Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2008
Dave Douglas - "Kommunikation zum Quadrat"

Der Amerikaner Dave Douglas ist ein Vorbild für viele Jazztrompeter – nicht zuletzt der Mannheimer Thomas Siffling schwärmt von dessen ausdrucksstarken Sound. Leicht zu definieren ist dieser Musiker indes nicht: Dave Douglas betreibt stets eine Vielzahl von Projekten gleichzeitig. Kommunikation, insbesondere die mit anderen Musikern, stellt er über alles – in dieser Hinsicht gilt für ihn, wie er selbst sagt, "je mehr, desto besser!"

Dave Douglas

Für die Jazzlegende Andy Bey vertonte Douglas im Jahr 2003 gleich eine ganze Reihe von Gedichten (von Samuel Beckett, Adrienne Rich u.a.). Dies war Neuland für ihn, der sonst ausschließlich an instrumentalem Sound interessiert ist – Andy Beys sehr spezielle Stimme jedoch hatte Douglas fasziniert, seit beide 1987 zusammen in der Band von Horace Silver unterwegs gewesen sind.

Stets aufmerksam und vielseitig interessiert, stellt Douglas sein politisches Engagement derzeit hinter seine musikalische Projektarbeit zurück und widmet sich auch verstärkt der Nachwuchsförderung. Seit 2003 ist er künstlerischer Leiter des "Banff International Workshop for Jazz and Creative Music", für den er sich eine stärkere Beteiligung gerade durch Jazzmusiker aus Deutschland wünscht. Denn diese hätten, wie Douglas anerkennend vermerkt, "grundsätzlich ein hohes Niveau."

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Dave Douglas

Carina: Dave, nachdem du an mehreren Universitäten in den USA studiert hast, bist du nach Spanien gegangen und begannst dort, improvisierte Musik zu spielen. Deine erste ausgedehnte Tour war mit der Band von Horace Silver. Erwiesen sich die Theoriekenntnisse aus dem Studium als gute Vorbereitung für die Live-Auftritte?

Dave: Eine sehr gute Frage! Genau an dieser Stelle zeigte sich nämlich ein Manko in meiner Ausbildung: Die Kommunikation innerhalb einer Band, mit anderen Musikern und mit dem Publikum – das ist es ja, worum es geht. Leider bot das Studium in dieser Hinsicht nicht gerade viel. Für mich bekam dieser Aspekt hingegen oberste Priorität!

Inzwischen bin ich 43 Jahre alt und arbeite immer noch daran. (schmunzelt) Letztlich kann die Kommunikation zwischen Menschen im Allgemeinen und Musikern im Speziellen immer noch weiter verbessert werden. Im Grunde hat mir erst harte Arbeit an diesem Themenkomplex einige Dinge ermöglicht, die ich dann schließlich durchziehen konnte.

Eine der mir am häufigsten gestellten Fragen ist folgende: Warum hast du so viele unterschiedliche Bands? Die Antwort darauf ist ganz simpel. Im Grunde deswegen, weil mich der Dialog mit anderen Musikern und die Interaktion zwischen den Bandmitgliedern eben sehr interessieren! Ich stelle so viele verschiedenartige Projekte zusammen, einfach um die Vielfalt der Interaktionsmöglichkeiten zu erleben und zu erkunden.

Dave Douglas

Carina: Von deiner Arbeit als Musiker abgesehen gibst du Unterricht und hältst Workshops ab. Muss man abwägen zwischen den Extremen, den Studenten nach dem zu formen, was für einen selbst funktioniert hat (an dieser Stelle lacht Douglas), und ihm Hilfestellung zu geben, eine individuelle Spielerpersönlichkeit zu werden? Und worauf begründest du normalerweise einen Workshop – auf das Demonstrieren von Spieltechniken oder darauf, allgemeine Anregungen zu geben?

Dave: Ich will mal zuerst den zweiten Teil deiner Frage beantworten: Es hängt davon ab, wieviel Zeit ich zur Verfügung habe! Mache ich beispielsweise an einer Universität einen Zwei-Stunden-Workshop mit Studenten, werde ich da lediglich ganz allgemeine Themen anreißen: Musikkonzepte, die Schwierigkeiten des Komponierens und solche Sachen. Sobald ich mehr Zeit habe, würde ich mehr Gewicht auf das Erlernen des Instrumentes legen, auf Gehörbildung und auf alles, was Auftritte betrifft. Und das nächste Thema wäre dann, wie man in einer Band zusammenarbeitet, in einer Gruppe gemeinsam Musik macht.

Ich habe festgestellt, dass die Studenten oft wissen wollen, wie sie mit dem Musikmachen ihren Lebensunterhalt verdienen können (lacht) … und ihre Miete bezahlen. Und wenn ich so zurückdenke, war das mit siebzehn oder achtzehn Jahren auch meine Frage, wie man es schafft, mit kreativer Musik Geld zu verdienen. Von daher versuche ich realitätsnah zu bleiben, den Leuten nichts vorzumachen und mit ihnen darüber zu reden, wie ihre Karrierechancen aussehen.

Möglichst ermuntere ich sie, ihre schöpferischen Ideen zu verfolgen und ihrem eigenen Ideenfluss zu folgen. Aber ich mache ihnen auch klar, dass es wichtig ist, ein Gespür dafür zu bekommen, ab wann man es übertreibt, um nicht irgendwann ausgebrannt zu sein. Denn sie sollen vorwärtskommen und weitermachen und eine Familie haben - und all die guten Dinge, die Leute eben haben sollten!

Die erste Hälfte deiner Frage ist sehr, sehr interessant… (nachdenklich) Der Unterschied zwischen dem, jemandem einerseits das beizubringen, was für dich wichtig war. Den Schüler also dazu zu bringen, es einem nachzutun. Und andererseits, den Schüler dazu zu ermuntern, er selbst zu sein und seine eigene kreative Stimme zu entwickeln.

Ich denke, es gibt da einen Mittelweg und ich höre mich jetzt hoffentlich nicht an wie Tony Blair! – … aber ich glaube, es gibt sozusagen einen "dritten Weg". Anders gesagt, behaupte ich, dass sich diese beiden Aspekte nicht grundsätzlich ausschließen. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, würde ich sagen, es sei das Wichtigste, einen Studenten zu ermuntern, er selbst zu sein und seine eigene kreative Stimme und Sprache zu finden!

Nun, um in dieser Hinsicht voranzukommen, gibt es allerhand Dinge, die man den Studenten anbieten kann. Was mich betrifft, ich zeige ihnen all das, was ich ausprobiert und gelernt habe. Und zwar ganz neutral – egal, ob es für mich funktioniert hat, oder nicht. Das ist, zugegeben, ein gerüttelt Maß an Informationen, was so zusammenkommt. Aber ich glaube daran, dass es wichtig ist, die Studenten mit soviel Informationen zu konfrontieren, wie nur möglich, damit sie danach selbst entscheiden, was sie damit anfangen. Ohne einen solchen Überblick kann kein Schüler in kreativer Hinsicht eine Auswahl treffen! So gehe ich das an!

Dave Douglas

Carina: In einem Gespräch mit der Pianistin Myra Melford, mit der du gelegentlich zusammenarbeitest, erwähnte sie, dass sie musikalisch betrachtet immer auf der Reise sei. "Nach Neuem zu suchen," sagte sie, "ist Teil meiner Natur. Und gleichzeitig ist es nicht so, dass ich mich auf meinem Weg nicht zu Hause fühlen würde…" – Wenn man sich anschaut, wie locker du das scheinbar Unvereinbare zusammenbringst – Jazz, zeitgenössische Klassik, Elektronik, Drum 'n' Bass, Neue Musik – kommt die Frage auf, wie läuft das ab? Sammelst du sozusagen Stile oder lässt du auch Dinge hinter dir?

Dave: Haha! Also, ich denke, wir lassen nie irgendwelche Erfahrungen wirklich hinter uns! Alles bleibt. Auch schlechte Erfahrungen liegen auf diesem zurückgelegten Weg – und wenn sie nur darin bestehen, das uns jemand morgens auf dem Flughafen quer kommt. So ist halt die Realität. Und wie Myras Leitspruch impliziert, auch das muss man hinnehmen und damit klarkommen.

Dass ich Stilrichtungen "sammle", sehe ich nicht so. Aber ich stimme mit dir darin überein, dass ich in meiner Musik eine Menge unüblicher Bezüge bilde. Ich arbeite per se nicht mit der Vorstellung von "Stil", weil ich es nie in dem Sinne angehe, dass ich zum Beispiel diese "Jazzelemente" nehme und sie mit jenen "klassischen" Elementen mische.

Es geht eher um spezifische musikalische Ideen. Solche, die mich anregen und wo es mir gefällt, sie zusammenzubringen. Wenn ich also etwas sammle, dann sind es Ideen. Melodien, Harmonien, Rhythmen. Mein Ideenberg wächst von Jahr zu Jahr – wegwerfen tue ich keine einzige! Ich greife mir welche heraus und setze sie so zusammen, dass das Ergebnis mich fesselt und mir Spaß macht. Auf die Tour kann ich noch lange weitermachen. (lacht)

Dave Douglas Quintet - "Meaning and Mystery"

Carina: Wo und wie holst du dir neue musikalische Ideen? Durchstreifst du die unterschiedlichen Musikszenen New Yorks und schaust, was die Kids in den Bereichen Dance, Hip Hop und Independent Music machen?

Dave: Ja, all das gehört dazu – aber natürlich auch das, was sich im Jazzbereich und der experimentellen, improvisierten Musik abspielt. Davon abgesehen inspirieren mich Bücher und Kunst im Allgemeinen – und sehr stark die Natur! Ich bin vor zwei Jahren aus der Stadt raus gezogen. Wenn ich zuhause bin, verbringe ich viel Zeit in den Wäldern. Und mit Wäldern meine ich sehr tiefe, dichte Wälder! Das erfrischt und verjüngt mich und inspiriert mich gleichermaßen.

Auch die aktuelle technologische Entwicklung fasziniert mich, denn sie verändert auch das verfügbare klangliche Rohmaterial und dessen Gestaltungsmöglichkeiten. Ich hasse es zwar eigentlich, zu sagen, dass etwas "neu" sei… Weil, als ich in den späten 80ern, frühen 90ern auf die Szene trat, dachte ich öfters, ich arbeitete an etwas völlig Neuem! Und prompt fand ich für gewöhnlich eine Platte aus den 60ies, auf der jemand genau das schon gemacht hatte! Also versuchte ich was anderes. Gleiches Ergebnis. Irgendwann hatte ich das Gefühl, egal was du dir ausdenkst, irgendwer hat es in den 60ern bereits getan.

Inzwischen denke ich aber anders darüber. Die Entwicklung der Technologie schreitet unglaublich schnell voran. So richtig los ging es, sagen wir mal, im Jahr 2000. Das betraf den Einsatz von Computern für digitale Tonaufnahmen und den Vertrieb über das Internet, womit wir jetzt alle zu tun haben. Das ist tatsächlich eine ganz neue Welt. Ich finde es total aufregend und es ist eine sehr dynamische Zeit, in der wir leben!

Dave Douglas

Carina: Europäische Folkmusik interessiere dich unter anderem, wie ich gehört habe – was fasziniert dich an ihr? Überhaupt, was hatte und hat Europa Amerika zu bieten?

Dave: Hahaha! Oh, viele Dinge! Am Anfang war da die "Mayflower"… Aber, mal im Ernst, ich denke nicht, dass es um "Europa" geht. Oder um Amerika, Asien, Afrika oder überhaupt irgendein geographisches Gebilde. Sondern um Menschen und Völker und um ihre Musik. Was mein Interesse an der Folkmusik des Balkans erregte, war, dass in dieser Musik Konzepte vorkommen, die eine Verwandtschaft zum Jazz aufweisen – jedoch verwendet sie eine ganz andere "technische Sprache". Diese Musik zu transkribieren, ihre Struktur und Grammatik zu erlernen, erschien mir als hervorragender Weg, dieses Material dem Jazz und der improvisierten Musik und dem Spiel mit musikalischen Formen zuzuführen. Hey, das war wirklich aufregend!

Und, weisst du, balinesische Musik habe ich zum Beispiel noch nicht in aller Tiefe erkundet. Aber ich bräuchte inzwischen nur die Hand danach auszustrecken. Jeder weiß, dass sie existiert. Steve Reichs Einfluss auf uns alle wäre nicht so enorm, hätte er nicht diese Musik der Welt gehört, afrikanische Musik oder die Gamelan-Orchester. Die Welt wird kleiner und kleiner, aber ich sehe überhaupt keinen Grund, sich davor zu fürchten!

Und erneut muss ich zwar sagen, dass ich überhaupt nicht gerne über neue Technologien rede, aber auch das Internet macht die Welt kleiner. An dieser Stelle könnte ich meine Plattenfirma "Greenleafmusic" anführen, die über das Internet arbeitet, oder meine Erfahrung mit meinem Weblog und dort über mein Leben zu schreiben, über meine Musik und Dinge, die irgendwie interessant sind. Das ist ein unglaubliches Kommunikationsmittel. Ich bin rund um den Globus mit Leuten in Kontakt, wie es nie zuvor möglich schien. Und das sind alles Leute, die meine Musik hören und kennen…

Carina: Laut "Rough Guide of Jazz" verfügst du über einen "wunderbar warmen und ausdrucksstarken Sound mit einem ganzen Arsenal an tonalen Effekten…" Findest du dich darin wieder?

Dave: Oh, wow! Mit dem "Arsenal" bin mir nicht sicher – grundsätzlich versuche ich jegliche künstliche, durch das Instrument bedingte Manieriertheit aus meinem Spiels zu verbannen. Dadurch komme ich der menschlichen Stimme am nächsten. Ich versuche, einen möglichst klaren Grundsound zu erreichen, damit ich als Gegensatz dazu auch bewusst "dreckig" spielen kann. Ebenso, wie ich einen sehr dunklen Klang wiederum mit einem sehr hellen kontrastieren können will. Das ist die Grundidee.

Mein erstes Vorbild war übrigens Billie Holiday. Ich habe versucht, das auf der Trompete nachzuahmen, was sie sang. Damals war ich acht oder neun Jahre alt. Was mich bei ihr am meisten beeindruckte, abgesehen von ihren Lebensumständen und ihrer Musik, war ihre Fähigkeit, eine solch große emotionale Breite zu erreichen – mit einer einzigen Note!

Und meines Erachtens kommt das daher, dass Billie diese eine Note auf so unterschiedliche Weise interpretieren konnte, indem sie sehr hart singt, oder sehr weich, mit Vibrato oder ohne, oder indem sie den Vokalklang variiert. Bereits sehr früh begann ich zu experimentieren, um einen vergleichbaren "vokalen" Ausdruck auf der Trompete hinzubekommen. Eine Note – und so viele verschiedene Möglichkeiten sie zu spielen!

Dave Douglas

Carina: Du nimmst die Dinge nicht allzu ernst, wie wir auf dem Foto mit dem Hund sehen können …

Dave: (wirft ein) Das ist mein Hund!

Carina: … gehört zur Musik grundsätzlich ein bisschen Humor? Oder geht es auch ganz ohne?

Dave: Klar kommt Musik grundsätzlich auch ohne Humor aus! Musik kann stets vollkommen frei von irgendwas anderem sein! Was mich interessiert ist, hier die Wahl zu haben. Das Leben ist halt manchmal absurd und von daher sollte Musik es auch gelegentlich sein.

Selbstverständlich gibt es Stücke, die sehr, sehr ernst sind. Man wird nicht Beethovens "Siebte" hören und dabei lachen und was trinken. Aber man kann sich ja nicht jeden Tag Beethoven zu Gemüte führen, für den Rest des Lebens. Damit würde man sich ja so vieler Dinge berauben. Also, würde ich dauernd nur ernsthafte Musik hören, da könnte ich mir ja gleich die Narrenkappe aufsetzen!

Carina Prange

CD: Dave Douglas Quintet - "Meaning and Mystery"
(Greenleaf Music)

Dave Douglas im Internet: www.davedouglas.com

Greenleaf Music im Internet: www.greenleafmusic.com

Fotos: Jimmy Katz (1, 3), John Abbott (2, 4), Suzannah Kincannon (5)

© jazzdimensions 2008
erschienen: 15.4.2008
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: