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Ulf Wakenius - "Jedes Tempo meistern!"

Im Grunde sei JohnMc Laughlin schuld: Als Ulf Wakenius 16 oder 17 war, hörte er, "wie wir alle", die Musik all der damals angesagten Bluesgitarristen, also Jimi Hendrix, Johnny Winter, Eric Clapton. Doch 1972 stieß er auf die Alben des Mahavisnu Orchestra – "Inner mounting flame" und "Birds of fire" begeisterten ihn, insbesondere die Verbindung von Rockelementen mit indischer Musik.

Ulf Wakenius

Und dann war da John McLaughlin und sein, wie Wakenius es audrückt, "sensationelles" Spiel: "Diese Gitarre, die an Coltranes Saxophonlinien erinnerte, total rhapsodisch: Wahnsinn!" Da war's um Wakenius geschehen – er verschrieb sich dem Jazz auf ewig… An der Seite des wohl größten lebenden Stars des Jazzpianos, Oscar Peterson umrundet der Gitarrist regelmäßig den Globus. Aber auch mit seinem eigenen Trio steht der schwedische Mittvierziger auf sicherem Boden.

Carina Prange sprach in Lübeck mit Ulf Wakenius vor dem Konzert des Oscar Peterson Quartetts in der Musik- und Kongresshalle der Hansestadt.

Carina: Du hast mit vielen berühmten und auch höchst unterschiedlichen Künstlern zusammengearbeitet. Zwischen der Musik von Steve Coleman oder Gary Thomas und der von Oscar Peterson oder Herbie Hancock scheinen Welten zu liegen. Was fasziniert dich daran, mit Musikern verschiedener Stilrichtungen zu arbeiten?

Ulf: Zunächst mal liegt eine Herausforderung darin, vollkommen unterschiedliche Musikrichtungen zu spielen. Dennoch haben alle Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, in dem, was sie musikalisch umsetzen, einen gemeinsamen Faktor. Ihr Rhythmus, ihr Groove, ist identisch – und dabei ist es unbedeutend, ob er klar nach außen erkennbar ist oder leise verdeckt hervorkommt. Der Groovefaktor ist sozusagen der "Kommunikator" im Jazz; er ist das Verbindende zwischen allen Musikern, mit denen ich spiele!

Carina: Seit einigen Jahren leitest du deine eigene Band - die CD "Notes from the heart" ist eine Hommage an den Pianisten Keith Jarrett. Vielgelobt ist dein lyrisches Balladenspiel – ein Markenzeichen?

Ulf: Es stimmt, dass ich in erster Linie Balladenspieler bin, aber dorthin habe ich mich über die Jahre entwickelt. Früher war ich als "superschneller Gitarrist" und all das bekannt, aber jetzt, wo ich älter werde [lacht], bin ich mehr der Balladentyp!

Natürlich habe ich das von Oscar Peterson und Keith Jarrett aufgegriffen: Jarrett, um dessen Musik es sich ja bei der neuen CD dreht, spielt und schreibt phantastische Balladen, er legt jeden Ton auf die Goldwaage. Bei Peterson ist es ebenso, er hat das totale Gefühl für Balladen und einen Anschlag wie ein klassischer Pianist – wie Horowitz oder ähnlich.

Ulf Wakenius

Carina: Warum hast du für das Album "Notes from the heart", dein Debutalbum bei ACT, gerade Keith Jarretts Musik ausgewählt?

Ulf: Oh, da stecken verschiedene Gründe dahinter. Alles hatte seinen Ursprung darin, dass ich in Stockholm zur Verleihung des Polar Music Prize für Keith Jarrett gespielt habe. Jarrett erhielt den Preis 2003 und ich führte eine von Lars Danielsson arrangierte Ballade mit den Radiosymphonikern auf.

Meine Idee wurde sozusagen deswegen geboren, weil Keith Jarrett die letzten 15 Jahre ausschließlich Standards spielte und seine eigenen Kompositionen, seine eigene Musik nur selten zu hören war. Dabei hatte er vor 20 oder 25 Jahren einen, finde ich, phantastischen Fundus von schönen, sehr eigenen Stücken eingespielt: Diese Melodien sind zeitlos und außergewöhnlich. Ich empfand das als prickelnde Herausforderung – es gibt nicht viele Leute, die sich überhaupt an Keith Jarretts Kompositionen herantrauen würden. Obendrein war ich der Meinung, ich hätte "Carte Blanche" … denn schließlich spiele ich Gitarre und nicht Klavier (lacht)! Sicher, wäre ich Pianist, würde ich wahrscheinlich nicht einmal wagen, überhaupt darüber nachzudenken.

Als Gitarrist dachte ich bei mir, das ist in Ordnung; so kann ich eine ganz neue Art von Musik für mich entdecken! Keith Jarrett sozusagen zu reproduzieren, ist unmöglich! Man kann die Musik nur aus einem neuen Blickwinkel betrachten, dann den Melodien folgen – und schon entsteht etwas vollkommen anderes. Jarrets Musik erstrahlt plötzlich in neuem Licht, erhält eine frische Farbe. Und mir gefällt das Album wirklich sehr, sehr gut! (lacht)

Ulf Wakenius

Carina: Warum hast du speziell diese Triokonstellation gewählt?

Ulf: Lars Danielsson wollte ich vordringlich deshalb dabei haben, weil er ein ausgezeichneter Bassist ist – und er ist auch ACT-Künstler. Lars spielt übrigens auch Cello und außerdem noch ein klein wenig Klavier. Hier gilt wieder dasselbe: du kannst keinen "richtigen" Pianisten bei diesem Projekt einsetzen … keiner würde das machen wollen. Außerdem klingen viele Pianisten heutzutage wie Keith-Jarrett-Klone. Und, so finde ich, es wäre das Allerletzte, hier einen Pianisten spielen zu lassen, der wie Keith Jarrett klingt! Deshalb kam ich darauf, das Ganze im Trio einzuspielen und anschließend lediglich ein wenig Klavierspiel zu ergänzen.

Jetzt hätte ich beinahe den Trommler vergessen! Morten Lund ist ein großartiger Schlagzeuger, sehr talentiert. Er spielt mit Paolo Fresu in Italien und er ist einer der wirklich guten, aufstrebenden neuen Musiker aus Nordeuropa.

Ulf Wakenius - "Notes from the heart"

Carina: Abhängig vom jeweiligen Projekt spielst du akustische oder elektrische Gitarre. Kannst du auf der Stelle von, sagen wir mal, klassischer spanischer Gitarre zur halbakustischen Gibson wechseln?

Ulf: Du meinst, live, auf der Bühne? Ja, im Grunde geht es, aber es ist etwas knifflig, weil du die passende Backline brauchst, die richtigen Gitarren vor Ort: Immerhin, für eine gute, feedbackarme Akustikgitarre, da kannst du zwischen verschiedensten Modellen wählen ... aber denk mal zehn Jahre zurück! Kein Problem, wenn du haufenweise Schotter hattest – und vier Gitarrentechniker, wie Pat Metheny. – Auch heute ist es nicht ganz einfach. Aber man kann's schon hinbekommen.

Carina: Tempo kontra Ausdruck – was ist die Basis und warum? Muss man schnell spielen können, um bei langsamem Tempo bessere Kontrolle zu haben?

Ulf: So darf man im Grunde nicht fragen – das eigentliche Ziel ist, sich auf dem Instrument ausdrücken zu können. Wenn deine Technik lahmt, hindert dich das massiv daran. Hast du es aber technisch drauf … – nimm mal Keith Jarrett, der kann so rasant spielen wie ein Konzertpianist. Aber er nutzt das nur ab und zu. Dann, wenn er will! Es geht nicht um Geschwindigkeit an sich, sondern darum, jedes Tempo zu meistern!

Wenn du etwas superschnell kannst, kriegst du es auch extrem langsam hin, kannst auch freie Metren spielen … oder eben Balladen. Klar, um das wirklich zu beherrschen, brauchst du verdammt gutes technisches Können. Aber das ist es nicht allein – ab da kommt es darauf an, etwas auszudrücken. Hast du etwas zu sagen? Kannst du auf deinem Instrument eine Story erzählen?

Carina: Okay, wie wichtig ist denn für junge Gitarristen das abstrakte technische Wissen, verglichen mit den Erfahrungen, die man live auf der Bühne sammelt?

Ulf: Hier sprichst du etwas an, das ich ohnehin predige! Wirf einen Blick zurück in die 50er, 60er Jahre – die Jungs haben damals auf der Bühne gelernt: Dadurch, dass sie mit anderen Musikern spielen und interagieren, im Gruppenkontext funktionieren mussten. Statt in Seminaren zu sitzen … heutzutage kommen alle direkt von der Hochschule, spielen, wie man's da lernt, erstmal nach Schema Eff!

Noch ein allgegenwärtiges Problem, das sich dem Nachwuchs stellt, ist, dass die stilistische Bandbreite so groß ist. Wie sich profilieren? Immer mehr ausgebildete Jazzmusiker drängen auf den Markt, gleichzeitig gibt es weniger Clubs, weniger Gigs ... Ja, es ist taffer, heutzutage.

Ulf Wakenius

Carina: Als du mit dem Gitarrenspiel angefangen hast, kam die Inspiration zunächst vom elektrischen Blues her. Wann und warum bist du dazu übergegangen, in erster Linie Jazz zu spielen?

Ulf: Das geht zurück auf John McLaughlin. Damals, als ich so 16, 17 Jahre alt war, gab es für mich nur Jimi Hendrix, Johnny Winter, Eric Clapton … all diese Bluesgitarristen, die damals richtig "heiß" waren. Aber dann kam das Mahavishnu Orchestra… Und 1972 veröffentlichten sie "Inner mounting Flame" und "Birds of Fire". Das war phantastisch, total interessant! Beeinflusst von indischer Musik, aber immer noch sehr rockig. McLaughlin spielte ganz speziell und genial Gitarre; es war schon eigenartig: Nie zuvor hatte man ein derart Coltrane-beeinflusstes Gitarrenspiel gehört, so rhapsodisch … Ich habe ein Weilchen gebraucht, das zu erfassen, weil ich an jene Bluesgitarristen und ihre Musik gewöhnt war.

Aber sobald sich das erstmal im Kopf festgesetzt hatte, merktest du, dass es wirklich heißes Zeug war! Und das brachte mich langsam immer mehr in Richtung Jazz, in Richtung anderer Fusion-Acts wie beispielsweise Weather Report. Und ich hörte "My Goal's Beyond", ein wunderbares Album, das ich jedem Gitarristen nur ans Herz legen kann. Auf diesem Album spielte McLaughlin "Goodbye Porkpie Hat" … ich dachte nur, Mann, das musst du dir genauer anhören! So habe ich nach und nach begonnen, alles mögliche zu entdecken und zu erkunden, so kam ich zu Charles Mingus, stolperte förmlich über Wes Montgomery, hörte George Benson. Eine Sache führte zur Nächsten und ich begann die Quellen zu erkunden, von denen das alles kam.

Es ist überhaupt für jeden Jazzmusiker wichtig, über die Hintergründe Bescheid zu wissen! Das bedeutet allerdings nicht, darin steckenzubleiben; es ist aber entscheidend, zu begreifen, dass Michael Brecker von der Schule John Coltranes herkommt. Zu behaupten, Mike Brecker hätte seinen Stil ganz allein erfunden, ist schlicht falsch; das hat er nicht: es kam alles von John Coltrane. Und man sollte ebenfalls nachvollziehen können, dass Oscar Peterson bei Art Tatum in die Lehre gegangen ist. Keith Jarrett fiel nicht vom Himmel, sondern hat von Bill Evans und Paul Bley gelernt.

Ich will damit sagen: du musst um die Wegbereiter und die Ursprünge deines eigenen Spiels wissen. Es ist wohl auch ein Zeichen unserer Zeit, dass eine Menge Musiker sozusagen "geschichtslos" sind, sie haben kein Verständnis für die Geschichte der Musik, die sie spielen. Sie kennen gerade mal eben den neuesten "In"-Gitarristen. Ich will hier keine Namen nennen, aber jeder kommt irgendwoher und es ist wichtig, das zu wissen!

Carina Prange

CD: Ulf Wakenius - "Notes from the heart" (ACT Music ACT 9435-2)

Ulf Wakenius im Internet: www.ulfwakenius.com

ACT Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 7.6.2007
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