Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2009
John McLaughlin - "Alles hängt davon ab, was du willst!"

Wie nähert man sich einer lebenden Legende im Gespräch, die keine sein will? Mit viel Respekt und nicht allzu geringem eigenen Selbstbewusstsein ist schonmal nicht schlecht… John McLaughlin, der vor mehr als dreißig Jahren schon Projekte wie Shakti und das Mahavisnu Orchestra aus der Taufe hob, war damals auf der Suche: Im fernen Osten, speziell in Indien, fand er Antworten auf seine philosophischen Fragen an das Leben, aber er fand auch eine spirituelle, mystische und dabei unglaublich vielseitige Musik.

John McLaughlin

McLaughlin widmete schließlich einen Großteil seines Schaffens dem Jazzrock und der Fusionmusik unter Einbeziehung jener indischen Einflüsse. Zwischen den musikalischen Welten zu wechseln, ständig neue Schubladen aufzuziehen ist ebenso sein Metier, wie der phasenweise Wechsel zwischen akustischem und elektrischem Spiel. John McLaughlin jedenfalls ist ein Meister seines Fachs, nicht ohne Grund gerühmt als einer der weltbesten Gitarristen und innovativsten Musiker der heutigen Zeit.

Carina Prange sprach im Rahmen der Ingolstädter Jazztage 2008 mit John McLaughlin

Carina: Vor ein paar Monaten redete ich mit Jack Bruce über die Vorbildfunktion eines Musikers, darüber zu Lebzeiten eine Legende zu sein und über das Niveau, das jemand auf seinem Instrument erreichen kann. Jack meinte dazu, er glaube, dass der musikalische Ausdruck stets etwas persönliches sei. Er habe seinen eigenen Weg verfolgt, sei aber überzeugt, dass jeder Musiker ein ähnliches Niveau erreichen könne, wenn er das wirklich wolle. Was ist deine Meinung dazu – und was hältst du davon, ebenfalls als Legende bezeichnet zu werden?

John: Ich eine Legende? Zur Legende sollte man erst werden, wenn man unter der Erde liegt. Also, ich lebe noch! Es ist mir aber ziemlich egal, ob man mich als Legende bezeichnet. Ich bin lediglich ein Musiker, wenn auch ein recht engagierter: Ich habe mein ganzes Leben der Musik gewidmet. Aber ich stimme Jack darin zu, als dass er sagt, jeder sei in der Lage, alles Denkbare zu erreichen!

Wenn die Person entschlossen genug ist, das Durchhaltevermögen besitzt und es auf sich nimmt, hart zu arbeiten! Weil einem nichts in den Schoß fällt. Und wenn man etwas Außerordentliches leisten möchte, beispielsweise Meisterschaft auf einem Instrument erringen, dann erfordert das Hingabe. Sowas ist kein Beruf. Es ist etwas, auf das man sein Lebensziel richtet.

Aber es gibt Ziele, die reichen weiter, als musikalisch zu brillieren. Da gibt es … nun, man könnte hierfür das Wort "Selbsterkenntnis" verwenden! Es bedeutet eine Form der Erleuchtung, aus einem spirituellen Blickwinkel. Aber, wie gesagt, ich stimme Jack Bruce zu, dass man alles, was man will, auch erreichen kann. Sofern man es wirklich entschlossen will.

John McLaughlin

Carina: Wie war das bei dir?

John: Ich bin eben ein Glückskind. Meine Mutter war Musikerin und so erfuhr ich von Anfang an nur Ermutigung. Ich bin dafür sehr dankbar. Ich begann mit Klavier und wechselte mit elf Jahren zur Gitarre. Und die Gitarre blieb mir mein ganzes Leben. Ich lerne jeden Tag dazu. Das hört nie auf. Man kann nicht wirklich aufhören zu lernen, außer aus einer bewussten Entscheidung heraus. Auch das muss man dann wollen. Wie Jack sagt – es kommt darauf an, was man will.

Carina: Wir leben ja im Zeitalter der New Economy, der Neuen Medien, der neuen "Dies und Das". Selbst ein John McLaughlin geht mit einem Mac Powerbook auf die Bühne…

John: (lacht) In der heutigen Band, der Five Peace Band und meinen anderen elektrischen Bands, da verwende ich das Powerbook nicht. Das einzige technische Teil, das ich einsetze, ist ein Röhrenvorverstärker! Den Laptop siehst du bei mir nur in Zusammenhang mit Shakti, weil ich das einzige Instrument spiele, mit dem man dort Harmonien beisteuern kann. Mit dem Laptop geht das wunderbar! Ich kann aus den Speicherbänken die unterschiedlichsten atmosphärischen Sounds holen, für die man normalerweise ein Keyboard bräuchte.

John McLaughlin - "Floating Point"

Carina: Und bei Shakti gibt es ja nunmal kein Keyboard.

John: Nicht einmal einen Bass! Es gibt nur Gesang, Percussion, die elektrisch verstärkte Mandoline und meine E-Gitarre. Da ist viel Raum für mich auszufüllen – entweder mit Harmonien westlicher Prägung oder mit abstrakten Klangen. Der Laptop bietet da alle Möglichkeiten.

Beispielsweise die virtuellen Verstärker, die mittels Modelling zur Verfügung stehen… Gut, ganz so weit sind die noch nicht, dass ich live darauf bauen würde. Vielleicht werden sie eines Tages an echte Röhrenamps herankommen, aber da liegen noch viele Details im Argen. Das liegt an der Physik! Man kann die physikalische Realität nicht vollständig durch elektronische Virtualität ersetzen. Soviel zum Laptop.

Carina: Siehst du einem Zwiespalt zwischen dem Einsatz von Elektronik und der Musik die du spielst? Die ist ja, wie die indische Klassik, stark in Traditionen verwurzelt, die über Jahrhunderte weitergegeben wurden?

John: Oh, ich möchte nicht vorgeben, ein Vertreter der klassischen indischen Musik zu sein! Ebensowenig, wie wir mit Shakti vorgeben würden, klassische indische Musik zu spielen. Sei es die aus Nordindien oder die aus Südindien.

Bereits in den 60ern setzte ich mich mit der Theorie der nordindischen Klassik auseinander und in den 70ern begann ich mit der südindischen Klassik. Beides nicht in der Absicht, ein Musiker in klassischer indischer Manier zu werden. Das war nie mein Ziel. Ich wollte einfach mit diesen Musikern, die ich bewundere, spielen können.

Um das tun zu können, muss ich über die Regeln ihrer Musik Bescheid wissen. Aus zwei Gründen – erstens, weil ich mit ihnen auf ihre Weise kommunizieren können möchte. Zweitens aus Respekt für ihre Musik. Und selbstverständlich hat dabei die spirituelle Seite Indiens einen großen Stellenwert.

John McLaughlin

Carina: Du hast ja schon früh angefangen, dich auch mit eben dieser spirituellen Seite auseinanderzusetzen…

John: In den frühen Sechzigern. Seit damals bin ich fasziniert von der indischen Kultur. Ab 1967 beschäftigte ich mich mit den existentiellen Menschheitsfragen. Damals hörte ich auf LSD zu nehmen und begann statt dessen, Yoga zu betreiben und zu meditieren. Ich suchte Antworten auf die grundlegenden Fragen. Die Art von Fragen, für die man früher oder später Antworten benötigt – sofern man es nicht vorzieht, die Frage ganz zu ignorieren… Wenn man so eine Nabelschau betreibt, landet man fast zwangsläufig bei der asiatischen Philosophie – speziell der indischen oder der chinesischen.

In der indischen Musik spiegeln sich alle Aspekte des menschlichen Seins. Von den tiefgründigsten bis… nun, es gibt sogar erotische Ragas! Und überhaupt auch soviel Humor. Für mich war das eine Offenbarung, wie ich sie bis dahin nur bei John Coltrane empfand. Bis Coltrane fand in der westlichen Musik die spirituelle Ebene bestenfalls während der Messe, in der Kirche statt.

Entsprechende Musik gibt es von Beethoven, von Mozart und anderen großen klassischen Komponisten – aber es war an den Gottesdienst gebunden. Coltrane erwarb sich in meinen Augen großen Verdienst dadurch, dass er diese spirituelle Dimension in den Jazz einbrachte. Die gleiche, die es in der indischen Musik seit jeher gibt! Sie ist der eine Grund, warum ich meine Erforschungen der spirituellen Ebene auf der musikalischen Ebene fortsetze.

Carina: Interessant. Und was ist der zweite Grund?

John: Die Improvisation! Ich bin Jazzmusiker aus Profession. Man bezeichnet mich als Fusionkünstler, weil ich mit Rockmusik aufwuchs, mit den Beatles, Sly and the Family Stone, Jimi Hendrix, Eric Clapton, mit Blues und R'n'B. Das ist ein Teil von mir.

Aber meine Disziplin ist der Jazz! Man braucht so etwas wie eine künstlerische Disziplin, um ein Instrument zu meistern. Es ist dann entweder eine klassische Disziplin oder der Jazz. Obwohl auch der Rock sich in den letzten 25 Jahren ziemlich entwickelt hat und es einige wirklich gute Rockmusiker gibt. Ich meine solche, die wirklich nur Rock spielen!

John McLaughlin

Carina: Wo genau sind Paralellen zwischen dem Jazz und der indischen Musik?

John: Wenn es ans Improvisieren geht, wirkliches Improvisieren, dann gibt es meiner Meinung nach auf der ganzen Welt nur zwei Schulen – die des Jazz und die indische Schule. Die Inder sind meisterhafte Improvisateure. Sie haben wundervolle Percussioninstrumente – im Jazz haben wir dafür den Schlagzeuger. Es gibt also viele Parallelen.

Carina: Du wechselst oft zwischen rein akustischen und rein elektrischen Projekten. Gibt es da ein System?

John: Nun, auch ich mache immer gern mal etwas Neues! (lacht) Letztes Jahr tourte ich mit "4th Dimension" [mit Hadrien Feraud, b, Gary Husband, keys und Mark Mondesir, dr; d. Red.], dieses Jahr ist es die "Five Peace Band" mit Chick Corea.

Ich bewege mich hin und zurück durch die musikalischen Gattungen. Und jedesmal, wenn ich irgendwo ankomme, habe ich einen neuen Blickwinkel. Ich mache eine Zeitlang Shakti oder ein anderes akustisches Projekt, danach spiele ich wieder elektrisch – aber meine Perspektive hat sich dann verändert.

Carina: Jetzt bist du offensichtlich in einer elektrischen Phase…

John: Ja, eindeutig elektrisch! (lacht) Aber ich werkle im Hintergrund schon an neuen Sachen. Ich habe ständig Ideen. Ich vergleiche mich gerne mit einem Maler. Ich gehe von einer "blauen Periode" zum Kubismus, werde anschließend abstrakt oder neorealistisch. Maler durchlaufen ähnliche Perioden. Das verstärkt ihren persönlichen Stil.

Mir geht es ebenso. Auch eine CD-Aufnahme vergleiche ich mit einem Gemälde. Wenn ich eine Aufnahme abgeschlossen habe, dann tritt die Musik aus mir heraus nach außen. Sie gehört mir nicht mehr! Ab da führt sie ein eigenes Leben und ich bin frei, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

John McLaughlin

Carina: Tut sich bei deinen Instrumenten etwas? Gibt es irgendwelche Entwicklungen, die du spannend findest?

John: Was mich reizt, ist die neue Moog-Gitarre. Sie hatten versprochen, mir im Juli ein Exemplar zu schicken, aber zum Jahresende war noch immer nichts davon zu sehen! (lacht) Ich bin sehr gespannt, weil ich mich ja seit 1975 mit Synthesizergitarren beschäftige. Das waren zu jener Zeit aber ziemlich klobige, hochkomplizierte Dinger!

Es gab damals aber ein paar ganz gute Sachen, wie das Synclavier - ein wunderbares Instrument. Aus dem Zusammenspiel zwischen akustischen Instrumenten – gerade Gitarren – und Synthiegitarre, ergeben sich ganz reizvolle Kontraste. Das habe ich damals in der Band mit Trilok Gurtu und Dominique DiPiazza festgestellt – die Akustikgitarre klingt beinahe "antik", wohingegen die Synthesizer einen modernen Touch hinzufügen.

Carina: Heute abend spielst du auf der Bühne deine Godin "Freeway". Was zeichnet dieses Instrument aus?

John: Die Godin ist meiner Meinung nach beste Midi-Gitarre, die es bislang gibt. Sie hat zusätzlich Seymour Duncan Pickups, mit denen sie auch elektrisch wirklich gut klingt. Ich liebe dieses Instrument sehr! Ich hatte ja schon viele Gitarren. Gibson natürlich und Fender… Auch von Paul Reed Smith hatte ich ein wunderschönes Instrument, ein "McCarty"-Modell. Die besitze ich seit fünf Jahren und sie leistet noch immmer gute Dienste.

Carina: Wie wichtig ist dir der Midi-Aspekt wenn du live spielst?

John: Es geht weniger um das Live-Spiel, als um Grundsätzliches. Der Grund, dass ich die Godin spiele besteht darin… na, wenn du das Geschehen auf der Bühne verfolgst, dann siehst du, dass synchron eine Partitur auf dem Rechner mitläuft: So etwas hatte ich von Anfang an vor, weil es für einen westlich geprägten Musiker eine tolle Sache ist, Noten vor der Nase zu haben, die mit der Musik mitlaufen.

Um das auch im Studio umzusetzen, musste ich Audio und Midi gleichzeitig aufnehmen können. Aus den exportierten Midi-Signalen konnte ich den Notensatz erzeugen und diesen anschließend wieder importieren. Das war ziemlich viel Arbeit – ich glaube, vor mir hat das noch niemand gemacht! Aber wir zogen das durch und es bewährt sich.

Carina: Gab es eine direkte Kooperation zwischen dir und Godin bei der Entwicklung oder Weiterentwicklung des Instruments?

John: Nein. Robert Godin habe ich nämlich selbst erst vor kurzem kennengelernt. Er rief mich an und meinte, er habe gesehen, dass ich eines seiner Instrumente einsetzen würde! Phantastisch sei das, sagte er. Ob er mir in irgendeiner Weise behilflich sein könne? Ich sagte, sicher. Gern! Aber dass ich kein Geld von ihm wolle...

Wenn er jedoch Werbung für seine Gitarre machen würde, ob er dann nicht auch unsere CD erwähnen könne? Und so machen wir das jetzt, ich unterstütze ihn und er uns. Das ist, finde ich, eine sehr gesunde Herangehensweise ans Marketing.

Carina Prange

CD: John McLaughlin - "Floating Point" (Abstract Logix SKU23547)

John McLaughlin im Internet: www.johnmclaughlin.com

Abstract Logix im Internet: www.abstractlogix.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Corea/McLaughlin - "Five Peace Band Live" - Review (erschienen: 8.6.2009)

© jazzdimensions 2009
erschienen: 4.10.2009
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: