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Ketil Bjørnstad - "Die Beschränkung aufs wirklich musikalisch Erforderliche"

Ein hohes Maß an künstlerischer Produktivität kann man dem Norweger Ketil Bjørnstad wohl mit Fug und Recht zugestehen - so hat er als Pianist eine ganze Reihe erfolgreicher Alben, unter anderem bei dem renommierten ECM-Label veröffentlicht, darüber hinaus aber als Buchautor rund zwanzig Romane geschrieben, mit denen er auch über sein Heimatland hinaus erfolgreich ist: als letztes erschien seine psychologisch vielschichtig strukturierte Familiensaga "Villa Europa".

Ketil Bjørnstad

Obwohl man Bjørnstad heute musikalisch dem Jazz zurechnet (was er nicht recht gelten lassen möchte), seine Ursprünge liegen ganz in der Klassik – seinen Einstand gab er 1969 mit Bartóks drittem Klavierkonzert im Osloer Philharmonischen Orchester.

Carina Prange sprach in Berlin mit Ketil Bjørnstad

Einige Zeit sah es so aus, als wenn Bjørnstad genau dabei bleiben würde – wäre, ja wäre da nicht die, gerade in jenen Jahren pulsierende, Szene Oslos gewesen, mit ihren Jazzmusikern, Malern, Schauspielern, die sich alle gegenseitig befruchteten und beeinflussten. Der ihm neue, vergleichsweise spielerische Ansatz der Jazzmusiker – unter ihnen beeindruckte ihn besonders der Gitarrist Terje Rypdal – brachten den damals achtzehnjährigen, jungen Musiker von seiner vorgezeichneten Bahn ab. "Ich begann mich zu fragen", erinnert Bjørnstad sich, "ob es wirklich die klassische Musik sei, die ich den Rest meines Lebens machen will? Nur reproduzieren und die Musik anderer Meister interpretieren? Die Antwort, die ich mir gab, lautetete: Nein!"

Ketil Bjørnstad

Ab diesem Moment sei ihm klar geworden, was er wirklich wolle: seine eigene Musik schreiben und spielen können. Hiermit fiel vor 35 Jahren eine grundlegende Entscheidung, die Ketil Bjørnstads Lebensweg nachhaltig prägen sollte. In Folge wurde das damalige Jazzzentrum, der Osloer "Club 7" zu etwas wie Bjørnstads zweiter Heimat - er freundete sich mit Jazzmusikern wie Arild Andersen oder Jon Christensen an und wirkte bei zahlreichen Sessions mit, die auch seine spätere Karriere beim Label ECM begründen sollten: "Oslo war eine wirklich internationale Stadt. In den ‚Club 7' kamen damals Leute wie Miles Davis, auch Manfred Eicher von ECM tauchte in jener Zeit hier auf und begann in der Stadt seine Platten zu produzieren."

Bei all seinem Eintauchen in die Szene, versucht man Bjørnstad etwa als Jazzmusiker einzuordnen, bekommt man von ihm kategorischen, gleichwohl mit viel Respekt für diese Musik unterlegten Protest zu hören: "Ein Jazzmusiker, wie ich das verstehe, bin ich mit Sicherheit nicht… Ich habe nie Bebop gespielt, nie wirklich richtig den Swing. Ich habe auch nicht diese ganzen Jazzstandards im Repertoire, könnte also nicht einfach so im Rahmen einer jener üblichen Jam-Sessons bei ‚Stella by Starlight' mithalten."

Ketil Bjørnstad - "Floating"

Eine komplette Abnabelung und Lossagung von der Klassik, lacht er, hätte sein Richtungswechsel ohnehin nicht bedeutet – im Gegenteil, sein eigentlich klassischer Ansatz und die entsprechende Ausbildung seien ihm durchaus von Nutzen.

"Ich liebe es, diese Möglichkeiten zu haben, die die Klassik mir bietet – sowohl ihre Spieltechnik, als auch ihr Repertoire. Manchmal improvisiere ich und verwende spontan ein Motiv aus einem Werk von Chopin, Grieg oder Brahms. Das schlüssig einzubinden, ist für mich eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle."

Auf die Durchschlagskraft der klassischen Technik schwört Bjørnstad – man müsse zwar viel üben, um diese Kraft in den Fingern zu haben, "aber das eröffnet auch Wege – beispielsweise wenn ich mit Terje Rypdal spiele und als Einzelner sein ganzes Orchester ersetzen muss!", schmunzelt Bjørnstad. "Da kommt es gut, wenn ich die Akkorde richtig wild und laut raushauen kann."

Ketil Bjørnstad

Tatsächlich phrasiert Bjørnstad nicht, wie die Jazzmusiker über Skalen, sondern spielt melodische Variationen über Akkorde. Von anderen Eigenheiten der klassischen Spielweise hat er sich hingegen weitestgehend verabschiedet – eines seiner Mottos könnte "Reduktion" lauten, die Beschränkung aufs wirklich musikalisch Erforderliche. Diese Zurückhaltung vielen Noten gegenüber geht allerdings zum guten Teil auf seine Jahre bei ECM-Records zurück und vor allem auf die Schirmherrschaft von dessen Labelchef Manfred Eicher.

"Bei den Aufnahmen zu 'Waterstories' nahm er mich beiseite und fragte mich, ob ich diesen… – ich glaube 'Notenwust' sagte er –, ob ich den nötig hätte: 'Spiel nicht so ornamentiert – das ist zu sehr Keith Jarrett!' Aber das machte Manfred mit jedem, er hinterfragt stets die Notwendigkeit jedes Tons."

Tatsächlich verzichtet Bjørnstad seitdem fast immer auf Verzierungen und Vorschlagnoten; auch heute noch, obwohl er sich um der eigenen künstlerischen Freiheit willen von ECM längst verabschiedet hat. "Ich denke hin und wieder daran zurück, an Manfreds ‚Brauchst du wirklich ...?' Das hilft mir jedesmal, mir dessen bewusst zu werden, was ich tue." In der Übertreibung der Reduktion läge aber auch eine Gefahr: "Simplizität exzessiv und kalkuliert betrieben wird langweilig."

Ketil Bjørnstad

Das Gegenteil von langweilig ist für ihn die – jazzbezogen "klassische" – Besetzung des Klaviertrios, mit der er sein aktuelles Album "Floating" einspielte. Vor der Herausforderung des Trioformats habe er lange zurückgescheut, nicht ganz grundlos, wie er meint: "Im Trio, wenn man in die Vergangenheit blickt, wurden einerseits die allerschönsten, andererseits aber auch die langweiligsten Aufnahmen der Jazzgeschichte eingespielt. Alles hängt hier am Pianisten – aber das wirklich schlimme wäre, wenn sich die Kompositionen am Ende als nicht tragfähig genug herausstellen. Auf Standardstücke wollte ich keinesfalls zurückgreifen."

Die entsprechende Vorbereitung war ihm wichtig, zumal bei seinen bisherigen Platten die tragende melodische Rolle von anderen Instrumentalisten übernommen wurde. "Ich wollte andere Klanglandschaften, nichts, was sich anhört wie eine durchschnittliche Jazzsession. Und weil da, anders als sonst, kein Cello und keine Gitarre dabei sind, war es gleichzeitig eine Herausforderung, auch den melodischen Part zu erfüllen."

Die andere Angstklippe jedes Pianisten hingegen hatte Bjørnstad da bereits mit Bravour gemeistert – das Einspielen eines Soloalbums mit eigenem Material. Dies ist eng verbunden mit Bjørnstads Osloer Lieblingsstudio, dem Rainbow Studio, mit dessen Tonmeister Jan Erik Kongshaug ihn eine enge Freundschaft verbindet.

Ketil Bjørnstad

"Ich hatte dort viel aufgenommen, auch solo. Ich war etwas traurig, als das Studio aus verschiedenen Gründen in neue Räume umziehen sollte und bat Jan Erik, dort, auf dem alten Flügel, noch einmal aufnehmen zu dürfen. Dies entpuppte sich als Beginn eines Projekts, das ich als ‚die Rainbow-Sessions' bezeichne und das zum Jahresende [2006, d. Red.] wohl als 3CD-Box veröffentlicht wird."

Der zweite und dritte Teil jener Sessions - dazwischen waren noch die Trioaufnahmen für "Floating" geschoben worden – fand dann bereits in den neuen, akustisch höchst überzeugenden Studioräumen statt. Bjørnstad saß für diese Aufnahmen jedoch nicht mehr am gleichen Flügel, sondern an einem von Kongshaug neu erworbenen Steinway D Modell.

"Ich bin mit Jan Erik nach Hamburg zu Steinway gefahren, um zu helfen, das Instrument auszuwählen. Es musste ein Flügel her, der genug Volumen und Brillanz hat, um im klassischen Kontext zu funktionieren, mit dem aber auch ein normaler Jazzpianist zurecht kommt. Wir haben uns für das 'Model D' entschieden, das eigentlich für große Konzerthallen gedacht ist. In jedem anderen Studio wäre es fehl am Platze. Aber im neuen Rainbow mit seiner vortrefflichen Akustik kann auch ein Flügel mit dieser Dynamik und Klangdichte ausgereizt werden."

Ketil Bjørnstad

Letzte Frage – was ihn denn zum Komponieren inspirieren würde und ob er dafür eine bestimmte Stimmung brauche? Bjørnstad zögert nicht lange mit der Antwort: "Nein, mich einfach hinsetzen und sofort beginnen, kann ich nicht. Ich brauche Zeit und Raum und eine gewisse Stille um mich herum. Ich setze mich hin und wenn es der richtige Moment ist – das kann beispielsweise ein paar Minuten vor einem Konzert sein – dann komponiere ich. Aber zuerst da sein muss, das ist eine Idee, ein Grund es zu tun: Ich muss wissen, was der Zweck des Ganzen ist, was ich tatsächlich ausdrücken will."

Carina Prange

CD: Ketil Bjørnstad - "Floating" (Emarcy/Universal 060249872884)

Ketil Bjørnstad im Internet: www.ketilbjornstad.com

Universal Records im Internet: www.jazzecho.de

Fotos: Universal (mit freundlicher Genehmigung)

Mehr bei Jazzdimensions:
Ketil Bjørnstad - "The Nest" - Review (erschienen: 18.5.2003)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 27.3.2006
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