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Beat Kaestli - "Von Happy zu Sad"

An der Sicht kann es nicht gelegen haben, dass der gebürtige Schweizer Beat Kaestli seine Heimat Richtung New York verlassen hat. Verstellen einem im Land des Emmentaler große Bergmassive die Sicht, so sind es im Big Apple die Wolkenkratzer. Musikalisch aber hat ihn dieser Schritt sicherlich weiter gebracht.

Beat Kaestli

Nun ist der Mann mit der klaren Stimme und den ganz eigenen Arrangements amerikanischer Jazz-Klassiker wieder in Europa zu erleben. Aber vorher drückt er in New York noch die Schulbank...

Hermann Mennenga sprach für Jazzdimensiisions mit Beat Kaestli

Hermann: Du sitzt gerade an deinem „master“. In welchem Fach und zu welchem Zweck?

Beat: Es ist ein Masters in Jazz Gesang. Es ist mein "Plan B", einmal zu unterrichten. Ich habe bereits einige Masterklassen in den USA gegeben, und ich merke, dass es mir unheimlichen Spaß macht zu sehen, wie durch meine Anleitung ein Schüler langsam Fortschritte macht. Tja, und somit gehe ich momentan wieder zur Schule und lerne!

Hermann: Bevor wir gleich über deine Musik sprechen, kommen wir zuerst einmal zu deinem Namen. Kann man allen Ernstes damit in den USA Karriere machen?

Beat: Also, die Frage sollte heißen: Kann man mit einem solchen Namen irgendwo Karriere machen? (lacht)
Die Antwort ist – JA! Am Anfang finden es alle etwas lustig – englisch: "beat" – doch nach einer Erklärung, dass der Name vom lateinischen "beatus", also "glücklich" kommt, finden sie es plötzlich toll und freuen sich über die Doppelbedeutung. Danach bleibt ihnen der Name auch im Gedächtnis und sie können mich nicht so schnell wieder vergessen...
Mir wurde auch schon gesagt, dass mein Name sehr exotisch klingt... Who knows?!

Beat Kaestli

Hermann: Du bist vor rund 14 Jahren in die Staaten ausgewandert, weil dir die Schweiz und besonders deine Heimat Bern zu eng geworden waren. Jetzt kehrst du häufiger in die alte Heimat zurück. Warum?

Beat: Also, so richtig zurückgekehrt bin ich ja nicht, aber ich habe nach all den Jahren in New York immer mehr das Bedürfnis, meine europäischen Wurzeln wieder zu erforschen, auch musikalisch. Der erste Schritt war dann das Henry Purcell Stück „When I'm laid in earth" (von der CD „Happy, sad and satisfied“; Anm. des Autors), und der zweite dann meine erste Tour in Europa mit meiner eigenen Musik seit meiner Auswanderung. Der dritte Schritt ist jetzt in Bearbeitung – nämlich meine neue CD welche dem europäischen Songs gewidmet ist.

Beat Kaestli - "Happy, sad and satified"

Hermann: Darüber werden wir gleich noch sprechen. In New York hast du dich mittlerweile etabliert; du trittst in so bekannten Clubs wie dem "Jazz Standard" oder dem "Birdland" auf. Wie lange hat es gedauert, bis dir diese Türen offen standen?

Beat: Lustigerweise habe ich im Birdland bereits sehr früh gespielt – auch als ich noch mehr Fusion, also R&B, machte. Es war ja damals noch auf der 105. Straße, ganz nahe an Harlem. Danach habe ich mich voll dem Pop gewidmet und ganz andere Clubs gespielt. Nach der Veröffentlichung von "Happy, Sad and Satisfied" bin ich dann wieder zurück zu den Jazzclubs und es dauerte nur sechs Monate, bis ich als Newcomer im Jazz Standard einen Gig hatte, denn dem Booker gefiel einfach die Musik sehr.

Hermann: Hört sich ja recht einfach an... Du hast bisher mit ganz unterschiedlichen Leuten und Formationen gespielt, wie z.B. dem Glenn Miller Orchestra oder dem Pianisten Uli Geissendoerfer. Tue ich dir mit der Aussage Unrecht, dass dein Repertoire eher im Standardbereich angesiedelt ist?

Beat: Meine musikalisch Geschichte beginnt mit R&B und Funk in Garagenbands und Eigenkompositionen. Seither habe ich eine Pop-Platte gemacht, war auf Tour mit Gospel Chören aus Harlem, habe Musicals gemacht, das Glenn Miller Orchester usw.. – also ich würde nicht unbedingt sagen, dass mein Repertoire sich nur auf Standards bezieht... (lacht)

Was den Jazz anbelangt, habe ich natürlich die Standards singen und lieben gelernt und meine CD "Happy, sad and satisfied" reflektiert dieses Liebesverhältnis mit dem American Songbook auf meine ganz eigene Art, nämlich durch die Arrangements der Stücke. Mein jetziges Projekt hat mehrheitlich aber Eigenkompositionen.

Beat Kaestli

Hermann: Kannst du dich gut auf neue Partner einstellen?

Beat: Also in der Musik geht es besser als im Privatleben... (lacht) Nein, es muss natürlich sowohl musikalisch wie auch persönlich stimmen, wenn ich mit Musikern kollaboriere. Sonst läuft da bei mir gar nichts! Ich muss mich wohl fühlen können, um kreativ zu sein und mein Bestes zu geben!

Hermann: „Happy, sad and satisfied“ lautet der Titel deines letzten Albums unter eigenem Namen. Wie kam es zu diesem, doch etwas widersprüchlichen Titel?

Beat: Es ist wie das Leben und die CD spiegelt meinen Werdegang als Musiker in New York – von happy zu sad wieder, und jetzt bin ich sehr oft an einem Punkt, wo ich mich sehr satisfied fühle – auch mit dieser CD, welche wirklich zum ersten Mal meine musikalische Person ausdrückt. Und eigentlich möchte ich auch immer mehr der happy-Typ sein. Positive Gedanken bringen positive Geschehnisse! Da glaube ich fest dran!

Hermann: Viele der Musiker, die an der CD mitgewirkt haben, kennt man in Deutschland eher wenig, obwohl es sich durchweg um gute Musiker handelt. Nur ein Name fällt natürlich sofort ins Auge: der Schlagzeuger Jochen Rückert aus Deutschland, der mittlerweile ebenfalls in New York lebt. Wie habt ihr zwei euch kennengelernt?

Beat: Durch meinen wunderbaren Pianisten Ben Stivers. Er hat ihn für die Session von „Happy, sad and satisfied“ vorgeschlagen und ich bin jetzt ein Fan!

Hermann: Du bist ab November wieder in Europa auf Tour. Ist es dir nicht ein bisschen zu stressig, immer zwischen der neuen und der alten Welt zu pendeln? Immerhin kommst du ja mehrmals im Jahr hierher.

Beat: Es ist schon ein bisschen stressig, aber es macht auch unheimlich Spaß, meine Musik nicht nur in den USA und Kanada zu präsentieren!

Hermann: Was erwartest du von der Tour, und was dürfen die Hörer erwarten?

Beat: Erwarten tue ich gar nichts, doch freue ich mich natürlich sehr, wenn dem Publikum meine Musik gefällt und wir beide einen tollen Abend erleben können! Ich finde, dass ein Konzert nicht eine einheitliche Sache ist, wo der Performer Lob erwarten kann, sondern es sollte bestenfalls ein positiver Austausch von Emotionen sein – ob nun durch Musik oder Applaus oder ein Lächeln...

Beat Kaestli

Hermann: Du warst im Sommer u.a .bei der Jazz Rallye in Düsseldorf. Hat das mittlerweile dazu beigetragen, dass der Name Beat Kaestli in Deutschland bekannter geworden ist?

Beat: Ich denke mir schon, dass es sich positiv ausgewirkt hat, auch beim Booking. Das Konzert war auf jeden Fall genau so wie ich es gerade beschrieben habe! Einfach toll und ich denke mir, dass das zahlreiche Publikum mir zustimmen würde!

Hermann: Was ist mit deiner alten oder ehemaligen Heimat, der Schweiz? Gibt es auch dort vermehrt Interesse an deiner Musik?

Beat: Auf jeden Fall – je mehr ich da bin desto mehr Interesse gibt es und wir sind bis jetzt überall wieder eingeladen worden wo wir gespielt haben.

Hermann: Du hast es vorhin schon angeschnitten, du arbeitest gerade an einer neuen CD. Erzähl mal was darüber...

Beat: Bis jetzt heißt sie "Far From Home"...

Hermann: Wie passend...

Beat: ... ja, und ist dem europäischen Song gewidmet, von Komponisten wie z.B., Weill, Legrand, Bizet, aber auch Annie Lennox – tolle Stücke, ganz neu arrangiert! Ein bisschen die Wiedererforschung meiner musikalischen Heimat von New York aus, deshalb auch der Titel. Auf der neuen Platte werden sich auch viele Collaborations mit jungen europäischen Komponisten befinden, wie z.B. Tino Derado und Sven Faller. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten!

Hermann: Letzte Frage: Du hast mir in einem anderen Interview mal angedeutet, dass du dich wieder mehr Richtung Europa orientierst, nicht nur musikalisch. Ist dem noch so, oder ist und bleibt New York deine „homebase“?

Beat: Dem ist auf jeden Fall so. Nach vierzehn Jahren NYC weiß ich nun auch, was mir hier gefällt und was ich an Europa vermisse! Homebase bleibt aber vorerst noch New York, denn es ist mittlerweile auch zu meiner Heimat geworden!

Hermann Mennenga

CD: Beat Kaestli - "Happy, sad and satisfied"
(B&B Productions 837101089739)

Beat Kaestli im Internet: www.beatkaestli.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2007
erschienen: 8.11.2007
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