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Adam Pieronczyk
- "Krakauer Impressionen"

Gemeinsam mit dem Pianisten Leszek Mozdzer gehört Adam Pieronczyk zu jenen eigenwilligen Jazzmusikern der jüngeren Generation, die für die gegenwärtige polnische Jazzszene richtungsweisend sind – und ihren eigenen Weg gehen. Mozdzer und Pieronczyk lernten sich mit 25 Jahren kennen und sind "über Jahre musikalisch, vor allem als Duo, erwachsen geworden."

Adam Pieronczyk

Dieser Tage ist der Tenor-, Alt- und Sopransaxofonist Adam Pieronczyk mit unterschiedlichen eigenen Kleinformationen unterwegs, um, wie er sagt, die Grenzen des Jazz stets neu auszuloten. Seine sehr intuitive Spielweise pflegt er außerdem auf der Zoucra, einem arabischen Volksinstrument, das er sich vor einigen Jahren aus Tunesien mitgebracht hatte.

Carina: Deiner Musik und deinem Saxophonspiel werden einerseits Virtuosität, Präzision und Intellekt, andererseits hohe Emotionalität bescheinigt. Wie sieht es aus – sind Gefühl und Verstand für dich zwei gegeneinander kämpfende Pole, die sich manchmal ausschließen? Oder sorgen sie für hohe musikalische Spannung?

Adam: Interessante Musik ähnelt schöner Sprache und guter Kommunikation. Jeder Instrumentalist hat fast die gleichen Mittel zur Verfügung, um die Gesetze der Musik zu erlernen. Wenn man solch eine solide Basis besitzt, kann man beginnen, seine Musik in eine eigene Richtung zu steuern und sie individuell zu entwickeln. Hier sind der Phantasie und Kreativität praktisch keine Grenzen gesetzt.

An dieser Stelle ist meiner Meinung nach der Intellekt gefragt, der sich meistens in den Kompositionen und dem Bandkonzept äußert – meine Regel Nummer eins dabei: sich treu zu bleiben und vor allem die Musikalität nicht zu vernachlässigen! Es brächte dem Künstler und seinem Publikum nichts, wenn er, auf Teufel komm raus, versuchen würde, unehrlich etwas Ultramodernes wider sein Gefühl zu erschaffen.

Und hier spreche ich automatisch den anderen Aspekt an, nämlich die Emotionalität. Sie ist beim Musikmachen ab einem gewissem Punkt sogar wichtiger als der Verstand. Denn auf der Bühne – ich rede hier von improvisierter Musik –, sollte man sich bemühen, all das, was man gelernt hat, möglichst zu vergessen und sich auf das momentane Geschehen und die intuitive Kommunikation mit den Musikern in der Band konzentrieren: Ein Solo wird nicht durch geübte Skalen und Akkorde besser, sondern viel mehr durch wichtige Lebenserfahrungen.

Adam Pieronczyk

Carina: Und welche elektronischen "Hilfsmittel" verwendest du gerne – inwieweit ist die Elektronik dem akustischen Spiel über- oder unterlegen?

Adam: Elektronik fasziniert mich seit Jahren, da sie uns mit der Personal-Computer-Ära unbegrenzte neue Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Ich habe auf Reisen immer meinen Laptop und ein kleines Keyboard dabei, da ich auf diese Art und Weise überall spontan arbeiten kann. Das ist ein sehr praktisch und ging vor ein paar Jahren so noch nicht. Es ist einfach sehr befriedigend, wenn man beim Musikschreiben tausende von Klängen zur Verfügung hat und auch nicht auf ungewöhnliche Instrumente verzichten muss. So kann ich mir schnell ein eigenes Stück, das ursprünglich für eine herkömmliche Besetzung wie z.B. Saxophon, Trompete, Bass und Schlagzeug vorgesehen war, in einer ungewöhnlichen Instrumentierung wie Harfe, Oboe, Cello und Timpani anhören. Ein großes Stück Freiheit und Zeitersparnis!

Ich finde, dass all diese Möglichkeiten die heutige elektronische Musik weit nach vorne gebracht haben. Sie hat sich in den letzten Jahren erheblich mehr entwickelt als die improvisierte Musik und der Jazz. Wir haben nämlich in der akustischen Instrumentenwelt nicht so viele Neuerungen und dadurch auch weniger Anreiz bekommen. Ich sehe die Elektronik für mich zwar als große Inspirationsquelle – sie spielt aber eindeutig eine untergeordnete oder ergänzende Rolle, da ich ein akustischer Musiker bin und bleiben möchte.

Adam Pieronczyk

Carina: Du lebst derzeit in Krakau. Bist du in Deutschland und Polen gleichermaßen häufig anzutreffen? Gibt es in Krakau eine aktive, innovative Jazzszene? Was ist für dich das Besondere an dieser Stadt?

Adam: Ich kann seit längerer Zeit meinen Traum leben, alle paar Jahre den Wohnort wechseln zu können. Nach Saarbrücken, Essen, Warschau, Leipzig und Berlin bin ich vor über zweieinhalb Jahren in Krakau gelandet. Früher hatte ich dort oft während meiner Tourneen gespielt und jedes Mal ein wenig traurig die Stadt verlassen müssen. Dabei habe ich mir oft leise versprochen, bei Gelegenheit für eine Weile dorthin zu ziehen.

Diese Stadt war schon immer eine Künstlerstadt gewesen und wird auch heute noch, glaube ich, als Kulturhauptstadt Polens angesehen. Es ist gleichzeitig die einzige Großstadt Polens, die während des 2. Weltkriegs nicht zerstört worden, deren Originalarchitektur erhalten ist. Man kann hier unzählige Rotziegelkeller finden, einige sogar aus dem 12. Jhd., die sich perfekt für Musikclubs eignen und so auch genutzt werden. Hier ist im 14.Jhd. die älteste Universität Polens gegründet worden und dies macht Krakau auch heute noch zu einer attraktiven Studentenstadt. Da ich sehr viel unterwegs bin, ist Krakau für mich im Moment der perfekte Ort, an den ich gerne zurückkehre, an dem ich mich wohl fühle und wo ich neue Kräfte sammeln kann. Die Szene hier ist sehr gemischt, aber zum größten Teil mainstreamorientiert.

Adam Pieronczyk Trio - " Live in Berlin"

Carina: Als du an der Folkwang-Hochschule in Essen studiert hast, waren Matthias Nadolny, Hugo Read und Wollie Kaiser für dich wichtige Dozenten…

Adam: Alle drei sind sehr gute Saxophonisten; völlig unterschiedliche Typen als Musiker und Menschen. Und, was für mich sehr wichtig war: sie sind keine trockenen Pädagogen, sondern aktive Musiker. So konnten wir, neben der Beschäftigung mit Theorie und Technik, einfach spielen und uns über den normalen Musikeralltag unterhalten. Am längsten hatte ich bei Matthias Nadolny Saxophonunterricht, eher kurz bei Hugo Read und nebenbei Flötenunterricht bei Wollie Kaiser.

Carina: Improvisation, elektronische Musik, Neue Musik – das sind drei wichtige Orientierungen für dich als Musiker. Wo siehst du dich heute selbst – welche Bezeichnung würdest du deiner Musik gerne geben und wo liegen für dich neue Herausforderungen in musikalischer Hinsicht für die Zukunft?

Adam: Ich will den umgekehrten Weg gehen, den die elektronische Musik eingeschlagen hat, nämlich keine akustische Instrumente kopieren. – Da ich mich seit Jahren mehr von der Elektronik als vom Jazz beeinflussen lasse, versuche ich die Stimmung der synthetischen Musik auf akustische Instrumente zu übertragen. Da ich dabei selbst einen starken Jazzbackground habe und die Improvisation für mich eine große Rolle spielt, hoffe ich, dass das Ergebnis etwas ungewöhnlich klingen mag – traditionell und modern zugleich.

Adam Pieronczyk

Carina: Die Gazeta Wyborcza hat ja mal geschrieben, du seist "einer der fünf wichtigsten Musiker, die im XXI. Jahrhundert den größten Einfluss auf den Jazz in Polen haben werden." Wie stehst du zu diesem Statement? Siehst du dich als Motor der polnischen Jazzszene?

Adam: Dies ist eine Frage, die ich nicht gerne beantworte und auf die ich keine klare Antwort habe. Es ist für mich natürlich sehr angenehm, soviel positives Feedback zu bekommen. Ich werde dadurch motiviert, weiter zu machen, und erhalte eine Art Bestätigung, die jeder Künstler in seinem Schaffen braucht … wenigstens ab und zu. Andererseits war für mich Kritik, sowohl positive als auch negative, schon immer sehr relativ. Überall auf der Welt treffe ich viele sehr gute Musiker, die dennoch unbekannt sind – das hilft, die nötige Distanz zu behalten.

Carina Prange

CD: Adam Pieronczyk - "Live in Berlin" (Meta Records meta 034)

Adam Pieronczyk im Internet: www.adampieronczyk.com

Meta Records im Internet: www.metarecords.de

© jazzdimensions 2007
erschienen: 24.7.2007
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