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Martin Tingvall - "Wie drei Kapitel in einem Buch…"

Der schwedische Pianist Martin Tingvall ist Namensgeber und Komponist des Tingvall Trios. Davon abgesehen versteht er sein kubanisch-deutsch-schwedisches Projekt als ein Jazztrio, in dem die Freundschaft unter den Musikern eine herausragende Rolle spielt. Nach den beiden Alben "Skagerrak" und "Norr" kann man die neue CD "Vattensaga" als Vervollständigung einer Trilogie verstehen.

Martin Tingvall

Das eben genannte "Vattensaga" ist die Krönung dieser Trilogie – ein Album mit wunderschönen, nordisch angehauchten und inspirierten Melodien. Man kann es nicht verhehlen: Das Tingvall Trio ist auf seinem Weg ganz an die Spitze der "Jazztrios mit eigener Note" schon sehr weit gekommen.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Martin Tingvall

Carina: Die Besetzung deines Trios ist seit drei Alben gleichgeblieben: Wie wichtig ist diese Kontinuität, die sich entwickelnde Zusammenarbeit mit Omar und Jürgen für die Musik des Trios?

Martin: Das ist sehr, sehr wichtig! Das ist, würde ich fast sagen, ein absolut essentielles Element des Trios. Keiner ist wirklich austauschbar. Und den Sound, den wir jetzt haben, der wurde entwickelt von Omar Rodriguez Calvo und Jürgen Spiegel und mir zusammen. Von uns drei.

Wir haben einmal mit einem Ersatz auftreten müssen. Das ist lange her... – aber das ist eine ganz andere Geschichte... Also, es ist sehr wichtig, wer da spielt!

Tingvall Trio

Carina: Zu den drei Alben "Skagerrak", "Norr", "Vattensaga": Die drei Alben wirken wie eine Trilogie. Ist das so gedacht?

Martin: Es ist schön, dass du sagst, dass es so wirkt. Das ist genau so wie es auf uns gewirkt hat. Es war zwar nicht als Trilogie geplant, aber es ist tatsächlich eine geworden. Ich finde, dass die drei Alben zusammenpassen. Man kann die Alben, wenn man Zeit und Lust hat, in einer Folge hören. Die Musik passt tatsächlich gut zusammen, die Stücke sind alle am selben Ort komponiert; ich habe sie hier in der Nähe des Wassers geschrieben.

Auch die CD-Cover und die Musik passen im Grunde zusammen. Damit ist nicht gesagt, dass danach etwas ganz Neues kommt. Ich habe mehrere Ideen, was passieren könnte. Ich hoffe, dass das mit dieser Trilogie nur der Anfang vom Tingvall Trio ist. Ich habe jetzt nicht vor, ein Quartett- oder Soloplatte einzuspielen. Aber diese drei Platten sind wie drei Kapitel in einem Buch, das wirklich aus nur drei Kapiteln besteht. Und man kann jedes selbstständig lesen, eines nach dem anderen oder auch alle drei hintereinander weg und damit das ganze Buch auf einmal. Etwa so kann man die Trilogie sehen…

Tingvall Trio

Carina: Worin besteht deiner Meinung nach das Verbindende – und worin unterscheiden sich die drei Alben voneinander?

Martin: Was wahrscheinlich jeder Künstler oder Musiker sagt: die letzte Sache, die man gemacht habe, sei am meisten aktuell – die gefällt einem meist auch selbst am besten. Ich finde, dass auf jeden Fall eine Weiterentwicklung da ist – vom ersten zum zweiten und vom zweiten zum dritten Album. Und inwiefern? Ja, meiner Meinung nach hat das ganze einen viel eigeneren Sound bekommen. Auf der letzten Platte hat jeder mehr Platz – es gibt mehr Raum, sich einzubringen in die Musik. Auch die Songs sind mehr daraufhin geschrieben… Die Arrangements machen wir gemeinsam, dadurch entsteht auch eine Kontinuität des Trios. Alle mögen unterschiedliche Meinungen haben, aber ich sehe es so, dass jede Meinung wichtig ist.

Die dritte CD ist erstmal vor allem auch von der Aufnahme her hervorragend – das ist fantastisch aufgenommen, es klingt einfach, finde ich, klasse. Die Aufnahmen hat Stefano Amerio gemacht, der auch oft für ECM arbeitet. Er hat das Trio einfach im besten Licht dargestellt und hierbei erstklassige Arbeit geleistet.

Und das verwendete Instrument, dieser Fazioli-Flügel, das muss man vielleicht auch erwähnen, das ist ja sehr außergewöhnlich. Die gibt es ganz selten – ich weiß nicht, wieviele, aber es werden pro Jahr nur ganz wenige solcher Instrumente gebaut. Und dieser Flügel hat einen besonderen Klang, der die Platte vom Sound her auch mitgeprägt hat, sodass sie anders klingt als die erste und zweite CD.

Mir persönlich gefällt die Musik einfach, die Kompositionen. Man entdeckt Sachen nicht nur beim ersten und zweiten Mal, sondern vielleicht auch beim dritten Durchhören. Dass so kleine andere Türen aufgehen... Es sind eher Geschichten als beim ersten und zweiten Album – denke ich! Aber jeder hört ja etwas anderes und das ist ja eine subjektive Meinung...

Tingvall Trio - "Vattensaga"

Carina: Wenn du jetzt sagst, die drei Alben seien wie drei Kapitel eines Buches und das Buch sei nun abgeschlossen, hast du dann schon eine Idee was danach kommt?

Martin: Ich habe mehrere Ideen eigentlich und Wünsche, Träume… Es wäre beispielsweise ganz spannend, wenn das Tingvall Trio mit einem großen Orchester, einem Streich- oder einem Sinfonieorchester zusammen spielen würde. Dafür Arrangements zu schreiben, die wirklich die Musik integrieren.

Ich stelle mir nicht vor, das Tingvall Trio mit "den schönsten Balladen, begleitet von einem Streichquartett". Das wäre sicherlich auch schön, vielleicht mit einer schönen Sopranstimme dazu – das ist aber eine ganz andere Sache. Aber dennoch wäre es auch eine Möglichkeit, von einem Künstler oder einer Künstlerin zu manchen Stücken Text schreiben zu lassen.

Oder man versucht, eine "richtig ruhige" Platte zu machen; es gibt sehr viele denkbare Varianten. Jetzt gerade ist es so, dass wir ja aktuell die Konzerte haben und alle drei sehr fokussiert sind auf "Vattensaga", das neue Album, und wir denken erstmal darüber nach, wie wir das am besten auf die Bühne bringen können. Da liegt derzeit das Hauptaugenmerk…

Carina: Wie eng ist dein Bezug zu Skandinavien in musikalischer Hinsicht? Für die Titel deiner Stücke wählst du meist deine Heimatsprache … Ist das eine Gefühlssache oder absichtlicher Rückverweis auf deine Herkunft?

Martin: Nein, das ist eine Gefühlssache, muss ich tatsächlich sagen. Ich schreibe ja keine Texte – und diese Titel sind manchmal auch erfundene Worte, ich mag ein bisschen Sprachwitz darin. Beispielsweise der erste Titel "Våg In", das sagt man so nicht auf Schwedisch.

Das würde wortwörtlich übersetzt heißen, "Welle rein". Man redet ja nicht mit einer Welle und sagt: "Komm rein, Welle!" Eine Welle geht oder fließt rein. Genau wie der letzte Titel "Våg Ut", also "Welle raus" – gibt es auch nicht auf Deutsch, oder "Hajskraj", der sechste Titel, das hieße "Angsthai" – das gibt es auch nicht. Höchstens "Angsthase"...

Von daher kann man sagen, ich habe meinen Spaß damit. Und dass es jetzt auf Schwedisch ist, klar: ich bin Schwede. Und ich komponiere fast die ganze Musik in Schweden: die Ruhe, das Wasser und das Meer wirkt bei mir sehr inspirierend. Von daher sind bei mir einfach alle Titel auf Schwedisch.

Carina: Du hast eine Zeit lang in Hamburg gelebt. Was gab den Anlass, nach Schweden zurückzugehen?

Martin: Ähm, ich lebe immer noch in beiden Ländern – ich bin jetzt gestern zurückgekommen und fahre in einer Woche wieder. Die Basis des Trios ist in Hamburg, Jürgen und Omar wohnen in Hamburg, wir proben die meiste Zeit in Hamburg. Die Plattenfirma, mit der es eine enge freundschaftliche Beziehung gibt, ist ebenfalls in Hamburg.

Das ist insgesamt alles sehr eng, sehr stark ein "Familybusiness" geworden. Die Musiker des Trios sind auch sehr gute Freunde. Und ich glaube, es ist extrem wichtig, dass man sich auch menschlich so gut versteht. Wenn man Musik macht ist das wie ein Gespräch. Und eine Dreierbeziehung oder ein Dreiergespräch ist sehr schwierig, da ist immer einer außen vor. Das schafft man nur mit richtig guter Freundschaft und auch Respekt. Und auch Neugier darauf, was der andere zu sagen hat.

Ich denke auf jeden Fall, dass wir mit dem Tingvall Trio auf dem richtigen Weg sind. Es ist ja das Schwierige einer Dreierbeziehung, dass es ausgewogen wird. Ich will ja nicht eine Begleitkapelle haben!

Unser Konzept ist schließlich etwas ganz anderes, als vielleicht das eines traditionellen amerikanischen Jazztrio, wo der Bass und das Schlagzeug das Klavier unterstützen. Wo das Klavier die Melodie spielt und die Solos macht und ab und zu ist ein kurzes Basssolo da.

Wir teilen das schon ein bisschen mehr auf. Manchmal gibt es ein Schlagzeugintro, mal übernimmt der Bass die Melodie. Dann spielt wiederum das Klavier die Melodie oder das Schlagzeug. Ich sehe das als eine Einheit. Und zwar kombiniert damit, dass wir auch musikalisch ganz unterschiedlicher Herkunft sind, dass es sich auch reibt und es nicht immer so einfach ist, weil wir eigentlich sehr verschieden sind. Und das ist wahrscheinlich das, was unsere Besonderheit ausmacht und einen eigenen Sound erzeugt.

Carina: Und was fangt ihr mit der Schublade "Klaviertrios mit nordischem Flair" an? Es gibt ja relativ viele jetzt aus dem Norden…

Martin: Nun, ich mag ja schwedischen oder skandinavischen Sound. Ich finde das wunderschön. Und es ist auch ein sehr erfolgreicher Sound. Schwedische Musiker und Musikerinnen, Sängerinnen, die haben weltweit einen sehr guten Ruf. Und meiner Meinung nach ist das auch deswegen so, weil Schulausbildung in Skandinavien bedeutet zunächst, Volksmusik zu studieren – man wird derart unterstützt, die eigene Herkunft betreffend.

Das sind Sachen, die ich auch in meiner Musik habe, diese folklorischen Melodien, das ist dieses Schwedische, auch dieses Melancholische. Und viele Stücke in Dreier- und in Fünfer-Takten, das ist auch typisch skandinavisch. Ich selbst habe Jazz studiert, aber natürlich auch ein bißchen Volksmusik, damals an der Musikhochschule. Und wenn man damit in Kontakt kommt, das prägt auch den Sound: z.B. bei E.S.T. oder Bobo Stenson oder Jan Johansson oder jetzt z.B. Jacob Karlzon. Es gibt genügend phantastische Klavierspieler aus Schweden oder auch Norwegen. Aber wir haben vielleicht generell mehr einen eigenen Sound als in Deutschland.

Tingvall Trio

Carina: Verstehst du Esbjörn Svensson als Vorreiter oder Vorbild für dich – oder ist das manchmal auch so, oh nein, jetzt wird der schon wieder zitiert!?

Martin: Ja, ich habe das ja selber gesagt. Ein Vorbild für mich ist er in dem Sinne überhaupt nicht, ich habe ihn kaum gehört. Das ist eine furchtbare Tragödie, was passiert ist, eine Katastrophe. Und bezüglich dieses neuen Formats hat E.S.T. einfach Grundsteine gelegt. Aber wir sind eigentlich extrem unterschiedlich, finde ich. Es gibt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Klar, ich bin Schwede, er war Schwede. Und wir spielen in einem Trio.

Aber sonst sehe ich nicht mehr so viele Ähnlichkeiten. Die Art von Musik, die wir spielen, ist ganz anders. E.S.T. haben sehr viel mehr mit elektronischen Elementen gearbeitet. Wir nicht. Und sie waren drei Schweden, wir sind ein Kubaner, ein Deutscher und ein Schwede. Das ergibt auch eine ganz andere Mischung. Und das hört man, denke ich, auch sehr deutlich.

Und dennoch hat das anscheinend eine ganz große Bedeutung für viele neue Trios. E.S.T. war bei MTV und war als Band extrem erfolgreich, es war eine herausragende Band mit einem eigenen Sound, den sie sehr prägnant entwickelt haben. In dieser Hinsicht sind E.S.T. wirklich ein Vorbild dafür, wie man sich selber so treu bleibt und weitermacht in diesem Ausmaß. Das finde ich sehr bewundernswert, denn es ist eine grandiose Leistung, in der Jazzmusik solange durchzuhalten. Das ist einfach ein steiniger Weg!

Carina: Aus "wenigen Noten große Stücke" entstehen lassen, könnte man das als dein Motto bezeichnen?

Martin: Mein Motto? Weiß ich nicht… Ich sehe darin eine große Herausforderung, mit wenigen Tönen eine große Melodie zu erzeugen, überhaupt starke Melodien. Es gibt sehr viele Pianisten, die spielen viel weniger Töne als ich. Ich finde es aber sehr spannend, mit wenigen Tönen viel zu kreieren. Aber das ist wahrscheinlich ein Traum ganz vieler Musiker. Aber es ist sehr schwer, da habe ich noch viel zu lernen.

Carina: Wie erkennt man den wesentlichen Kern einer musikalischen Idee?

Martin: Ich mache das wohl eher intuitiv, ich komponiere sehr viel am Flügel. Ich setze mich hin und oft setze ich mich hin und übe eine Skala oder irgendwas. Und ich kriege dann irgendwie eine Idee, das kann ein Akkord sein oder eine Melodie. Wenn ich das sofort sehr gut finde, dann ist es auch oft gut.

Der erste Eindruck, wie man das selbst empfindet, ist oftmals richtig. Man findet allerdings das, was man macht, beim ersten Mal alles gut. Es ist alles super. Aber einen Tag später ist das Quatsch! Aber richtig herausragend, dass du denkst, so das könnte wirklich was großes werden, das passiert auch nicht jeden Tag. Aber wenn dieser Moment da ist, mußt du das auf jeden Fall weiterentwickeln.

Tingvall Trio

Carina: Eine ganz andere Frage: Mit Bobo Stenson auf der einen und AC/DC auf der anderen Seite, hast du eine Palette an Vorbildern, die dich musikalisch nicht einschränkt. Warum bist du nicht der neue Keyboarder bei Deep Purple geworden?

Martin: Oh... – also, die haben mich nicht gefragt! (lacht)

Also, im Moment bin ich sehr doll fixiert darauf, selbst akustische Musik zu spielen. Aber ich höre ganz unterschiedliche Sachen: von AC/DC über Arvo Pärt bis zu Bach und Mozart. Mich inspirieren ganz unterschiedliche Arten von Musik. Trilok Gurtu etwa finde ich auch ganz ausgezeichnet. Der schafft sehr spannende Klangwelten und rhythmische Welten. Ich bin vielleicht ein Chamäleon in dieser Hinsicht: ich schreibe auch immer noch Musik für kommerzielle Künstler.

Manchmal bekomme ich einen Anruf: "Ja, vielleicht können Sie was schreiben für Gunter Gabriel?" ... Ja, frage ich, wer das denn sei!? ... "Na dieser Country-Musiker!" ... Gut, warum nicht, entgegne ich vielleicht – ich versuche, da etwas zu machen. Vielleicht sage ich aber auch, nee, das ist nicht meine musikalische Welt!

Es ist klar, dass ich nicht für jeden schreiben kann. Ich mag es sehr gerne, mit unterschiedlichen Musiken zu arbeiten, aber meine Herzenssache ist das Tingvall Trio. Das ist mir im Moment auf jeden Fall am Wichtigsten!

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Martin: Das ist witzig! Ich war gerade unterwegs mit dem Trio. Omar hat eine ganz schöne Sache gesagt: dass es wichtig ist, viel zu lachen und glücklich zu sein. Viel zu lachen, Spaß haben, positiv – und glücklich zu sein. Klar, das wichtigste im Leben ist Liebe und glücklich zu sein. Jeder muss versuchen, seinen eigenen Weg zu finden, wie man dann glücklich ist und mit wem ... wie man das wird.

Ich glaube, Lachen ist tatsächlich extrem wichtig. Es wird in unserer Welt gar nicht so viel gelacht. Wenn man in Hamburg auf dern Straße geht, ist es nicht soviel anders als in Schweden. Es ist selten, dass man einfach ein Lächeln erhält, oder, wenn man jemanden anlächelt, dass man ein "Zurücklächeln" bekommt. Diese positive Ausstrahlung, diese Grundeinstellung ist sehr wichtig!

Carina Prange

CD: Tingvall Trio - "Vattensaga" (Skip Records SKP 9087)

Martin Tingvall im Internet: www.tingvall-trio.de

Skip Records im Internet: www.skiprecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 1.11.2009
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