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Ramesh Shotham - "Percussion multilingual"

Seit mehr als 20 Jahren lebt der südindische Percussionist Ramesh Shotham in Köln. Mit seinen subtilen, unaufdringlichen Rhythmen hat er eine Vielzahl musikalischer Begegnungen nachhaltig beeinflusst, und ist so zu einem prägenden Brückenbauer zwischen verschiedenen musikalischen Kulturen geworden.

Ramesh Shotham

Seinem Quartett Madras Special gelingt eine der geglücktesten Verbindungen von indischer Musik, Jazz und Rock. Zusammen mit Charlie Mariano, Mike Herting T.A.S. Mani und R.A. Ramamani bildet er KCP 5, die im März 2007 ihre CD "Many Ways" vorstellten und im selben Monat erneut mit der WDR Big Band arbeiteten.

Herbert Federsel sprach für Jazzdimensions mit Ramesh Shotham

Herbert: Mit KCP 5 hast du erneut eine Woche mit der WDR Big Band in Köln gearbeitet. Was steckt hinter diesem Projekt?

Ramesh: "Pulse of Bangalore", das neueste Projekt mit der WDR Big Band ist eine Fortsetzung der ersten und einzigartigen Zusammenarbeit "Sketches of Bangalore" zwischen Musikern aus Südindien und einer Big Band.

Der eigentliche Initiator von "Sketches of Bangalore" war Mike Herting, der sich damals einen Namen als Gastdirigent/Arrangeur bei der WDR Big Band gemacht hat. Ich habe dann den Live-Mitschnitt als CD auf PMP veröffentlicht. Leider konnte ich aus Termingründen bei diesen Aufnahmen nicht mit dabei sein.

Ramesh Shotham

Herbert: Was ist die eigentliche Idee, indische Musiker mit einer Big Band zusammen zu bringen?

Ramesh: Die Idee reicht schon lange zurück. Ursprünglich sollte der irische Bassist und Komponist Ronan Guilfoyle, mit dem ich seit den 90iger Jahren arbeite, Arrangements für die WDR Big Band schreiben. Doch das kam nicht zustande.

Mein Bruder Suresh schrieb 1980 das Big Band Arrangement für "Charukesi Impressions", einer indischen Komposition. Das Stück wurde damals beim Jazz Yatra Festival von einer japanischen Studentenband aufgeführt. 2005 hat Scott Stroman in London "Charukesi Impressions" für Madras Special und die Guildhall Jazz Band neu aufgelegt.

Aber zurück zur WDR Big Band. Mike Herting setzt sich seit vielen Jahren intensiv mit indischer Musik auseinander. Er war mehrmals in Bangalore und dort hat er auch die damalige Besetzung von Madras Special mit Ramamani und Charlie Mariano gehört. Er war sehr angetan von dem, was er hörte, und so ist die Idee entstanden, die Musik für ein großes Ensemble zu arrangieren.

Ramesh Shotham

Herbert: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der WDR Big Band gestaltet?

Ramesh: Die aktuelle Kooperation (2007) war insgesamt viel besser vorbereitet als das erste Aufeinandertreffen. Entsprechend sind die Ergebnisse viel homogener. Für die Big Band Musiker waren zunächst die unregelmäßigen Rhythmen wie 5/4, 7/4 etc. eine Herausforderung. Vor allem für den Schlagzeuger Hans Dekker, der musste ja alles zusammenhalten. Und er hat das großartig gelöst!

Zu Beginn der Probenphase waren die Big Band Musiker noch etwas zurückhaltend, was die Soli anbelangte. Doch im Laufe der Woche wollten immer mehr Solo spielen. Die WDR Big Band ist hoch professionell, und das Publikum im Abschlusskonzert war absolut begeistert von den doch recht ungewöhnlichen Klängen.

T.A.S. Mani und die Sängerin Ramamani waren bereits bei "Sketches of Bangalore" mit dabei. Viele der aktuellen Kompositionen stammen übrigens von Ramamani. In ihrem Gesang ist sie viel freier und flexibler geworden. Erstaunlich, wie sie die Arrangements gelesen hat und souverän damit umging. Für T.A.S. Mani, der die Mridangam spielt, war es etwas schwieriger, sich in diese für ihn ungewöhnliche Umgebung einzufinden. Aber auch er wird immer flexibler.

KCP 5 feat. Charlie Mariano - " Many Ways"

Herbert: Big Bands scheinen hierzulande wieder angesagt zu sein. Drei der wichtigsten Großformationen sind Rundfunk Big Bands (NDR, WDR, HR). Wie erklärt sich das Interesse für dich?

Ramesh: Ich finde es klasse, dass diese drei renommierten Big Bands aus Deutschland auch international anerkannt sind. Das zur Zeit viel Interesse für Bigband Musik gezeigt wird, liegt vielleicht daran, dass das Repertoire dieser Bands nicht mehr nur die klassischen Swing oder Bebop Musikstilrichtungen beinhaltet, sondern auch z.B. mitgeprägt ist, durch Worldmusic-Einflüsse. Hervorragende Beispiele sind die Projekte der WDR Big Band mit KCP, mit arabischen Musikern, afrikanischen Musikern und sogar mit den kölschen Stars Wolfgang Niedecken und Hans Süper!

Herbert: Im März erschien mit "Many Ways" die erste CD von KCP 5. In ähnlichen Besetzungen spielt ihr aber schon seit Jahrzehnten zusammen.

Ramesh: Ja, die Zusammenarbeit der Musiker des Karnataka College of Percussion mit Musikern wie Charlie Mariano, Oriental Wind, Mike Herting etc. läuft über 25 Jahre! Jetzt haben wir mit der neuen CD eine Art feste Besetzung etabliert: KCP 5 featuring R. A. Ramamani, Charlie Mariano, Mike Herting, T.A.S.Mani und Ramesh Shotham.

Herbert: R.A. Ramamani hat viele der Songs auf "Many Ways" komponiert. Wie ist der Anteil an komponierter und improvisierter Musik?

Ramesh: Ja, die meisten Stücke auf der CD sind von Ramamani, einer der genialsten Komponistinnen in diesem Genre. Es gibt auch ein paar Titel von Charlie. Da sowohl in indischer Musik als auch im Jazz viel improvisiert wird, beinhaltet die Musik des KPC 5 einen großen Anteil an spontaner Improvisation.

Herbert: Man spürt die enorme Konzentration, aber auch die freundliche Gelassenheit, ja Heiterkeit in der Musik.

Ramesh: Wenn unsere Ausstrahlung auf der Bühne so positiv zu spüren ist, dann sind wir sehr glücklich!

Ramesh Shotham

Herbert: Welchen Stellenwert hat eure Musik in Indien?

Ramesh: In Indien gibt es seit ein paar Jahren großes Interesse an so genannter Fusion. Schade ist, dass die meisten Fusionen sehr einseitig sind; d.h. der Anteil der indischen Elemente ist meistens auf einem hohen Niveau, wobei die Jazz, Rock oder europäischen Klassik Elemente vernachlässigt werden. Bands wie KCP 5 und Madras Special sind leider mehr in Europa und Nord Amerika bekannt als in Indien!

Herbert: Spätestens seit Bollywood stößt indische Populärkultur auch hierzulande auf vermehrtes Interesse. Selbst die Privatsender bringen Bollywood Filme. Siehst du einen verstärkten Einfluss indischer Musik auf westliche Spielformen?

Ramesh: Ich glaube nicht, dass die Musik aus den Bollywood Filmen für seriöse Musiker aus dem Westen interessant ist. Vielleicht für DJs?

Herbert: Noch in Südindien hast du als Schlagzeuger "westlichen" Jazz und Rock gespielt. Wie hast du deine eigenen kulturellen Wurzeln entdeckt?

Ramesh: Schon 1973, als ich noch in Rockbands Schlagzeug spielte, entdeckte ich die Pakhawaj (eine klassische Trommel aus Nordindien), und hatte das Glück, bei dem großen Meister Arjun Shejwal in Bombay zu studieren. Anschließend kam ich nach Madras, um die Tavil zu lernen. Und kurz danach gab es die Begegnung mit dem Karnataka College in Bangalore. Daher hatte ich, bevor ich ins Ausland reiste, meine eigenen Wurzeln entdeckt! Ich kam nach Europa mit der Hoffnung, meine musikalischen Horizonte zu erweitern.

Ramesh Shotham

Herbert: Was waren für dich Inspirationsquellen?

Ramesh: Jazz, Rock, indische Musik, europäische Klassik, Elektronik, afrikanische Musik. Bands wie das Mahavishnu Orchestra, Weather Report, Miles Davis, John Coltrane, Soft Machine, King Crimson, Shakti. Große Trommler wie Elvin Jones, Tony Williams, Billy Cobham, Steve Gadd, Valayapatti Subramanian, Zakir Hussain etc.

Herbert: Dein eigenes Bandprojekt Madras Special hat sich als Glücksfall erwiesen. Wie nur wenigen Bands gelingt euch eine Verbindung von indischer Musik, Jazz, Rock und klassischen Einflüssen.

Ramesh: Ich bin sehr glücklich mit der jetzigen Formation von Madras Special. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass Weltmusik in einer homogenen Form nur funktionieren kann, wenn die einzelnen Mitglieder einer solchen Gruppe, musikalisch gesehen, multilingual sind. In Zoltan Lantos, Sandhya Sanjana und Christian Zürner hat Madras Special Musiker, die in mehreren musikalischen Sprachen Zuhause sind.

Shotham & Madras Special -"Urban Folklore"

Herbert: Neben Madras Special und KCP 5 arbeitest du seit vielen Jahren mit der Gitarrenlegende Sigi Schwab in dessen Percussion Project zusammen.

Ramesh: Sigi Schwab hat über drei Jahrzehnte viele Gitarristen beeinflusst. Er war sehr früh dran, Perkussion und Gitarre als Kombination zusammen zu stellen. Wir arbeiten seit 1994 miteinander und haben zahlreiche Tourneen gemeinsam gespielt. Besonders musikalisch interessant und gelungen ist für uns beide unser Duo Projekt, Mandala.

Herbert: Eine musikalisch besonders erfolgreiche Fusion von indischer Musik und einer großen europäischen Tradition, nämlich der irischen, hast du in Dublin mit Khanda verwirklicht.

Ramesh: Ich habe Ronan Guilfoyle, den hervorragenden Bassisten und Komponisten aus Dublin, 1992 durch Simon Nabatov kennen gelernt. Im selben Jahr waren wir als Trio in Irland unterwegs. Schon damals war Ronan von indischer Musik sehr begeistert. Andersrum wurde ich von irischer Musik infiziert! Ronan und ich sind nicht nur Kollegen, sondern gute Freunde geworden. Seitdem bin ich fast jedes Jahr in Irland gewesen und habe bei vielen Projekten wie Khanda oder Khanda + KCP mitgewirkt. Der Dokumentarfilm "Five Cities" ist ein wunderbarer Reisebericht dieser Formation durch fünf Städte Indiens.

Herbert Federsel

CD: Ramesh Shotham - "Many Ways" (Double Moon DMCHR 71506)

CD: Ramesh Shotham & Madras Special -"Urban Folklore" (Double Moon DMCHR 71503)

Ramesh Shotham im Internet: www.shotham.org

Double Moon Records im Internet: www.doublemoon.de

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Ramesh Shotham & Madras Special - "Urban Folklore" - Review (erschienen: 14. 1. 2006)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 4. 7. 2007
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