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Charlie Mariano - "Der lyrischste Ton seit…?"

Das 80. Lebensjahr hat der Saxophonist Charlie Mariano schon längst überschritten – was ihn nicht daran hindert, ein Tour- und Projektpensum an den Tag zu legen, von dem so mancher End-Dreißiger überfordert wäre. Von daher muss die Journalistin schonmal nach Magdeburg reisen, um den agilen Herrn Mariano persönlich zum Gespräch treffen zu können.

Charlie Mariano

Wenn dann die Deutsche Bahn wieder zeigt, was sie kann, nämlich enorme Verspätungen produzieren, wird so ein Interview zum kleinen Abenteuer. Charlie Mariano hingegen bringt so schnell nichts aus der Ruhe, bangt doch die Journalistin bereits, weil die Zeit für Soundcheck, Abendessen und Interview viel zu kurz scheint. Letztlich geht es aber doch irgendwie, das Leben ist ja bekanntlich bunt. Der Soundcheck mit Wolfgang Dauner dauert ganze fünf Minuten – trotzdem die Herren sich über ein Jahr nicht gesehen haben. Sie kennen sich und ihre Instrumente eben in- und auswendig. Abendessen und Abendgarderobe anlegen? Eine Sache von Minuten.

Charlie Mariano ist nicht nur ein bemerkenswerter Musiker, eine Koryphäe am Sax, sondern auch ein Mensch, dessen in Indien erlernte Gelassenheit zu spüren ist. Und so steht eine halbe Stunde vor dem Konzert – im schwarzen Country-Hemd mit Blumenstickerei - ein völlig entspannter, gut gelaunter Herr Mariano Rede und Antwort, als hätte er alle Zeit der Welt. Und die hat er ja auch.

Carina Prange sprach mit dem musikalischen Weltenbummler vor dem Konzert im Kaufhaus Karstadt, Magdeburg.

Carina: Sie sind einer der letzten Vertreter der Bebop-Ära.

Charlie: (kichert) Stimmt!

Carina: Wenn Sie einen Blick zurückwerfen, war Ihnen damals bewusst, dass das, was Sie gespielt haben, Bebop ist? Oder kamen diese Etikettierungen später dazu?

Charlie: Die kamen später. Aber es war mir die ganze Zeit durchaus klar, dass es Bebop war, was ich da machte. Als ich damit anfing, spielte noch kaum jemand so. Und dann wurde es zur Bewegung und die ganzen Kids wollten plötzlich alles wissen über … Bebop! Logisch, Leute wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie waren so phantastisch, dass es an ihnen kein Vorbeikommen gab. Keine Chance!

Charlie Mariano

Carina: Was können Sie, als ein Musiker mit Erfahrung, den Jüngeren vermitteln? Vielleicht nicht nur den Musikern, sondern generell der jungen Generation?

Charlie: Das ist schwer zu beantworten, ich bin nicht sicher. Das hängt stark von meinem Gegenüber ab. Vielleicht, dass sie meine Musik mögen können, obwohl sie einen ganz anderen Hintergrund haben oder einen anderen Stil. Mag sein. Keine Ahnung – ich habe sie nämlich nie gefragt. Vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, oder?

Charlie Mariano - "Silver Blue"

Carina: Aber für viele ein Vorbild als Saxophonist zu sein, das bedeutet schon etwas.

Charlie: Durchaus. Wenn's so ist, dann finde ich das schmeichelhaft. Das ehrt mich, weil oft denke ich mir, wenn ich einen von den Jungen höre, hey, so müsste man spielen können!

Carina: Haben Sie eine spezielle Übemethode um technisch fit am Instrument zu bleiben?

Charlie: Vor Jahren musste ich eine Menge üben. Inzwischen reicht's, wenn ich das Sax einmal im Monat in die Hand nehme.

Carina: Der Körper erinnert sich?

Charlie: Nein nein, das Gehirn! Das Gehirn erinnert sich.

Charlie Mariano

Carina: Ihr letztes Album heißt "Silver Blue". Was für ein Konzept steht dahinter, welche Intention haben Sie mit der Musik?

Charlie: Nun, die Sache ist die – das ist alles innerhalb von zwei Tagen aufgenommen worden!

Am ersten Tag spielten wir Kompositionen von mir und am zweiten Tag Standards. Ich hatte ein Trio im Studio, Jean-Christophe Cholet, Heiri Känzig und Marcel Papaux – mit den Leuten hatte ich früher schon gespielt und es sehr genossen.

Der Produzent, Arno Winkelmann, hatte mich zusammen mit ihnen gehört und wollte unbedingt eine Aufnahme machen. Tja, so kam es dazu. Und dann hat Enja es spitz gekriegt und die haben sich von der Session geschnappt, was ihnen eben gefiel. Daher ist es eine Mischung aus Eigenkompositionen von mir und Standards.

Charlie Mariano

Carina: Gab es den CD-Titel schon vor den Aufnahmen?

Charlie: Silver Blue? Ich habe nicht mal eine Ahnung wo der herstammt. (lacht) Ist aber doch ganz hübsch, oder?

Carina: Gibt es etwas in der Musik oder im Leben, dass Sie noch erreichen wollen, ein Projekt oder eine Idee, etwas was Sie demnächst angehen wollen?

Charlie: Ich habe mal mit Streichern gearbeitet. Ich mag das sehr, haufenweise Streicher. Ich würde gern wieder etwas in der Richtung machen. Wer weiß? Wenn ich Glück habe, klappt's vielleicht auch…

Carina: Haben Sie eine Lebensphilosophie?

Charlie: Ja! Ich will solange lebendig bleiben, wie's geht! (lacht)

Carina Prange

CD: Charlie Mariano - "Silver Blue" (Enja Records ENJ-9507 2)

Enja Records im Internet: www.enjarecords.com

Fotos: Pressefotos

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erschienen: 13.10.2007
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