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Susi Hyldgaard - "Liebesaffäre mit einem Song..."

Als Susi Hyldgaard sich auf dem Cover ihres Albums "Home Sweet Home" sehr brav mit Strickpulli zeigte, war die Jazzgemeinde verwirrt. Als sie mit wehendem Haar und knallrotem Cover und dem Titel "Blush" eine zweite CD nachschob, stieg die Konfusion noch. Nun wird die dänische Sängerin, Pianistin und Akkordeonistin wohl wieder Unruhe stiften, denn mit einem Standardalbum aus dem Hause Hyldgaard rechnete so schnell niemand.

Susi Hyldgaard

Susi Hyldgaard, deren perfektes Gehör ihr einen ganz speziellen Zugang zur Welt des Klangs verschafft, ist Jazzmusikerin mit ganzem Herzen. Die Auswahl der Songs für das neue Album "Magic Words To Steal Your Heart Away" spricht Bände: Cole Porters "Love For Sale" findet sich ebenso wie "Les Parapluies Des Cherbourg" (von Jacques Demy und Michel Legrand) oder "Baby It's Cold Outside" (von Bing Crosby und Frank Loesser).

Überhaupt, die Hyldgaard singt diesmal außer in englischer zusätzlich auch in französischer Sprache. Allein, auf dänisch gesungene Stücke von ihr muss man wohl noch ein wenig warten…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Susi Hyldgaard

Carina: In den Linernotes deiner neuen CD steht, was du an Standards schätzen würdest, sei, "mit dem Zuhörer eine gemeinsame Vergangenheit zu teilen". Das steht ein wenig im Gegensatz zu deinen bisherigen Alben, auf denen im wesentlichen Eigenkompositionen und eigene Texte enthalten sind. Ist das nun ein Richtungswechsel, oder möchtest du einfach eine andere Facette von dir zeigen?

Susi: Es ist schon etwas anderes, wenn man ausgehend vom Schreiben eigenen Materials dazu übergeht, lediglich der Interpret von Kompositionen anderer Leute zu sein. Der Abstand zum Stück ist größer, man muss es sich erst aneignen. Weil es einem ja nicht von vornherein gehört. Das Spannende ist, dass es tatsächlich auf etwas wie eine Liebesaffäre mit einem Song hinausläuft, wenn man gewisserweise mit ihm intim wird.

Letzen Sommer war ich in Kanada. Ich hatte mir vorgenommen, da vor Publikum etwas mit Standards zu experimentieren. Ein Album mit Standards schwebte mir schon lange vor, also dachte ich, tu es endlich, oder lass es bleiben! Und was war los? Das erste Mal in meinem Leben drehten die Leute bereits durch, während ich noch den Songtitel ansagte und in Montreal tanzte alles… Großartig! Das machte Spaß und war vor allen Dingen ganz unkompliziert. Genau so ein Album wollte ich also machen.

Susi Hyldgaard

Carina: Bei zwei Stücken von "Magic Words" hört man dich zusammen mit Aldo Romano. Er hat ja eine ganz spezielle Stimme - wie findest du, klingt das zusammen?

Susi: Was ich an seiner Stimme mag? Aldo klingt wie eine Katze, die schon sieben Leben hinter sich hat und dann entscheidet, nochmal von vorn anzufangen … ein toller Ausdruck, einfach wundervoll! Und wie Katzen schätzen wir beide es, unsere eigenen Wege zu gehen. Anders können wir auch nicht. Vielleicht kommen wir ja genau deshalb so gut miteinander zurecht.

Carina: Du hattest auch mit der "Danish Radio Bigband" zusammengearbeitet und anschließend erwähnt, du würdest gerne ein ganzes Album mit ihnen machen. Wie weit sind diese Pläne gediehen?

Susi: Ja, ich erinnere mich… Da müssen wir abwarten, das ist einfach ein Riesenapparat. Zur Zeit verhandle ich gerade mit den "Jazzpassengers", die mir ein paar Arrangements schreiben sollen. Und ich suche noch nach einem dritten Partner … mehr was fürs Auge, Fotos, Videos oder beides … vielleicht auch etwas Dokumentarisches.

Susi Hyldgaard - "Magic Words To Steal ..."

Carina: Der größte Teil deines Albums ist in deinem Heimstudio entstanden. Setzt es mehr Kreativität frei, schafft es mehr Balance, hierfür daheim am eigenen Flügel zu sitzen?

Susi: Nun, wenn ich jetzt sage, dass das einfach am Geld liegt, das wäre ein bisschen langweilig, oder? Klar hätte ich lieber alle Zeit der Welt zur Verfügung und einen Steinway D… Andererseits, mein Klavier ist auch gut, ein altes "Hornung & Möller"; es klingt im Diskant ähnlich wie ein Steinway. Manchmal jedenfalls.

Ich habe ziemlich viel nachts gearbeitet, ich finde, das ist ein sehr kreativer Teil des Tages. Und mit den digitalen Aufnahmemöglichkeiten des Computers kann ich jede Nacht ein kleines Pianodemo machen, oder Gesang. Eben, bis ich der Meinung bin, das alles so im Kasten ist, wie ich es mir vorstelle. Mit dem richtigen Ausdruck. Das ist eine angenehme Art zu arbeiten. Und ja, manchmal auch sehr kreativ. Und unschlagbar billig. (lacht)

Susi Hyldgaard

Carina: Warum hast du das Album deinen Eltern gewidmet?

Susi: Sie haben sich schon immer ein Album mit Standards von mir gewünscht. Ich liebe sie sehr. Sie wollen mich gut versorgt wissen, bevor sie aus dieser Welt gehen. Und Standards stellen für sie ein sicheres Fundament dar, etwas, das die Leute mögen. Sie haben eben, als Nichtmusiker, einen anderen Hintergrund, sind mehr auf Sicherheit bedacht. Mehr jedenfalls, als ich. Ich bevorzuge das zigeunernde Künstlerleben, wo es immer auf und ab geht. Sonst müsste ich wohl auch was anderes machen! Ich glaube, sie haben sich inzwischen damit abgefunden, … dass ich meinen Weg gehe.

Carina: Auch der Song "Love For Sale" ist auf der Platte. Warum hast du ihn dir ausgesucht?

Susi: Eigentlich wollte ich das Stück ungeheuer aggressiv bringen. Dann versuchte ich, eine möglichst traurige Version zu machen. In beiden Fällen hat mich das Ergebnis aber nicht überzeugt. Ich bin Feministin. Ich hasse es, was mit den Frauen dieser Welt gemacht wird. Ich hasse es, dass es so viele Länder gibt, wo sie weniger zählen als die Männer.

Unlängst gab es in Dänemark eine Diskussion um Prostitution, dafür und dagegen. Da gab es auf der Pro-Seite ernsthaft noch immer das Argument, wenn ein Mann nunmal Sex will, dann holt er ihn sich. So oder so. Aber als politische Sängerin tauge ich nicht wirklich, also habe ich den Song in der Version aufgenommen, wie er nun auf dem Album ist: Frau um vierzig bietet Liebe über ein Dating-Portal an. Die Stimme schwankt etwas, die Aufnahme ist spät nachts entstanden!

Carina: Du bist von der traurigen Fassung abgekommen, weil sich der Charakter der Story für dich verändert hat? Passiert es häufig, dass ein Song seinen Charakter so sehr verändert?

Susi: Nein, das nicht! Ich probiere aber immer eine Anzahl verschiedener Arrangements für ein Stück. Ich forciere normalerweise nichts beim Spielen, ich verlasse mich auf meine Intuition. Hier hatte ich versucht, die politische Botschaft zu forcieren, wollte den Song quasi auf Linie bringen. Aber das war dann nicht ich. Wenn ich zu dem Thema ein Stück machen wollte, mit dem ich mich wirklich identifizieren kann, dann muss ich das wohl selbst schreiben.

Susi Hyldgaard

Carina: Was für Musik hörst du eigentlich selbst? Und was für Erwartungen hast du an Musik, damit du sie dir anhören möchtest?

Susi: Zur Zeit läuft bei mir gerade häufig das letzte Album von Joni Mitchell … und Keith Jarrett. Auch Standards oder Bachs "Wohltemperiertes Klavier". Wenn ich etwas wiederholt höre, dann weil es mich in eine gewisse Stimmung versetzt, mich beruhigt, besänftigt, reinigt. Was ich von Musik möchte, ist, dass sie eine Wirkung hat.

Carina: Ganz allgemein, was inspriert dich für deine Kompositionen und Texte?

Susi: Das Leben. Aber auch Zeitungen, Bücher, Filme. Die kleinen Dinge hier und da. Manchmal eine Zeile in einem Text, ein Bild, ein Wort. Eine Stimmung.

Carina Prange

CD: Susi Hyldgaard - "Magic Words To Steal Your Heart Away"
(Enja ENJA 9181)

Susi Hyldgaard im Internet: www.susihyldgaard.dk

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Susi Hyldgaard - "In front without the box" - Interview (erschienen: 21.10.2002)
Susi Hyldgaard - "Magic Words To Steal Your Heart Away" - Review (erschienen: 21.06.2007)
Susi Hyldgaard - "Blush" - Review (erschienen: 12.6.2005)
Susi Hyldgaard - "Home Sweet Home" - Review (erschienen: 19.8.2002)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 16.3.2008
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