Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2009
Nils Wogram - "Obertongesang auf dem Fahrrad"

Wer Nils Wogram und Root 70 bei ihrer letzten Tournee in Deutschland erleben durfte, der hat sich erst vor Verwunderung die Ohren gerieben und sie dann verzückt weit aufgesperrt. Root 70 haben nämlich den Blues für sich entdeckt.

Nils Wogram (F. Schindelbeck)

Derzeit arbeitet man sogar an einem reinen Bluesprogramm, welches im nächsten Jahr auf die Bühne gebracht werden soll. Nach einem der Konzerte des deutsch-neuseeländischen Quartetts ergab sich spontan die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Posaunisten.

Hermann Mennenga sprach für Jazzdimensions mit Nils Wogram

Hermann: Wer Root 70 momentan hört, der kann eine ganze Menge neuer Musik entdecken: Ihr habt den Blues. Wie hat das euren Bandsound verändert?

Nils: Ausschlaggebend war da vor allem schon das letzte Album „Root 70 on 52nd 1/4 Street“, weil wir dort zum ersten Mal klanglich sehr geschlossen agiert haben und auch stilistisch sehr einheitlich waren. Wir haben einfach ein bisschen weniger auf Kontraste gesetzt als das bisher der Fall war.

Wir haben auch angefangen, Dinge einfacher zu spielen. Wo vorher viele komplexe Rhythmen waren, stand jetzt auf einmal 4/4 Swing und wir haben vor allem melodische Veränderungen in die Musik hineingebracht. Das war so eine Initialzündung für die Band zu sagen: He, so simpel zu spielen funktioniert unglaublich gut! Man kann sehr entspannt drauflos musizieren, ohne die ganze Zeit auf Kontraste und Komplexität setzen zu müssen.

Da das ganz gut funktioniert, haben wir diese Haltung teilweise auch in das neue Bluesprogramm übernommen. Es ist eigentlich immer so, wenn man etwas entdeckt und dann neue Dinge entwickelt, dass auch immer was von den alten Sachen hängen bleibt, und ich glaube, wir haben uns bei der entspannten Spielhaltung ziemlich weiterentwickelt.

Nils Wogram (F. Schindelbeck)

Hermann: Ihr spielt viel vom Blatt. Ist das nur momentan so, weil ihr euch an die neuen Stücke gewöhnen müsst, oder ist das bei Root 70 generell der Fall?

Nils: Ich schreibe die ganze Zeit Stücke und versuche immer, das Repertoire frisch zu halten. Als Band spielen wir ja nicht das ganze Jahr zusammen, sondern machen nur zwei bis drei Tourneen – in diesem Jahr sind es zum Beispiel 32 Konzerte, was relativ viel ist.

Alle Bandmitglieder spielen auch in anderen Formationen. Von daher ist es jetzt nicht so, dass sich alle ausschließlich auf Root 70 konzentrieren können und somit das ganze Repertoire auswendig lernen. Das erwarte ich nicht und das spielt aus meiner Sicht keine große Rolle. Entscheidend ist nur, dass man die Sachen gut beherrscht, und die Noten dienen uns als Anhaltspunkte, wo man ab und an mal draufguckt.

Aber natürlich, immer wenn wir ein neues Programm haben, müssen wir mehr Noten lesen und uns stärker darauf konzentrieren. Je länger wir dann etwas spielen, desto lockerer wird es, so dass wir uns immer mehr von den Noten lösen können. Es sind tatsächlich eher Anhaltspunkte, und es ist nicht so, dass wir wirklich alles vom Blatt lesen müssen.

Nils Wogram (F. Schindelbeck)

Hermann: Beim Konzert heute Abend sind mir drei Dinge besonders aufgefallen: zum einen eine Spoken Word Performance von Hayden Chisholm (Saxophon) über ein Blues-Thema von dir. Was hat dich dazu inspiriert?

Nils: Verschiedene Sachen. Ich bin ein großer Fan dieser Art der Interpretation, Musik mit gesprochenem Text zu verbinden und dadurch eine andere Ebene der Stimmung zu erzeugen. Ein Album was mich hier sehr inspiriert hat, ist „The Clown“ von Charles Mingus. Im Titelstück wird das gemacht und da wird sogar auf den Text hin die Musik dramaturgisch eingebettet.

Das habe ich aber bewusst anders gemacht. Bei uns ist das Thema eher durchgehend und darüber wird gesprochen. Mit der Band Underkarl und Heinz von Kramer habe ich solche Projekte auch schon gemacht, da habe ich gelernt, wie man Text und Musik verbindet. Gerade in diesem Bluesprogramm passt so etwas auch gut hinein, denn im Blues geht es ja gerade darum, eine Geschichte zu erzählen.

Nils Wogram & Root 70- "52nd 1/4 Street"

Hermann: Mir ist weiterhin ein swingender Reggae aufgefallen, der eine sehr reizvolle Klangfarbe hineingebracht hat. Hast du Ambitionen, in dieser Richtung etwas weiter zu gehen? In meinen Ohren klang die Verbindung von Jazz und Reggae wirklich gut!

Nils: Ja, Jochen (Rückert, Schlagzeug) und Matt (Penman, Bass) spielen den Groove wirklich super! Wir hatten das in verschiedenen Projekten vorher schon ausprobiert. Zum einen war ich involviert in ein Projekt mit Tom Benneke, dem Gitarristen der Jazzkantine, namens Dub Guerilla. Er hat ein ganzes Album mit Reggae gestaltet und mit Jazz und Improvisation verbunden. Das hat mir viel Spaß gemacht.

Wir, also Root 70, haben dann auf dem Album „Heaps Dub“ Stücke von Burnt Friedman akustisch umgesetzt, und da waren auch einige Reggaestücke dabei. So hat sich diese Musik als brauchbar erwiesen, und bevor ich jetzt das Bluesprogramm geschrieben habe, habe ich mir überlegt: Ok, ich möchte gerne ein geschlossenes Bluesprogrammm haben, auf der anderen Seite möchte ich aber auch Abwechslung und eine gewisse Dramaturgie im Programm.

Ich habe mir dann überlegt, was für Klangfarben mir gefallen und wie die mit dem Blues verbunden werden können. Und eine Farbe, die ich halt sehr schön finde, ist akustischer Reggae. Also habe ich mich ans Klavier gesetzt, hatte diese eine sehr simple Melodie gefunden und gedacht: Ah, das würde super passen, wenn man dazu einen Reggae spielen würde.

Hermann: Der dritte Punkt, der mir aufgefallen ist, war der wunderschöne Obertongesang von Hayden Chisholm. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen, das in eure Musik mit einzubinden?

Nils: Es war tatsächlich Hayden, der damit angefangen hat bzw. eigentlich ein Freund von ihm. Wir hatten zuvor die Oberton-Gruppe aus Tuuva gehört, Huun-Huur-Tu, und dann haben wir versucht das zu imitieren. Hayden hat das von seinem Freund übernommen, und ich habe auch ein bisschen rumprobiert und beim Fahrrad fahren geübt...

Man beschäftigt sich damit erstmal völlig ohne Hintergedanken, aber je mehr man das macht, desto eher kann man das in die Musik mit einfließen lassen. In diesem konkreten Fall war es so, dass ich mir überlegt habe, wie kann diese Stimmung, die durch den Obertongesang entsteht, in die Musik mit eingebettet werden?

Das Problem bei Root 70 ist ja, dass wir kein Harmonieinstrument haben. Wie bekomme ich es also hin, bestimmte Harmonien darzustellen? Hier war es jetzt so, dass der Bass einen Ton spielt, ich spiele einen Doppelton auf der Posaune, wodurch so eine Art Akkord entsteht, und Hayden nimmt einen Ton aus diesem Dreiklang und macht darauf den Obertongesang. Somit entsteht der Eindruck eines weit aufgefächerten Akkords.

Nils Wogram (F. Schindelbeck)

Hermann: Habt ihr vor, das weiter auszubauen?

Nils: Glaube ich nicht. Das ist auch ein bisschen problematisch, denn wir sind ja schließlich keine Obertongesangsgruppe. Wenn man sich hier die wahren Vertreter dieses Genres anhört, dann ist das, was wir da machen, Peanuts. Trotzdem ist es eine sehr schöne Farbe, die ich ab und zu durchaus mit einbringen möchte, aber so etwas abendfüllend zu machen oder den Fokus darauf zu legen – dafür müssten wir uns viel mehr damit beschäftigen und viel besser werden auf dem Gebiet. Es gibt ja die Leute, die das authentisch machen; an deren Level heran zu reichen, das sehe ich nicht, dass wir das schaffen.

Hermann Mennenga

CD: Nils Wogram 'Route 70' - "On 52nd 1/4 Street"
(Intuition )

Nils Wogram im Internet: www.nilswogram.com

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Frank Schindelbeck, mit freundlicher Genehmigung

Mehr bei Jazzdimensions:
Nils Wogram & Root 70 - "52nd¼ Street" - Review (erschienen: 22.9.2008)
Nils Wogram 's Nostalgia - "Affinity" - Review (erschienen: 16.2.2008)
Nils Wogram - "Fahrvergnügen" - Review (erschienen: 25.10.2006)

© jazzdimensions 2009
erschienen: 8.11.2009
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: