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Joe Zawinul - "Künstlerische Akzente"

Lange Jahre hat sich Joe Zawinul nicht sonderlich um seine Heimatstadt Wien gekümmert und sie sich auch nicht um ihn. Das ist inzwischen anders: der permanent in den Vereinigten Staaten lebende, in Downbeat Polls notorisch als "bester Keyboarder" nominierte Zawinul, kehrt, zumindest für einige Tage im Jahr, wieder in die österreischische Hauptstadt zurück.

Joe Zawinul

Grund dafür ist der Wiener Club "Joe Zawinul's Birdland", der, in der Tat unter Zawinuls Leitung, dieser Tage seinen ersten Geburtstag feiert. Benannt ist er nach dem gleichnamigen Club in New York, in dem Zawinul erste kreative Inspiration sammelte. Das einjährige Jubiläum des Clubs geht einher mit der Gründung des hauseigenen Labels "BirdJAM" – passenderweise wird die erste Veröffentlichung eine Doppel-CD des Joe Zawinul Syndicate sein.

Das Label sei ausschließlich im "Birdland" eingespielter Musik vorbehalten, um die erstklassige Live- und Aufnahmesituation zu dokumentieren, erklärt Zawinul, der unlängst seinen 75. Geburtstag feierte. Und ein weiteres Lorbeerblatt bekam er derweil an die Strickmütze geheftet: sein Konterfei ziert – eine Ehre für Wiens heimgekehrten Sohn – eine österreichische Briefmarke…

Carina Prange sprach mit Joe Zawinul in Berlin

Carina: Ein eigener Club in Wien, das Birdland und nun zusätzlich ein eigenes Label, BirdJAM – Sie werden sicher viel danach gefragt. Handelt es sich hier um die späte Erfüllung Ihrer Lebensträume?

Joe: Ich habe keine "Lebensträume" gehabt, ich habe nur verschiedene Sachen für mein Leben machen wollen und eher eine Vision gehabt als Träume. Seit langen Jahren habe ich mir vorgestellt, einen Club in meiner Heimatstadt zu haben. Aus dem Grund, weil ich so viel Glück gehabt habe im Leben – in der ganzen Welt herumzufahren mit dem, was ich gerne mache.

Was ich sowieso gemacht hätte, hätte ich auch kein Geld damit verdient! Musik zu spielen, das ist mein Hobby! Und mein Hobby habe ich nie aufgehört zu haben. Ich bin soviel gereist und weiß, wie schwierig es beispielsweise für die Wiener ist, selbst viel zu reisen. Außerdem wollte ich etwas zurückzahlen – obwohl sie mir gar nicht soviel gegeben haben. Trotzdem wollte ich das. Und den Leuten etwas bringen, was sie vor Ort erleben können, ohne die Welt zu bereisen.

Joe Zawinul

Carina: Das erste BirdJAM-Album enthält eine Zusammenstellung von Songs, die das Zawinul Syndicate mit Gästen im Laufe von fünf Abenden eingespielt hat: Artists in Residence für mehrere Tage – wie kann sich das Birdland Wien diesen kreativen Luxus leisten?

Joe: Ja, fünf, Nächte sind das Längste – manchmal sechs, für Leute, die fähig sind, das auch zu tragen. Wie Sie total korrekt sagen, es ist ein Luxus. Die haben mir zwar das Geld für den Club im Hilton Hotel gegeben. Alles total neu gebaut, es ist der Wahnsinn! Aber ich kriege keine Extra-Subventionen. Ich bringe Leute aus Amerika, aus Peru, aus Russland dorthin, was so viel Geld kostet.

Bislang haben wir – der Club fasst etwa 200 Leute – nur den Eintritt, der nicht sehr hoch ist. Aber wir werden das ändern; wir kriegen ein wenig von der Gastronomie, weil das Hilton mit dem Essen verdient. Inzwischen haben wir auch Sponsoren und es werden mehr, weil der Club im Weltinteresse steht: Man redet in Amerika davon. In einem Artikel stand vor kurzem, es wäre "the ultimate club" mit dem "modernsten Sound Europas!"

Joe Zawinul

Carina: Wieviel Zeit und Raum haben Sie für die Programmauswahl und die Beteiligung an Organisation und genereller Planung für den Club – bzw. wie gestaltet sich die "Auslagerung" diverser Tätigkeiten – wem haben Sie speziell Ihr Vertrauen geschenkt, um wichtige Aufgaben zu übernehmen?

Joe: Ich bin meistens in Amerika. Ich bin die letzte Instanz, die entscheidet, ob die Leute kommen oder nicht. Ich verdiene keinen Groschen damit, darum geht es mir nicht. Worum es mir geht, hauptsächlich, ist, dass wir in Wien sagen können: pass auf, wir sind im Kommen! Und das sieht man jetzt, Musiker ziehen nach Wien – wir haben so viele gute Musiker in Wien, wie nicht in hundert Jahren. Mit der europäischen Union, wie sie ist, sind wir wieder im Zentrum ...

Joe Zawinul - "Brown Street"

Carina: Sie sind häufig und ziemlich regelmäßig ausgezeichnet worden, u.a. im Downbeat. Oft gilt ja der Prophet im eigenen Lande nichts, wie man so schön sagt. Sie haben nun den goldenen Ring der Stadt Wien verliehen bekommen und die österreichische Post hat eine Sondermarke mit Ihrem Konterfei darauf gedruckt.

Es ist für mich keine riesige Sache, aber es ist eine schöne Sache. Es ist gut, wenn man anerkannt wird, ich bin da nicht unempfindlich. Ich habe so viele Awards gewonnen auf der ganzen Welt über so viele Jahre, dass es nicht dasselbe ist wie der erste – verstehen Sie, was ich meine? Wie meine Band das letzte Jahr zum ersten Mal...

Wir waren immer so in den Top, aber das erste Mal haben wir wirklich gewonnen! Als Band, nicht ich als Keyboarder. Das war ohnehin jedes Jahr der Fall. Und, das kann man gar nicht bestreiten, ich steh auf diese Preise und diese Awards, das ist lustig, ne? Aber dass meine Band gewonnen hat, hat mich mehr gefreut wie alles andere. Weil wir doch ein Team sind und darum geht es.

Joe Zawinul

Carina: Ein paar Worte zu dem neuen Album bitte, Herr Zawinul.

Joe: Ich glaube, dass diese Platte, die erste der Reihe, einen großen Eindruck machen wird. Es ist wirklich live, nix `rumgedoktert! – und hat eine Aussage. Eine neue Art des Musikmachens, wie in der Malerei, wo man zum Beispiel einen Baum als Detail irgendwo im Fernen sieht, ganz klein, aber doch sehr wichtig. Bei dieser Musik ist nicht alles "bamm, bamm, bamm," sondern es sind viele versteckte Sachen da – ganz im Hintergrund. Da muss man, als Hörer, wirklich die Ruhe haben, sich das entsprechend intensiv anzuhören. Aber so kann man sich an der Musik besser freuen – es sind wunderbare Kleinigkeiten, die ein Bild erschaffen…

Carina Prange

CD: Joe Zawinul - "Brown Street" (Intuition Music INT 34502)

Joe Zawinul im Internet: www.zawinulmusic.com

Intuition Music im Internet: www.intuition-music.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
Joe Zawinul - "Brown Street" - Review (erschienen: 16.1.2007)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 26.1.2007
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