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Mike Stern - "Vom längsten Gig der Welt"

"Naja, der Typ hielt mir eine Knarre vor die Nase und wollte die Gitarre," erinnert sich Mike Stern. "Er hatte, sozusagen, ein überzeugendes Argument!" So kam Stern bei einem Raubüberfall in Boston um seine heißgeliebte Telecaster, die er einst Danny Gatton abgekauft hatte und die sein Markenzeichen geworden war. Die Strat, auf die er ersatzweise umstieg, ging ebenfalls verloren, wenn auch nicht unter solch dramatischen Umständen: während einer Tour mit Jaco Pastorius wurde sie auf dem Flughafen durch die Schusseligkeit eines Roadies schlichtweg vergessen.

Mike Stern

Das ist vergangen und vorbei: Inzwischen spielt Stern sein eigenes Signature Model, eine Yamaha "Pacifica", die sehr nach Telecaster anmutet – wie es sich eben für "Mr. Telecaster" gehört. Sterns neuestes Album "Who let the cats out?" ist für den Grammy als "Best Contemporary Jazz Album" nominiert. Zur Spitze der Jazzgitarristen gehört er also ohne Frage noch immer. Und er ist ein ebenso guter Geschichtenerzähler…

Carina Prange erreichte Mike Stern per Telefon in Japan.

Carina: Du warst vor kurzem auf Tour durch Europa. Was machst du gegen den Stress, wenn du mal frei hast?

Mike: Während ich auf Tour bin? Ich gehe schwimmen. Nicht lange, aber täglich! Ich habe vor zehn Jahren damit angefangen und ziehe das seither durch. Ich trinke nicht, ich rauche nicht – ich habe mit damit aufgehört, weil ich es früher total übertrieben hatte. Und ich verputze manchmal haufenweise Schokolade. "M & Ms", da stehe ich drauf! Aber stressig ist nur das Reisen, das Spielen finde ich nie anstrengend!

Carina: Auf Tour warst du mit Anthony Jackson, Bob Francheschini und Lionel Cordew. Vier Typen über mehrere Wochen zusammen, ist das nicht etwas eng?

Mike: Ich gehe nur mit Leuten auf Tour, mit denen ich auch befreundet bin. Wenn ich eine Band habe, müssen alle miteinander auskommen. Gute Musiker sind das sowieso, aber dann ist es auch Fun!

Mike Stern

Carina: Macht es einen Unterschied, wenn eine Frau mit in der Band ist?

Mike: Nein, nicht nennenswert! Ich habe schon öfters mit Schlagzeugerinnen gearbeitet. Terri Lyne Carrington war für etliche Konzerte mit dabei. Oder Kim Thompson, eine großartige Drummerin. Es ist wirklich fast dasselbe, wir reißen im Tourbus die gleichen dumme Witze. Niemand hat das Gefühl, er müsse sich extra zusammennehmen.

Im Hotel bestehen wir aber darauf, weit getrennt voneinander untergebracht zu werden. Sonst, wenn du als Gruppe eincheckst, landest du seltsamerweise immer Raum an Raum. Nicht mit uns! Sobald wir aus dem Bus sind, brauchen wir jeder unseren Freiraum.

Mike Stern - "Who let the cats out?"

Carina: Du warst schon mehrmals auf Tour in Japan. Was hältst du von der japanischen Küche?

Mike: Oh ja, die ist klasse! Ich bin Sushi-Fan. Ich finde auch diese dicken Nudeln prima, wie heißen die noch? Udon-Nudeln, lecker! Ich fahre jetzt nach Thailand, da muss ich mir unbedingt den Bauch mit "Phat" vollschlagen. Die haben alles mögliche an seltsamem Zeug. Das wird prima!

Carina: Die New Yorker Jazz Szene, insbesondere die Leute aus der "55 Bar" – kann man sich das als Gemeinschaft von Gleichgesinnten vorstellen?

Mike: Absolut! Die "55 Bar" ist auf jeden Fall ein Ort mit den richtigen Vibes, wenn du Energie tanken willst. Total genial, ich spiele da länger als jeder andere. Seit den 80ern, als ich noch bei Miles war, trete ich da auf. Zuerst im Duo, Jeff Andrews und ich. Er meinte, da gäbe es diesen netten, kleinen Laden. Eigentlich ein Loch, meinte er. Winzig. Ich sagte: Nichts wie hin!

Irgendwann nahmen wir einen Schlagzeuger dazu, der aber erst nur mit Eßstäbchen und Besen spielte, weil wir Angst hatten, zu laut zu sein. Hat sich aber keiner beschwert, also gaben wir ihm seine Sticks zurück. Hat sich immer noch keiner beschwert. Ab da haben wir einfach Stoff gegeben und mit voller Lautstärke gespielt, so wie sonst. (lacht) Inzwischen sind es knapp 25 Jahre, dass ich da auftrete!

Carina: Hört sich gut an!

Mike: Der längste Gig der Welt, eine echt lange Zeit und geht immer noch weiter. Das ist einfach ein Club, wo es richtig Spaß macht.

Carina: Deine Frau, Leni, ist ebenfalls Gitarristin …

Mike: Eine klasse Gitarristin und Songwriterin! Ich liebe ihre Musik!

Mike Stern

Carina: Zwei Musiker gemeinsam in einer Ehe – klappt das?

Mike: Wir haben jeder unseren eigenen Stil… Aber wir inspirieren uns gegenseitig. Leni inspiriert mich! Sie hat ein sehr abenteuerliches Wesen, schleppt immer wieder neue Musik an. Während ich mit meiner Band toure, ist sie in Afrika. Wir versuchen das immer so zu legen, dass wir gleichzeitig unterwegs sind. Also, Leni reist nach Afrika, um einige Festivals mit Salif Keita zu spielen…

(unterbricht) Wart mal kurz einen Moment, bleib in der Leitung.

Hey! Das war Leni – ich liebe Leni-Bird! Wir sind jetzt knapp 26 Jahre verheiratet und es ist einfach wunderbar. Ich bin so dankbar, dass ich sie kennengelernt habe. Zuhause machen wir viel Musik zusammen. Aber wir spielen nie gemeinsame Konzerte, wir haben entschieden, das wäre dann einfach zuviel.

Carina: Ein Song auf deinem neuen Album heißt "Leni goes shopping". Kriegst du als Ehemann eher Panik, wenn deine Frau loszieht, oder freust du dich auf die schönen Sachen, die sie mitbringt?

Mike: Klar bringt sie tolle Sachen mit! Sie ist richtig gut im Shoppen. Na gut, stimmt schon, manchmal … (lacht) Egal, dieser Song hat einfach ein Einkaufsfeeling. Und da dachte ich: Das ist Leni. Leni, wenn sie einkaufen geht. Das trifft's...

Carina: Bei der Musik geht es ja, wie du schon sagtest, auch darum, Spaß zu haben. Wie transportierst du das auf die Bühne und ins Studio?

Mike: Simpel, du musst ihn einfach zulassen! Ich bin sehr ernsthaft bei der Sache, wenn es um die Musik geht. Ich übe ja Stunde um Stunde, bringe also "Heart and Soul" mit ein und versuche, mein Bestes zu geben. Aber diese Ernsthaftigkeit auch noch auf die Bühne zu bringen? Nein, von dem Punkt an soll's Freude machen!

Ich war oft bei Jazzgigs, wo die Band aussah, als würde sie in den Krieg ziehen, oder so. Was zum Henker, ist das nicht krank? Ich weiß doch, dass die Typen da oben ihren Spaß haben, warum lächeln sie dann nicht mal? Ich meine, wenigstens ein bisschen! Man muss ja nicht gleich von Ohr zu Ohr grinsen wie Kenny G.…

Mike Stern

Carina: Dein neues Album heißt "Who let the cats out?" Warum der Titel? Was fasziniert dich an Katzen?

Mike: Ich finde den Titel total genial. Das ist bei uns daheim der Running-Gag …, wer hat wieder die Katzen raus gelassen!? – Leni hätte am liebsten zwölf davon, sie ist eine Katzennärrin. Ich habe aber nach der vierten Halt gesagt.

Auf dem Cover, das sind meine beiden. Die von Leni hatten keine Lust. (amüsiert sich) Wir haben für das Fotoshooting überall im Studio Katzenfutter verstreut und die Viecher turnten wie verrückt durch die Gegend. Der Fotograf lag auf dem Boden als er das Foto machte: eine Katze im Vordergrund, direkt vor der Linse, und die andere spielt Gitarre…

Carina: Auf der Bühne und allen Fotos bist du der "Man in Black", schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarze Lederjacke. Bist du im Grunde deines Herzens ein Rocker?

Mike: Ich habe auf jeden Fall Rock 'n' Roll in mir drin, ganz sicher! Ich bin ja mit der Musik von Jeff Beck aufgewachsen und einer Menge Jimi Hendrix. Und mit dem Blues von B.B. King und Buddy Guy. Aber, um ehrlich zu sein, Schwarz ist easy! Ich kann immer und überall schwarze Klamotten anziehen. Ich habe nur schwarze T-Shirts. Ich streif' irgendeins über, schwarze Hose, schwarze Schuhe, das war's – und fertig. Darum geht es: ich brauche nicht nachdenken. Einfach was anziehen und ab zum Konzert. Easy.

Mike Stern

Carina: Mal zu etwas Ernsthafterem. Du hast lange mit Miles Davis gespielt - was hast du von ihm gelernt?

Mike: Schon ´ne Menge! Miles hatte einen erstaunlichen Sinn für Humor, insbesondere abseits der Bühne. Manchmal aber auch während des Konzerts – er kommt einfach rüber und flüstert dir was ins Ohr, was dich zum Lachen bringt. Er hat die Dinge leichtgenommen, war aber gleichzeitig ernsthaft damit: Er sagte immer, er habe keinen Bock, die Musik nur für sich zu spielen. Das habe ich von Miles gelernt, diese Balance zu wahren – über die Musik nachdenken und übers Publikum.

Aber, was Miles so für Klamotten trug und was ich anziehe, da gibt's gewaltige Unterschiede! Miles fand es cool, sich zu stylen. Ich sagte bei mir, fuck it, ich steh dazu, immer den gleichen Scheiß anzuhaben!

Carina: Was für Musik hörst du zuhause, bei einem gemütlichen Abend mit Freunden, beim Kochen eines leckeren Gerichtes oder wenn du dich entspannst?

Mike: Vor allem höre ich Bebop oder traditionellen Jazz. Manchmal Rockmusik aus den 60ern, Hendrix oder Led Zeppelin. Neulich auch mal was von den Beatles. Und gelegentlich mag ich überhaupt keine Musik hören. Dann reicht's mir, weil ich den ganzen Tag geprobt habe. Dann will ich Stille um mich haben.

Carina: Am 10. Januar ist dein nächster Geburtstag. Wie wirst du ihn feiern?

Mike: Normalerweise streiche ich ihn. Sobald man die 50 überschritten hat, sollte man seinen Geburtstag einfach vergessen! (lacht) Hmm, wahrscheinlich spiele ich einen Gig. Ich hoffe sogar, ich spiele irgendwo! Das wäre cool…

Carina Prange

CD: Mike Stern - "Who let the cats out?" (Heads Up HUCD 3115)

Mike Stern im Internet: www.mikestern.org

Heads Up Records im Internet: www.headsup.com

Fotos: Clay Patrick McBride (1, 2, 4, 5), George Lange (3)

Mehr bei Jazzdimensions:
Mike Stern - "Guitars, vocals and world vibes" - Interview (erschienen: 15.1.2002)
Leni Stern - "Das Leben ist ewiger Wandel" - Interview (erschienen: 2.6.2003)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 1.5.2008
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