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Doug Wimbish - "Der Bändiger der Bässe"

Dieser Tage ist der vielbeschäftigte Bassmann Doug Wimbish mit dem Briten Mark Stewart unter dem Bandnamen "Maffia" auf der Bühne zu erleben. Die Tour in der Band der finnischen Rocklegende Tarja Tarunen neigt sich derweil dem Ende zu. Wimbish ist als Studiomusiker das Ass im Ärmel vieler Produzenten (so für Mick Jagger, Annie Lennox, Seal oder Madonna), findet offenbar aber dennoch sporadisch Zeit zum Schreiben eigener Stücke. Dies schlägt sich nieder in bislang zwei Soloalben - "Trippy Notes For Bass" (1999) und - ganz neu - "CinemaSonics".

Doug Wimbish

Auf letzterer, quasi autobiografisch angehauchter CD lässt Wimbish, wie er es ausdrückt, seine letzten vierzig Jahre Revue passieren – angefangen mit seiner Jugend in Bloomfield, Connecticut. Der Titel "CinemaSonics" stellt einen Bezug zu Wimbishs Liebe zu Kinofilmen dar und seiner These, dass Musik nicht nur gehört, sondern gesehen und gefühlt werden muss. Wer jedoch verstehen will, wie dieser Mann wirklich tickt, muss darauf gefasst sein, dass sich bei ihm ansonsten alles, aber wirklich alles, irgendwie um das Bassspiel dreht…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions in Berlin mit Doug Wimbish.

Carina: Doug, warum stehst du als Studiobassist bei derart vielen Künstlern so hoch im Kurs? Was hast du, was andere nicht haben?

Doug: Ich halte mich nicht für etwas Besonderes. Ich glaube auch nicht, dass ich außergewöhnliche Fähigkeiten habe. Ich hatte aber immer schon ein Ziel, wusste was ich will und habe mich nicht gescheut, hart zu arbeiten, es zu erreichen.

Carina: Weißt du instinktiv, wie du dich auf einen Künstler einzustellen hast, auf das, was er braucht, wenn du mit ihm aufnimmst oder auf der Bühne stehst?

Doug: Ich bin in der Lage, mich auf die gleiche Wellenlänge zu begeben wie der Künstler. Ich kann dann das bringen, was angefragt ist, kann aber darüber hinaus auch Eigenes beitragen, damit die Musik in die Richtung geht, die der Künstler sich vorstellt.

Carina: Braucht man als Sessionmusiker ein bisschen psychologische Fähigkeiten?

Doug: (lacht) Ja, das ist im Angebot inbegriffen!

Carina: Kannst du denn immer am Puls der Zeit sein, was Stil und Geschmack angeht?

Doug: Ich versuche stets, das beizutragen, was für den Augenblick passend erscheint. Das hängt davon ab, was ich dann gerade fühle oder wie ich die Musik höre.

Carina: Bevor du mit Bass anfingst, hast du Gitarre gespielt. Wann kamst du zum Bass als Hauptinstrument und warum?

Doug: Stimmt schon, eigentlich wollten alle immer Gitarre spielen… Jedenfalls eher als Bass. Und selbst wenn man hätte Bass spielen wollen, war das Instrument als solches viel teurer und schwerer aufzutreiben.

Das erste Mal, wo ich mich in einer Band als Bassist gefühlt habe, war so mit vierzehn. Am Schlagzeug saß mein Freund Jeffrey. Und Lash, ein anderer Freund, sang und spielte Gitarre. Ich montierte die beiden dünnen Saiten einer alten Gitarre ab und spielte darauf Basslinien von Billy Cox.

Aber viel wichtiger war, dass Gary Williams, ein Freund meines älteren Bruders Victor, in einer lokalen Funkband den Bass spielte. Gary war die erste ältere Person, die sich für mein Spiel interessierte und es hat nicht lange gedauert, bis er mir die Bassparts von Stücken von Larry Graham oder Bootsy Collins zeigte, die er mit der Band spielte.

Carina: Was fandst du so toll am Bass?

Doug: Die Frequenzen. Die Schwingungen. Bassspielen bedeutet, diese Frequenzen zu kontrollieren. Wenn der Bass ein Löwe ist, dann bin ich derjenige, der diesen Löwen bändigt. Ich weiß, wie ich den Bass anpacke, damit er brüllt, oder wie ich ihn streichle, dass er schnurrt.

Carina: Was ist dein Lieblingsbass zur Zeit?

Doug: Ich habe ein "Zwillingssetup", sage ich immer. Das sind zwei Spector-Bässe, ein brauner 4-Saiter und ein blauer 5-Saiter. Die spiele ich über zwei Trace Elliot AH 1000 Amps und zwei 15er Trace Elliot Boxen.

Doug Wimbish

Carina: Du verwendest auch tonnenweise Effekte. Woher kommt das?

Doug: Als mir klar wurde, welche Kraft im Bass steckt, habe ich immer nach Wegen gesucht, diese Kraft noch stärker zum Vorschein zu bringen. Gleich zu Anfang kaufte ich mir ein Wah-Wah Pedal, weil mir so gefiel, was Hendrix damit anstellte. Dann kam eine Fuzz-Box, danach ein Phase 90 Pedal hinzu, dann ein Echoplex… Ich habe immer ein offenes Ohr für neue Frequenzen.

Carina: Was macht du, damit du in Form bleibst und dein Spiel technisch verbesserst?

Doug: (lacht) Üben!

Carina: Was genau übst du? Anders ausgedrückt, übst du im Hinblick auf bestimmte Situationen, wie Blattlesen fürs Studio, oder legst du Gewicht aufs Physische, wie Ausdauer und Kraft für die Bühne? Oder geht es um musikalische Dinge, wie Rhythmen oder Theorie?

Doug: In meinem Kopf spielen sich allerhand Dinge ab, lange bevor ich das Instrument zur Hand nehme. Ich führe mir vor Augen, was genau ansteht, bevor ich anfange zu spielen. Dann beginne ich mit Sachen, bei denen ich mich sicher fühle, … geläufige Harmonien oder Rhythmustechniken. Danach verbringe ich Zeit mit neuen Ideen, Sachen, an denen ich arbeite, die aber noch nicht so weit fortgeschritten sind. Der Knackpunkt dabei ist, hier eine Ausgewogenheit zu finden.

Doug Wimbish

Carina: Wie sieht denn ein typischer Tag im Leben von Doug Wimbish aus?

Doug: Nun, ich stehe auf und tue mein Bestes, um negative Energien zu vermeiden. Allerdings, "typisch" hängt immer davon ab, wo ich bin und was gerade ansteht. Im Augenblick bereite ich mich auf die Tour mit Tarja vor, mache mich also startklar für die Bühne. Ich habe noch ein paar Wochen Zeit, an meiner Fitness und Ausdauer zu arbeiten, Dehnungen, Liegestütz, Kniebeugen, mehr Dehnungen, Auf-der-Stelle-Laufen, so geht's los … ich brauche viel Kraft in den Beinen für die Bühne! Anschließend übe ich.

Und wenn es ein Konzerttag ist, dann esse ich um drei oder vier Uhr nachmittags, lege mich eine Stunde aufs Ohr und – ganz besonders wichtig! – entspanne mich. Am Auftrittsort angekommen, gehe ich erstmal Backstage und übe am Instrument, mache mich locker.

Carina: Eines deiner wichtigen Projekte ist ja Living Colour. Die Gruppe ist Teil der 1985 gegründeten "Black Rock Coalition"…

Doug: Ja richtig. Vernon [Reid] ist ja Gründungsmitglied der "Coalition"! Ich unterstütze ihn immer in allem, was er macht. Er ist ein guter Freund, außerdem ein phänomenaler Musiker.

Carina: Bei Living Colour und Jungle Funk spielst du mit den Schlagzeuger Will Calhoun zusammen. Warum ist diese Kombination nach so vielen Jahren immer noch so fruchtbar?

Doug: Die musikalische Verbindung zwischen Will und mir ist spiritueller Natur. Seit ich 1992 zu Living Colour dazustieß, gab es keinen Augenblick, in dem Will und ich nicht irgendwie zusammengearbeitet haben. Ich habe nie ein intensiveres Gefühl von Freiheit gespürt, als gemeinsam mit Will auf einer Bühne.

Das Band zwischen uns ist so stark, dass ich auf der Bühne fast beliebig musikalische Wagnisse eingehen kann und nach Laune experimentieren kann. Ich weiß einfach, dass Will zur rechten Zeit auf dem Punkt sein wird, dass er alles zusammenhält. Ein Musiker wie Will erzeugt die Art von Vibe, der gute Musik ausmacht.

Doug Wimbish

Carina: Mal eine Frage zum neuen Album: Mir kam beim Hören in den Sinn, dass man eine Platte wie diese nicht machen kann, ohne sowohl von Arrangement als auch von Studiotechnik ein Ahnung zu haben. Wo hast du das her – oder kommt das automatisch mit den Jahren?

Doug: Das Produzieren habe ich durch Zuschauen gelernt … und immer in Gedanken durchgespielt. Ich halte immer Augen und Ohren offen. Der Schlüssel zu allem, das ist mir klar geworden, ist es, die richtigen Leute zusammenzubringen. Gelingt das, dann passieren die wirklich guten Sachen. Ich tue mein bestes, die Talente der Leute um mich zu erkennen. Nicht nur in Bezug auf das Instrument, das sie spielen, sondern für alles, was sie einbringen könnten

In diesem Sinne ist "CinemaSonics" einer ganzen Reihe von Personen zu verdanken … im Besonderen Skip McDonald (g). Mit ihm arbeite ich schon so lange, das ist Teil meiner DNA geworden! (lacht) Das gleiche gilt für Adrian [Sherwood, prod], Bernard [Fowler, voc] und Keith [Leblanc, dr], sowohl einzeln, wie als Kollektiv. Und dann sind da noch Will und meine tschechischen Freunde Milan, Pavel und Karolina, die so viel Energie mitbrachten.

Doug Wimbish - "Cinema Sonics"

Carina: Wie vollständig ist deine Vision eines Stückes im Vorfeld? Weißt du genau, wie es klingen wird, oder experimentierst du erst und machst alles beim Mischen?

Doug: Erstens – wirklich fertig und beendet ist eine Sache nie! Ich beginne mit einer Idee, einer Eingebung und spiele damit herum. Wenn das verspricht, interessant zu werden, dann nehme ich es auf. Ich habe einen kleinen Zoom "H-2" Digitalrecorder, der in die Hosentasche passt. Ich gehe nie ohne ihn aus dem Haus! Sogar auf der Bühne liegt er immer neben meinem Laptop. Ich habe auch beim Soundcheck haufenweise Ideen, vor allem mit Living Colour. Wenn mir ein Groove, den wir spielen, gefällt, dann drücke ich auf Aufnahme.

Später höre ich's mir dann an und arbeite damit. Ich spüre den Frequenzen nach, höre auf den Raum, der sich auftut. Dann überlege ich, wer dazu ins Bild passen könnte. Ich beginne mit dem Bass, dann kommt gewöhnlich das Schlagzeug. Ich arbeite meist mit Will oder Keith an den Stücken. Und im laufenden Prozess, wann immer es interessant wird, schneide ich alles mit. So habe ich immer eine Dokumentation der Entwicklung eines Stückes.

Doug Wimbish

Carina: Auf deiner Website steht, Doug Wimbish könne man am besten als einen "Journeyman", einen "Reisenden" charakterisieren. Was für eine Art von Reise ist da gemeint?

Doug: Der "Journey", die "Reise", ist das, was "CinemaSonics" beschreibt. Und ich bin der "Man", derjenige, der reist. Es geht somit auch um mein Leben "on the road". Es steht immer ein anderer Mond über jeder Bühne auf der ich spiele. Es ist eine Reflexion über das Leben, das wir gemeinsam beginnen und das wir gemeinsam auch wieder verlassen.

Carina Prange

CD: Doug Wimbish - "Cinema Sonics"
(Yellowbird Records/Enja yeb-7705-2)

Doug Wimbish im Internet: www.dougwimbish.com

Yellowbird Records im Internet: www.yellowbird-music.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2009
erschienen: 7.4.2009
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