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Curtis Stigers - "Jazz eats Pop"

Curtis Stigers hat eine neue – "seine" – Mission gefunden: Er hat die Welt des Jazz für sich wiedererobert. Sein vorletztes veröffentlichtes Album "You inspire me" wie auch das aktuelle "Real Emotional" bedienen sich dabei genreuntypischer Quellen und kleiden die Musik von Songwritern wie Billy Joel, Randy Newman, Joe Jackson oder Bob Dylan in ein ungewohnt jazziges Gewand. Und über allem schwebt schmeichelnd die warme Stimme von Curtis Stigers, dem Schwarm der Frauen.

Curtis Stigers

Jedoch – Sänger und Tenorsaxophonist Curtis Stigers wird, so ernst die Kehrtwende zum Jazz auch gemeint ist, wohl namentlich noch längere Zeit mit dem Pop-Business in Verbindung gebracht werden: Hits wie "Wonder Why", sein tief in Soul und Pop schürfendes Album "Time Was" aus dem Jahre 1995 und seine Zusammenarbeit mit Elton John, Eric Clapton oder Bonnie Raitt lassen sich schließlich nicht so einfach aus der eigenen Biographie streichen ...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Curtis Stigers

Carina: Dein erstes Album für Concord Records war eher ein puristisches Jazzalbum, dein zweites bildete noch eine Brücke zum Pop. Das aktuelle zeigt nun Popmusik aus der Sichtweise des Jazz – oder vielleicht: "Jazz absorbiert Pop". Wie hat sich das entwickelt?

Curtis: Also, um das zunächst klarzustellen: ich beanspruche nicht, etwas zu tun, was nicht andere vor mir bereits gemacht haben – ich erfinde das Rad nicht neu. Miles Davis hat seiner Zeit Popsongs aufgenommen und Ella Fitzgerald und Billie Holiday ebenfalls... – im Grunde gilt das für so ziemlich jeden Jazzmusiker. Beim Jazz ging es oft darum, den "Popsong des Tages" in einen Jazzkontext zu stellen. Und dann dachte ich, warum nicht mal "Standards" nehmen, die nicht von Cole Porter oder George Gershwin geschrieben wurden! Es war meine Herausforderung an mich, eine ganze Platte mit solchen modernen Klassikern zu füllen.

Curtis Stigers

Bereits auf meinem ersten Jazzalbum – "Baby Plays Around" – war je ein Song von Elvis Costello und von Randy Newman. "Secret Heart", mein drittletztes Album, enthielt aktuelles Material. Aber diesmal wollte ich die Sache bis zum Ende durchziehen. Und ich fand nicht nur zehn geeignete Songs, sondern Hunderte - so viele großartige Songwriter gibt es heutzutage! Mein persönlicher Ansatz für den Jazz besteht darin, aktuelle Songs zu finden, die im Jazzkontext funktionieren. Und wirklich, die Lieder auf diesem Album stammen alle aus den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern!

Carina: Eine jazzige Interpretation lässt einen Pop-Song oft dunkler, kontemplativer erscheinen. Muss diese Stimmung für dich bereits vordergründig in einem Song vorhanden sein oder hat das mehr mit deiner Art zu singen und zu arrangieren zu tun?

Curtis: Du kannst in jedem Song eine Menge verschiedener Dinge entdecken oder in ihn ineininterpretieren – ich jedenfalls. Ich neige aus irgendeinem Grund dazu, mich mehr in Richtung der dunkleren Seite zu orientieren. Ich habe schon immer Songs vorgezogen, die mich zum Weinen bringen, mich bewegen. Die dunkle Seite der Liebe scheint ja manchmal interessanter zu sein, als die glänzende, helle Seite. Ich weiß auch nicht, warum das so ist (lacht). – Ich suche manchmal extra danach, etwas düsterer zu gestalten. Aber es gibt auch humorvolle Uptempo-Songs auf diesem Album!

Carina: Was zählt für dich mehr: die beabsichtigte Botschaft desjenigen, der den Song geschrieben hat oder dein persönlicher Eindruck von Gefühl und Text eines Songs?

Curtis Stigers

Curtis: Wenn ein Song erstmal fertig ist, hat der Schreiber dazu gar nichts mehr zu sagen. Es ist dann mein Song! (lacht) Ich nehme diese Lieder auf, ich singe sie, weil ich sie mag. Wenn sie erstmal in meinen Händen sind, wird das zu meinem Job – sogar zu meiner Pflicht –, meine eigene Interpretation zu finden. Und manchmal kremple ich einen Song vollkommen um! Manchmal ist er aber auch dicht an dem dran, was der Songwriter beabsichtigt hat.

Unmöglich, zu wissen, was Irving Berlin sagen wollte, als er 1920 - oder wann auch immer - seinen Song schrieb. Auch schwerlich festzustellen, was Merle Haggard oder Lennon/McCartney gedacht haben. Aber das Wunderbare an einem großartigen Song ist: Ist er mit Integrität, Gefühl und einfach gut geschrieben - also mit ausgezeichneter Technik – dann hält er verschiedensten Interpretationen stand. In stilistischer Hinsicht ist es egal, ob du ihn als Country-Song interpretierst, oder als Blues- oder Jazz-Song, ob uptempo oder als Ballade, traurig oder fröhlich. Nun, es gibt Songs, die kannst du tatsächlich nicht düster interpretieren, oder umgekehrt: Es wäre unmöglich, aus "Sophisticated Lady" einen vor Freude überschäumenden Song zu machen. Es gibt sie, die wirklich dunklen Songs, die du auch immer wieder genau so umsetzen wirst, weil sie einfach so geschrieben sind.

Carina: Larry Goldings ist der Co-Produzent, Pianist, Organist und Co-Arrangeur deines Albums. Wie würdest du eure gegenwärtige Zusammenarbeit beschreiben?

Curtis: Larry und ich stehen dem Jazz mit derselben Offenheit gegenüber. Viele Jazzpianisten würden nicht mal in Erwägung ziehen, einen Song von Randy Newman oder den Beatles zu verjazzen. Die wehren sowas ab. "Nee, nee, das ist doch kein Jazz," würdest du zu hören kriegen. Larry ist in dieser Hinsicht offen; vielleicht auch, weil wir im selben Alter sind: Wir sind ebenso mit Popmusik groß geworden, wie mit Jazz.

Curtis Stigers - "Real Emotional"

Er ist offizieller Co-Produzent meines Albums, weil wir noch enger zusammengearbeitet haben als sonst. Bei den anderen Platten haben wir ja auch alles zusammen arrangiert, aber bei dieser hat sich Larry erstmalig auch beim Mixen des tatsächlichen Album-Sounds eingebracht. Es wurde einfach Zeit, dass das auf einer Platte auch zu lesen sein ist.

Carina: In Bezug auf kommerziellen Erfolg warst du ja im Pop-Business weit gekommen. Jazzmusik, das Vermischen unterschiedlicher Genres und musikalischer Welten – ist das eher eine Herzensangelegenheit, eine Sache des Gefühls?

Curtis: Weißt du, heutzutage spiele ich Musik, die ich mag – ganz einfach. Jahrelang hat mich immer jemand damit genervt, Hits zu schreiben; das sei alles, was zählte. Am Ende saß ich ganz oft nur noch zuhause rum, ohne Musik zu machen. Und wartete auf den Hit. Das war deprimierend... wirklich frustrierend!

Also traf ich die Entscheidung, das zu ändern. Auch wenn das bedeutete, meine Karriere zu demontieren, die ich mir als Popsänger aufgebaut hatte, sie zu zerstören. Dazu war ich bereit. Damit ich endlich wieder "einfach nur" Musik machen könnte, wieder ein Live-Performer sein könnte. Und – in gewisser Hinsicht kann man das so sagen - ich trotzte der Plattenfirma. Ich erklärte ihnen, ich würde nicht mehr tun, was sie wollen, auch wenn sie sich auf den Kopf stellen! Jahrelang konnte ich keine Platten einspielen, weil man mich nicht aus dem Vertrag ließ.

Als ich endlich aus dieser Klemme raus war, konnte ich damit beginnen, meinen Weg zu finden. Die Art von Alben aufzunehmen, die ich machen wollte. Und es führte mich schließlich zu dem zurück, womit ich aufwuchs - zum Jazz.

Die Liebe zur Musik, darum dreht sich für mich alles. Und ich kann davon leben – zwar nicht von Plattenverkäufen – aber davon, auf Tour zu gehen. Ich verdiene mein Geld mit Konzerten. Es gibt ja nur ein paar Leute im Jazz, die genug Alben verkaufen, um wirklich damit Geld zu machen. Ich verdiene, wie die meisten Jazzmusiker, meinen Lebensunterhalt "on the road".

Curtis Stigers

Carina: Viele Saxophonisten beschreiben ihre Herangehensweise an ihr Instrument als diejenige eines Sängers. Du, hast du mal gesagt, machst es genau andersherum: Singen mit der Einstellung eines Bläsers. Bitte erläutere das mal!

Curtis: Ja, das ist schon irgendwie witzig! Viele Bläser wollen die menschliche Stimme nachahmen, die ja das die Gefühle am meisten ansprechende "Instrument" ist, gewissermaßen. Ich habe als Saxophonist angefangen, und deswegen phrasiere ich – als Sänger – ganz automatisch wie ein Saxophonist. Oder, besser gesagt, so wie ich gerne Saxophon spielen würde. Ich denke, im Singen bin ich besser; als Sänger habe ich mehr Techniken und Feinheiten drauf, denn als Saxophonist. Andersherum wird mein Saxophonspiel natürlich auch durch meine Gesangstechnik beeinflusst.

Aber auch der Einfluß von Gitarristen auf meine Musik ist erheblich. Ich bin damit groß geworden, B. B. King und Albert King auf dem Saxophon nachzuahmen. Und sicher steckt das auch in meinem Gesang mit drin. Ich habe im Grunde von allen geklaut! (lacht) Und ich denke, jeder, der halbwegs ehrlich ist und gut in dem, was er macht, wird zugeben, dass er von den ganz Großen abgekupfert hat. Man hat gelernt, wie man das Ganze am besten vermischt; das nutzt, was einem gefällt und über Bord wirft, was einem nicht in den Kram passt. Daraus entwickelt sich dann deine eigene Persönlichkeit, deine eigenständige Stimme. Eigentlich handelt es sich dabei aber um ein Bündel von Einzelstimmen, die sich in einer Person vereinigen und den eigenen Sound ergeben. Der dann all das umfasst, was hinzugefügt wurde.

Carina Prange

CD: Curtis Stigers - "Real Emotional" (Concord / Universal)

Curtis Stigers im Internet: www.curtisstigers.com

Universal Music im Internet: www.jazzecho.de

Fotos: Universal (Promo)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 15.8.2007
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