: Du wirst gerühmt wegen deiner Virtuosität, deinem Charisma und deiner Authentizität Äußerst wichtig für die Entwicklung deiner musikalischen Persönlichkeit war der Einfluss deiner Mutter, Mercedes Cortes Alfaro. Steht sie auch hinter deiner Liebe zum Authentischen? Oder sogar hinter allem?

Roberto: Hinter allem, würde ich sagen! Sie ist meine hauptsächliche Inspirationsquelle. Sie unterstützt mich in allem. Ich spiele eigentlich für sie; all meine Musik ist im Grunde zunächst ihr gewidmet: Sie hat mich auf die Welt gebracht. Und dann wies sie mir den rechten Weg, als ich aufwuchs. Wir haben schwierige Zeiten durchlebt, weil wir nicht gerade ein reiche Familie waren. Aber sie hat mich nie spüren lassen, wie schwer es wirklich war. Das schätze ich hoch. Gegenüber allen Frauen fühle ich, meiner Mutter wegen, einen tiefen Respekt.

Carina: Wie gelingt es dir, mit wachsendem Erfolg du selbst zu bleiben und nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Roberto: Ich bin ein weitgereister Mensch. Ich war schon überall auf der Welt, mit Ausnahme von Afrika. Ich habe schöne Gegenden gesehen, schöne Dinge erlebt. Aber ich bin erdverbunden. Ich bin der Junge von nebenan geblieben und ich weiß, ich werde nie vergessen, von wo ich komme. Auch wenn ich berühmt werden sollte. Ich könnte richtig berühmt sein und würde dennoch nicht meine Herkunft verleugnen. Darum geht es mir auch mit dem neuen Album "Akokan" – zu zeigen, wer und was ich bin.

Roberto Fonseca - "Zamazu"

Carina: Auf dem Cover von "Zamazu", dem Album davor, bist du mit Hut und Frack abgebildet, wohingegen du auf dem Cover von "Akokan" mit Jeans und Pullover zu sehen bist. Wie kam es zu dieser Veränderung?

Roberto: Bei "Zamazu" stehe ich noch stark unter dem Einfluss des Erbes von Ibrahim Ferrer. Das war ja "klassische" kubanische Musik, sehr formell. Außerdem war es mein erstes Album. Und ich wollte dieses formelle Outfit mit meiner Yoruba-Musik zusammenbringen.

Aber dieses hier ist nun ein wirklich persönliches Album. Das bin ich. Wenn ich in Kuba auf die Straße gehe, dann so gekleidet wie auf "Akokan". Während "Zamazu" praktisch den Schritt von Buena Vista in Richtung auf meinen eigenen Stil bedeutete. Dort bin ich nun angekommen. Und deshalb ist alles anders.

Roberto Fonseca

Carina: Dein Album trägt den Namen "Akokan", was ins Deutsche als "Herz" übersetzt werden kann. Warum hast du diesen Titel gewählt und was bedeutet er für dich?

Roberto: Als ich diesen Titel "Akokan" wählte, rechnete ich damit, dass die Leute sich fragen, was das wohl bedeuten würde. Und dass sie, falls sie danach suchen, herausfinden würden, dass dieses Wort "Herz" bedeutet. Und in diesem Moment träfen sie auf meine Wurzeln, denn es ist ein Wort der Yoruba-Sprache, ein Wort, das aus Afrika kommt. Von dort stammt auch eine der Religionen meiner Heimat, die Santeria. Spätestens in diesem Moment werden sie sich dem Kern meiner Identität genähert haben.

Das Album spiegelt meine Identität wider, es steht für alles, was ich in meinem Leben durchgemacht habe und bildet dies in der Musik ab. Deshalb "Akokan". Schau dir das Cover an – du siehst, dass es da nur Schwarz und Weiß gibt, mit Ausnahme meines geflochtenen Armbands als einzigem farbigen Element. Rot, wie Herzblut.

Carina: Besonders das Stück "La flor que nu cuidé" ist mir aufgefallen. Kannst du etwas dazu sagen?

Roberto: Es erzählt, dass wir Menschen sind. Dass wir Fehler machen. Dass eine Blume verwelkt, wenn wir sie nicht gießen, wenn wir nicht Obacht geben auf sie. So etwas passiert nicht nur mit Blumen, sondern auch mit Menschen: Vielleicht war da jemand, der Hilfe brauchte und wir halfen nicht. Jemand, dem es nicht gut ging und wir waren nicht da. Es geht darum, aus der Vergangenheit zu lernen, es das nächste Mal besser zu machen. Das ungefähr möchte ich mit diesem Song ausdrücken.

Roberto Fonseca

Carina: Hast du eine Lebensphilosophie?

Roberto: Ich habe sogar mehrere Lebensphilosophien. Aber die Wichtigste davon ist, dass man das Leben genießen sollte. Jeden einzigen Moment des Lebens. Eine weitere, wichtige Tatsache ist, dass es egal ist, ob man reich und berühmt wird. Ein Musiker zu sein, bedeutet nicht, dass du etwas Besseres bist, oder irgendwie anderen Leuten überlegen. Ich spiele Klavier. Andere Leute können das auch. Vielleicht sogar besser.

Künstler sind nichts besseres. Manche von uns glauben, sie seien superstarts. Das mag auf der Bühne vielleicht sogar wahr sein. Gleichzeitig ist es aber die Bühne, auf der du den Leuten beweisen musst, dass du einer von Ihnen bist, dass du mit ihnen auf Augenhöhe bist. Du solltest nicht vergessen, von wo du kommst: du kommst von der Erde und wirst wieder zu Erde. Das ist meine Philosophie.

Bilde dir nicht ein, ein Superstar zu sein! Sei gradlinig und freue dich darüber. Diese Tage, die dir gegeben sind, sind die Schönsten. Jeder Tag ist ein Geschenk, eine Chance, die Lungen mit Luft zu füllen, sich mit Leuten zu umgeben, die man mag, glücklich zu sein. Sogar in der Traurigkeit spürt man die Gabe des Lebens.

Carina Prange

CD: Roberto Fonseca - "Akokan" (Enja ENJ-9534 2)

Roberto Fonseca im Internet: www.robertofonseca.com

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Roberto Fonseca - "Zamazu" - Review (erschienen: 16.4.2008)

© jazzdimensions 2009
erschienen: 22.9.2009
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