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Jon Sass - "Tausendsassa an der Tuba"

Wer für Jon Sass eine passende musikalische Schublade sucht, der wird nicht recht fündig. Der 1961 in New York geborene, heute in Wien lebende Musiker, hat sich selbst stets übergreifend als Künstler, nicht "nur" als klassischer Musiker gesehen. So wirkt es folgerichtig, dass sich Sass als Tubist aktuell zwar einerseits in den klassischen Formationen "Art of Brass Vienna" und "Austrian Brass Connection" zuhause fühlt, andererseits aber auch in jazzrockigen Formationen wie "Son Dos and Sass" oder "Erika Stucky Ms.Bubbles and Bones" mitwirkt.

Jon Sass

Aus Sass' Vergangenheit ist erwähnenswert, dass er von 1979-2000 fest dem Vienna Art Orchestra angehörte und von 1986-2003 eng mit dem Bluesgitarristen Hans Theessink zusammenarbeitete. Selbst mit der Rockformation Crack Jazz Radio aus München tourte Sass ein Jahr lang. Damit aber nicht genug: Sass, der die "High School of Music and Art" und die Boston University besuchte, schrieb auch zahlreiche Kompositionen und veröffentlicht Artikel über Konzepte des Unterrichts im Tubaspiel. Willkommenen Anlass für dieses Interview bot seine auf ATS-Records erschienene Solo-CD "Sassified".

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Jon Sass

Carina: Ist das Interesse am Erlernen der Tuba in den letzten Jahren gestiegen? Wenn du Nordeuropa und die Vereinigten Staaten miteinander vergleichst, wo haben mehr Leute mit dem Tubaspielen begonnen?

Jon: Wenn man das Interesse am Tubaspielen betrachtet, sowohl bei Amateuren als auch bei Musikstudenten, da passiert derzeit einiges. Das ist meine persönliche Beobachtung, die ich auf meinen Reisen, bei meinen Workshops mache. Europa mit den Vereinigten Staaten zu vergleichen ist allerdings problematisch, weil es auf beiden Kontinenten völlig unterschiedliche Traditionen gibt, was Musik, Kultur und den Lebensstil betrifft. Das hat wiederum Einfluss darauf, welche Region eher als die andere Zugang zu neuen Richtungen im Tubaspiel findet. Aber so wie ich es sehe, haben beide Kontinente, was das Hervorbringen neuer Talente auf der Tuba angeht, ein merkliches Wachstum vorzuweisen.

Jon Sass

Carina: Auf deiner Website steht, dass du dich in musikalischer Hinsicht stark an den Sängern und Bassisten aus R&B, Soul und Funk orientierst. Sich als Bläser mit der menschlichen Stimme zu identifizieren, strebt ein bestimmtes Soundideal an. Der Bass, im Vergleich dazu, beschreibt eher eine Rolle des Musikers in der Musik. Was hat dich an dieser Position insbesondere fasziniert? Hättest du nicht beispielsweise auch beim Kontrabass landen können?

Jon: Als ich mich in der Mittelstufe der Schulband anschließen wollte, liebäugelte ich eigentlich mit Bariton-Sax, Bassklarinette oder Oboe. Glücklicherweise, wie ich im Nachhinein sagen muss, waren diese Positionen bereits besetzt. Vom Soundaspekt ging das für mich aber schon in die richtige Richtung – offensichtlich waren es ja die Bassklänge zu denen ich neigte.

Nachdem ich dann so richtig in das Tubaspiel eingetaucht war, interessierte mich natürlich auch, was bassmäßig in der Musik, die meine Mutter zuhause hörte, so los war. Von diesem Zeitpunkt an begann ich deren Basslinien manchmal Note für Note zu kopieren. Hier wurde der Grundstein dafür gelegt, auf der Tuba "Bass" zu spielen. Aber Kontrabass passte für mich einfach nicht ins Bild.

Carina: Auf deiner CD singst du auch – war die Tuba für dich die Brücke zum Singen oder ist es umgekehrt?

Jon: Auf "Sassified" war das Tubaspiel mit Sicherheit meine Brücke zum Gesang. Es gab sozusagen "Lücken" in der Musik, wo ich das Gefühl hatte, gesprochener oder gesungener Text sei notwendig – sozusagen, um die Geschichte zu Ende zu erzählen. Im Studio hatte ich fertige Texte für zwei der Songs dabei.

Ursprünglich dachte ich daran, dass jemand anderes das Material singen sollte … doch eines sonnigen Tages sagte ich zu mir: Im Grunde kann das niemand anders so ausdrücken, wie du selbst! Also stellte ich mich meiner Angst und übernahm den Gesangspart selbst.

Jon Sass - "Sassified"

Carina: Ist es für einen Tubisten schwieriger – auch was die Akzeptanz durch Mitmusiker betrifft – aus der Begleiterrolle auszubrechen, als beispielsweise für einen Kontrabassisten?

Jon: Ich habe den Eindruck, dass es für Kontra- und E-Bassisten ziemlich landläufig geworden ist, das Instrument in anderer Rolle einzusetzen. Das mag für Tubaspieler eine größere Herausforderung sein, weil sie damit Neuland betreten. Andererseits gibt es aber einige Tubisten, die genau das bereits tun und es funktioniert für sie!

Ich denke, das hat auch damit zu tun, wo du bist – geographisch gesehen. Das meine ich in Bezug auf meine Antwort zur ersten Frage. Was im Endeffekt zählt, ist, ob du genug Leidenschaft in dir hast und eine dich unterstützende Band, die deine Auffassung teilt und deine Leidenschaft widerspiegelt.

Carina: Würdest du in diesem Zusammenhang sagen, die Vielseitigkeit der Tuba wird unterbewertet?

Jon: (lacht) Also, die Tubisten selbst, die ja in der Tubawelt verhaftet sind, würden die Vielseitigkeit ihres Instruments sicher nicht unterbewerten! Aber auch außerhalb dieser Welt ist es nur eine Frage der Zeit. Das ist der Grund, warum ich insistiere, Tubisten sollten in ganz unterschiedlichen musikalischen Genres tätig werden!

Carina: Dein Stil, heißt es, sei ausgesprochen "dynamisch und funky". Würdest du sagen, dein Soundideal unterscheidet sich von dem anderer Tubisten?

Jon: Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder beliebige Musiker, sofern er nach Wahrheit in seinem Sound sucht, sowieso anders als jeder andere klingen würde. Andererseits habe ich Tubisten schon oft sagen hören: "Ich möchte klingen wie…"

Für den Anfang mag das in Ordnung sein, aber irgendwann wird es für jeden Musiker wichtig, seine oder ihre eigene Stimme zu finden. Ich investiere in meinen Sound ja eine Menge mehr als nur Luft und Lippenspannung. Und das ist der Grund, warum mein Sound eben mein eigener ist.

Carina: Du hast einige Analysen über den Tuba-Unterricht geschrieben. Inwieweit muss deiner Meinung nach ein Lehransatz individuell auf den Schüler zugeschnitten sein? Oder gibt es so etwas wie eine Allround-Methode?

Jon: Nein. Ich mache prinzipiell alles auf individueller Basis – ob es ums Unterrichten geht … oder sogar um Bürokram. Das entspricht dem Ansatz, den ich in einem anderem Artikel schildere und als den "kreativen Impuls" bezeichne.

Vieles ist spontan machbar, muss aber eine Form haben. Da fällt mir als Beispiel mein "Senior Recital" an der Boston University ein – da wollte ich vor den Studenten mit meinem Lehrer Sam Pilafian ein improvisiertes Stück vorführen … das Stück nannte sich "Tuba Kong for two players".

Am lustigsten und gleichzeitig lehrreichsten war es, gemeinsam das Konzept zusammenzustellen. Ich erinnere mich daran, dass wir und das Publikum anschließend zusammen sehr viel Spaß hatten! Es gab dabei keine niedergeschriebenen Noten, alles war frei improvisiert. Aber es hatte eine Form, sowohl musikalisch, als auch was die Bühnenchoreographie betraf.

Jon Sass

Carina: Gibt es so etwas wie den idealen Lehrer? Als erfahrener Spieler, welchen Tip würdest du Tubaschülern geben, woran sie einen guten Lehrer erkennen?

Jon: Meine Meinung ist, dass ein idealer Lehrer in der Lage ist, zu helfen und den Schülern zu zeigen, wie sie ihre eigenen besten Lehrer werden. Um einen guten Lehrer zu erkennen, kann der Student den eigenen Fortschritt beobachten – in Bezug auf Effektivität, musikalisches Wachstum und wie gut Konzepte und Informationen verstanden wurden!

Wenn der Lehrer alles eindeutig vermittelt und Informationen beibringen möchte, die im Zusammenhang mit den musikalischen Plänen des jeweiligen Studenten stehen, dann würde ich ihm sagen: dieser Lehrer ist gut für dich. Wenn der Lehrer offen ist für jegliche Art von kreativen Projekten, dann ist das auch ein Plus – auch wenn der Lehrer auf diesem Gebiet vielleicht nicht so erfahren ist. Selbstverständlich muss er aber bezüglich des geforderten Stoffes sehr kompetent sein!

Carina: Eben hast du den "kreativen Impuls" erwähnt. Um auf diese Idee zu sprechen zu kommen: was gab den Ausschlag dafür, so etwas auszuarbeiten? Ist es möglich, das Konzept in wenigen Worten zu erklären?

Jon: Mein Aufsatz über den "Creative Impulse" basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen im Laufe meiner musikalischen Karriere. Ergänzt ist das Ganze um Feedback, das ich von anderen Tubisten und von Musikern innerhalb und außerhalb der Hochschule bekommen habe. Ich dachte mir, was für einen besseren Beitrag könnte ich für andere Musiker leisten, als wertvolle Erkenntnisse zu teilen, die jungen Musikern in der heutigen Welt helfen können?

In Kurzform will "Creative Impulse" Lehrer und Studenten inspirieren, sich selbst in mehr kreative Projekte einzubringen. Und zwar sowohl während der Hochschulzeit als auch nach dem Abschluss. Es hilft, Methoden zu entwickeln, für sich mehr Möglichkeiten zu eröffnen.

Carina: Du schreibst auch, dein Hauptziel sei, den Schüler die "Kontrolle über seine Kreativität erlangen zu lassen". Kontrolle und Spontaneität – stehen sie sich entgegen? Wieviel Kontrolle über wieviel Freiheit ist in diesem Zusammenhang ratsam?

Jon: (lacht) Als ich das Wort "Kontrolle" verwendete habe, meinte ich damit einfach, dass die Studenten es schaffen müssen ihre Kreativität zu kanalisieren, und sich dazu gefühlsmäßig in der Lage zu versetzen. Das bedeutet nicht, ihre Anstrengungen "zu kontrollieren" – das könnte möglicherweise ihren kreativen Fluss ersticken oder sie auf ungesunde Art begrenzen.

Im Gegenteil, es soll den Studenten gesunden Raum für ihre kreative Arbeit und ihre Ideen erlauben, und auf eine Übersicht über ihre Projekte und Ziele hinauslaufen. Allgemein gesprochen: Freiheit und Spontaneität sollten nie "kontrolliert" werden, dann geht die Kreativität verloren. Der Lehrer kann natürlich eine Transparenz der Projektidee und des Konzepts verlangen, um unter seiner Aufsicht einen Überblick über die Aktivitäten des Studenten zu bekommen.

Jon Sass

Carina: Als Nicht-Nur-Klassiker kann man dir diese Frage stellen: Es gibt etwas, dass die "Angst der klassischen Musiker vor der Improvisation" genannt wird. Was können die improvisatorischen Fähigkeiten dem zielstrebigen klassischen Musiker bieten?

Jon: Sich das Feld der Improvisation zu erschließen, kann ihnen in erster Linie helfen, ihre Angst loszulassen. Daraufhin können sie wertvolles Selbstvertrauen aufbauen für andere musikalische Bemühungen. Gut, es mag diejenigen geben, die dann doch nicht den Wunsch verspüren, damit fortzufahren, anderen wiederum mag es leichter fallen. Mit Sicherheit aber fördert es das Musikertum!

Carina: Wie sieht es mit dem Vorurteil aus, dass "Jazzspielen die Exaktheit des Tons gefährde", ihn ungeeignet für das klassische Spiel macht, zu viel "Dirt" hinzufügt?

Jon: (lacht) Klingt für mich wie ziemlicher Blödsinn! Ich weiß, es gibt diejenigen, die sowas vorschieben, weil sie sich nicht trauen, sich selbst ihre Angst einzugestehen. Jeder muss sich im Leben Herausforderungen stellen, da sollte man einfach sich am Lernen erfreuen – auch wenn es so leicht ist zu sagen: "das bringt zuviel 'Dirt' ins Spiel!"

Carina: Du arbeitest seit 1988 mit Art of Brass Vienna. Warum hast du dich zu dieser Band und ihrem Konzept hingezogen gefühlt? Welche Kompositionen aus dem Repertoire sind besonders wichtig?

Jon: Ich habe ja eine klassische Ausbildung und ich dachte mir einfach, dass es eine tolle Sache sein müsste, mit einer Gruppe zu spielen, die aus den ersten Solotrompetern der Wiener Philharmoniker und des Symphonieorchesters besteht [Hans Gansch und Heinrich Bruckner, d. Red.]. Und außerdem hatte ich vorher gehört, dass sie beide gerne Jazz spielen. Mit dabei sind außerdem ein großartiger Posaunist und ein Wiener Hornist [Erich Koyeder, Thomas Bieber, d. Red.]. Ich vermerkte zudem positiv, dass die Band kreativere Sachen in Angriff nehmen wollte. Und seitdem spielen wir zusammen.

Was das Repertoire angeht, einige der Stücke, die wir beständig spielen, sind die Suite "Do You Know Emperor Joe" von Werner Pirchner und "Jive For Five" von Paul Nagele. Außerdem "Die Fledermaus" von Johann Strauss d.J. und vieles mehr – von Bach bis Piazolla.

Carina: Benutzt du ein bestimmtes Instrument für einen bestimmten Stil – oder ist es möglich, alles mit lediglich einem Instrument zu spielen?

Jon: Ich habe meine ganze Karriere über, von Anfang an, CC-Tuben gespielt. Und wie man so schön sagt: Bleib bei dem, was für dich am besten funktioniert!

Carina: Wie wichtig ist deiner Meinung nach das richtige Mundstück für den Ton?

Jon: Es ist fast allen Musiker, die ich kenne wichtig, ein Mundstück zu haben, das sich angenehm anfühlt und dem Spieler hilft, den Sound umzusetzen, den er hört! In den letzten Jahren mich immer mehr von leichteren Mundstücken angezogen gefühlt: Ich hatte sogar mal ein eigenes Modell, das aus Titan bestand! Für mich habe ich herausgefunden, dass sich bei leichterem Material die Obertöne viel freier entwickeln – dadurch kann ich mehr Klangfarben erzeugen.

Jon Sass

Carina: Parallel zu deinem Studium in Boston warst du mit einigen Bands auf Tour. Nachträglich betrachtet, was war eine wichtigere Grundlage für deine gegenwärtige Arbeit: studieren oder "learning by doing" unterwegs – und warum?

Jon: Es ist schwer für mich, diese Erfahrungen getrennt zu sehen und gleichzeitig in Verbindung mit dem zu setzen, was ich derzeit tue. Beides war zu einem bestimmten Zeitpunkt nützlich – im Bläserquintett zu spielen oder die Lektionen in Komposition und Musiktheorie an der Boston University.

Beides genauso nutzbringend, wie als Profi in den Big Bands von David Murray oder Henry Threadgill bis hin zu den Bostoner Cantabrigia Brass zu spielen. Das hat Bezug zu allem, was ich heute mache. Das alles stellt die Grundlage meiner heutigen und zukünftigen Möglichkeiten dar.

Carina: Wohin wirst du dein Instrument nach deiner CD "Sassified" als nächstes führen?

Jon: Ich werde natürlich nie aufhören, daran zu arbeiten, als Musiker besser zu werden und Alben einzuspielen. Derzeit organisiere ich gerade Konzerte und mache Booking zum "Sassified"-Album. Das nächste Projekt, das ich in Planung habe, ist eine Dance-Band! Außerdem möchte ich irgendwann mal unterrichten und ein progressives Tuba-Institut aufbauen.

Carina Prange

CD: Jon Sass - "Sassified" (ATS Records ATS582)

Jon Sass im Internet: www.jonsass.com

ATS Records im Internet: www.ats-records.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2008
erschienen: 11.6.2008
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