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Joe Gallardo - "Coach, nicht Lehrer!"

Bei der NDR Bigband war er fünfzehn Jahre lang erster Posaunist. Doch daneben liebte Joe Gallardo es immer, seine Kenntnisse weiterzugeben, andere an seine Sicht auf die Musik heranzuführen. So hatte er an der Hamburger Hochschule eine Professur inne und war ab 1993 Co-Leader des Landesjugendjazzorchesters Schleswig-Holstein. Und er sieht sich … nein, nicht als Lehrer, aber doch als leidenschaftlichen Wissensvermittler.

Joe Gallardo

Zwar ging seine Zeit bei der NDR Bigband zu Ende – aber Gallardo erfüllt sich, sozusagen kurz vor Schluss, noch einen Traum: Der Posaunist, der bereits während seiner Zusammenarbeit mit Mongo Santamaria eine Berufung in Richtung Latin-Music spürte, spielte sein sehr persönliches Album "Latin Jazz Latino" ein. Die perkussive Basis dieses Latin-Cocktails bildet die Rhythm-Section der Paquito-D'Rivera-Band, die NDR-Bigband mit ihren Solisten verdichtet das ganze zu einer spannenden Verbindung von Latino-Musik und Bigband Jazz. In diese Richtung wolle er, erklärt er, nach seinen Plänen gefragt, auch in Zukunft weitergehen …

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Joe Gallardo

Carina: Fangen wir mal ganz am Anfang an – wann und warum wurde die Posaune ihr Hauptinstrument?

Joe: Ach, das ist im Grunde eine richtige kleine Story! Als Kind war ich erst auf einer von Nonnen geführten katholischen Schule, hatte aber ein etwas loses Mundwerk und das kam nicht gut an. Schließlich wurde mir nahegelegt, die Einrichtung zu verlassen; von da an ging ich in eine gewöhnliche, öffentliche Schule. Meine Familie war ja nicht gerade reich, finanziell mussten wir uns ziemlich einschränken.

Jedenfalls, als ich nun jene Junior Highschool besuchte, gab es da diese Footballspiele, die ich mir anschauen wollte, mir aber den Eintritt nicht leisten konnte. Ein Freund von mir hatte die Idee mit der Stadionband: "Du kennst dich mit Musik aus, tritt doch der Band bei! Dann kommst du umsonst rein." Ich gehe also zum Bandleader und sage: "Ich will mitmachen!" Er fragt, was ich denn so spiele. "… Trompete …", lüge ich dreist. Er erwidert, tja, leider sei keine Trompete frei, aber ich beharre: "Dann halt Saxophon!" Nein, da sei auch keins übrig.

Zufällig warf ich einen Blick in die Ecke des Musikraums und sah da etwas Kofferähnliches in Plastikverpackung. Ich fragte, was das sei. Er meinte: "Och, da drin ist ´ne Posaune …" Ich sagte frech: "Geben Sie her!", nahm das Instrument mit nach Hause und fing an zu üben. Noten konnte ich; ich hatte ja schon einige Jahre Klavierunterricht hinter mir … Von daher musste ich nur die Positionen lernen, was mir erstaunlich leicht fiel. Ich brauchte, glaube ich, zwei oder drei Wochen und dann spielte ich. Tja … ich war in der Band und konnte die Football-Games sehen! So ging es los.

Joe Gallardo

Carina: Bevor Sie dann später in der Band von Mongo Santamaria als Pianist und Posaunist engagiert waren, spielten Sie zunächst in Mexico City beim Orchester Luis Arcaraz

Joe: Bei Arcaraz war ich für die Position des ersten Posaunisten engagiert worden. Das war in den späten 50er und den frühen 60er Jahren – ich war damals echt noch ein Grünschnabel! Es war eine richtige Bigband; Arcaraz nannte man den "Glenn Miller von Mexiko", weil er diesen Stil genau drauf hatte. Davon abgesehen pflegte er auch ein reichhaltiges Repertoire an eigenen Stücken, meist arrangiert von Ross Garcia. Und Arcaraz spielte in LA eine Menge Platten mit den dortigen Topmusikern ein: Leute wie Frank Mossolino, Maynard Ferguson …die ganzen Cracks, die in jenen Tagen in den Studios aktiv waren!

Dort mit von der Partie war auch Dick Nash, jener großartige Solo-Posaunist. Darin lag eine Herausforderung für mich, denn als ich in die Band kam, waren alle mir zugedachten Soli aufnotierte Soli von Dick Nash. Zu improvisieren gab es nur selten etwas. Nash war ein hervorragender Posaunist und ich musste nun versuchen, genauso zu spielen und zu klingen wie er. Zum Glück hatte ich, so blutjung ich war, früh gelernt, genau solche Partien zu lesen! Alles in allem, unter den Fittichen von Arcaraz habe ich in Bezug auf das Posaunenspiel unheimlich viel an Erfahrung gesammelt.

Joe Gallardo

Carina: Mit Ihrer Professur in Hamburg und Ihrer Tätigkeit als Co-Leader und Dozent des Landesjugendjazzorchesters Schleswig-Holstein haben Sie viel mit jungen Musikern zu tun. Worauf legen Sie bei deren Ausbildung Wert, wo setzen Sie an?

Joe: Stets, wenn ich mit jungen Musikern arbeitete, sage ich ihnen zu Beginn – erst recht, wenn sie Jazzmusiker werden wollen! – sie dürften keine Angst haben. Angst lähmt nur. Ich sage: "Junge (oder Mädel), entspann dich. Sei vorbereitet, übe fleißig, mach dich fit. Und keine Angst!" Das ist mein Unterrichtsmotto. Viele Schüler entwickeln dem Lehrer gegenüber Ängste, was oft am Lehrer liegt. Ich sage den Kids dann, falsch, Job des Lehrers ist, dir die Anspannung zu nehmen! Um zu lernen musst du loslassen können. Man kann dir Dinge zwar reinpauken, aber dann vergisst sie auch wieder. Nur wenn du sie verinnerlichst, bleiben sie bei dir. Und nur, wenn du dich entspannst, lernst du wirklich gut.

Ich rate meinen Schülern auch, nie irgendeine Kritik als letztes Wort zu nehmen. Kritik kann Leitfaden zur Verbesserung sein – konstruktive Kritik kann das. Die Art von Kritik, die gedacht ist, einen runterzubringen, niederzumachen, das ist destruktive Kritik. Vergesst sie. Apropos, hierzu noch so eine Story … einer der Trompetenlehrer an der Schule meinte zu mir: "Vergiss es. Deine Zähne stehen vor, mit denen kannst du nicht Posaune spielen!" Natürlich habe ich's trotzdem versucht. Mein erster Ton auf der Posaune war ein hohes F, das über dem hohen B. Hmm, für einen Anfänger ziemlich hoch … ob ich den wohl nochmal spielen könne?

Mir war dabei gar nicht klar, was ich da spiele; nicht, dass es "das hohe F" war …halt "irgendein F"… aber ich hatte noch kein Wissen um das Instrument in der Hinsicht, was hoch und was tief war. Für mich kamen aus der Posaune einfach Töne raus … (lacht) Der Witz ist, ich erkannte erst, wie hoch ich spiele, als ein Lehrer zu mir sagte: "Hey, ist dir eigentlich klar, wie hoch du spielst?" Ich fing an, drüber nachzudenken und prompt begann ich, Töne zu verreißen. Ich dachte, ojemine, ist das hoch. Und … oops! Das passiert, wenn Lehrer dich verunsichern.

Wenn es zum eigentlichen Spielen kommt, erkläre ich zunächst, dass ich nicht ihr Lehrer sei, sondern ihr Coach. Beim Erlernen der Posaune kann man nicht sagen, okay, wir gehen jetzt mal von A über B zu C nach D. Und dann bist du damit durch. So einfach ist es nicht! Als "der Coach" solltest du vielmehr dein Hirn anstrengen, um für denjenigen, den du vor dir hast, den einfachsten Weg zu finden. Den, der für ihn oder sie richtig ist. Von daher ist es mit jedem Schüler anders. Mit "schlag hier das Buch auf und mach es folgendermaßen" läuft es nicht. Jedenfalls ist das nicht meine Art.

Joe Gallardo & NDR Bigband - "Latin Jazz Latino"

Carina: Ihre, 1978 aufgenommene, LP "Latino Blue" ging in die Geschichte des Latin-Jazz ein. Mit "Latin Jazz Latino" legen Sie nun ein Album vor, das ebenfalls auf Latinrhythmik und -feeling basiert. Und durch die Solisten der NDR-Bigband wird dies verbunden mit dem Freiraum der Jazzimprovisation …

Joe: Das eine lag nahe – ich arbeitete ja hier in Deutschland mit der NDR-Bigband! Als ich Jahrzehnte davor, 1978, in Deutschland eintraf, um in Stuttgart im Orchester des Süddeutschen Rundfunks zu spielen, kam ich frisch aus der Band Santamarias und war total fasziniert von seiner Musik. Von daher wollte ich sie nur zu gerne mit anderen teilen. Den Zugang zu ihr musste ich den deutschen Musikern erst vermitteln, in den 70ern, 80ern, teilweise auch noch 90ern war man damit nicht sonderlich vertraut. Lange habe ich für meine Idee geworben. Gewöhnlich schlug man mir die Tür vor der Nase zu – man war nicht interessiert. Das passierte des öfteren vor der Zeit in der NDR-Bigband.

Als ich dort schließlich unterkam, dachte ich bei mir, hey, diese Jungs könnten mit Latin-Jazz ´ne Menge Spaß haben. Irgendwann konnte ich meine Kollegen für die Idee begeistern und durfte ihnen ein paar einschlägige Tunes vorspielen. Sie fanden das prima und alle Türen standen mir offen. Ich sah aber auch, dass sie nur dann ernsthaft in diese Musik eintauchen könnten, wenn eine Original-Rhythmusgruppe zur Verfügung stünde, die diese Musik auch tatsächlich im Blut hat. Ja, da könnte man dann ansetzen…

Joe Gallardo

Zu meinem 60. Geburtstag wurde eine Party für mich vorbereitet - in der "Fabrik" in Hamburg sollte sie stattfinden. Was ich mir denn wünsche, hieß es. Ich sagte: "Ich will ´ne Rhythmusgruppe!" Dann fragte man, ob ich den Joe Anderson oder den Aturo Sandoval als Solisten wolle… Ich quengelte, nein, extra Solisten wolle ich nicht, nur eben eine Rhythmusgruppe! Und dazu unsere Band. Wir hätten doch in der Band so unglaublich viele gute Solisten, durch die Bank großartig … nichts gegen Anderson oder Sandoval, die sind Stars, aber das hier habe mit ihnen nichts zu tun. Schließlich organisierte man mir die Rhythmusgruppe von Paquito D'Rivera. Für meine kleine Geburtstagsparty … ich hatte ja nicht im Ernst damit gerechnet, dass mehr als zwanzig Leute vorbeischauen würden! Aber dann war die Fabrik nahezu voll. Und es wurde ein unglaublicher Erfolg.

Und von da an gab ich dem Ganzen das Etikett "Latin Jazz Latino". Da drin steckt der amerikanische Begriff "Latin Jazz" und im Spanischen sagt man ja "Jazz Latino". So verbindet das beide Welten, worin meine grundsätzliche Idee besteht. Ich wollte den europäischen Musikern der Bigband die Chance geben, mit einer fulminanten, echten Rhythmusgruppe zu spielen, die alle Rhythmen und Stile dieser Richtung authentisch beherrscht. Auch Sachen, die ich selbst nicht kenne … will sagen, auch ich lerne ständig dazu! Es gibt viele Dinge, die ich nicht weiß.

Die Jungs aus der Band von Paquito D'Rivera kamen also zu uns nach Deutschland und machten ihren Job großartig: jeder wusste jetzt, wie er einsetzen, wie er phrasieren muss. Die Latino Musik, muss man wissen, weicht sehr von der Jazzphrasierung ab; das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge: Man kann nicht einfach Bebop über einen Latin Rhythmus spielen. Das klingt zwar "irgendwie ganz okay", ist aber nicht echt. So haben die Jungs hier allerhand über diesen Latin-Jazz-Aspekt gelernt. Ich denke, das bereichert sie – und mich macht es glücklich!

Joe Gallardo

Carina: Ganz allgemein gesprochen: Sind Latin-Rhythmen etwas, das man als Latino einfach im Blut hat? Stellen lateinamerikanische Rhythmen und Jazzimprovisation für Sie starke Gegensätze dar?

Joe: Also, um damit anzufangen: die Latinos sind natürlich in einem Umfeld geboren, in dem diese Musik tagtäglich gespielt wird. Von daher ist uns das ständig vor Augen. Und ich sage "uns", weil ich ein "Mexican-American" bin, der aber nicht von Anfang an mit kubanischer Musik groß wurde. Denn in Texas, dort wo ich geboren wurde, wuchs man damals mit einem Gemisch unterschiedlichster Musikstile auf. Von daher ist es eine Musik, mit der ich mich erst Jahre später intensiver beschäftigt habe. Meine bereits genannten Jahre mit Mongo Santamaria und die Zeit mit Louis Gasca, mit dem ich 1969 das Album "Little Giant" (Atlantic Records) eingespielt habe, waren prägend.

Um auf das Latino-Feeling zurückzukommen: natürlich ist es ihre Musik. Aber ich habe so viele deutsche Musiker gesehen, die genauso in die Musik eintauchen wie ein Latino. Ich habe einige Salsa-Jobs gespielt und deutsche Tänzer gesehen, die genauso gut wie Latinos dazu tanzen können. Und von daher ist es keine Musik für Latinos, sondern eine Musik für alle Menschen auf der Welt. Und im Grunde ist das mit jeder Musikrichtung so. Beispielsweise Jitterbug, Swing, das ist amerikanische Musik. Und dennoch habe ich deutsche Kinder gesehen, die Jitterborg so gut wie jeder andere beherrschen.

Natürlich haben wir Latinos von Anfang an einen anderen Bezug zu der Musik, denn es ist unsere Musik! Aber sobald man diese Musik in Deutschland spielt, die Kids in die Disco gehen und dazu tanzen, eignen sie sich die Musik an. Sie beginnen ja bereits damit, einige Slang-Ausdrücke, die die Latinos verwenden, zu übernehmen. Und, um es auf den Punkt zu bringen: wir sind alle gleich, wir sind alle Menschen. Wir kommen nur aus unterschiedlichen Gegenden des Planeten. Aber wir sind alle dieselbe Spezies.

Carina: Liegt bei Ihrem Posaunenspiel der Schwerpunkt auf technischem Können oder ist die gefühlsmäßige Herangehensweise ans Spielen wichtiger?

Joe: Mein grundlegender technischer Vorteil ist, dass ich ja zunächst Pianist war. Ich begann mit dem Klavierspiel, da war ich fünf. Mein Vater war Klavierlehrer und hat mir sehr früh die Grundlagen beigebracht. Ich entwickelte ein exzellentes Gehör, kann Harmonien im Kopf "hören". Als ich dann mit der Posaune anfing, ging es lediglich darum, das technische Verständnis für das Instrument zu entwickeln. Das fiel mir leicht. Und tatsächlich bin ich in dieser Hinsicht gesegnet, ich hatte bis heute keine Probleme mit dem Posaunenspiel. Es kam alles wie von selbst. Ich begann schon früh damit, Dinge über die Posaune herauszufinden, für die man normalerweise jahrelang an der Hochschule studiert.

Und was das Gefühlsmäßige angeht: Wenn ich ein Solo angehe, springe ich mitten rein anstatt erst darüber nachzudenken, was ich wohl spielen könne. Ich mache mich innerlich total leer, spiele den ersten Ton und von dort aus schaue ich einfach, was passiert. Dann wird es für mich spannend. Und wenn ich Fehler mache … nun, aus jedem Fehler kann ich eine neue Linie kreieren! Dann wird der Fehler zur Idee; es entsteht daraus etwas Neues, Besseres. (lacht)

Joe Gallardo

Carina: Die Posaune sei Ihr Schicksal, haben Sie einmal gesagt. Schicksal ist etwas, das einen ganz und gar im Griff hat, dem man, in positiver wie negativer Hinsicht, nicht entrinnen kann…

Joe: Das hat mit der Geschichte zu tun, die ich am Anfang erzählt habe: Ich wollte lediglich die Spiele sehen, ohne Eintritt zu bezahlen. Ich habe mir nicht im Entferntesten ausgemalt, irgendwann mal in Deutschland zu leben und Musik zu machen: Das ist Schicksal! Es hieß, los, wähl ein Instrument! Es hätte Schlagzeug sein können oder Saxophon. Ich hätte ein schlechter Schlagzeuger oder Saxophonist werden können.

Aber das Schicksal wollte, dass die Posaune für mich genau das richtige Instrument war, offenbarte sich in der Hinsicht, dass mein Wunsch, ein Footballspiel zu sehen, letztendlich meine Karriere begründete! Ich werde das nicht hinterfragen. Ich bin sehr glücklich damit, wie es gelaufen ist.

Carina Prange

CD: Joe Gallardo & NDR Bigband - "Latin Jazz Latino"
(Skip Records)

Skip Records im Internet: www.skiprecords.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2008
erschienen: 4.,7.2008
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