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Kurt Rosenwinkel - "Tuning und Timing"

Als Kurt Rosenwinkel nach zweijähriger Studiofrickelei sein Album "Heartcore" veröffentlichte, wunderten sich viele über die Hip-Hop-Attitude und die ungewohnte Egozentrik. Jetzt gibt es ein Nachfolgeralbum des Gitarristen, "Deep Song", der hier in Quartettbesetzung schwerpunktmäßig dem Bandkontext und der gemeinsamen jazzigen Improvisation frönt.

Kurt Rosenwinkel

Warum dieses hin und her? Weil Rosenwinkel systematisch das Hineinspringen in neue Situationen und Kontexte betreibt und mittels des dadurch auferlegten Zwangs zur Kreativität stets Erstaunliches zustande bringt. Mit ungewohnt variierten Stimmungen seiner Gitarre zu arbeiten, ist nur Teil davon...

Carina Prange sprach in Berlin mit Kurt Rosenwinkel.

Carina: Du hast am Berklee College studiert und bist schon sehr früh mit einigen der ganz Großen auf Tour gegangen. Was, meinst du, ist wichtiger, um als Musiker dazuzulernen: die Live-Erfahrung und die Zusammenarbeit mit gestandenen Künstlern, oder die theoretischen Studien und die formale Ausbildung an einer Hochschule?

Kurt: Ich würde sagen, am wichtigsten ist die Live-Erfahrung. Ob man sich die mit älteren, erfahrenen Musikern oder mit Gleichaltrigen erarbeitet, ist eigentlich egal; die Erfahrung selbst ist es, was letztlich zählt. An zweiter Stelle sehe ich das aktive Lernen - das muss aber nicht notwendigerweise auf einer formalen Grundlage geschehen. Lerne, dein Instrument zu spielen, lass dich auf die Musik ein, lass das deine persönliche musikalische Abenteuerreise sein.

Man könnte beides umschreiben mit das "äußere" und das "innere" Abenteuer mit der Musik, so würde ich das nennen. Das sind die beiden wichtigen Dinge. Wenn du dazu noch das Glück hast, vom Wissen und der Erfahrung der Älteren zu profitieren, dann ist das eine wunderbare Sache. Aber ich sehe letzteres nicht als Notwendigkeit.

Kurt Rosenwinkel

Carina: Heutzutage unterrichtest du in der Schweiz an der Musikhochschule von Luzern. Wie sieht dein Unterrichtskonzept aus - kannst du das kurz erläutern?

Kurt: Ich mache das wie ein Arzt. Ich nehme jeden Studenten individuell, ich habe keine unspezifische Botschaft, die ich gleichermaßen an alle weitergeben würde. Ich höre mir an, wo derjenige herkommt und versuche ihm entsprechend weiterzuhelfen, wie ich es für ihn als nötig empfinde. Das bedeutet, für unterschiedliche Studenten auch unterschiedliche Dinge zu tun. Ich halte mich also nicht an ein bestimmtes System; ich bin wie ein "freelance Music Doctor." (lacht)

Carina: Du hast früh angefangen, ein Instrument zu spielen, und warst, sagt man, von Anfang an überzeugt, Musiker werden zu wollen. Hat diese gefühlte Gewissheit dich an Musik anders herangehen lassen? Und wie?

Kurt: Oh, schwer zu sagen! Es stimmt, ich hatte nie den geringsten Zweifel, was ich einmal werden würde - ich wusste einfach, dass Musik mein Ding ist. Daher kann ich nicht sagen, ob und wie mich das beeinflusst hat, ich kenne es ja nicht anders. Es ist einfach so.

Würde man es natürlich von außen analysieren … gut, etwas könnte sein: Dass es mir das nötige Vertrauen in mich selbst gab, und dass es mir ermöglichte, den intuitiven Zugang zur Musik zu bewahren. Ich habe immer eine sehr direkte Verbindung zur Musik gehabt. Und das hat jetzt gar nichts zu tun mit einem bestimmten Stil, mit irgendwelchen Einflüssen, mit Erlerntem, einer Botschaft oder gar der Bindung an ein bestimmtes Instrument.

Dieser direkte Zugang ist mir erhalten geblieben, und das macht es wohl einfacher für mich, ich selbst zu bleiben. Nicht in diese Falle zu tappen, wie man es so leicht tut, dass man andere Musiker zu sehr nachahmt, dass man zu technisch wird, auf seinem Instrument. Oder dass man sich durch angelesenes Bücherwissen zu stark am Theoretischen orientiert. Ja, ich glaube, auch in dieser Beziehung hat das etwas bewirkt.

Kurt Rosenwinkel - "Deep Song"

Carina: Was dein Gitarrenspiel angeht, erzählt man sich, du würdest immer nach Dingen außerhalb der ausgetretenen Pfade suchen, Dinge, wo noch nicht das letzte Wort gesagt ist. Wie gehst du vor, um innovativ zu sein - stellst du dein Spiel auf deinem Instrument um, probierst du neue, exotische Instrumente, oder begibst du dich in neue Genres?

Kurt: Das ist wieder so eine interessante Frage … man kommt auf so vielen Wegen … Also, noch mal von vorn: Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und sage, ich suche mir jetzt einen "nicht ausgetretenen" Pfad. Und dann herumtüftele, wie ich den wohl finden könnte. Mein Ansatz ist eher, dass ich versuche, in den essentiellen, den direkten Kontakt zur Musik zu kommen.

Wenn ich also das Gefühl habe, mit meiner Gitarre in einer Sackgasse zu stecken, oder sich mein Spiel in meinen Ohren abgestanden anhört, dann weiß ich, dass ich meine Verbindung, diese direkte Verbindung zur Musik, auffrischen muss. Ich bin gezwungen, einen Weg zu finden, um aus meiner Sackgasse herauszukommen. Und dieser Weg … das ist eigentlich immer anders:

Einmal, als so etwas bevorstand, war ich nur noch gelangweilt von dem, was ich machte, fühlte mich als Gefangener meines theoretischen Wissens. Ich fing also an, an den Stimmwirbeln meiner Gitarre herumzuschrauben und mit alternativen Stimmungen zu experimentieren. Und das löscht natürlich alles theoretische Wissen, dass du haben könntest, gnadenlos aus: Da gibt's keine gewohnten Akkordgriffe mehr, keine eingeschliffenen Fingersätze für Skalen, keine Routine, gar nichts. Die ganze Theorie ist plötzlich nicht mehr anwendbar. Das war einer der Wege, um, wie du es formuliert hast, den ausgetretenen Pfad zu verlassen.

Was den Entstehungsprozess des Albums "Heartcore" angeht - damals fühlte ich mich als Komponist gezwungen, neue Kompositionsmethoden zu finden. Ich weiß nicht mehr - vielleicht hatte ich es nur satt, oder fand es uninspirierend, mich mit meiner Gitarre oder am Klavier hinzusetzen und zu zwingen, etwas neues abzusondern. Ich hatte aber immer schon Sachen am Computer gemacht und diese Arbeitsweise genossen. Das war sozusagen ein eher vorgezeichneter Weg, aber für mich der Weg, zur frischen Inspiration zu gelangen.

Kurt Rosenwinkel

Zu anderen Zeitpunkten - wie jetzt - bin ich völlig im reinen mit meinem Gitarrenspiel, es fühlt sich gut und frisch an. Dann kann ich eine Platte aufnehmen, wie die aktuelle. Die ist ja in vielerlei Hinsicht recht traditionell und versucht nicht, partout dem bekannten Material zu entrinnen. Es ist aber dennoch keine "Ausgetretene-Pfade-Musik", jedenfalls nicht für mich: Ich bin ein Traditionalist, im Sinne, dass ich die traditionellen Rollen der Instrumente im Jazz als Stärken ansehe; auch die historischen Hintergründe und wie sich die Instrumente in der Hinsicht in einen Gruppenkontext einfügen. Oder die Dynamik des improvisatorischen Ansatzes, der sich daraus ergibt. Und das will ich nicht zerstören, nicht irgendwelcher fragwürdiger Neuerungen wegen.

Aber natürlich will ich mich nicht darauf beschränken, da steht kein Konzept mit dieser Marschrichtung dahinter. Wenn ich mich an der Gitarre inspiriert fühle, dann empfinde ich auch einen traditionellen Rahmen als angenehm: Wenn nämlich die Band eine frische Erfahrung bietet. Und das kann ja sowohl in einem neuen, wie einem althergebrachten Zusammenhang geschehen, sofern man den Kopf frei hat und neue Ideen zulässt.

Carina: Lass uns mal auf die alternativen Stimmungen zurückkommen. Was sind da deine Lieblingsstimmungen und baust du darauf eher melodische oder Akkordarbeit auf?

Kurt: Na gut, meine Lieblingsstimmung pflegte, von den tiefen zu den hohen Saiten, folgende zu sein: Bb, G, Bb, Ab, Bb, Eb.

Diese Stimmung habe ich bei vielen Stücken von "Next Step" eingesetzt, für das gesamte Stück, also Akkorde wie Melodielinien.

Carina: Werden wir noch ein bisschen technischer: Nimmst du für die offenen Stimmungen andere Saiten und Saitenstärken als sonst, oder spannst die Saiten anders auf - vertauschst beispielsweise Treble- und Basssaiten?

Kurt: Hahaha! Nein, soweit bin ich nicht gegangen! Ich habe aber überlegt, mir eine Gitarre bauen zu lassen, die speziell auf diese Sonderstimmung eingerichtet ist, um vielleicht stärkere Saiten im Bassbereich einsetzen zu können. Die tiefe E-Saite ist ja bis Bb runtergestimmt, also sehr viel tiefer. Die Saite ist folglich relativ schlaff, und wenn man nicht aufpasst, also zu hart anreißt, schlägt sie - Peng! - aufs Griffbrett.

Über diese Phase, mit Hilfe der Stimmung gewissermaßen den Zufall ins Spiel zu bringen, über die bin ich hinweg. Aber eines ist mir dabei klargeworden, nämlich, dass die traditionelle Stimmung doch eine tolle Sache ist. Und das hat letztlich zu dem geführt, was ich aktuell mache. (lacht) Die so gewonnenen Erkenntnisse sind immer noch Teil meines Spiels, aber ich setze jetzt eben wieder die normale Stimmung ein. Komponieren tue ich aber gelegentlich noch mit alternativen Stimmungen.

Carina: Nach einer im Internet veröffentlichten Liste, die Christian Rover zusammenstellte, verwendest du eine schwarze Epiphone "Emperor" und eine namenlose, in der Türkei gebaute, klassische Gitarre. Sind das noch die Instrumente deiner Wahl? Und setzt du auf der Bühne und im Studio verschiedene Gitarren ein?

Kurt: Nein, ich spiele inzwischen eine D'Angelico "New Yorker", seit … na, ich würde sagen, etwa vier Jahren! Ein wundervolles Instrument. Es ist die einzige Gitarre, die ich derzeit spiele.

Kurt Rosenwinkel

Carina: Was ist für dich das besondere an diesem Instrument?

Kurt: Es ist ein halbakustisches Instrument, semi-solid. In der Beziehung hat sie Gemeinsamkeiten mit einer Gitarre wie der "335". Den Unterschied zwischen beiden würde ich etwa so beschreiben: Auf dem Weg von Solidbody-Instrumenten bis zu Halbresonanz-Gitarren wäre die "335" das Instrument mit dem fettesten Klang in dieser Reihe. Denkt man sich eine weitere Reihe von der D'Angelico zu den Vollresonanz-Jazzgitarren - jene mit dem wirklich großen Korpus -, dann ist die D'Angelico diejenige, die noch am meisten nach Solidbody klingt. Aber in die andere Richtung orientiert, nach "oben", sozusagen.

Anders gesagt, wenn ich die Stärken der Instrumente betrachte, finde ich, dass die D'Angelico, obwohl sie ein Halbresonanz-Instrument ist, dennoch in Richtung der Full-Body-Jazzgitarren orientiert ist, während die "335", obwohl ebenfalls ein Halbresonanz-Instrument, klanglich zur Solidbody tendiert.

Carina: Verfolgst du auf der Bühne ein anderes, vielleicht etwas "ursprüngliches" Soundkonzept, verglichen mit dem Studio? Was setzt du in Konzertsituationen an Equipment ein, und was ist maßgeblich für deinen Sound?

Kurt: Ich verwende live wie im Studio genau die gleiche Ausrüstung. Mein Setup hat sich in der Tat seit langer Zeit nicht verändert. Die wichtigen Elemente sind mein Instrument selbst und ein RAT-Verzerrer, den ich gelegentlich für einen dezenten Overdrive-Sound brauche, ein "Line 6" Delay Modeler, den ich mit einem Expression-Pedal steuere, ein "Alex P1" Reverb von Lexicon - das habe ich schon zehn Jahre -, und schließlich ein Polytone "Mini 3" Verstärker, den ich schon ebenso lange besitze. Das wär's!

Carina Prange

CD: Kurt Rosenwinkel - "Deep Song" (Verve / Universal)

Kurt Rosenwinkel im Internet: www.kurtrosenwinkel.com

Universal im Internet: www.universal-music.de

© jazzdimensions 2007
erschienen: 1.2.2007
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